Ekkehard Knörer
02.02.2013 | 09:00 1

Der Aktionist

Dieter Kosslick hat als Berlinale-Chef jahrelang das Gutgemeinte dem Gewagten vorgezogen. Nun zeigt er plötzlich Mut

Der Aktionist

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Als Berlinale-Chef Dieter Kosslick jüngst in einem Interview gefragt wurde, welche Qualitäten ein Film mitbringen muss, um berlinale-tauglich zu sein, lautete seine Antwort: „Er muss interessant sein, er muss besonders sein, und er muss etwas haben, was bei den Menschen hängen bleibt.“ Diese Auskunft war insofern ehrlich, als sie den ästhetischen Kriterienvorrat von Kosslick erschöpfend wiedergeben dürfte.

Ganz typisch ist die Antwort in einer anderen Hinsicht allerdings nicht. Für gewöhnlich tut Kosslick, wenn er vom Kino spricht, nämlich gar nicht so, als ginge es ihm um Bestimmungen, die man mit etwas gutem Willen als künstlerische bezeichnen könnte. Jahrelang kannte er nur ein anderes Wort: „Politik“. Als politisches Festival sollte Berlinale positioniert werden, gegen den Glamour von Cannes und die Kombination aus Hollywoodnähe und Cinephilie von Venedig. Dagegen wäre natürlich nichts einzuwenden, hätte Kosslick eine entscheidende Differenz jemals begriffen – jene nämlich, die der Regisseur Jean-Luc Godard so auf den Begriff gebracht hat: Es gehe nicht darum „politische Filme“, sondern „Filme politisch“ zu machen. Für Kosslick gibt es nur den „politischen Film“, und zwar als Fortsetzung tagesaktueller Debatten mit anderen, filmischen Mitteln – wobei ihn weder das Andere noch die filmischen Mittel je interessierten. Das gilt das nicht nur ausweislich seiner öffentlichen Auskünfte, sondern leider auch ausweislich des Berlinale-Programms, bei dem jahrelang das medioker Gutgemeinte über das Gewagte obsiegte.

Verwunderlich ist der grobschlächtige Inhaltismus, den Kosslick zelebriert, keineswegs. Schließlich ist der Mann durch und durch Sozialdemokrat und damit der perfekte Repräsentant eines kunstfernen Verständnisses von Kulturpolitik, das hierzulande von rechts bis links schon immer grassierte. Kosslicks Karriere ist von besonders lupenreiner Sozialdemokratizität: Studium der Kommunikationswissenschaften, Politik und Pädagogik; Referent des Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose; kurz Kulturredakteur der linken konkret (unter dem nachmals als Schröder-Spezi berüchtigten Chefredakteur Manfred Bissinger); 2010 schließlich Stadtpate der Aktion „Pforzheimer helfen Afrika“ zur Fußball-WM.

Seine eigentliche Bestimmung fand Kosslick aber seit den achtziger Jahren als Multifunktionsfunktionär der Filmförderung, zuletzt und mit großer Fördertopfmacht als Geschäftsführer der Filmstiftung NRW seit 1992. Auf diesem Feld kommen seine Talente tatsächlich am besten zum Tragen: der schmerzbefreite Wille zur Reduktion von Komplexität, die durch nichts zu beeinträchtigende Fröhlichkeit, die Auftritte zum Fremdschämen zeitigt und vor allem die Lust am Netzwerken und an der Freunderlwirtschaft. Diese Tugenden hat er sich auch nach seiner Berufung zum Berlinale-Leiter vor 13 Jahren bewahrt. Die Methode „viel hilft viel“ hat zu einer Aufblähung des Festivals und zu einer Vielzahl verzichtbarer Nebenreihen, aber auch zu tendenziell sinnvollen Dingen wie den Nachwuchs-Förderclubs „Berlinale Talent Campus“ und neuerdings „Berlinale Residency“ geführt. Die Publikumserfolge, die sein Aktionismus zur Folge hat, geben Kosslick in manchem, dessen Sinn sich mit guten Gründen bezweifeln lässt, durchaus recht. Auch der Filmmarkt der Berlinale ist wichtiger denn je.

Dem deutschen Film kam Kosslicks Herkunft aus den Förderapparaten ebenfalls zugute. Gelegentlich führte das Überangebot an sehr mittelmäßigen deutschen Wettbewerbsfilmen zwar noch zum Stöhnen der internationalen Presse. Inzwischen hat er offenbar aber begriffen, dass vor allem mit der Berliner Schule (von Maren Ade bis Christian Petzold) vor den Augen der Weltöffentlichkeit Staat zu machen ist. Sein Herz hängt sicher nicht an diesen Filmen, jedoch präsentiert er ihre Vertreter nun regelmäßig – im Wettbewerb 2013 gehören Arslans Kanada-Western Gold und Pia Marais Layla Furie zu den mit großer Spannung erwarteten Filmen.

Ohnehin gibt es einen erstaunlichen Wandel zu konstatieren. Die Kritik an Kosslicks Auswahlpolitik war zuletzt Jahr für Jahr lauter geworden. An vielen Orten wurde gefordert, neben dem Betriebszampano Kosslick solle zur Verhinderung schlimmer Fehlgriffe im Programm ein Künstlerischer Direktor installiert werden. Das ist dem Berlinale-Direktor offenbar in die Knochen gefahren. Jedenfalls war im letzten Jahr der Wettbewerb kaum wiederzuerkennen. Die Dichte an künstlerisch interessanten und manchem geradezu experimentellen Film war hoch – und die Zahl der aus durchsichtigen Gründen („politischer Film“, Filmförderhintergrund, Stars) in den Wettbewerb geholten Mittelmäßigkeiten niedrig wie selten.

Über die Gründe für den Wandel kann man nur mutmaßen, da das Festival nicht gerade durch große Transparenz bei der Filmauswahl glänzt – aber das tun Cannes und Venedig ebensowenig. Freilich war in den dürren Jahren immer erstaunlich, wie wenig sich die klugen und geschmackssicheren Köpfe im Auswahlgremium gegen Kosslick durchzusetzen schienen. Der Verdacht liegt nahe, dass hier inzwischen eine andere sozialdemokratische Tugend zum Tragen kommt: nämlich der durch keine eisernen Prinzipien behinderte Pragmatismus. Womöglich hört der Chef jetzt mehr auf seine Berater. In der absurden Nebenreihe „Kulinarisches Kino“ kocht der Slow-Food-Fan Dieter Kosslick noch selbst. Da hält sich der Schaden aber in Grenzen.

Kommentare (1)

mymind 02.02.2013 | 18:42

Na dann bin ich mal gespannt auf die diesjährigen Filme. Bis auf wenige Ausnahmen im Panorama-oder Forum-Programm, war die Filmauswahl in den vergangenen Jahren grottenartig. Ebenso die Filmthemen, die dazu verleiteten, die Berlinale als ´Problemfilm-Festival´ zu betrachten.

Der Berlinale-Chef sollte in einem regelmäßigen Turnus ausgewechselt werden, damit ein etwas breiteres Spektrum in der Auswahl der Filme gewährleistet wird.