Volkmar Sigusch
07.04.2010 | 23:05 16

Das Kind begehrt, aber nicht den Erwachsenen

Immer neue Enthüllungen schockieren die deutsche Öffentlichkeit. Ist zur Missbrauchsdebatte schon alles gesagt? Zehn Thesen von Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch

1. Vor lauter Missbrauch und Traumatisierung wird vergessen: Die Sinnlichkeit, die sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen spontan entfaltet, ist etwas Wunderschönes. Nichts vermag intensiver an die Paradiese der Kindheit zu erinnern. Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner. Alle Erwachsenen, die sinnlich lieben, versuchen unwillkürlich, wieder zu Kindern zu werden. Sie ahnen, dass sie sich nur dann erotisch begegnen können, wenn sie die Kalkulationen der Erwachsenenwelt hinter sich lassen. Die kindliche Erotik ist aber nicht nur voller Wonnen, sie ist auch notwendig. Sie ist eine Bedingung der Möglichkeit der Menschwerdung. Als wesentliche Quelle der Individuation tariert sie Nähe und Distanz aus und jene Gefühle, ohne die Liebe unmöglich ist: Wohllust und Wollust, Vertrauen in sich selbst und in andere.

2. Wer nie im Paradies der kindlichen Erotik gelebt hat, wird sich nur sehr mühsam in einen anderen Menschen einfühlen und sich selbst der Drangliebe ohne Angst überlassen können. Ein solches Menschenkind wird oft grau, starr und stumpf. Ihm fehlt der Glanz im Auge und in der Seele. Wird die kindliche Erotik vorzeitig sexualisiert, wächst die Gefahr, dass Sinnlichkeit im Erwachsenenalter plötzlich in Destruktivität umschlägt, weil dieser Mensch nie gelernt hat, mit den Erregungen, Versagungen und Aggressionen umzugehen, die Liebe und Sexualität immer begleiten.

3. Gegen Pädophilie im Sinne des Wortes, das heißt dagegen, Kinder zu mögen, ja zu lieben, ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es erst dann, wenn das Machtgefälle zwischen dem Kind und dem Erwachsenen vom erwachsenen Pädosexuellen ausgenutzt wird. Dank der sexuellen Revolution in den Jahren um 1968 hat bei uns heute die sexuelle Selbstbestimmung einen hohen Rang. Über diese reflektierte Selbstbestimmung verfügt ein vorpubertäres Kind aber noch nicht. Allein aus diesem Grund ist das Verhältnis eines Pädosexuellen zu einem Kind auf Sand gebaut, drastischer gesagt: auf eine (Selbst-)Täuschung des Erwachsenen. Er hat seine sexuelle Entwicklung hinter sich, weiß in der Regel, was er transpubertär, das heißt jenseits der Pubertät, begehrt. Das Kind dagegen ist noch zispubertär, diesseits der Pubertät, weiß es in der Regel nicht. Es herrscht eine Disparität der Entwicklung und der Fantasien, die der Erwachsene durch große Verführungen und das Kind durch kleine Gefälligkeiten zu überwinden sucht – bis der Tag der Offenbarung und der Missachtung erreicht ist. Im Protokoll eines Pädosexuellen hieß das, bezogen auf den ersten Samenerguss des bis dahin begehrten Jungen: „Erster Schuss. Schluss!“

4. Diesseits dieser Tragik leben pädophile und pädosexuelle Männer sehr different. Viele verhalten sich aus verschiedenen Gründen, darunter moralischen und religiösen, insofern leibhaft abstinent, als sie vielleicht Bilder im Internet anschauen, aber nicht ein vorpubertäres Kind sexuell berühren. Sehr wenige wenden Gewalt im üblichen Sinn an. Andere bedürften wegen des süchtigen Verlaufs ihres Begehrens einer Behandlung; sie wenden Tricks und Verführungen an, denen so gut wie kein Kind widerstehen kann. So liest ein beruflich sehr erfolgreicher und in seiner Umwelt außerordentlich angesehener, verheirateter Pädosexueller den Kindern der Nachbarschaft ihre Wünsche von den Augen ab; die Eltern sind froh, die Kinder reißen sich um seine Nähe; alle sind glücklich. Nur der Mann war nicht so gut, wie es die Eltern hofften. Er stürzte die Kinder in eine Abhängigkeit, die insofern inakzeptabel war, als sie sich ihr nicht entziehen konnten. Doch auch das vermochte sein Begehren nicht zu stillen; er betäubte die Kinder, um über sie in diesem Zustand „frei“ verfügen zu können, um sie auch sexuell penetrierend zu „gebrauchen“.

5. Die gegenwärtigen öffentlichen Bekenntnisse einiger Opfer sexueller Übergriffe in geschlossenen Anstalten sind ein Befreiungsschlag. Er wird hoffentlich dazu dienen, mit den Gefährdungen in Zukunft realitätsgerechter umzugehen und Kinder in die Lage zu versetzen, bei drohenden Übergriffen nein sagen zu können. Bisher haben wir wohl alle die Wirksamkeit des Abwehrvorganges, der Verleugnung genannt wird, erheblich unterschätzt. Eindrucksvoll die Kartelle des Schweigens, wenn es um Missbrauch in angesehenen Anstalten geht. Wie gewaltig müssen die Gefühle der Scham und des Ekels, der Angst und Isolation gewesen sein, dass nicht einmal sexuelle Revolutionen sie hinwegfegen konnten. Erst mit einer Verzögerung von bis zu vier Jahrzehnten haben die sexuelle und die neosexuelle Revolution einzelne katholische Geistliche erreicht, die nun nicht mehr über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in ihrer Institution schweigen wollen. Unbelehrbare wie der Bischof Mixa dagegen drehen den Spieß einfach um. Schuld seien die 1968er-Ideologen und eine nazihaft hetzende Presse: là-bas.

