Eva Behrendt
05.03.2009 | 06:00

Der kleine Unterschied

Leerstelle Mit Maria Svelands schwedischem Bestseller-Roman „Bitterfotze“ begibt sich die Literatur mal wieder unter die Gürtellinie

In früheren Zeiten konnte die Vulva den Teufel verjagen und Tote zum Leben erwecken. Heute ist sie ein haarloser, blutleerer, aseptischer Faltenwurf, der eine winzige Körperöffnung versteckt. In seiner ganzen gefotoshoppten Unschuld illustriert dieses Organ nicht etwa eine Pädophilen-Website, sondern den Eintrag „Vulva“ in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Immerhin: Man kann einen Blick auf den äußeren Bereich des weiblichen Geschlechtsteils werfen, dessen unterschiedliche Komponenten selbst von Feministinnen gern verwechselt werden. Dabei ist es kein Zufall, dass die Schönheitsnorm im Intimbereich sich an den Körpern präpubertärer Mädchen orientiert und der im Feuchtgebiet wachsende Gestaltungswille mittels plastischer Chirurgie in diese Richtung zielt: Das Verhältnis vieler Frauen zur Vulva ist immer noch schambesetzt. Die Journalistin Maria Sveland etwa erzählt in ihrem schwedischen Bestseller ­Bitterfotze, dass ihr Alter Ego Sara in den achtziger Jahren aus einer Pornozeitschrift erstmals erfährt, „wie ein weibliches Geschlechtsorgan von unten aussieht“. Die damals 13-Jährige ist geschockt: „Warum muss nur alles so eklig sein?“ Zwanzig Jahre später beschreibt Sveland ihre Frustration als berufstätige junge Mutter mit dem abfälligen Wort „bitterfotzig“. Die Abwehr beim Betrachten des (Geschlechts-)Identität mitstiftenden Genitals scheint tief zu sitzen.

Woher rührt die Scham vor der „Scham“? Ist sie eine anthropologische Konstante, die der Triebbesänftigung und dem sozialen Frieden dient, wie der Ethnologe Hans-Peter Duerr vermutete? Ist sie ein Teil der christlich-abendländischen Kultur, den auch die feministischen Spiegelsessions der siebziger Jahre nicht überwinden konnten? Und lässt sich am Verhältnis der Frauen zum eigenen Genital ablesen, wie es um den Stand der Emanzipation in der Gesellschaft bestellt ist?

Schon im vergangenen Frühjahr hatte ein Millionenpublikum mit Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete den weiblichen Intimbereich ins Visier genommen. Allerdings widerfährt dort dem Genital ­wenig Lustvolles – oder nur in Verbindung mit Schmerz: Die 18-jährige Heldin lässt ihre Vulva vorzugsweise mit stumpfen Klingen rasieren und rammt sich in voller Absicht einen Bettpfosten in die Scheide. Gleichzeitig waren die von der Autorin als feministisch klassifizierten Feuchtgebiete ein deutlich wilderes Kaliber als die Fleißarbeiten und Ich-Prosa der „Alpha-“ und „deutschen Mädchen“, die zur selben Zeit einen neuen Feminismus ohne Alice Schwarzer zu deklarieren versuchten.

Jetzt wird kräftig nachgelegt. Die 1971 geborene Journalistin Mithu Sanyal will mit ihrer illustrierten Kulturgeschichte Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts die Diskussion „um Post- und Pop-Feminismus … auf ein solides Fundament“ stellen. Tatsächlich schlägt sie mit ihrer Dissertation auf anregende und unterhaltsame Weise eine Brücke von der akademischen Genderforschung zur populären Darstellung.

Schamlose Frauen

Sie skizziert den kulturellen Bedeutungswandel des weiblichen Genitals entlang der These, dass „der Kampf um die Definitionsgewalt über den weiblichen Körper“ an der (Re)Präsentation der Vulva ausgetragen wurde. In der christlich-abendländischen Kulturgeschichte haben ihn vor allem die männlich dominierten Disziplinen Religion, Medizin, Philosophie und Psychoanalyse gewonnen: Noch Jacques Lacan und Jean Baudrillard einigten sich darauf, dass die Frau, weil sie keinen Penis hat, nur eine Leerstelle besitzt. Eine Behauptung, die, selbst wenn sie ein „symbolisches Denken“ zu analysieren vorgibt, erstaunlich wenig am Image der poststrukturalistischen Promis gekratzt hat.

