Achim Engelberg
24.11.2012 | 09:00 9

Der Euro wird nicht bestehen

Krise Der griechische Autor Petros Markaris schreibt Krimis mit gesellschaftspolitischem Hintergrund. Jetzt kümmert er sich um die europäische Finanzkrise

Schon im Jahr 2004 warnte Petros Markaris vor einer neureichen Mentalität, legte ein Parteiensystem bloß, in dem wenige Familien abwechselnd ihre Pfründe in einem aufgeblähten Staatsapparat verteilten. Obwohl er schon damals der bekannteste lebende griechische Autor war, wollten das manche nicht hören, nicht in Griechenland wie auch nicht hierzulande.

Nun aber wird Petros Markaris, der das Fiasko in seinen internationalen Dimensionen voraussagte, zu einer gewichtigen Stimme in einer der größten Krisen seines Landes. Der Nestbeschmutzer mutiert zur moralischen Autorität. Wenn Petros Markaris heute früh aufsteht und aus dem Fenster schaut, sieht er nicht nur Flüchtlinge in Mülleimern wühlen, sondern zunehmend auch Griechen nach etwas Essbarem suchen. Da sie ihr Elend verbergen wollen, wählen sie die Morgenstunden, in denen die Straßen fast noch menschenleer sind.

Einen triftigen Grund für zeitiges Erwachen hatte Petros Markaris: Er beendete gerade den dritten Teil seiner Trilogie über den griechischen Niedergang. Und da arbeitete er ganz regelmäßig, Samstag und Sonntag eingeschlossen, täglich von 10 bis 14 Uhr, dann folgten zwei Ruhestunden, meistens mit Zeitungslektüre, von 16 bis 20 Uhr schrieb er wieder. Trotzdem fand er am Beginn der zweiten Schreibphase Zeit für ein Gespräch.

Der FREITAG: Sie beenden gerade die Krisen-Trilogie, heißt das, Sie sehen endlich Zeichen der Hoffnung?

Pedro Markaris: Nein, die Situation ist schlimmer geworden, die Arbeitslosigkeit stieg vor allem im privaten Sektor. Wir haben heute 1,6 Millionen Arbeitslose. Vielleicht muss ich noch einen Epilog schreiben, es könnte eine Tetralogie werden. Aber das entscheide ich nach dem dritten Buch. Wer die ersten beiden Bände über diese griechische Tragödie liest, merkt, wie die Situation sich verdunkelt. Als ich Faule Kredite schrieb, da gab es nicht zahlreiche Selbstmorde von Rentnern und vor allem nicht von jungen Menschen, weder im Roman noch im Leben. Bei Zahltag aber schon.

Der erschien zwar unlängst in Deutsch, aber im griechischen Original schon im letzten Jahr.

Es ist aber noch schlimmer geworden. Die Arbeitslosenquote zum Beispiel stieg von 22,1% auf 25,3%.

Und dabei sind die Preise ähnlich wie in Deutschland.

Durch ein perverses System entstand die Situation, dass die Gehälter gekürzt und gekürzt werden, aber die Preise fallen und fallen nicht.

Warum nicht?

Weil das Kartellsystem mit den ganzen abgekarteten Absprachen nicht attackiert wird.

In Finstere Zeiten schreiben Sie:„Und morgen werden die Väter die Wut der Kinder zu spüren bekommen.“ Gibt es schon Anzeichen für eine Attacke gegen das System?

Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 53 %, aufgemerkt: jeder zweite findet keine Arbeit, ist die Wut groß, sehr groß, aber auch die Ratlosigkeit und die Verzweiflung.

Es gibt ja schon eine Emigrationswelle.

Ja, und das vor allem bei gut ausgebildeten jungen Menschen. Manche von ihnen haben sogar einen Doktortitel oder einen Master-Abschluss. Aber sie finden keine Arbeit. Sie wollen nicht mehr von ihren Eltern abhängig sein, viele können es auch nicht mehr, da die Eltern auch von Arbeitslosigkeit und Kürzungen betroffen sind. Wir haben vor allem Kürzungen, keine tiefgreifenden Reformen. Wir wählen immer noch Regierungen, die vor allem für den aufgeblähten Staatsapparat gut sind. Aber die Wut, die Verzweiflung ist groß.