6. Geradezu makaber ist es, wenn kindliche Seelen von Seelsorgern zerstört werden. Der Zölibat produziert zwar keine Pädophilen und Pädosexuellen, er lockt sie aber an, ebenso wie sexuell Unreife, nicht zu sich gekommene Homosexuelle und Perverse. Für die katholische Kirche ist die gegenwärtige Missbrauchsdebatte nur auf den ersten Blick ein paradoxes Geschenk, jedenfalls dann, wenn sie zur Folge haben wird, historisch abgestorbene Auffassungen und Praktiken der Kirche zu beseitigen: die sexualfeindliche Sexualmoral, die Entrechtung der Frauen, die Menschen in den Tod treibende Verteufelung des Kondoms in AIDS-geplagten Ländern, den Zwangszölibat, die Diskriminierung der Homosexuellen usw. Machtkomplexe wie die katholische Kirche können nur durch Katastrophen in eine andere Richtung geschoben werden, wenn überhaupt.

7. Noch abstoßender als verwirrte, sexuell unreife Priester sind jene großartigen Reformpädagogen, die Kinder traumatisierten, aber bis zur Stunde von ihren ebenso großartigen Gefährten durch obszönes Vernebeln oder kräftiges Verleugnen gedeckt werden. Hier agiert offenbar immer noch eine so genannte Elite, die in Westdeutschland aus vordemokratischen, adeligen oder nazihörigen Familien hervorgegangen ist, männerbündische und vor allem verschwiemelt-ephebophile Züge hat und ihre oft mittelmäßig begabten Sprösslinge nicht nur schützte, sondern auch beförderte, sodass man als ein solcher Elite-Jungmann Professor wurde ohne Habilitation oder sogar ohne Promotion. Ralf Dahrendorf soll diese Elite „prostestantische Mafia“ genannt haben. Deren Annahme, 10-jährige Kinder könnten sexuelle Handlungen eines Erwachsenen an sich oder an ihnen ohne Angst und Scham erleben, ist ein Abgesang auf Aufklärung. Das heißt nicht, Kinder hätten keine sexuellen Regungen. Sicher ist aber, dass sich diese Regungen nicht auf Erwachsene richten und schon gar nicht auf verehrte oder gefürchtete Respektspersonen. Oft wird die moralisch-seelische Vergewaltigung verheerender sein als die körperlich-sexuelle. Ein Priester, ein Reformpädagoge – das waren Moralinstanzen, Vorbilder, die das missbrauchte Kind trotz der damals üblichen Züchtigung durch eine physische Zuwendung auszeichneten: eine perfide Falle, der Kinder nicht entweichen konnten.

8. Die Missbrauchsfälle, die jetzt aufgedeckt worden sind, stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was jahrein, jahraus in unserer Kultur an sexuellen Übergriffen geschieht, vor allem in der Familie und im Bekanntenkreis. Sexualforscher haben übrigens längst nachgewiesen, dass ein hoher Prozentsatz unauffälliger heterosexueller Männer mit einer messbaren sexuellen Erregung auf Bilder vorpubertärer nackter Mädchen reagiert, zum Beispiel mit einer Zunahme des Penisvolumens, die gar nicht bewusst zu werden braucht. Das Inzesttabu samt seiner Verstrickungen in der familiären Entwicklung muss also nicht einmal bemüht werden, wenn erkannt werden soll, dass keine andere sexuelle Aktion so sehr ins Schwarze verdrängter und zensierter, aber jeder Zeit herauslockbarer sexueller Sehnsüchte trifft wie der Umgang mit einem Kind, der die Grenze zwischen Erotik und Sexualität berührt. Deshalb die anhaltende Kriminalisierung der Pädophilie und die anhaltende Tabuisierung der kindlichen Sexualität, die bei uns nach wie vor ein dunkler Kontinent ist. Kommt die Tabuisierung kindlicher Erotik hinzu, entsteht das, was wir alle verhindern wollen: sexuelle Gewalt.

9. Wird danach gefragt, warum es bei uns so viel sexuelle Gewalt gibt, müssen wir uns eingestehen, dass unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet hat. Bei uns gibt nicht Eros den Ton an, sondern sein Gegenspieler Anteros. Dessen Manifestationen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob es nun um die halbnackt präsentierten Mädchen bei Heidi Klum geht oder die Lockrufe abgetakelter „Damen“ im nächtlichen Fernsehen. Hinzu kommt, dass Kinder bei uns weitgehend schutz- und rechtlos sind. Grundsätzlich können Erziehungsberechtigte mit Kindern machen, was sie wollen. Sie können sie ungestraft seelisch und sozial vernachlässigen, quälen und demütigen. Viele Kinder leben familiär nicht in Paradiesen, sondern in Höllen. Selbst sexuelle Übergriffe und Misshandlungen bleiben in der Regel unentdeckt und ungeahndet. Es ist ein Armutszeugnis ersten Ranges, dass weggelaufene oder geistig zurückgebliebene Kinder von Amts wegen pädosexuellen Männern anvertraut wurden – weil sich niemand fand, sie ins Leben zu begleiten. Und es ist eine gesellschaftliche Gleichschaltung, wenn sich auch die Pädosexualität nach marktwirtschaftlicher Logik pluralisiert. So entstand bereits aus dem einsamen skupulösen Pädophilen der globale Sextourist, dem von Staaten wie bitterarmen Eltern mehr oder weniger direkt gestattet wird, Kinder sexuell zu gebrauchen.