Dagegen ruft Mithu Sanyal ein ganzes Arsenal schamloser Frauenfiguren aus Mythos und Kult auf, deren offen gezeigte Vulven magische Kräfte entfalten, Furcht erregenund Trost spenden konnten. Ob bei der von Homer erwähnten Göttin Baubo, der indischen Kali oder der irischen „Genital­bleckerin“ Sheela-na-gig – stets verweist die Vulva auf Ursprung und Ende der menschlichen Existenz und ist somit machtvoller symbolischer Ort.

In Sanyals Kontext der vulvaweisenden Göttinnen gewinnen ihre wütenden, lustvollen und parodistischen Strategien der Zurschaustellung noch einmal an Wucht – und werfen doch die Frage auf, ob das einst Heilige heute über den Rahmen der Kunst hinaus überhaupt noch wirksam sein kann.

Svelands autobiografisch geprägter Essay handelt nicht vom weiblichen Genital. ­Allerdings sagt hier eine Frau wütend ihre Meinung – mit Mithu Sanyal gesprochen, zeigt sie ihre Vulva – und antwortet mit einer Fülle soziologischen und autobiografischen Materials auf die Frage, warum die junge Mutter und Journalistin Sara im 21. Jahrhundert nicht eine Woche allein nach Teneriffa reisen kann, ohne von heftigen Schuldgefühlen gepeinigt und von ihrer Umwelt auch noch darin bestätigt zu werden. Umgekehrt spürt ihr Mann, der jetzt den zweijährigen Sohn daheim versorgt, nicht den geringsten Gewissensbiss, wenn er als Theaterregisseur wochenlang in anderen Städten arbeitet. Woher also die Schuldgefühle? Mit Verve schildert die Ich-Erzählerin nicht nur die Zeit nach der Geburt ihres Sohnes, in der sie sich von ihrem Mann mehrfach im Stich gelassen fühlt und in der Muttermythos und real liebende Hingabe dem Zurückstecken in der Beziehung Vorschub leisten.

Traum vom Spontanfick

Sie liest Erica de Jongs Angst vorm Fliegen und stellt fest, dass sie im Gegensatz zu der 70er-Jahre Autorin von einem „Spontanfick“ noch nicht mal mehr träumen kann. Sie rekapituliert ihre eigene Herkunft und stellt fest, dass zwischen ihrem und dem Leben ihrer Mutter zwar in Hinblick auf Autonomie und Bildung gewaltige Unterschiede bestehen – dass sich Gefühle und Rollenmuster aber offenbar langsamer ändern als soziale Rahmenbedingungen. Und sie bemerkt, dass selbst in theoretisch gleichberechtigten Partnerschaften „freiwillige Unterordnung“, wie die Soziologin Carin Holmberg das identitär auf Männer bezogene Verhalten nennt, den Habitus vieler Frauen prägt.

Nebenbei rechnet Sveland mit dem Mythos vom Gleichstellungsparadies Schweden ab: Auch die Schwedinnen sind konfrontiert mit finanzieller Benachteiligung, einer hohen Missbrauchsquote und der Überforderung mit dem Projekt, Beruf und Mutterschaft unter einen Hut zu bringen. Ein bisschen erstaunlich ist es dann schon, dass Bitterfotze ganz „heteronormativ“ endet: Sara entdeckt, dass sie wieder schwanger ist, kehrt glücklich zu Mann und Kind zurück – und schließt mit dem Wunsch, das eigene Leben künftig selbstbestimmt zu leben.

Das kann nie schaden und fällt häufig auch Männern schwer, wirkt aber, nach all den aufgefahrenen Geschützen, doch etwas kleinmütig und privatistisch. Aber vielleicht ist das ja typisch für eine auch in Sachen Feminismus postutopische Generation, die nach den großen Schlachten noch kräftig an der eigenen Psyche nachfeilen muss. Mit Blick auf die Deutungshoheit über die Vulva muss man allerdings sagen: Es sind noch längst nicht alle Schlachten geschlagen.