Bei Heiner Müller, den Sie sehr mögen, kann man lesen „Fünf Straßen weiter wie die Sirenen andeuten / Schlagen die Armen auf die Ärmsten ein“. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr, dass, wenn weiterhin eine Mehrheit verarmt und gleichzeitig die Anzahl der Flüchtlinge steigt, diese zum Sündenbock gemacht werden?

Für sehr groß. Wir haben bereits eine Neonazipartei. Sie bekam 7% und stellt 18 Parlamentsabgeordnete. In Umfragen liegt sie gar bei 15 % und würde, wenn heute Wahlen stattfänden die drittgrößte Partei im Parlament sein. Aber nicht nur aus Wut gegen die Emigranten wird sie gewählt, sondern auch aus Protest gegen das ganze jetzige System. Ein guter Teil ihrer Wähler sind junge Leute unter dreißig.

Sie verglichen diese Partei, Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte), die auf Muslimjagd geht, auch mit islamistischen Organisationen, die sich auch sozial engagieren. Hamas zum Beispiel.

Unlängst verteilten die Neonazis auf dem Syntagma-Platz Lebensmittel.

Also im Zentrum von Athen vor dem Parlamentsgebäude.

Genau, oder sie richteten Notrufnummern für Rentner ein, die in Vierteln mit vielen Emigranten leben. Wenn die alten Menschen sich unsicher fühlen, glauben, die Ausländer würden sie bedrohen, können sie anrufen, dann kommt jemand vorbei und bleibt sogar über Nacht bei den Betagten.

Gibt es ein solches Engagement auch auf der politischen Linken?

Nein.

Dort gibt es aber massive Kritik an den Privatisierungsvorhaben. Man denke nur an Filme wie Katastroika, den man sogar auf Deutsch kostenlos im Internet findet.

Ja, aber was soll man machen? Das Land ist fast pleite, die Staatskassen sind leer. Der Staat muss einen Teil seines Eigentums verkaufen, das wird man nicht vermeiden können. Privatisierungen sind notwendig, aber nicht ausreichend. Ich verstehe nicht, warum die Troika aus EU, EZB und dem Internationalen Währungsfond es nicht zur Bedingung für weitere EU-Hilfen macht, dass endlich ein effektiver Gesetzentwurf zur Besteuerung vorgelegt wird. Wenn der Staat nicht endlich ein System für regelmäßige Einnahmen schafft, werden die Privatisierungen nutzlos sein. Und sie können nur das notwendige Geld in die Staatskasse bringen, wenn Griechenland in der EU bleibt. Wer will jetzt etwas kaufen, wenn es von einflussreichen Politikern oder Bankern heißt, Griechenland sollte austreten und den Euro aufgeben. Fast täglich gibt es solche Äußerungen. In einem Griechenland außerhalb der Eurozone fallen die Preise. Da kann man vieles, was heute noch einen Wert hat, für symbolische Summen bekommen.

Sie plädieren in Finstere Zeiten auch deshalb dafür, dass Griechenland in der EU bleibt, damit es mit am Verhandlungstisch sitzt, „wenn die unausweichlichen Änderungen in Europa umgesetzt werden“. Welche Veränderungen erwarten Sie?

Der Süden wird irgendwann sagen, es reicht. Ich denke da vor allem an Länder mit einer guten ökonomischen Basis wie Italien. Dann wird es zu Verhandlungen kommen. Und bis dahin sollte Griechenland durchhalten. Wir haben eine dreifach gespaltene Europäische Union. Länder, die nicht den Euro haben wie Polen, arme Länder, die den Euro haben wie Griechenland, und eben reiche Länder wie Deutschland. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Ich bin kein Banker, kein Ökonom, sondern Autor, aber wenn Sie mich fragen: Der Euro wird in der jetzigen Form nicht überleben.

Als Autor kritisieren Sie das mangelnde Verständnis für die kulturelle Diversität des Kontinents, für die kulturelle Basis des anderen…

Ja, die gemeinsamen europäischen Werte sind von der Währung vernichtet worden. Die Demokratie ist ausgehöhlt. So kann man Europa nicht einen. Ohne gemeinsame ethische und kulturelle Werte muss jedes Europaprojekt scheitern.