10. Ein Mensch, der pädophile Neigungen hat, kann so wenig dafür, wie der, der erwachsene Frauen begehrt. Außerdem hat, psychoanalytisch gesprochen, sein Begehren die seelische Funktion, einen unbewussten Konflikt einzudämmen oder abzuwehren, der den Zusammenhalt seiner Person bedroht, beispielsweise durch schwere Depressionen. In einer wirklich liberalen, um nicht zu sagen freien Gesellschaft könnte auch der Pädophile offen und ohne Sanktionen zu seinem Begehren stehen; es auszuleben, könnte aber selbst dann nicht toleriert werden. Erkannt würde jedoch das große Unglück dieser Menschen, die ein Leben lang trotz greifbarer Nähe auf das Ersehnteste verzichten müssen. Heute ist ja das kulturell Skandalöse an der Pädophilie, dass der Pädophile Kindern jene Zuwendung und Liebe geben will, die generell versprochen, aber kaum vermocht wird. Pädophile pflegen nicht auf ihren Fetisch Auto „Ein Herz für Kinder“ zu kleben, nachdem sie es ihnen auf ganz normale Weise herausgerissen haben. Ihren Fetisch, das Kind, nehmen sie so ernst, wie es kein Fernsehapparat fertigbringt. Das erfreut ein Kind. Und das sollte uns zu denken geben.

Kommentare (16)

Avatar
tomgard 08.04.2010 | 19:23

Volkmar Sigusch bemüht sich, zur Versachlichung der Debatte beizutragen, die nach Form und Inhalt längst eine Kampagne mit deutlich inquisitorischen Zügen ist. Doch er bewegt sich trotz einiger kulturkritischer Sätze nicht aus dem Blickwinkel des Fachwissenschaftlers, Sachverständigen und Kriminologen hinaus, der ihm vorgibt, als ein Sprecher der Elite aufzutreten, die das gesellschaftliche Elend und die ihm erwachsenen Kollisionen zu verwalten beauftragt ist. Das ist die Grenze seiner Thesen, wie ich mit ein paar unzureichenden Bemerkungen zu zeigen beabsichtige.

Den Radius dieser Grenze sehe ich im Dreh- und Angelpunkt der These 9 abgesteckt:

Wird danach gefragt, warum es bei uns so viel sexuelle Gewalt gibt, müssen wir uns eingestehen, dass unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet hat.

In den acht vorangegangenen Thesen hatte er sich redlich bemüht, die vorhandene "ars erotica", gegenwärtige Sexualkultur , themenspezifisch zu skizzieren. Die Gewaltkultur nämlich, zu deren Beschreibung er vorzüglich (direkt und indirekt) die psychoanalytischen Beschreibungsmodelle von Versagung, Verdrängung, Erregung, Aggression heran zieht. Ich selbst hätte sie mit genitaler Fetischisierung im Gefolge der Warenform des sexualisierten Leibes beschrieben, Kategorien, um die Auch V. Sigusch ehrlicherweise nicht herum kommt, wie in den Thesen nachzulesen, ohne sie freilich begrifflich ernst zu nehmen. Warum nicht? Weil in These 9, April-April, das Dementi bevorsteht. Die Gewaltkultur soll nun nicht länger die "real existierende" Sexualkultur sein, sondern für ein "Fehlen" einer solchen stehen. Der übliche, professionell idealistische Kopfstand.

Die wichtigste theoretische Folge ist schon im Folgesatz zu begutachten:
Bei uns gibt nicht Eros den Ton an, sondern sein Gegenspieler Anteros.

Gegenspieler?? Das ist starker Tobak!
In der alten griechischen Mythologie - nur illustrativ erwähnt, man lasse die ansonsten getrost auf ihren Papyri - ist Anteros schlicht die Gegenliebe, und die ist, da noch nicht "Liebe", sondern deren annehmende Beantwortung, Begehren , neudeutsch Begierde!
V.Sigusch versteht den Anteros auch weitläufig in diesem Sinne indem er fortfährt:

Dessen Manifestationen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob es nun um die halbnackt präsentierten Mädchen bei Heidi Klum geht oder die Lockrufe abgetakelter „Damen“ im nächtlichen Fernsehen.

