Clemens Meyer
30.01.2013 | 01:00 2

„Der graue Verfall hat mich immer angeregt“

DDR-Erinnerung Otto Möhwald war in der DDR für seine rauen und melancholischen Bilder bekannt. Zu seinem 80. Geburtstag blickt sein Enkel Clemens Meyer mit ihm auf sein Leben zurück

Mein Großvater sitzt in seinem Atelier in seiner Wohnung, in einem großen, hohen Zimmer. Seit fast 60 Jahren lebt und arbeitet er hier. An der Wand lehnt ein neues Bild: eine erdige Häuserfront, eine Straßenflucht, Reste von Gardinen in leeren Fenstern. Solche Bilder hat mein Großvater immer gemalt. Nächste Woche wird er 80 Jahre alt, und ich möchte mit ihm über sein Leben sprechen.

Clemens Meyer: Also, du bist ja 1933 in Krausebauden im tschechischen Riesengebirge geboren. Wie kannst du dich an die ersten Jahre deines Lebens erinnern?

Otto Möhwald: Mein Vater war Holzfäller, wie sich das so gehörte im Riesengebirge. Wir hatten ein eigenes Haus, zweieinhalb Hektar Wiese, fünf Kühe, und … ich hatte eine wirklich glückliche Kindheit. Und das Eigenartige war ja, als ich sechs Jahre alt war, kam ich zur Schule und gleichzeitig brach der Krieg aus. Und als ich zwölf Jahre war, war der Krieg zu Ende.

Ja, diese seltsame Zahlenarithmetik, die in deinem Leben eine besondere Rolle spielt. Als die Mauer gebaut wurde, warst du 28, und als sie fiel, 56 Jahre alt. Du bist 1933 geboren, ich 1977, und als du 77 geworden bist, wurde ich 33. Aber hast du konkrete Erinnerungen an 1938, also an den Anschluss des Sudetenlandes ans Deutsche Reich?

Da habe ich nur mitbekommen, dass Kavallerie den Berg hochritt, dass die Leute aus den Häusern kamen und ihnen Milch und sonst was gaben. Aber ich will mich nicht zu lange bei der Kindheit aufhalten. Nach der Vertreibung 1945 landeten wir ja im Südharz, in Uftrungen. Dort hab ich die Volksschule beendet, und dort hat, in der achten Klasse, ein Lehrer meinen Sinn für Literatur entwickelt. Durch das Vorlesen von wirklich guten Werken der Weltliteratur. Daraufhin habe ich zu lesen begonnen.

Also gab es die Begegnung mit der Literatur noch eher als die mit der Malerei oder der bildenden Kunst?

Ja. Mit der bildenden Kunst hatte ich da wenig im Sinn. Das Einzige war: Ich merkte, dass ich besser zeichnen konnte als andere. Der Lehrer hat mal einen ausgestopften Vogel hingestellt, ich glaube einen Bussard, den wir zeichnen sollten, und nur ein anderer Schüler und ich hatten, nun ja, Vorzeigbares. Später, als ich an der Klosterschule Roßleben war, bin ich dann zum Arbeitsamt gegangen und habe gesagt, ich will Kunstmaler werden. Die beiden älteren Herren dort guckten sich erstaunt an, und der eine meinte: „In Uftrungen gibt’s doch den Malermeister Köster, machen Sie bei dem erst mal ’n Jahr praktisch.“

Hattest du denn irgendeinen Plan, den und den Beruf möchte ich? Weil Künstler zu werden war ja sicher dort, wo du herkommst, sehr weit weg.

Nein, hatte ich überhaupt nicht.

Ich wollte auch immer nur Schriftsteller werden.

Ja, das waren wirklich glückliche Zufälle, die sich so ergaben. Der Geselle in dieser Malerfirma sagte eines Tages, wenn du einen richtigen Kunstmaler kennenlernen willst, musst du da hingehen. Irgendwo in der Einsamkeit wohnte ein 30-jähriger Maler. Ich glaube, er lebt sogar noch, und den habe ich im Winter 1950 aufgesucht. Da sah ich dann das erste Mal in der Zeitschrift Bildende Kunst Bilder von van Gogh, Cezanne, Matisse und Picasso, ich war spontan begeistert.

Und dann bist du wenig später schon nach Halle gekommen, an die Kunsthochschule Burg Giebichenstein.

Der Bernhard Langer, so hieß der Maler, kannte nämlich, das war das Wichtige, einen der Professoren an der Burg. Dem hat er Sachen von mir gezeigt, und ich wurde zur Aufnahmeprüfung eingeladen.

