Oliver Tepel
28.01.2013 | 17:00 1

Der Staat als Kunstsammler

Ausstellung Die Bundesrepublik Deutschland kauft und verleiht seit 1971 Kunst. Was sind das für Werke, und ist eine politische Handschrift erkennbar?

Der Staat als Kunstsammler

Politische Auseinandersetzungen oder Pose? "Brandt/Guillaume" von Thomas Kilpper

Foto: Courtesy Galerie Christian Nagel, Berlin/Köln und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)/ VG Bld-Kunst

Eine Kaskade farbigen Stoffs begrüßt den Besucher. Michael Beutlers Carpet (2009) ist ein überdimensionierter Vorleger aus gerollten Flicken und so schmückend wie verwirrend in seinem Ausmaß. Eine Provokation der Sinne, quasi von Staats wegen, der hier seine Neuerwerbungen der Jahre 2007 bis 2011 zeigt. Nur hier heißt die Schau in der Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, man kann sie noch bis zum 14. April sehen.

Gesammelt wird seit über 40 Jahren, das Projekt ist eine der letzten Gesten der Bonner Republik, wie sie sich verstand, als Willy Brandt Kanzler war. Weltoffen, nicht zentralistisch, statt Prunk ein ebenerdiger Bundestag wider zu hohe Hierarchien. 1970 genügte ein einfacher Brief des Künstlers Georg Meistermann an den Kanzler, in dem der damalige Vorsitzende des Deutschen Künstlerbundes vorschlug, eine Sammlung aktueller Kunst ab 1949 zu initiieren. Teams aus Fachleuten, auf Zeit bestimmt, sollten die Auswahl treffen. Bereits ein Jahr später begann die erste Kommission aus fünf Museumsdirektoren mit ihrer Auswahl, bald fanden sich in ihr auch Künstler, Kritiker und Kuratoren. Heute beruft der Beauftragte für Kultur und Medien die ehrenamtlichen Mitglieder. Als Kulturstaatsminister Michael Naumann im Jahr 2000 die Vertreterin einer Art-Consulting-Firma hinzufügen wollte, trat die Kommission geschlossen zurück. Bislang der einzige Eklat.

Statt ein museales Gebäude zu füllen, sammelte man zunächst für die Wände von Ministerien und Botschaften, als „Darstellung eines neuen Geistes, wie er dem Selbstverständnis der Demokratie entsprechen sollte“, so Meistermann in seinem Brief. Nicht zuletzt wollte er, dass Politiker und Diplomaten sich stärker „mit jener Kunst identifizieren, die unsere Welt und unser Leben widerspiegelt“. Das gelang nicht immer. 1984 ließ Helmut Kohl Meistermanns Brandt-Porträt aus der Galerie im Kanzleramt entfernen – zu abstrakt. Dennoch wurde sein Projekt ein Erfolg, statt einen musealen Raum zu füllen, verleiht die Sammlung ihre erworbenen Arbeiten weltweit an Ausstellungsprojekte oder als dauerhafte Gabe. Dies erklärt auch den Titel der aktuellen Präsentation, denn in diesem Zusammenhang erblickt man die Neuerwerbungen eben Nur hier.

