Freitag-Redaktion
08.05.2009 | 05:00

Das Fräulein-Schicksal

Literatur Judith Hermann hat ein neues Buch geschrieben. Aber was ist aus den anderen Autorinnen ihrer Generation geworden?

„Naiv ist das nur in einem äußerst raffinierten Sinn“, urteilte der Spiegel-Kritiker Volker Hage über Sommerhaus, später, das Debüt von Judith Hermann, und schlug die Autorin jenem von ihm selbst ausgerufenen „Fräuleinwunder“ zu. Zehn Jahre ist das nun her. Fräuleinwunder: das meinte nicht nur naive Raffinesse und „poetisch unbefangenes“ Erzählen, sondern auch fotogene Frauen und nicht selten eine „recht stolze Verkaufsbilanz“.

Eine heftig kritisierte und oft belächelte Charakterisierung, aber Hand aufs Herz, war sie im Fall der damals 25-jährigen Zoë Jenny und ihres Bestsellers Das Blütenstaubzimmer so unzutreffend? Was macht die früh erfolgreich gewordene Schweizer Autorin heute? Und was ist aus den übrigen Wunderfräulein geworden? Fragen, die zweifellos einer trivialen Neugierde entspringen, doch ihre Beantwortung soll mehr als nur Befriedigung eines Klatsch-Bedürfnisses sein: Sie soll ein kleines Schlaglicht auf den Literaturbetrieb und seine Regeln werfen. Zugegeben, bei Judith Hermann stellt sich die Frage nach dem Verlauf der literarischen Karriere nicht so dringlich, alle Welt kennt ihn. Und genau darin scheint das Problem zu liegen.

Markentreu: Judith Hermann

„Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein.“ Seit Sommerhaus, später hing Marcel Reich-Ranickis euphorisches Diktum über Judith Hermann wie ein Damoklesschwert. Und so wie die 1970 geborene Berlinerin bei jedem neuen Buch die Medien abwehrt, merkt man ihr die Schwierigkeit an, diesem verhängnisvollen Satz zu genügen. Frei nach Zille ließe sich sagen: Man kann Debütierende auch mit einem Lob erschlagen.

Bei ihrem neuen, dritten Werk will Hermann ihre Protagonisten ohne jeden Druck ins poetische Leben entlassen haben. Doch schon der Beginn von Alice straft sie Lügen. „Aber Micha starb nicht.“ Der erste Satz des Erzählbandes wirkt, als ob man die Tür zu einem Sommerhaus öffnet und einem ein Sturm ins Gesicht bläst. Es folgen fünf Tote in fünf Geschichten. So wie Hermann das Grundmotiv der Literatur am Schopfe packt, bestätigt das nur den Verdacht: Da will jemand etwas beweisen.
Kein Wunder. Stets stand die Autorin mit dem melancholisch entrückten Blick in dem Ruch, kein Leben jenseits der Nouvelle Vage zu kennen. Nie hatte man das Gefühl, dass ihre erst Twenty-, dann Thirtysomethings je von so hässlichen Worten wie Erwerbsarbeit oder Mietzins gehört hatten. Da muss nun also der Mann mit der Sense in Serie aufmarschieren.

Ein literarisches Wunder ist ihr damit nicht geglückt. Wie der sterbende Micha, ein Zauberer, beherrscht auch Hermann
allerlei poetische Tricks. Sie hält Motive durch, arbeitet mit indirekter Beleuchtung, immer bleibt ein stilles Geheimnis, und sie findet oft hinreißende Bilder, etwa, wenn ein Heer von Feuerkäfern aus einem gewässerten Lavendelfeld strömt. Diesmal hat sie ihre Geschichten sogar, wie Daniel Kehlmann in seinen neun Geschichten vom Ruhm, ineinander verwoben.