Das ist ganz ähnlich mit meinem Mentor Sten Nadolny, durch dessen Fürsprache ich beim Fischer Verlag gelandet bin. Es gab in deiner Anfangszeit an der Burg ja durchaus die Möglichkeit, sich künstlerisch auszuprobieren, man konnte sich an der Moderne orientieren, so blöd das jetzt klingt. Gab es so etwas wie eine Hallesche Malerschule?

Ja, die hat mich auch sehr beeinflusst, obwohl die letzte Ausstellung von Hermann Bachmann damals gerade vorbei war …

… dem bekannten Maler, der dann in den Westen ging?

Ja, die Ausstellung war im Frühjahr 1950. Wir waren aber doch sehr begeistert von unserem Lehrer Ulrich Knispel, der nach den Vorkommnissen an der Ostsee natürlich auch fluchtartig die DDR verlassen musste.

Natürlich? Was ist da genau passiert?

Wir haben als krönenden Abschluss des Studienjahres eine Fahrt an die Ostsee gemacht, nach Ahrenshoop, mit Arbeit natürlich. Wir hatten schon das ganze Jahr dazu gespart, es war wirklich wunderbar, jeder wuchs über sich hinaus. Und am Schluss haben wir eine Ausstellung mit den besten Arbeiten veranstaltet. Zu unserem Unglück war aber auch ein Redakteur vom Neuen Deutschland dabei, der… na, jetzt fällt mir der Name nicht ein, mit G…

War das ein wichtiger Kulturfunktionär? Wilhelm Girnus?

Ja!

Von dem habe ich ein Buch. Wozu Literatur? Mit Fragezeichen.

Der hatte sich aufgeregt. Da haben wir einen Gesprächsabend anberaumt, und er erschien, links und rechts begleitet von einem Blauhemd. Und der hat uns sofort niedergemacht. Er sagte, dass Studenten einer Kunsthochschule, die von Arbeitergroschen finanziert wird, dass die faule Fische, Steine, schmutzige Boote und so weiter malen, anstatt Arbeiter, die Buhnen ins Meer rammen… Aber wir hatten doch nie einen gesehen!

Da begann also schon die berühmte Formalismus-Debatte?

Genau.

Damit war auch die kurze Zeit an der Burg, in der man sich ausprobieren konnte, wieder vorbei?

Das war 1951. Und im Neuen Deutschland stand später die Überschrift: „Lebensfeindliche Kunstpolitik an der Burg Giebichenstein“. Es kam eine Kommission nach der anderen. Und die Bilder, die wir ausgestellt hatten, kamen in eine sogenannte Schreckenskammer. Unser Lehrer Ulrich Knispel bekam Hausarrest, und in derselben Nacht ist er natürlich noch weg.

Wenig später wurdest du exmatrikuliert.

Ja, wir waren auch nur noch wenige. Die meisten sind weg, in den Westen. Und auch meine Freunde gingen so einer nach dem anderen weg. Also um 1954.

Springen wir mal bisschen nach vorn. Am Tag des Mauerbaus warst du ja in Westberlin. Nie den Gedanken gehabt, dass …

Ich habe damals gut verdient, ich hatte regelmäßig Messeaufträge, habe dort Werbung und Schriften an Wände gemalt.

Aber davor hast du dich und die Familie mit Hilfsarbeiten über Wasser gehalten?

Ja, als Anstreicher, die Berliner Brücke in Halle habe ich mit entrostet, habe Ausschachtungsarbeiten gemacht.

Ich bin immer stolz drauf, dass sich unsere Biografien da decken. Meine Zeit auf dem Bau hat mich auch geprägt. Und da hast du auch den Maler Albert Ebert kennengelernt, dessen Bilder später sehr bekannt geworden sind. Ich weiß, dass Neo Rauch ihn sehr verehrt. Albert Ebert hat ja an der Burg eine Zeit lang als Heizer gearbeitet.

Künstlerisch war Ebert ein absoluter Außenseiter. Aber auch als Mensch hat er mich sehr beeindruckt. Er kam von ganz unten, war Hilfsarbeiter und hat erst in den letzten Kriegsjahren zu malen begonnen. Diese Beharrlichkeit, er war ja lange erfolglos.

Ein großartiger Maler! Und eine ganz andere Ästhetik. Du hast vorhin von der Halleschen Malerschule gesprochen. Was war das für eine Malerei?

Das berühmte Hallesche Grau, ein buntes Grau allerdings. Als Figuren tauchten Gaukler und Harlekine auf, auch Bilder über das Meer, Boote und Strandlandschaften waren sehr wichtig. Das war lange Zeit vor der Leipziger Schule. Erst später habe ich das Thema Stadt für mich entwickelt, in meinen Bildern. Ich wusste, ich muss dort leben, wo ich arbeite.

Das geht mir mit Leipzig genauso. Das Riesengebirge, deine alte Heimat, hat erst im letzten Jahr mit einem großartigen Bild der Schneekoppe Eingang in dein Schaffen gefunden.