Frei vom Markt

Meistermanns Ansinnen wuchs bereits während der ersten zehn Jahre zu einer Sammlung an, die versucht, das Schaffen in der BRD lebender Künstler zu repräsentieren. Längst spricht man von „Lücken“, einige sind, ob des begrenzten Jahresetats von knapp 400.000 Euro, kaum mehr zu füllen. So stehen die Kommissionen unter dem Druck, recht junge Künstler im Hinblick auf ihre zukünftige Bedeutung auszuwählen. Das gelang ihnen nicht immer. Viele jener weltberühmt gewordenen jungen Maler der Achtziger wurden erst ab 1998 angekauft. Während über lange Zeit die Kommissionen fast jährlich wechselten, gab es seit 2000 nur derer drei. Doch gerade sie wagten zeitnahe Überblicke. Zugleich komplettierten sie die Sammlung zeitgenössischer Künstler – die aktuelle Kommission etwa mit dem Ankauf einer Arbeit der so stillen wie einflussreichen Jutta Koether, oder auch der Entdeckung einer älteren, zugleich aktuell wirkenden Arbeit wie Ludwig Gosewitzs A-E-I-O-U aus dem Jahr 1963. „Es geht darum, ein Spiegel des Schaffens und des allgemeinen Kunstdiskurses zu erhalten, frei und unabhängig vom Markt“, definiert Ausstellungsleiterin Susanne Kleine die Aufgabe der Sammlung. Unabhängig vom Markt? Natürlich sind die gezeigten Werke samt und sonders auch Teil des Kunstmarkts, aber inmitten der präsentierten Vielheit aus Farben, Formen, Ansinnen und Anlässen erscheint gerade heute aufs Neue die Sinnfrage.

Was vermag Kunst? Sie kann ihr Wesen ändern, schreibt Markus Gabriel im Katalog zur Ausstellung. Das ist auch ein Problem. Indem sie sich beharrlich wandelte, hat sie längst all ihre scheinbaren Bestimmungen sabotiert. Dennoch kehrt die Sinnfrage zurück, da die vergangenen Jahre, neben der Kunstmarktflaute von 2009, von einer verwirrenden Disparität gekennzeichnet sind. Alte Zuordnungen und Bewertungen gerieten in Bewegung, zugleich schien die Kunst in ihrer Vielfalt zu verstummen. Thomas Lochers Siebdruck Politics of communication aus dem Jahr 2000 wirkt da wie ein stilles Echo der offensiv politischen Konzeptkunst der Neunziger. Doch die neben Abbildungen von Büroschreibtischen eingefügten Sätze skizzieren sehr genau das kommunikative Problem: Welche Inhalte vermag Kunst mit ihren Mitteln zu transportieren? Harun Farockis Videoinstallation Ernste Spiele (2009 – 2010) beschreibt Ausbildung und Kriegserfahrung US-amerikanischer Soldaten anders als der TV-Beitrag eines politischen Magazins. Kunst entzieht sich den Kommentaren. Das bestätigen ungewollt die Wandtexte der Ausstellung. Ob Eva Berendes dem unterstellten „Augenzwinkern“ ihres eleganten schwarzen, von geometrischen Formen durchzogenen Paravents zustimmen würde, kann man bezweifeln.

Das Politische als Pose

Auch wenn Silke Otto-Knapps schwarz-weißes Aquarell Piano (2011) im Ton des belgischen Symbolismus eine an ihrem Instrument sinnierende Figur zeigt, fehlt darin jede Geste der Distanzierung. Die unlängst noch allbeherrschende Ironie verklingt, auch dies bezeugt die Auswahl. Für die Jahre 2007 bis 2011 steht eine Kunst, die sich den lauten Posen oder der Idee des politisch konnotierten Widerständigen entzieht.

Und dann steht man plötzlich in einem gleichseitigen Raum. An vier Wänden aufgereiht 100 Photos, jedes zeigt ein Menschenalter, beginnend mit einem Neugeborenen und endend mit einer 100-Jährigen. In der Mitte des Raums eine Vase mit Schnittblumen. Es macht Sinn, dass die Kuratoren ein Foto aus Hans-Peter Feldmanns 100 Jahre (1996 –  2000) als Plakat- und Katalog-Motiv wählten, diese Erzählung des Alters ist eine ebenso einfache wie eindringliche Mitteilung darüber, wie die Zeit verrinnt und was das Leben ist. Was immer folgende Generationen über die Sammlung denken, ob diese sie dann überhaupt interessiert oder ob sie sich abwenden wie wir von der akademischen Salonkunst des 19. Jahrhundert: Diese Arbeit gibt eine Ahnung davon, was Kunst kann. Insofern ist es gut, dass der Staat ein wenig sammelt.