Doch für eine Übung in verspäteter Postmoderne ist Alice zu wenig raffiniert. Auch wenn die titelgebende Dame Alice wie ein somnambuler Zombie durch diesen Reigen morbider, moribunder Geister führt. Und für eine Mutprobe in Sachen Ernst des Lebens liegt das Parfum der Melancholie immer noch zu schwer in der Luft. Judith Hermann lässt sich ungern einordnen; no logo ist ihre Literatur aber auch nicht gerade. Selbst die letzten Dinge ruhen bei ihr in erlesener Traurigkeitstunke. So eine Autorin kann oder will nicht anders: Sie bleibt bei ihrem Markenzeichen.

Ingo Arend

Die Erzähl-Asketin: Jenny Erpenbeck

Im Begriff des Fräuleinwunders spiegeln sich Glanz und Elend eines Journalismus, wie der Spiegel ihn beherrscht. Glanz, weil man den Begriff in 20 Jahren noch benutzen wird, wenn wieder einmal mehr als drei junge Frauen zur gleichen Zeit etwas Ähnliches machen (Bücher veröffentlichen, Kochsendungen moderieren, Tore schießen und so weiter). Und das obwohl der Begriff, und hier beginnt das Elend, schon immer falsch und despektierlich und unpassend war.

Falsch ist allein der beharrliche Wunderglaube, demzufolge alles, was diesem Land nicht in die Hosen geht, in den Bereich eines schicksalsfürchtigen Überraschungsokkultismus verwiesen wird, wo doch hinter Erfolgen in vielen Fällen nichts anderes steht als sehr harte und sehr reale Arbeit. Despektierlich ist ein mildes Wort für den Umstand, dass ein 50-jähriger Mann Ende des 20. Jahrhunderts erwachsene Frauen als Fräulein attributiert und Kriterien für die Literaturbetrachtung aufstellt, die auch für Konditormeisterinnen gelten könnten („naiv in einem äußerst raffinierten Sinn“). Dass der Begriff schließlich
unpassend ist, zeigt das Beispiel Jenny Erpenbecks.

Die Vorstellung, hier sei eine Autorin vom Himmel gefallen („Wunder“), wird fragwürdig, wenn man sich allein die familiären Bedingungen des Schreibens von Jenny Erpenbeck anschaut: Die Schriftstellerin und Schauspielerin Hedda Zinner war ihre Großmutter, der Schriftsteller, Schauspieler und Theater-der-Zeit-Gründer Fritz Erpenbeck ihr Großvater, die Machfus-Übersetzerin Doris Kilias ihre Mutter, der Physiker und Schriftsteller John Erpenbeck ist ihr Vater. Vor diesem Hintergrund hätte das Wunder darin bestanden, gerade nicht Schriftstellerin zu werden. Das hat Jenny Erpenbeck versucht, die schon in den achtziger Jahren Texte veröffentlichte im Sonntag, der Vorgängerzeitung des Freitag: Sie hat sich in quasi allen künstlerischen Disziplinen ausprobiert, hat gemalt, geschneidert, gespielt, und schließlich Opernregie studiert. Nach ihrem Debüt Die Geschichte vom alten Kind (1999) arbeitete sie folglich nicht nur als Autorin (zuletzt: Heimsuchung, 2008), sondern auch als Opernregisseurin.

Was auch nicht stimmt: Den „Spaß am Erzählen“, der die „Fräuleinwunderbücher“ eigentlich auszeichnen sollte, charakterisiert Erpenbecks mitunter bis zur Anstrengung nüchternen Stil schlecht. Schon Die Geschichte vom alten Kind, eine Parabel über ein dickes, elternloses Mädchen, lag quer zu den Attraktionen des Zeitgeists, war weder Pop noch Glamour.