Inmitten eines Plädoyers gegen Lustfeindlichkeit ein abfällig lustfeindlicher Kommentar zu den aktuellen gesellschaftlichen Formen, in denen Begierde offensive Gestalt bekommt!
Gewiß, er wählt zur Bebilderung just Phänomene, in denen die Warenförmigkeit der Sexualität greifbar wird, doch greift er nicht die Form an, sondern mit dem antiken Bild die Begierde an-und-für-sich.
Deshalb kann ich noch schärfer sagen:
Ohne es recht zu bemerken, landet V.Sigusch in seinem der Absicht nach lustfreundlichen Plädoyer für eine ideelle "ars erotica" ... bei der christlichen Lustfeindlichkeit, bei der Trennung der Konstrukte von Sex und Liebe "wie sie im Buche steht". Trennung zwecks sekundärer Zusammenfügung, versteht sich, denn eine praktische Trennung ist nahezu unmöglich, ich sage "nahezu", weil sexuelle Gewalttäter es hin bekommen, die Grenze in pathologische Tiefen zu verschieben.

Nun gibt es solche "Begierde an-und-für-sich" freilich nicht, Begehren ist und bleibt gegenständlich. Doch eine Voraussetzung der Warenförmigkeit von Sexualität ist es, daß der Mensch neben einem gegenständlichen Begehren einen ungegenständlichen Trieb in sich auszuheben hat, der sich mit den in Angebotsform vorgefundenen Warenformen verbinden läßt. "Sexuelle Selbstbestimmung" heißt das heute, als wäre das nicht eine contradictio in adjectu, ein Widerspruch in sich.

Und solch ein "Trieb" ist die zwanglose Erklärung dafür, daß auch funktionell (!) "unauffällige heterosexuelle Männer" beim Anblick einer Kindermöse einen "Steifen" bekommen können, was noch lange nicht heißen muß, daß sie ihn da 'reinzustecken wünschen. Schon Letzteres macht Sigusch's Interpretation, "das Inzesttabu samt seiner Verstrickungen in der familiären Entwicklung" sei nicht notwendig zu bemühen, "wenn erkannt werden soll, dass keine andere sexuelle Aktion so sehr ins Schwarze verdrängter und zensierter, aber jeder Zeit herauslockbarer sexueller Sehnsüchte trifft wie der Umgang mit einem Kind" sachfremd. Ich erwähne dies Detail zu einer Sache, auf die ich mich ansonsten hier nicht näher einlasse, präzise deshalb, weil der Arzt und Kriminologe V.Sigusch das eigentlich besser weiß. Er weiß, daß die Fixierung pädosexueller Personen auf prä- und frühpubertäre Kinder scharf von der Gelegenheitskinderfickerei von Leuten zu unterscheiden ist, für welche die sexuelle Reife keine diskriminierende Grenze darstellt, die daher als Sextouristen, die Sigusch auch zitiert, 11-13jährige Jungfrauen und Prostituierte bevorzugen, die mindestens an der Schwelle zur Geschlechtsreife stehen. Wie sehr Sigusch auf diesem Feld ideologisch ins Schwimmen gerät, verrät auch seine in der gg Umgebung befremdliche Ausfälligkeit gegen "Ephebophilie". In der Eigenschaft als Arzt und Sexualforscher sollte er sich darüber klar sein, daß der spezifische Reiz sexuell reifer, aber noch nicht ausgewachsener Heranwachsender beiderlei Geschlechts u.a. ein Bestandteil eines biologischen Grundzugs des Menschengeschlechtes ist, seiner extremen Neotenie. Die spezifische Fetischisierung ist dann freilich ein anderes Thema - siehe oben.

Ich muß mich hier begrenzen, daher nur noch eine Bemerkung zur angeblichen "Verdrängung" kindlicher Sexualität, die Sigusch so benennt:

die anhaltende Tabuisierung der kindlichen Sexualität, die bei uns nach wie vor ein dunkler Kontinent ist.

Einerseits stimmt das einfach nicht mehr. Freilich ist hinzuzufügen, einer gesellschaftlich breiten Anerkennung, daß es kindliche Sexualität gibt und sie "Raum" braucht, folgen noch lange keine gesellschaftlichen Umgangsformen, die sie in die Sozialisation halbwegs tauglich einbetten. "Sexualkundeunterricht" ist dafür ein trauriges Monument ...
Doch der Witz ist etwas anderes.
Die Metapher vom "dunklen Kontinent" hat es nämlich in sich! Sie trennt prinzip-iell ("Prinzip" nehmt bitte wörtlich) kindliche von erwachsener Erotik! Als ob so etwas wie eine eingebaute Schamgrenze die beiden Reiche trennte, sodaß kein Erwachsener sich erinnern könnte! Wir wissen alle, daß es eine solche Schamgrenze gibt, doch die ist eben nicht "prinzipieller" Natur in Sigusch Sinne, die leitenden Prinzipien für sie sind in der Kultur zu suchen.
Die Trennung müßte auch im Rahmen der vorliegenden Thesen baß erstaunen. Erinnert Euch dazu der Einleitungssätze:

Die Sinnlichkeit, die sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen spontan entfaltet, ist etwas Wunderschönes. Nichts vermag intensiver an die Paradiese der Kindheit zu erinnern. Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner.