Verraten Sie noch, wer nach Bankern in Faule Kredite und Steuersündern in Zahltag im Fokus des dritten Teils steht?

Die Politiker der Generation des Polytechnikums, wie sie hier in Griechenland heißt.

Also die des Aufstandes von 1973, die die Junta beseitigten.

Ja, die aber, an die Macht gekommen, den wirtschaftlichen Ruin, die jetzige Krise maßgeblich verursachten. Durch sie leiden viele Menschen. Wir haben verlorene Generationen.

Kommentare (9)

Helmut Eckert 24.11.2012 | 12:04

Der Prophet gilt nicht im eignenen Land. Im Altertum wurden die Menschen, welche eine schlechte Nachricht den Herrschenden überbrachten, getötet.

In de EU werden schlechte Nachrichten verschwiegen, oder umgemünzt zu einer positiven Meldung. Das können unsere Politiker sehr gut. Sie richten nicht mehr die Menschen, sie belügen sie nur. Letztlich wird daraus der " schleichende Tod" einer ganzen Generation!

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Ehemaliger Nutzer 24.11.2012 | 13:22

Interessant das alles. Griechenland betreffend hat der Mann wohl recht.

Die verwendeten Versatzstücke des immanenten "Gegenentwurfs" aber sind in sich falsch.

Es gibt kein positives "Europaprojekt" das irgendwelchen Bevölkerungen nutzen soll.

Die Generationen des Nachkriegs ,in Griechenland eben die, die teils auch gegen die Junta waren, in Dtschld. die welche in Teilen langhaarig "Ho,Ho,Ho Tschih Minh" grölten,in Frankreich ähnlich aber eben auch mit diversen Einsätzen als nachkoloniale Polizeitruppe in Ex-Kolonien, sind soweit sozialisiert in den Schichten denen sie entstammten und machen ,zeitgerecht subtil, dieselbe Machtpolitik für Interessengruppen der Mächtigen, die auch deren Eltern und Großeltern schon machten.

Europaidee? Man hatte das ökonomische Basement der NATO-Armeen, welche die sowjetischen stalinistischen Horden aufhalten sollten,etwaig selbst aktiv werden sollten. Das funktionierte weil es sachbezogen auf eine machbare Aufgabe, die ökonomische Grundversorgung der NATO-Armeen, hinarbeitete als EWG.

Was damit machen als überraschend der böse Feind abhanden kam?

Ein Europaprojekt daraus machen,was sonst. Und den Bevölkerungen eben Propaganda-und Ideologiequatsch einblasen zur Akzeptanz.

Um die angeblich vorhandene Chance und das vorhandene Staatenkonglomerat zu nutzen unter Beimengung diverser Ideologien jener Generationen zuzüglich der klassischen ideologie der Damen und Herren Eltern und Großeltern zur "Weltmacht"  (O-Ton Verheugen in TV-Doku , komplett vor einer großen Wand-Weltkarte und entsprechenden Handbewegungen ;so wie Wickis Schuljungen in kurzen Hosen im Film"Die Brücke".Es fehlten nur die Fähnchen zum Umstecken.) zu werden zu nutzen.

Die Mächtigen sahen es -mittlerweile auch von jenen Generationsvertretern vertreten in den Posten der leitenden Angestellten,während die gleichalten Abkömmlinge des Geldes statt Macht auszuüben verantwortlich, lieber  Sportwagen fahren- nicht ungern,mindestens ließen sie jene Technokraten gewähren.(Statt einzuschreiten-bei denen gibt es auch so welche und solche.Die Dümmeren setzten sich durch,weil die anderen,Vernünftigeren,  duldeten.)

Und natürlich sind aufgrund gewisser sozialer Fortschritte eben der obere Mittelbau und die unteren Oberschichten zeitweilig gewachsen, hatten Geld (kein altes Geld ,sondern neues und viel in den Hirnen solcher Klein Fritzchens mit etwas Kohle.) -und ,ausgehend von alten klassischen Bereicherungswpünschen und dazukommender nihilistisch sich dann darstellenden neuen ideologieversatzstücken zockten die und bastelten sich, ließen sich von ihren Dienstboten basteln, das dazu passende nihilistische Recht.

