Frank Fischer
09.06.2010 | 17:30 3

Der Online-Reich-Ranicki

Literatur Wer Bücher liebt, kommt in Frankreich an Pierre Assouline nicht vorbei. Sein Literaturblog La République des livres erreicht die Massen

Er vergleicht die literarischen Talente Churchills mit denen von de Gaulle. Seinem Text folgen mehr als 1.200 Leserkommentare. Er schreibt über Georges-Arthur Goldschmidt und dessen Arbeit als Übersetzer. Wieder kommentieren mehr als 1.000 Menschen. Er polemisiert über den letzten Roman von Alain Robbe-Grillet, ein auf Skandal gebürstetes Buch – und wieder provoziert er knapp 900 Reaktionen.

Wenn es ein deutsches Pendant zu Pierre Assouline gäbe, es handelte sich wahrscheinlich um ein Mischwesen aus Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Matthias Matussek und Don Alphonso. Seit Oktober 2004 berichtet Assouline in seinem Blog La République des livres aus dem literarischen Leben Frankreichs und der Welt, immer orientiert an Neuerscheinungen, Preisvergaben, Literaturskandalen, Jubiläen und Todesfällen.

Er veröffentlicht etwa einen Beitrag täglich, manchmal sind es mehr, Wochenende und Feiertage inklusive – und mit „Beitrag“ ist niemals ein unkommentiert eingebettetes YouTube-Video gemeint, sondern immer ein ausgewachsener Text. Oft sind diese Texte mehr als eine Zeitungsseite lang. Assouline bestückt mit seinen Kritiken und kulturjournalistischen Betrachtungen auch keinen der berüchtigten „Rezensionsfriedhöfe“, wie Peter Glotz sie nannte. Seine Artikel werden trotz ihrer bloguntypischen Überlänge von zehntausenden Lesern am Tag abgerufen. Bis heute hat Assouline mehr als 2.030 Texte veröffentlicht. Gefolgt sind ihnen ungefähr 280.000 Kommentare. Im Mittel macht das knapp 140 Kommentierungen pro Beitrag – und wohlgemerkt: Es geht hier um literarische Themen. Die von Assouline gegründete République des livres ist als republikanische Abwandlung der Monde des livres zu verstehen, der gedruckten Literaturbeilage von Le Monde. Bereits der Titel hat also von Anfang an auf eine Diskussionskultur verwiesen, die sich dann schnell in seinem Blog etabliert hat.

Wie alle Le Monde-Blogs läuft das Weblog von Assouline auf Basis der Software WordPress und ist denkbar simpel gestaltet. Das Design wirkt nachgerade sympathisch unprofessionell. Je nach Browser rutschen die Buchstaben von mehrzeiligen Überschriften ineinander, und die Einbindung der Fotos orientiert sich nicht übermäßig an den Grundregeln eines harmonischen Layouts. Außerdem kann es schon mal passieren, dass die Schrift in einem Beitrag grundlos mehrfach wechselt, wahrscheinlich ein Copy--Paste-Artefakt.

Ein neues Zeitalter der Konversation

Obwohl Assouline sein Blog allein betreibt, kann man an der hohen Zahl von Kommentaren erkennen, dass es sich hier um kein literaturkritisches Soloprogramm handelt. Seine eigenen Texte sind nur die Spitze des Eisbergs. Zu jedem Beitrag liefern die Kommentatoren Ergänzungen oder Neunmalklugheiten, erweitern den Kontext oder ergehen sich in Rüpeleien und Trollereien. Assouline selbst schaltet sich nur selten ein, ist aber mit der Masse der von ihm provozierten und anonym verfassten Reaktionen sehr zufrieden.Das Buch zum Blog, das er 2008 im Verlag Les Arènes herausgegeben hat, enthält denn auch nicht seine eigenen Texte, sondern eine Auswahl von 600 besten, intelligenten, lustigen, krawalligen Kommentaren, und ist eine erklärte Hommage an seine Leser.