Was ich weiter oben analytisch zur christlichen Trennung von Sex und Liebe nebst ihrer Wertewelt sagte, war hier schon ganz bekennend. Ich habe die Sache in der Darstellung umgekehrt, um zu zeigen, wie und warum das auch schon alles ist, was Sigusch sagt! Eine wahrlich der lüstern "verschwiemelten" katholischen Marienverehrung wie ein Ei gleichende Hymne an eine desexualisierte Erotik. Für sowas will Sigusch nämlich halten, was er zeitgeistig "kindliche Sexualität" nennt.
F I C K E N ist da ausgeschlossen - für reale Kinder ist es das beileibe nicht, was Sigusch weiß und anerkennt, aber seine Trennung von Sex und Liebe, die der genitalen Fetischisierung folgt, welche er als Therapeut bearbeitet, gebietet ihm, die theoretisch unvermeidliche Kontinuität zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität in ein Reich idolatrischer Verhimmelung zu verschieben. Und so ganz nebenbei wird die Sexualisierung dabei zum "Schaden" an einer gleichsam ursprünglichen Reinheit stilisiert, ganz ganau so, wie in der Bibel.

Um ein unvermeidlich unbefriedigendes Ende zu finden:
Der Schlüssel der kindlichen Sexualität liegt, von den schlichten biologischen Voraussetzungen abgesehen, im sexuellen Umgang der Erwachsenen miteinander. Sie ist kein "dunkler Kontinent", sondern ein "offener" Kontinent, den die Kinder aus eigenen Kräften besiedeln, und den wesentlichste Teil dieser Besiedlung machen Erwachsene aus, bzw. die Beobachtung von Erwachsenen, das Mitempfinden ihrer mitmenschlichen Regungen allgemein und ihrer sexuellen Regungen im Besonderen. Pädosexuelle sind an dieser Besiedlung gescheitert, sie sind ein soziales Mahnmal für die Verkrüppelung kindlicher WIE erwachsener Sexualität überhaupt, da "fehlt" keine "ars erotica", sondern diese Kultur und ihr verrücktes sexuelles Kultivierungsbedürfnis sind bis hinunter in die Fundamente zu schleifen, diese "Kunst" hat Leben zu werden, Lebenskunst, wollen wir sinnlicher und lustvoller leben und unsere Kinder intakt lassen.

Thomas Grün

dame.von.welt 08.04.2010 | 20:11

Sie könnten kaum mehr irren!

Kindliche Sexualität hat mitnichten etwas mit Kenntnis und Nachahmung der erwachsenen Sexualität zu tun. Es sei denn, Sie möchten bereits Säuglingen diese Fähigkeiten zuschreiben.

Außerdem gehen Ihnen die Begriffe reichlich durcheinander. Volkmar Sigusch schreibt: 'Sexualforscher haben übrigens längst nachgewiesen, dass ein hoher Prozentsatz unauffälliger heterosexueller Männer mit einer messbaren sexuellen Erregung auf Bilder vorpubertärer nackter Mädchen reagiert, zum Beispiel mit einer Zunahme des Penisvolumens, die gar nicht bewusst zu werden braucht.'

Sie @TomGard machen daraus: 'Und solch ein "Trieb" ist die zwanglose Erklärung dafür, daß auch funktionell (!) "unauffällige heterosexuelle Männer" beim Anblick einer Kindermöse einen "Steifen" bekommen können, was noch lange nicht heißen muß, daß sie ihn da 'reinzustecken wünschen.'

Das erklärt vielleicht auch in der Folge, warum Ihnen der Unterschied zwischen Erotik und Sex mit der zweifellos verschwimmenden Grenze nicht klar zu werden scheint. Aus meiner Sicht ist hier auch nichts 'bis hinunter in die Fundamente zu schleifen' sondern besonders im Umgang mit Kindern diese Grenzlinie genau zu ziehen. Frauen wird das aber in der Regel wohl ebenfalls freuen.

.....................................................................................

Mir scheint ergänzend zum Artikel der Text 'Sprachloses Kind' von Bodo Kirchhoff passend
www.spiegel.de/spiegel/0,1518,683572,00.html

Avatar
tomgard 08.04.2010 | 20:50

"Kindliche Sexualität hat mitnichten etwas mit Kenntnis und Nachahmung der erwachsenen Sexualität zu tun. Es sei denn, Sie möchten bereits Säuglingen diese Fähigkeiten zuschreiben."

Ich gebe zu, daß ich mich in der Verkürzung etwas verwegen ausgedrückt habe, unterstellend, daß der Leser an den Gesamtprozess kindlicher und auch jugendlicher Sozialisation denkt und die Phasen, die es darin gibt, nicht isoliert und festhält. Denn um eine Rechtfertigung von Pädosexualität geht es mir eben nicht *schmunzel', wie Sie, Dame von Welt, reflexhaft zu unterstellen scheinen ...

Avatar
tomgard 08.04.2010 | 20:55

"Kindliche Sexualität hat mitnichten etwas mit Kenntnis und Nachahmung der erwachsenen Sexualität zu tun. Es sei denn, Sie möchten bereits Säuglingen diese Fähigkeiten zuschreiben."

Sehr geehrte Dame, ich sprach nicht von "Kenntnis und Nachahmung", sondern von Beobachtung (und implizit Interpretation). Reflexhaft scheinen Sie mir Rechtfertigung von Pädosexualität unterstellen zu wollen.

Andererseits gestehe ich zum, mich in der Verkürzung etwas verwegen ausgedrückt zu haben. Ich unterstellte, der Leser könne für die allgemeine Zusammenfassung an den Gesamtprozess der kindlichen und jugendlichen Sozialisation denken, statt die aufeinander folgenden Phasen zu isolieren, was nur "Sinn" macht, wenn im Hintergrund ein Gedanke an "Eingriff" steht ...
welcher auch immer ...