Das ist in Wahrheit Europa,das Europaprojekt.

Bevölkerungen? Kommen in der Rechnung nicht vor- die haben in ihrer Ignoranz völlig vergessen,dass es auch noch Bevölkerungen gibt.So wie man in Versailles damals die Toiletten vergessen hatte,schlicht nicht mitkalkuliert,miteingezeichnet  hatte aus verschiedenen Gründen. 

Bevölkerungen? Sind nicht in der Rechnung, ebensowenig reale Zahlen jenseits von bloßen Ressentiments betreff der Wahrheit,  wer seit Anbeginn der Zeit der Menschen das gesellschaftliche Produkt  erwirtschaftet und seit Beginn der Staatskassen den Löwenanteil der Steuern und Abgaben erbringt.

(Welcher Mensch ,der zur Schule gegangen ist, würde beispielsweise Löhne senken und Steuern -und gleichzeitig davon ausgehen in einer Mischung aus Ignoranz,Zynismus und Betonköpfigkeit und Beratungsresistenz, dass dennoch die geringen Löhne per Zuzahlung aus öffentlichen Töpfen auf eine Höghe gelingt und die Leute dann soviel übrig haben, den jeweiligen güldenen Tinneff zu kaufen und zudem die notwendigen Dinge bezahlen können und noch was übrig haben? Niemand. Früher hätte man mitleidig gesagt, Erfinder solchen Humbugs waren eben auf der Pestalozzischule ,man müsse eben großzügig sein und denen einen Job beim Bau oder als Kalfaktor in einer Fabrik besorgen.Heute werden solche Typen Ministerpräsident und Bundeskanzler und Wirtschaftsberater und Steuerfachleute und Börsenmakler und Bankmanager und Journalist.)

 

Kurz: Dies Europa ist eine auf einem schmalbrüstigem Fundament -das früher seinen Zweck erfüllte für den es geschaffen worden war- ein dekonstruiertes Konstrukt geworden.  Ingnorante und erschreckend unverantwortlich handelnde Angehörige von  wohl  in jenen Kreisen denen die entstammen oder in die sie hineinstießen mit Glück überversorgten Nachkriegsgenerationen nutzen dieses Fehlkonstrukt  und  treiben damit ihr Wesen.

 Bevölkerungen und deren Funktionen (es geht nicht um Moral, man kann ja ruhig ein Schwein sein-aber doch bitte ein intelligentes, verantwortlich handelndes Schwein , kein dummes Schwein!)  kommt bei denen nicht oder kaum vor in den wirklich relevanten Bereichen - ähnlich wie bei Marie Antoinette!

Rupert Rauch 24.11.2012 | 21:22

"Ja, aber was soll man machen? Das Land ist fast pleite, die Staatskassen sind leer. Der Staat muss einen Teil seines Eigentums verkaufen, das wird man nicht vermeiden können. Privatisierungen sind notwendig, aber nicht ausreichend."

Warum macht er solche Aussagen, wenn er später selbst sagt, dass er von Ökonomie keine Ahnung hat?

 

"Ich verstehe nicht, warum die Troika aus EU, EZB und dem Internationalen Währungsfond es nicht zur Bedingung für weitere EU-Hilfen macht, dass endlich ein effektiver Gesetzentwurf zur Besteuerung vorgelegt wird. Wenn der Staat nicht endlich ein System für regelmäßige Einnahmen schafft, werden die Privatisierungen nutzlos sein."

Gutes Thema fürs nächste Buch. Titelvorschlag: Die griechische Krise im Kontext internationaler neoliberaler Netzwerke und der Bankenherrschaft. Der Mann hat gar nicht kapiert, was die EU eigentlich ist.

 

"Und sie können nur das notwendige Geld in die Staatskasse bringen, wenn Griechenland in der EU bleibt."

Noch eine alberne ökonomische Aussage. Bedauerlich.

 

„wenn die unausweichlichen Änderungen in Europa umgesetzt werden“

Sehr vage. Leider ist er einer von denen, die zwar das Ende des Euros schon sehen, aber trotzdem am Status Quo klammern. Aus nackter Angst vor dem Ungewissen.

