Christoph Bannat
29.01.2013 | 09:00 1

Der Doppelbodige

Kunstsammlung In der Bundeskunsthalle werden die Ankäufe der Bundesregierung gezeigt. Darunter auch "Brandt/Guillaume" von Thomas Kilpper. Christoph Bannat stellt den Künstler vor

Das Kapital hetzt um die Welt – auf der Suche nach  einen Platz um sich zu vermehren. Kunst hetzt, auf Biennalen, Triennalen, Messen und Auktionen um die Welt. Warum nicht auch Kritik?  Thomas Kilpper ist  Reisender in Sachen Kritik. London, Rotterdam, Kopenhagen, Frankfurt, Lodzs, Budapest, Venedig, Ramallah sind einige seiner Stationen. Hier hinterlässt er artifizielle Markierungen im Sinne der Kunst, der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Sein Arbeitsmaterial sind Fundstücke vor Ort und die Energie der Beteiligten, entsprechend einer neuen Arte povera. So schweißt er in Jenin(Westbank) aus Metalltrümmern v zerbombter Häuser mit Workshop-Teilnehmern ein Pferd, das arabische Symbol für Freiheit. Um es anschießend, als Kunst deklariert, auf einem fahrbaren Untersatz durch mehrere Checkpoints nach Ramallah zu bringen. Oder er macht mit einer begehbaren Skulptur in Neapel auf die Situation in Lampedusa aufmerksam, wo jährlich bis zu 20.000 Flüchtlinge versuchen Europa zu erreichen. Woraus sich eine Initiative für die Errichtung eines Leuchtturms entwickelt – auf dass Europa sich mit einfachsten Mitteln zu erkennen gibt, wenn es darum geht Leben zu bewahren.

Signifikant aber  für Thomas Kilpper sind seine Bodendrucke, zu sehen in institutionalisierten Leerräumen, auf Biennalen also und in Museen. Das Besondere: Der Druckstock  selbst befindet sich für gewöhnlich in „nicht Institutionalisiertem“ Leerstand. So wie der Pakettboden der Turnhalle einer ehemaligen US-Kaserne, in der in den fünfziger Jahren Nazi-Verhöre stattfanden. Titel: Wo bitte schön kann ich meine Grautöne finden. Oder der über 700 qm große PVC-Kantinenboden im Ministerium für Staatssicherheit in Berlin Lichtenberg. In  monatelanger Gruppenarbeit wurde dort eine begehbare Bildermontage eingegraben. Titel: State of Control. Zuletzt machte er mit 33 Politiker-Porträts im Dänischen Pavillon der Biennale in Venedig, geschnitten in einen 140 qm großen Holzboden auf sich aufmerksam. Titel: Pavillon for revolutionary free speech.

Thomas Kilpper wurde 1956 in Stuttgart geboren. Er studierte zunächst freie Kunst in Nürnberg und Düsseldorf Er unterbricht sein Studium, engagiert sich gegen Atomkraft und die Wiederbewaffnung . In den Neunzigern beendet er sein Studium an der Frankfurter Städelschule bei Professor Georg Herold. Mit ihm teilt er seine Leidenschaft für Billigmaterialien. Er verwendet Dachlatten, Werbebanner oder einfach Sperrmüll, sowie bereits massenmedial reproduzierte Bilder. Doch anders als Herolds hellsichtige Achtziger-Jahre-Ironie ist konkretes Engagement für Kilpper das Standbein in der Wirklichkeit. So stehen im Lichtenberger Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Porträts von Politikern, Geheimdienstlern und Widerstandskämpfern gleichberechtigt auf einer Ebene neben Opfern von rassistischen Übergriffen, Szenen von Waterboarding, Aufmärschen, Anschlägen und  Flucht. Fototechnisch übersetzt und in aufopferungsvoller Teamarbeit in Holz, Linol und PVC-Böden geschnitten.

Bilder, die bereits durchs Auge ins kollektive Bewußtsein eingegangen sind,  bilden bei Kilpper den Boden auf dem der Betrachter steht. Sie werden zu  Metaphern. Wofür, bleibt wörtlich in jener Unbestimmtheit durch die bildende Kunst immer wieder zu erregen vermag. Gedruckt wird meist auf zerschnittene und neu zusammen gesetzte Banner für Außenwerbung, die dann in einer Kontextverschiebung an anderer Stelle im Stadtraum auftauchen, oder als Editionen durch ganz Europa schwirren, während der Druckstock immobil bleibt. Oft ist dieser dann vom Abriss bedroht. So bilden die Drucke immer neue Bilderkreisläufe. Die Kunstsammlung der Bundesrepublik Deutschland hat nun Kilppers Druck  Brandt/Guillaume aus dem MfS gekauft.das auf jenem „Judas-Kuss“ artigen Foto basiert, das wie kein anderes für das Misstrauen beider deutschen Staaten im kalten Krieg steht. Und heute? Bleibt zu hoffen, dass die Bildpolitik der Sammlung der Bundesrepublik nicht die Zusammenhänge der Bilderpolitiken im MfS-Lichtenberg vergisst, und sich für den Erhalt des Druckstocks, der ein Wesensmerkmal von Thomas Kilppers Arbeit darstellt, einsetzt. In jenem Berliner Stadtteil, der besonders durch  rassistisch motivierte Überfälle nach der Maueröffnung bekannt wurde. In dem auch Thomas Kilpper über einer ehemaligen Fleischerei wohnt und seinen Ausstellungsraum after the butcher hat. In dem wird Stadtteilgeschichte und Gentrifizierung thematisiert, oder es werden einfach nur befreundete KünstlerInnen gezeigt. Aktuell: Kalin Lindena und David Prytz.

Kommentare (1)