Matthias Dell

Für den Tierarzt: Zoë Jenny

Beginnen wir mit der Wahrheit. Ich habe Zoë Jennys Weltbesteller Das Blütenstaubzimmer trotz seines bescheuerten Titels gern gelesen. Das war 1998. Als sensibles Scheidungskind fühlte ich mich von der weinerlichen Geschichte sofort angesprochen, obwohl mir durchaus klar war, dass das peinlich ist. Und so stellte ich das Buch bei Besuch immer mit dem Rücken nach hinten ins Regal. Übrigens neben Benjamin von Stuckrad-Barres Erstling (im jungautorenmäßig überdüngten Jahr 1998 hatte ich ausgerechnet die beiden lächerlichsten Vertreter ins Herz geschlossen). Ich war aber nicht der einzige: Das Blütenstaubzimmer wurde in 27 Sprachen übersetzt, ist Pflichtlektüre am Gymnasium; Zoë Jenny kann vermutlich schon von den jährlich bestellten Klassensätzen gut leben.

Die Tochter von Matthyas Jenny (Typ Tennis-Papi, man stellt sich ihn vor, wie er hinter ihr steht und erregt ruft: „Schreib, Mädel, schreib!“) schrieb noch ein Buch. Und dann noch eins. Die Kritik wurde immer bösartiger. Hämischer. Alle lachten. Über Zoë Jenny zu lästern war ein No-Brainer. Ein Smalltalk-Standard, so selbstverständlich wie das Klagen übers Wetter. Es tat einem im Herzen weh. Und was tat Zoë Jenny? Die schrieb einfach weiter. Bis der Arzt kam.

Er hieß Matthew ist Tierarzt und Sohn des größten Gutsbesitzers in Wales. Das Paar lebt heute im edlen London-Hampstead und in Wales auf dem Landgut von Matthews Eltern (jeder hat seine eigene Vorstellung von der Hölle, dies wäre meine). Leute, die sie besucht haben berichten, es sei wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film: Zoë Jenny lasse sich von dem Rosenduft inspirieren, während sie versonnen den Mops Otis (ein Geschenk des Tierarztes) kraule. Und: Sie schreibt noch immer. Ihr 2007 erschienenes Buch Das Portrait (eine Art Krimi) ist ihrem Mann gewidmet, der sich etwas Spannendes gewünscht hatte. Es ist nicht überliefert, ob außer ihm und mir noch jemand das Buch gelesen hat.

Die Chefkritikerin der NZZ schrieb 1997: „Zoë Jenny ist auf dem Weg – auf der Suche nach einem eigenen poetischen Ort.“ Heute, zwölf Jahre später, gibt es drei Antworten auf diese Einschätzung.
1. Der Weg war das Ziel.
2. Das Ziel war im Weg.
3. Sie hat ihren eigenen poetischen Ort gefunden. Who cares?

Mikael Krogerus

Feste Schreib­zeiten: Mariana Leky

Sie hat eine klare Vorstellung davon, wie ein Fräulein aussieht: eine verkniffene alte Jungfer wie Fräulein Rottenmeier, die strenge Frankfurter Haushälterin aus den Heidi-Romanen. Mariana Leky, 1973 in Köln geboren, war eine der ersten, die in Hildesheim „Kreatives Schreiben“ studierten, heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Das Label Fräuleinwunder habe sie nie ­gestört, meint Leky, sie habe das immer „ironisch begriffen“. Ein Altherrenbegriff für eine neue Generation von selbstbewussten Autorinnen, die ganz offensichtlich weder verkniffen aussahen noch altjüngferlich schrieben.