Der Titel dieses Bandes, Brèves de blog, lässt sich etwas unscharf mit Blogsprüche übersetzen und variiert Jean-Marie Gourios sehr bekannten und beliebten Brèves de comptoir, eine jährlich erscheinende Sammlung von Kneipensprüchen, von in Bistros und Cafés mitgehörten Gesprächen. Assouline selbst steuerte zu den gesammelten Kommentaren lediglich ein Vorwort bei. Er versucht darin, das Kommentieren in Blogs als Kulturtechnik eines „neuen Zeitalters der Konversation“ zu beschreiben, und fordert eine „Kritik der blogosphärischen Vernunft“.

„Passou“, wie ihn seine Leser in Anlehnung an die Adresse (passouline.blog.lemonde.fr) seines Blogs nennen, hat auch einen eigenen Begriff für seine Stammkommentatoren geschaffen, er nennt sie „intervenautes“. Die intervenierenden Surfer seien dazu prädestiniert, gerade wegen des Rückgriffs auf die Anonymität die Kultur des literarischen Salons zu erneuern. Ähnlich wie der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa mit seinen Dutzenden Heteronymen könne man auf diese Weise verschiedene Aspekte der Persönlichkeit frei ausleben und nach einer Rolle innerhalb der sich neu bildenden Konversationskultur suchen.

Warum aber provoziert Pierre Assouline so viele Kommentare, und warum ist eine Figur wie er in Deutschland nicht denkbar? Einfache Antwort: Assouline hat so viel symbolisches Kapital angesammelt, dass man an ihm nicht mehr vorbeikommt. Man muss ihn lesen. Und selbst der übliche geringe Prozentsatz, der nicht nur liest, sondern tatsächlich auch kommentiert, zeitigt ein derart hohes Kommentaraufkommen.

Assouline, 1953 in Casablanca geboren, war bereits vor dem Internet eine Größe des literarischen Lebens in Frankreich. Er arbeitete als Literaturkritiker und Kulturberichterstatter für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und für das Radio, unter anderem für die legendäre sonntägliche Sendung Le masque et la plume, in der seit den Fünfzigerjahren das kulturgesinnte Herz Frankreichs schlägt. Ein Jahrzehnt lang war er Chefredakteur der Kulturzeitschrift Lire. Daneben hat er mehrere populäre Biografien geschrieben, etwa über Georges Simenon und Hergé. Die zu Daniel-Henry Kahnweiler (Der Mann, der Picasso verkaufte) und Henri Cartier-Bresson sind auch auf Deutsch erschienen. Assouline ist überdies ein überaus erfolgreicher Romancier. Einige seiner Romane sind ebenfalls in deutschen Verlagen erschienen, zuletzt Lutetias Geheimnisse bei Blessing, wo im Herbst auch der nächste Titel erscheinen wird, Das Bildnis der Baronin.

Voilà, ein Homme de lettres, wie er im Buche steht. Popularitätsmäßig hatte er also alle Knöpfe bereits gedrückt, bevor er überhaupt zu bloggen begann. Nun widmet er bis zu fünf Stunden am Tag seinem Blog. Es ist ein Halbtagsjob, bei dem er einfach macht, was er immer gemacht hat: journalistisch über das kulturelle Leben zu berichten. Mit dem Unterschied, dass er jetzt hunderte Leserreaktionen durchsehen kann, als Feedback für ihn. Von der Buchbranche werden die Kommentare durchaus auch als Trendanzeige betrachtet.

Die kleine weiße ­Espressotasse

„Passou“ geriert sich auch als Statthalter des Kaffeehauswesens. Über seinem Blog prangt als Blickfang ein Porträtbild, das ihn dabei zeigt, wie er sich den Inhalt einer Espressotasse in den Mund schüttet. Diese kleine weiße Tasse steht für die Kaffeehauskultur, für Paris, für das Nicht-Provinzielle, für Jean-Paul Sartre im Café de Flore. Der Zuspruch, den die Bücherrepublik findet, hat auch darin seinen Grund. Ein Großteil des kulturellen Lebens in Frankreich fand und findet in Konversationen statt, in Bistros und Kaffeehäusern, weniger in den Kulturteilen der Zeitungen, die deshalb mit den deutschen Feuilletons nicht vergleichbar sind. Die mündliche Sprach- und Denkmalpflege hat sich nun eben ins Internet verlagert und wird dort, zum Beispiel in den Kommentaren eines Literaturblogs, verschriftlicht.