Warum konnte ich nur nicht das Maul halten ...

socke2008 09.04.2010 | 16:46

Ich finde es einerseits gut und richtig, sexuelle Gewalt zu spezifizieren und auch zu versachlichen, wie es Herr Sigusch versucht, andererseits kann ich die Konzentration auf die Täter nicht mehr ertragen, mit Verlaub, es ist zum Kotzen. Diese Vorgehensweise erinnert mich aus der deutschen grauen Volrzeit, nämlich sexuelle Gewalt tritt nicht erst seit den 50iger Jahren zum Vorschein, wie verschiedene Medien diesen Zeitsprung vornehmen. Der Blick auf die Opfer wird durch den Hype der Odenwaldschule" Reformpädagogen missbrauchten auch etc...) und ausführlichen Beschreibungen von Missbrauchsvorgängen von Schülern gegen Schülern in der Süddeutschen, völlig verstellt. Die Qualen, Schuld- und Schamgefühle sind für die Opfer auf Jahre hin präsent, selbst wenn diese therapeutisch behandelt werden müssen. Und es kommt ganz bestimmt wieder der Zeitpunkt, da interessiert es unsere Gesellschaft einfach nicht mehr, diesen weiteren dunklen Fleck zu betrachten. Die häufigste sexuelle Gewalt geschieht nunmal nicht alleine ind Schulen bzw. Heimen, sondern und gerade im nahen Umfeld der Familie, dem Zuhause, oder im Bekanntenkreis. Weiterhin ist es unerträglich, wie Mixa es praktiziert, den schwarzen Peter umzukehren. Warum haben sich die jungen Menschen nicht gewehrt, waren sie vielleicht nicht stark genug? Aus eigener Erfahrung möchte ich deutlich für die Opfer sprechen, deren Stimme meiner Meinung nach in diesen zum Teil wirren medialen Diskussionen und Effektehascherei gnadenlos untergehen.

derblauebarbar 10.04.2010 | 02:11

Ich bin ein bischen ratlos, nachdem ich den Artikel jetzt mehrfach gelesen habe. Wir sehen die Konsequenzen der grenzverletzenden Zuneigung von Erwachsenen bei den betroffenen Kindern, wir lesen von Erotik und Begehren und wissen um die in allen Bereichen des Zusammenlebens von Kindern und Erwachsenen dominierende Asymmetrie der Beziehung und damit um das Mißbrauchspotential. Ich stimme Sigusch in der These zu, daß Pädophile (kulturell) Defizitanzeiger hinsichtlich des Umgangs dieser Gesellschaft mit ihren Kindern sind - sie geben Kindern, was diese brauchen (Aufmerksamkeit), aber sie geben es in falscher, eigennütziger Absicht und mit fatalen Konsequenzen fürs Kind. So, und nun?

Wo fängt Mißbrauch bei Kindern eigentlich an? Und was wird da mißbraucht? Vertrauen?

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder..." Ja, aber bitte schön zu einander, und nicht zu den Kindern.

Wenn ich Sigusch richtig (tja) verstanden habe, dann sind Pädophile auch ein Hinweis darauf, daß es unserer Gesellschaft insgesamt an einem angemessenen Umgang mit dem Kind und seinem Begehren, seiner Erotik und seiner Sexualität mangelt, sonst würde kindliche Sexualität nicht behandelt, als wäre sie entweder nicht vorhanden oder ein besonders kostbarer Schatz.

Pädophilie ist eine (mögliche) Spielart des Begehrens und nicht der Liebe, das sollte man vielleicht deutlich trennen. Das eine sucht Erfüllung (und meint also gar nicht das Kind, sondern das eigene Defizit, das wäre der Mißbrauch), das andere gibt aus der Fülle und meint damit den Anderen. Dieses Begehren kann (mit der Orientierung aufs Objekt "Kind") nicht gestillt werden, weil der Grund für das Begehren ganz woanders liegt. Insofern ist Pädophilie eine krankhafte Spielart des Begehrens, weil sie beide krank macht: das Kind kaputt (vor allem an der Seele) und den Erwachsenen todtraurig und verzweifelt. Ich bin dem Autor dankbar, daß er darauf hingewiesen hat, ohne damit die Taten dieser Erwachsenen zu entschuldigen.

Mir fehlt allerdings nach wie vor eine saubere philosophische Durchdringung des Problems, die schon allein der gedanklichen Klarheit wegen notwendig ist. In der Debatte geht alles durcheinander: Begriffe, Argumente, Meinungen, Emotionen, Theorien. Das (gesellschaftlich gewünschte) Verhältnis eines Erwachsenen zu einem Kind wird sich kurzfristig sicher pragmatisch-konsequenzialistisch bestimmen lassen. Langfristig werden wir um eine sauber durchargumentierte Klärung dieses Verhältnisses allerdings nicht umhin kommen.

"Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner."

Ohne eine philosophische Anthropologie bleibt diese Aussage grund-los.

dame.von.welt 10.04.2010 | 16:10

Zur Versachlichung versuche ich, Ihnen meine Sicht auf Thema und Artikel deutlich zu machen.