Ja, und dabei wird es wohl auch bleiben.

Ist es so, dass der Verfall der Stadtlandschaften in der DDR dir die Inspiration für deine Kunst geliefert hat?

Das hat mich sehr angeregt, Scherben des Verfalls.

Mit der Ästhetik, die heute in den Städten vorherrscht, tust du dich sehr schwer.

Da bin ich gespalten. Es freut mich natürlich, dass die Stadt saniert ist. Dieser graue, verfallsartige Eindruck früher machte ja alles gleich. Künstlerisch aber war das schon sehr reizvoll.

Wann hattest du eigentlich das Gefühl, jetzt bin ich am produktivsten, oder auch: Jetzt bin ich als Künstler anerkannt?

Es besserte sich, als Walter Ulbricht weg war. Erich Honecker hat dann die Malerei als nicht so agitatorisch wichtigen Fakt angesehen. Und als wir 1972 eine Verbandsvollversammlung hatten, wurde verkündet: Formal gibt es keine Tabus mehr. Also wenn man denn auf dem Boden des Sozialismus steht. Aber das war ja auch interpretierbar.

War das ein Aufbruch oder hat man das vorher sowieso schon gemacht?

Ja, aber dann war es offiziell erlaubt sozusagen.

War das in der Zeit, als diese legendäre bösartige Kritik zu deinen Bildern erschienen war?

Das war im letzten Jahr von Walter Ulbricht, also 1970. Da gab es diese Ausstellung in der Moritzburg in Halle, auch mit plastischen Arbeiten meiner Frau Gertraud. Ich hatte nicht nur Neues, sondern auch ein paar ältere Sachen ausgestellt. Und da erschien dieser Artikel „Will die Moritzburg eine Insel sein?“ Mit Fragezeichen. Und der war von der Brigade Leuna 9 geschrieben worden, die hätten da eine Ausstellung von Möhwald gesehen, mit Menschen ohne Kontur, Farbspielereien ohne Sinn und Zweck, und der letzte Satz lautete: Will die Moritzburg jeden ausstellen, bloß weil er Maler ist?

Hast du darüber gelacht? Oder blieb dir das im Halse stecken?

Ach, es war ja so, wenn man von der Partei gerügt wurde, stieg man doch im Ansehen der anderen.

Du warst ja all die Jahre ein distanzierter Beobachter. Hast du geahnt, in Hinblick auf 1989, dass das alles auf Dauer nicht gut gehen kann?

Nein. Ich dachte, es könnte noch viel passieren, dass es schlechter geht, und dann würde es immer noch laufen. Dem Einzigen, dem ich nachtrauere, ist die Ruhe, die man hatte.

Zwei Jahre vor der Wende bekamst du dann den Kunstpreis der DDR.

Ich hatte irgend so was schon mal läuten hören, und zwar von Willy Sitte. Und es war auch so, dass da ein halbes Dutzend anderer Künstler mit dran hing, mindestens. Also ich war nicht der Einzige, gleichzeitig bekamen ihn mindestens acht! Und irgendwie hat den fast jeder mal bekommen.

Ungefähr 40 Jahre nach deiner Exmatrikulation bist du dann Professor an der Burg geworden.

Das war schon etwas Besonderes, nach den ganzen Jahren. So schloss sich der Kreis.

 

Dann schweifen wir ab. Wir kommen auf seinen Einsatz in der Braunkohle zu sprechen, wo er unter dem Slogan „Kunst hilft Kohle“ als Zeichenlehrer für die Kumpels tätig war. Wir schwatzen über die Leipziger Schule, die ihren Aufschwung nahm, als die Hallesche schon am Verschwinden war. „Da bist du also vielleicht einer ihrer letzten schaffenden Vertreter?“, will ich ihn fragen, aber diese Frage ziehe ich schnell zurück. Stattdessen will ich wissen, wie er und seine Frau Gertraud, meine Großmutter, die Keramikerin war und 2002 tödlich verunglückt ist, sich kritisiert und künstlerisch beeinflusst haben. Wir fliegen durch die Jahrzehnte. Auf die Frage „Wozu Kunst?“ gibt es keine Antwort. Aber Bilder und Geschichten.

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2013 | 10:45

hier fehlen ganz klar die Bilder zum Thema bzw. zum Geburtstagsinterview:

Lutherlinde 1956

Strassenverkehrszeichen 1972

 

 (das wäre mein Favorit) 

weitere Bilder:

http://galerie-nord.com/de/Aktuell/Beschreibung.html?n=1001,1400&lang=de

und hier

http://www.zeitkunstgalerie.de/Malerei/1096381446

 

hier gehts zur aktuellen Ausstellung

http://www.kulturfalter.de/index.php?id=halle_termindetails&eid=8040