Lass los Petros! Und zwar bevor es zu spät ist und ihr eine Nazi-Diktatur habt oder den größten BrainDrain der Geschichte. Die EU ist keine Zukunft mehr, sondern ein lästiger historischer Klotz am Bein.

Statt ein viertes Analyse-Buch zu schreiben, beschäftige dich mit Ökonomie und entwirf Szenarien für die Zukunft! Jemand mit öffentlichem Respekt sollte das gestalten und die Richtung weisen! Jemand mit ausreichend Erfahrung und Abstand sollte den Griechen aufzeigen, was schief läuft und wie es auch anders gänge.

Die Griechen wohnen in einer warmen Gegend (weniger von Öl und Kohle abhängig), haben jede Menge Wasser und attraktive touristische Gegenden usw. und im Ggs. zur allgemeinen Auffassung auch eine Exportindustrie (60% der Exporte sind industriell nur 22% landwirtschaftlich). Seid stolz! Geht euren eigenen Weg, lasst euch nicht mehr erpressen! Und vor allem: wartet nicht mehr so lange, jeden Tag wird der Schaden größer.

 

 

Rupert Rauch 24.11.2012 | 21:46

Lach, wunderbar geschachtelt geschrieben (bist du Jurist?)

Sehe ich genauso. Besonders hat es mir dieser Satz angetan:

"Die Generationen des Nachkriegs ,in Griechenland eben die, die teils auch gegen die Junta waren, in Dtschld. die welche in Teilen langhaarig "Ho,Ho,Ho Tschih Minh" grölten,in Frankreich ähnlich aber eben auch mit diversen Einsätzen als nachkoloniale Polizeitruppe in Ex-Kolonien, sind soweit sozialisiert in den Schichten denen sie entstammten und machen ,zeitgerecht subtil, dieselbe Machtpolitik für Interessengruppen der Mächtigen, die auch deren Eltern und Großeltern schon machten."

Krysmanski nennt sie in seinem Buch "Das Imperium der Milliardäre" die "Funktionseliten", oft genug stimmt auch die Aussage von der studierten Dummheit aus höherem Hause.

Sie sind gebildet, entsprechend sozialisiert, neoliberal gehirngewaschen und in allen möglichen Netzwerken eingebunden. Oft keine schlechten Menschen, aber das eigenständige Denken und kritische Hinterfragen oft nicht gewohnt.

Lassen sich daher hervorragend dafür einspannen geschaffene Sachzwänge zu exekutieren. Mit Tränen in den Augen und einem dicken Gehaltscheck, aber so ist das ja meist mit denen, die "harte aber (angeblich) nötige Reformen" durchsetzen...

 

Vi3r 25.11.2012 | 12:13

Vermutlich haben die vielen Angestellte des öffentlichen Dienstes in Griechenland mit 14 Gehältern plus Weihnachtsgeld und den überbordenden Gehältern und die zahlosen Rentner, die mit Mitte 50 in Ruhestand gingen, ihre Bezüge per Dauerauftrag direkt auf die Bankkonten der "Internationalen Hochfinanz" überwiesen. Dort müssen die hunderte Miliarden Euro also jetzt sein.

Jedenfalls nicht bei der "Internationale Kleinfinanz" den Aktionären der Banken, wie z.B. die der Commerzbank, die innerhalb der letzten paar Jahre 95% ihrer Beteiligung verloren haben!

Costa Esmeralda 25.11.2012 | 19:03

Griechenland sollte tatsächlich aus der Eurozone austreten und einen völligen Neuanfang versuchen. Schon bei Eintritt waren die eklatanten Strukturprobleme des Landes überdeutlich. Aber die übrigen Euroländer und besonders auch die damalige deutsche Rot-Grün Regierung mit Schröder und Fischer haben Schuld daran, dass die wirtschaftlichen Probleme verschwiegen wurden, weil man das politische Projekt Europa stärken wollte. Und auch damals wie heute gab es innerhalb der europäischen politischen Seilschaften das Tabu der Kritik am Anderen, es gab und gibt das gegenseitige Schulterklopfen und Besitzstandsdenken der Polit- und Wirtschafts-Oligarchien, die auf Kosten ihrer Völker Macht und Knete akkumulieren.