Zunächst: die große Mehrheit der Kindervergewaltiger ist nicht pädophil. Pädophilie ist eine sexuelle Prägung, manche Wissenschaftler sprechen sogar von einer sexuellen Identität - in jedem Fall eine Veranlagung, für die sie zunächst nichts können. Der einzige bleibende Spielraum ist der des völligen Verzichts auf Sexualität, da das Ausleben der ihren die Rechte und die körperliche und psychische Gesundheit eines Kinds zerstört. Das stellt Volkmar Sigusch völlig zutreffend in Punkt 3 und 4 dar.

Er erweitert das Thema aber (allerdings, ohne hier sprachlich scharf zu unterscheiden) auf die Mehrheit derjenigen, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausüben - nämlich überwiegend Männer, deren Sexualität sich eigentlich an einen erwachsenen Menschen richtet, dem sie aber nicht auf Augenhöhe begegnen können, deswegen auf weniger 'Mächtige' zurückgreifen. Das sind aus meiner Sicht übrigens nicht nur Kinder, sondern man könnte in diesem Zusammenhang auch mal all die gut gefüllten Flugzeuge der Sextouristen näher beleuchten oder auch all die Männer, die Zwangsprostitution billigend in Kauf nehmen. Es geht um Machtgefälle und die daraus erwachsende Gewalt.

Beide Gruppen der Kindervergewaltiger haben ihre Schnittmenge in pädosexuellem, pädokriminellem Verhalten. Das ist ein Unterschied zu Pädophilie - ich hoffe, der Unterschied wird Ihnen klar?

Jeder, der mit Kindern zu tun hat, erlebt buchstäblich berührende, grenzüberschreitende Momente und das meine ich auch keineswegs nur auf einer Körperebene. Wie Volkmar Sigusch in seinen Punkten 1 und 2 treffend ausführt, ist kindliche Erotik für das Kind grundlegend u.a. für die spätere Entwicklung einer erwachsenen Erotik und Sexualität - er schreibt von 'eine Bedingung der Möglichkeit der Menschwerdung'.

Jeder Erwachsene hat also bei der Zuwendung zu Kindern seine Erotik ohne wenn und aber der kindlichen anzupassen und seine erwachsene Sexualität für sich und vom Kind fern zu halten.
Das meinte ich im ersten Kommentar mit der Notwendigkeit des Ziehens einer Grenze zwischen Erotik und Sex.

Es ist aber aus meiner Sicht auch ein leider sehr weit verbreiteter Irrtum, daß Erotik automatisch zu Sex führen muß. Sondern, wie Volkmar Sigusch sehr schön beschreibt. 'Alle Erwachsenen, die sinnlich lieben, versuchen unwillkürlich, wieder zu Kindern zu werden.' Eine Vokabel, die mir in diesem Zusammenhang ebenfalls gut gefällt, ist die 'Wohllust'. Worauf er ebenfalls völlig zu recht hinweist, sind die 'Kalkulationen' einer erwachsenen Erotik - nämlich auf das Ziel der Sexualität hinzusteuern.

Während sich Kinder ohne Berechnung und ohne Absicht im Moment eines Wohlbehagens aufhalten können, wovon Erwachsene jede Menge lernen können, nicht nur zugunsten der für Kinder zur Menschwerdung notwendigen sinnlichen Begegnung, sondern auch zulasten ihrer erwachsenen 'Kalkulationen', für deren Erfüllung ja zunächst bitteschön jeder selbst zuständig ist!

Also zunächst auch keine Frau. Womit ich bei dem Punkt bin, daß auch Frauen die Unterscheidung zwischen einer absichtsvollen Erotik mit dem zwingenden Übergang zum Sex und einer zärtlichen Sinnlichkeit und Erotik danken werden. Gäbe weit weniger 'Migräne'!

Zu Bodo Kirchhoff möchte ich noch nachreichen, daß mir bislang noch kein Text unterkam, der so plastisch und deutlich die Ambivalenz eines von sexualisierter Gewalt Betroffenen beschreibt. Es ist für Betroffene in der Regel nicht möglich, zu einem Schwarz/Weiß-Empfinden zu kommen, da sich mit der sexualisierten Gewalt oft auch sehr positive Erlebnisse verknüpfen.

'Idealismen' oder gar 'Apologien' kann ich bei Bodo Kirchhoff überhaupt keine lesen, er stellt allerdings deutlich dar, daß Kindervergewaltiger nicht notwendigerweise unbeliebte stinkende häßliche Kretins, sondern Menschen sind, die Kindern sehr gute Argumente dafür liefern, mit ihnen den schäbigen Tausch von Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit etc.pp. gegen Sex überhaupt einzugehen. Vor allem schreibt Bodo Kirchhoff von seinem Weg des Überlebens, nämlich der schriftstellerischen Überwindung des 'sprachlosen Kinds mit Schwanz'. Das kann man als eine Art Eigentherapie begreifen.