Was sie und die anderen Fräulein verband? Leky meint: „Uns einte unser Alter und eine gewisse Leichtigkeit im Ton.“ Sie war eine späte Repräsentantin dieses Wunders: Ihr Debüt Liebesperlen erschien im Sommer 2001, neun Erzählungen, in denen es um die Angst einer jungen Frau vor Nacktschnecken und um namenlose junge Männer ging, die von der Erzählerin schlicht als „der Bräutigam“, „der Animateur“ oder „der Hauptdarsteller“ betitelt wurden. Auch in ihrem Roman Erste Hilfe ging es drei Jahre später um Angst- und Liebesbewältigung. Stellt man sich unter einem Fräulein eher eine kultivierte Variante des Girlies vor, eine ungebundene junge Frau also, die unbeschwert durch den Kulturbetrieb stapft, so kann man mit Bestimmtheit sagen, dass Leky diesem Stadium lange entwachsen ist: Seit einem Jahr ist sie Mutter und hat sich von der Nachtarbeit mit Kaffee und Zigaretten auf geregelte Schreibzeiten von neun Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags umgestellt.

Von ihren Büchern kann sie in der Regel so lange leben, wie sie mit ihnen auf Lesereise geht, weshalb sie außerdem Hörspiele für den WDR lektoriert und Artikel für Frauenmagazine schreibt. Aktuell arbeitet Mariana Leky an einem neuen Roman, wenn alles nach Plan läuft wird er im Herbst 2010 erscheinen. Wieder geht es um die Liebe, eine entscheidende Rolle spielt der Geist eines alten Herrn, der einer jungen Frau erscheint. Nicht etwa, weil er in bester Humbert Humbert-Manier in Liebe zu ihr entbrannt wäre, sondern weil er zu feige ist, seiner Ehefrau zu erscheinen, die in der Nachbarwohnung lebt.

Christine Käppeler

Nur die Liebe zählt: Elke Naters

Königinnen wob am ­Mythos des Fräuleinwunders kräftig mit. In ihrem Romandebüt von 1998 verband Elke Naters die unbestimmte Traurigkeit von Sommerhaus, später mit dem Kaufrausch und dem Markenbewusstsein zweier Freundinnen in den Dreißigern. Auf dem Cover war eine orange Handtasche – von Prada? – zu sehen. Kein Wunder, dass Königinnen bei Amazon häufig zusammen mit Faserland geordert wurde, Christian Krachts großem Roman, der seinen Helden nur darum in die ­legendäre Barbourjacke gesteckt hatte, weil der sonst an Unterkühlung zugrunde gegangen wäre. Den Ruf, eine weibliche Spielart der Popliteratur zu verfolgen, ­festigte Elke Naters zwei Jahre später mit G.L.A.M., während sie als Mitbegründerin des Forums Pool zu den Pionieren der Netzliteratur gehörte.
Dann verblasst die Spur ein wenig. Der Verfasser dieser Zeilen las ihren Namen gelegentlich in der fabelhaften Zeitschrift Mare. Es waren Reportagen aus Südafrika, wohin sie offenbar mit ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller Sven Lager, ­gezogen war. Wer es genauer wissen will, wird in ihrem neuesten Buch fündig: „Nach zwölf Jahren, sieben Büchern, vier Umzügen in drei verschiedenen Ländern und zwei Kindern heirateten wir im Meldeamt einer kleinen Provinzhauptstadt in Südafrika.“

Was wir von der Liebe verstehen heißt das Buch, Elke Naters hat es gemeinsam mit Sven Lager geschrieben, der Leser erfährt darin jedes erdenkliche Detail aus ihrer Beziehung: „Obwohl Sven und ich zwei Kinder haben, wollte ich ihn nicht heiraten“, „Sven ist der erste Mann, den ich nicht betrogen habe“, „Ich habe die Entscheidung, Sven ein Leben lang zu
lieben, getroffen, als ich schwanger war“. Will man nicht wissen? Schamloses Zeugs? Die Fortsetzung der Kerner-Show mit den Mitteln der Bekenntnis­literatur?

So kann nur urteilen, wer die Überzeugung der beiden Schriftsteller nicht teilt, dass sie wie alle großen Schriftsteller­paare ein repräsentatives Leben führen, das vom Wunder der Liebe und nur von ihm zeugt. Eine Überzeugung, die durch das Cover des Buchs eindrücklich untermauert wird.

Michael Angele