Drei Fragen tauchen auf:

1. Europäisches Projekt und

2. Was hätte Griechenland besser machen können?

3. Welche Zukunft hat das Land bei Austritt aus der Eurozone?

zu 1.) Ganz klar, ein europäisches Projekt ist m. E. unerlässlich, aus kulturellen, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen.

Kulturell ist unser Erdteil ein ganz einmaliger. Nicht nur die Kenntnis der übrigen Welt führt zu dieser Einsicht. Es ist die gemeinsame Geschichte, die zu unseren heutigen Wertvorstellungen und Verfassungen geführt hat, zur allgemeinen Anerkennung der Einsichten der Aufklärung bis hin zur demokratischen Regierungsführung und den universalen Menschenrechten. Daran haben alle europäischen Völker unter grossen "Schmerzen" mitgearbeitet, und wir ernteten nach dem Weltkrieg bisher 65 Jahre Frieden (wenn auch dem NATO-Schirm geschuldet) bei gegenseitigem Respekt, Freizügigkeit und kulturellem Austausch. Politisch beschränkt sich das europäische Projekt zwar auf eine Gemeinschaft von Regierungen, Institutionen und politischen Seilschaften und baut nicht wirklich auf eine Gemeinschaft von Vökern, analog zur Konstruktion der UN. Dieses Manko des europäischen Projektes sehe ich als Ursache für die augenblickliche Krise. Es ist bisher nicht gelungen, neben nationalen Identitäten auch eine europäische Identität bei den Menschen zu erzeugen, sozusagen ein positives Gefühl, nicht nur Deutscher sondern auch Europäer zu sein und für dieses Europa aktiv einzustehen. Wirtschaftlich ist das europäische Projekt bisher relativ erfolgreich im Konzert der Weltregionen, vor allem aufgrund des einmalig eintwickelten hohen Stadards des "human capital", das wohl nur in Nordamerika seinesgleichen hat. Aber dieses menschliche Kapital, das bei Fehlen von natürlichen Ressourcen  und "social capital" langfristig nicht ausreichend für den globalen  Wettbewerb ist, wird auch in anderen Weltregionen stetig weiter entwickelt, so dass unser europäischer Wettbewerbsvorteil ausgeglichen wird und es, wir wir sehen, zur Krise kommt. Um das europäische Projekt zu stärken, und nur so können wir der Kleinstaaterei und dem Zerriebenwerden zwischen zukünftigen regionalen Blöcken entgehen, bedarf es auf kulturellem, politischen und wirtschaftlichen Gebiet einer ausserordentlichen Kraftanstrengung. Diese geht nur über die direkte Beteiligung der Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten in ihren Ländern sowie an den europäischen öffentlichen Angelegenheit. Wir brauchen Bürger-Republiken, keine Seilschaften-Republiken, und ein Bürger-Europa mit einem Bürger-Parlament und nicht Seilschaften-Parlament. Dahin zu kommen wird ein langer Weg vonnöten sein. In Deutschland könnte bspw. die nächste Wahl schon einen Anfang bedeuten, in dem den politischen Seilschaften bedeutet wird, dass der Bürger stückchenweise soziale Kontrolle ausüben wird. 