Diese Ambivalenzen zu sehen und zu verstehen bleibt aber einer nach Strafe und 'Schwanz-ab' schreienden voyeuristischen Öffentlichkeit verwehrt. Diese Öffentlichkeit sollte sich allerdings bei ihrem frisch entdeckten Straf- und Gerechtigkeitsbedürfnis darüber klar sein, daß dadurch Betroffene ein weiteres Mal benutzt werden und daß auch hier, wie bei so vielen Punkten im Leben und im menschlichen Miteinander, NICHTS auf ein Schwarz/Weiß zu reduzieren ist. Diese Öffentlichkeit verweigert auch die Einsicht darein, daß sexualisierte Gewalt mitten unter uns ist, potentiell jeden betreffen kann (sowohl als Opfer wie auch als Täter m/w), auch jeder aufgefordert ist, seine m/w eigene Haltung zu Erotik und Sexualität genau zu reflektieren.

dame.von.welt 10.04.2010 | 23:06

Ich möchte Ihnen @TomGard in einem Punkt deutlich widersprechen, da Sie etwas in meine Kommentare hineingelesen zu haben scheinen, was da nicht steht. Sie schreiben '...reden Sie einer paedosexuellen Natur sexueller Begierde das Wort, die bestaendig im Zaum zu halten sei.'
Das ist aus meiner Erfahrung nicht richtig, es genügt eine einmalige Bewußtwerdung der Grenze. Ich habe Sie auch nirgendwo falsch, schon gar nicht 'böswillig falsch', sondern wortwörtlich zitiert.

Sie sind sich ganz offensichtlich Ihrer Übergriffigkeit nicht bewußt. Sie haben aber vollkommen recht, Sie verfügen nicht über Feinsinnigkeit. Weswegen ich die Diskussion mit Ihnen an dieser Stelle auch beenden möchte, sie ist sinnlos und unerfreulich.

Lethe 12.04.2010 | 15:28

auch ich nehme diese Konzentration auf die Täter nur mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis. Sexueller Missbrauch von Kindern stellt die Manifestation eines Entgleisungsprozesses dar; wodurch dieser Entgleisungsprozess ausgelöst wird, und ob er gestoppt werden kann, muss im Einzelfall sicher untersucht und individuell spezifiziert werden - für die Opfer bleibt es zunächst völlig gleich, weswegen sie missbraucht werden.

Trotzdem können einige allgemeine Stichworte gegeben werden. Entgleisung findet statt, wo Druck aufgebaut wird, der nicht mehr abgebaut werden kann. Druck ist aber mittlerweile - vielleicht auch schon immer gewesen - eine alltägliche Erfahrung, die bereits in Kindergarten und Vorschule beginnt und sich über die Schule ins Erwachsenenleben ausweitet. Nur ist es so, dass unterschiedliche Menschen mit gleichartigen Belastungen unterschiedlich gut fertig werden. Entgleisungen sind daher in unserer Gesellschaft ebenso allgegenwärtig wie der Druck, der sie ins Rutschen bringt. Es ist also kein Wunder, wenn viele Menschen auch in die sogenannte pädophile Richtung entgleisen ("sogenannte" weil sie, die "Pädophilen", gerade das - kinderlieb - eben nicht sind), es ist statistisch vielmehr unvermeidbar.

Solange eine Gesellschaft daher nichts unternimmt, den Druck auf ihre Individuen zu reduzieren, kann sie mit noch so vielen Opfern pädophiler Handlungen sehr viel besser leben als mit der Zumutung, ihre eigenen, druckaufbauenden Strukturen zu ändern. In der Bestrafung der Täter wird danach der Selbstfreispruch der Gesellschaft gefeiert.

Krokodilstränen allenthalben.

Fritz Teich 13.04.2010 | 00:26

Heute morgen im Deutschlandfunk immerhin eine intelligente Anruferin: Wie es denn mit Doktorspielen waere? Die waeren ja auch nicht immer harmlos, die Beteiligten nicht immmer gleich alt usw. Noetig schein da eine vertiefte Aufklaerung der lieben Kleinen bevor sie das alles entdecken, dass das alles nicht immer schmerzfrei beginnt und auch nicht immer ganz freiwillig. Der Ernst des Lebens....??

eros 13.04.2010 | 15:16

Der Artikel ist hilfreich in der laufenden Debatte, weil er die erotische Dimensionen aller langwährenden Beziehung in Familie, Schule, Kirche, Verein in den Blick nimmt und auffordert individuelle Verantwortung für die derzeit laufenden Grenzziehungen zu unternehmen.

Wie aber kann über die erotische Dimension dieser Beziehung in der Öffentlichkeit kommuniziert werden?

Z.B. in der Schule: 13 jährige Schülerinnen drängeln sich um den Lehrer so nah, dass dieser den Eindruck hat: hier soll gezeigt werden, dass aus dem jungen Mädchen eine Frau wird.
Es handelt sich um ein Spiel von Nähe und Distanz, dass zerstört würde, würde darüber gesprochen - zumindest mit den Kindern, dass auch zerstört würde, wenn der Lehrer das als Aufforderung begriffe sexuell übergriffig zu werden.
Wenn dieses Beispiel im Gespräch mit Kollegen erwähnt wird, um die erotische Dimension des täglichen Miteinanders zu belegen und der Kollege bekennt, dass er nicht nur über den Hergang staunt, sondern auch über die -wohl auch sexuell zu nennende- eigene körperliche und emotionale Reaktion,- ja, was dann?
Müssen wir uns damit abfinden, dass es gerade das Gehemnis ist, das viele Auftritte des Eros erlaubt?

Wie weit darf man sich in dieses geheimnisvolle Gebiet wagen, damit man grenzziehungsmächtig bleibt?

Und letzte Frage an die Sexualforscher:

Was darf die Phantasie? Gibt es für diese auch eine Grenzziehung? Kann auch die individuelle Phantasie, in der das Verbotene imaginiert wird, ohne ausgelebt zu werden, das Spiel von Nähe und Distanz zerstören?