Stefan Hentz
12.02.2013 | 00:30

Der Schrei singt seine Lieder

Musik Wayne Shorters neues Album "Without a Net", lässt sich auf der Suche nach dem wahren Ton, wieder ganz auf das gestern ein

Vier Töne vom Klavier, im unteren Register grummelnd, der Bass folgt, und schließlich steigt Wayne Shorter selbst ein: Orbits, eine Shorter-Komposition von 1967, geschrieben für das Miles Davis Quintett und lange nicht gehört, bildet den Auftakt zu Without a Net, seinem neuen Album.

Während Danilo Pérez am Klavier und der Bassist John Patitucci nur das zentrale Themenmotiv halten, durchschreitet Shorter mit ein paar eckigen Linien auf dem Sopransaxofon den tonalen Raum, vermisst seine Höhen und Tiefen, bevor er selbst in das Thema einschwenkt und die Handbremse löst. Orbits – nach all den Jahren, in denen der Saxofonist der Vergangenheit den Rücken gekehrt zu haben schien und seine Konzerte immer stärker wie Meditationen über die Suche nach dem wahren, echten, reinen Ton wirkten, lässt Shorter sich wieder auf gestern ein.

Warum nicht, scheint er zu fragen und hüpft in der Komposition S.S. Golden Mean einige Minuten später auf einem Zitat aus Dizzy Gillespies gut gelauntem Latin-Klassiker Manteca herum.

Gut gelaunt blättert auch Wayne Shorter bei seiner Rückkehr nach 40 Jahren zum Label Blue Note in Erinnerungen. Acht Konzerte der Europatour aus dem vorvergangenen Jahr und eine Originalkomposition, die sein Quartett mit dem Sound des Streichquartetts Imani Winds konfrontiert, lieferten das Material, mit dem Shorter demonstriert, dass es in seiner Musik keine Konventionen gibt

Alles scheint möglich. Von der Bitternis seiner Annäherung ans Verstummen, die in den letzten Jahren einen Teil seiner Zuhörer auf die Probe gestellt hatte (während ihm der andere Teil zu Füßen lag), über lässig herbeizitierte Melodieblüten bis zu augenzwinkernden Blicken in die Schubladen der eigenen Vergangenheit, von lyrischer Entrückung über genau konstruierte Klangarchitekturen bis zum entfesselten Powerplay, mit dem ganze Konzertsäle in Schwingung versetzt werden. Shorter ist einer der großen Solitäre des Jazz.

Eigensinnig war Wayne Shorter schon immer. Als Kind entwarf er Universen aus Comicfiguren, als Jugendlicher kleidete er sich so knallscharf, dass es eine Ansage war. Später bescherte er seinen Bandleadern Kompositionen, die das Einfache mit dem Komplexen verbanden. Ein Mann für den Jazz-Olymp, der sich abrupt drehte und eine elektrische Groovemusik entwickelte, die das solistische Moment des Jazz in eine Form der Gruppenimprovisation überführte. „Keiner spielt Solo, alle spielen Solo“ – lautete das inoffizielle Motto der Fusion-Band Weather Report, das er seit der Gründung seines Quartetts vor einem guten Jahrzehnt in das Reich der akustischen Instrumente übertrug.

Seitdem arbeitet er daran, den Jazz von innen zu verwandeln: Wo die Routinen des Genres einen Hintergrund für die solistischen Egotrips abgeben, die sich anschließend gut vermarkten lassen, geht es ihm darum, das Individuum wieder in die Gemeinschaft einzubinden. In diesem Kurzschluss von Gegenwart und Ursprung des Jazz bringt er seine Musik zum Glänzen, die kollektive Energie verwandelt die Zartheit der individuellen Stimmen in Energie, in der Gemeinsamkeit des Schreis singt jeder einzelne seine schönsten Lieder. Die Konsequenz, mit der sich Wayne Shorter der Idee des gemeinsamen Aushandelns verschreibt, unterstreicht die Größe des Saxofonisten, der im August seinen 80. Geburtstag feiert.