zu 2.) Griechenland hätte spätestens seit 2000 mit Massnahmen der Korrektur struktureller Probleme beginnen müssen. Da hat der griechische Bürger total versagt. Er hat politische Seilschaften an die Macht gelassen, die die Menschen mit einem Konsum korrumpiert haben, der der Produktivität des Landes nicht entsprach. Man wollte möglichst rasch das gleiche Lebensniveau wie die anderen europäischen Länder haben, ohne dass auch die Wirtschaftsentwicklung ein solches Niveau gerechtfertigt hätte. An der Entwicklung der Neuen Länder kann man absehen, was in Griechenland falsch lief. Selbst heute, und nach all den Transfers an die Neuen Länder, sind die strukturellen Probleme noch nicht aus der Welt geschafft. Und die Alten Länder haben kräftig mitgemischt bei der Verausgabung der Steuergelder. In Griechenland hätte die europäische Kommission die Transfers strikt mit den Griechen selbst verplanen müssen und die Menschen mit einbinden müssen. Da hätten bei Einführung des Euro auch die nationalen Souveränitätsrechte teilweise eingeschränkt werden müssen. Gut und schön, all das ist nicht geschehen und dafür danken wir noch heute Gerhard, Joschka und besonders Merkel, dass sie uns diesen Klotz eingebrockt haben. Aber ganz besonders hat der griechische Normalbürger geschlafen und seine Seilschaften nicht an die Kandare genommen, da es sich ja auf Kosten geliehenen Geldes lange gut auskommen liess. Unsere HartzIVler werden auch nur dann aus ihren Löchern kommen, wenn die Nahrungsaufnahme nur mehr aus Mülleimern der Mittelklasse zu sichern ist. 

zu 3.) Ein Austritt von Griechenland aus der Eurozone ist sicher nicht zu vermeiden, denn der jetzige Weg einer Versorgung über den Tropf ohne strukturelle Verbesserung der griechischen Wirtschaft ist für die Eurozone Gift. Was passiert bei Austritt? Eine weit unterbewertete Drachme wird dem Land neue Wettbewerbsvorteile bringen, sozusagen ein kleines China auf europäischem Boden, mit Gehältern und Löhnen, die etwa 30% des übrigen europäischen Niveaus haben. Die griechischen Bürger müssen zwangsweise auf vieles verzichten und nahezu "Dritte Welt"-Lebensbedingungen über einen Zeitraum von 20 Jahren hinnehmen. Andererseits wird das Investitionen aus den anderen Ländern anlocken, speziell im Bereich der erneuerbaren Energien, die das Land frei von Ölimporten machen kann. Ausserdem bekommt die griechische Landwirtschaft eine Entwicklungschance und die Touristen werden ins Land strömen wie nie zuvor, da es sogar billiger als in der Türkei werden wird. Wenn in diesen Jahren eines wirtschaftlichen Wachstum auch die Bürger ihre soziale Kontrolle über die Regierenden festigen können und eine "gute Regierungsfähigkeit" auf die Beine stellen, wird das Land nach diesen Jahren der Erneuerung abermals den Antrag für Beitritt in die Eurozone stellen, und das unter Voraussetzungen, die der Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität des übrigen Europa weitgehend entsprechen.  

Franz P. 26.11.2012 | 02:20

2004 hat er das gesagt, daß der Euro nicht bestehen wird?  Das wußte aber auch schon jemand, als er noch gar nicht eingeführt war.
Alan Greenspan in einem Interview mit dem "International Herald Tribune" am 02.05.1997: "Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben". Ja, wie kommt das denn?

Knapp drei Jahre vorher, bei einem Treffen des Wirtschaftsausschusses der Vereinten Nationen am 14. September 1994 ist von David Rockefeller folgendes Zitat überliefert: "Alles, was wir brauchen, ist die richtige große Krise und die Nationen werden die Neue Weltordnung akzeptieren."

Müßte doch wohl jeder vernünftig denkende Mensch einsehen, daß so unterschiedliche Wirtschaftsgebiete ohne die Möglichkeit von Wechselkursanpassungen nicht zusammengefaßt werden können.
Und schon will Schäuble die EU zu einer Fiskalunion umbauen. In diesem Artikel in der "Zeit" vom 16. Oktober räumt er ein, daß die Kanzlerin da noch etwas vorsichtiger sei als er. Ja, das mag schon sein. Vor Studenten der Karls-Universität in Prag spricht sie Anfang April davon, daß der Weg zu einer einheitlichen Regierung Schritt für Schritt erfolgen müsse, so etwa innerhalb von 20-30 Jahren. Da muß der alte CDU-Recke und Jesuitenschüler Heiner Geißler dann doch wohl noch ein wenig Druck ausüben, denn der sprach schon vor über einem Jahr davon, es sei überfällig, daß es in Europa eine einheitliche Regierung und ein kompetentes Parlament gebe.

Also, der Plan läuft - und der steht hinter der oft nach außen erscheinenden Inkompetenz mancher Politiker.