Außerdem ist das Verhältnis zur literarischen Tradition in Frankreich ein anderes. In den Taschenbuchabteilungen der Buchhandlungen sind die Klassiker deutlich in der Überzahl. Die klassischen Autoren sind populärer, der Abstand zu ihnen ist geringer als in Deutschland. Man vergleiche deutsche Wieland- und Goethe-Leser mit Voltaire- und Hugo-Lesern in Frankreich. Von Balzac, Zola und Maupassant ganz zu schweigen, die deutlich besser abschneiden dürften als etwa Fontane.

Assouline positioniert sich als ein Vertreter der großen Tradition, und veranstaltet vor diesem Hintergrund sein etwas boulevardeskes Programm, und zwar mit sehr gutem Gewissen. Im Abgleich damit kann er aktuelle Autoren und Debatten in Ruhe kritisch verarbeiten. Die Enfants terribles der französischen Gegenwartsliteratur, allen voran Michel Houellebecq und Christine Angot, werden gerade deswegen gelesen und diskutiert, weil sie sich als „Literatur gegen die Literatur“ vorstellen.

Neben der französischen schreibt er bevorzugt über die englische, spanische und die deutsche Literatur. Sein Interesse für letztere setzt allerdings zeitlich mit den Autoren der Gruppe 47 aus. Meldungen und Neuerscheinungen zu Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Peter Handke und Günter Grass beobachtet er dennoch genau. Und wenn es um Skandale geht wie die Verweigerung des Heinepreises für Handke oder Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS, findet er eifrige Diskutanten. In diesen Fällen dürfte die französischsprachige Debatte die deutschsprachige zumindest quantitativ deutlich hinter sich gelassen haben. Am sichersten ist ihm die Kommentarflut aber, wenn es um Autoren geht, die zwischen Umstrittenheit und literarischer Brillanz oszillieren: Ernst Jünger zum Beispiel, Ernst von Salomon oder halbwegs vergleichbare französische Autoren wie Louis-Ferdinand Céline und zuletzt natürlich Jonathan Littell.

Die genannten Schriftsteller waren und sind auch Gegenstand der deutschen Feuilletons. In der deutschsprachigen Blogosphäre mit ihrer Überzahl an Medien- und Medienwatchblogs haben sie es ungleich schwerer. Literatur wird hier vor allem verhandelt, wenn es um griffige Skandale geht wie im Fall Hegemann. Am Ende ist es aber vielleicht gar nicht so schlimm, dass es keinen deutschen Pierre Assouline gibt. Bei dem hier beschriebenen Mischwesen kriegte man es ja ziemlich mit der Angst zu tun.

Kommentare (3)

Gregor Keuschnig 11.06.2010 | 19:02

Schöner Beitrag über ein erstaunliches Phänomen. Wie schon ausgeführt wird, ist das Verhältnis in Frankreich zur Literatur ein anderes als beispielsweise in Deutschland. Hieraus vermag sich das große Echo erklären. Hinzu kommt, dass er mit seiner Verbreitung über Le Monde sozusagen institutionalisiert ist.

Die Literaturportale in Deutschland (die mehrheitlich keine Blogs sind) werden von den Mainstreammedien nicht einmal ignoriert. Auch Verlage greifen lieber auf Erwähnungen in drittklassigen Tageszeitungen zurück, wenn es um Referenzen für ihre Bücher geht. Blogs und Onlinemagazine sind für das deutsche Feuilleton nicht satisfaktionsfähig. Vielleicht, wenn sie von entsprechenden, mit "ihren" Formalqualifikationen ausgestatten Personen betrieben würden.

Ob Assouline mit Reich-Ranicki vergleichbar ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aus einem anderen Grund erscheint mit der Titel gewagt: Reich-Ranicki hätte sich niemals der direkten Kritik der Leser gestellt. Das Selbstverständnis des deutschen Feuilletonismus ist die Entbehrlichkeit des Diskurses mit dem Leser, was das eigene Produkt angeht. Höchstens Affirmation ist hier gestattet. Da es genug Beispiele für die Berechtigung dieser Arroganz gibt, wird sie auch für den "seriösen" Leser praktiziert.