Christoph Bannat
09.05.2013 | 01:00

Der vierte Beatle der Kunstszene

Ausstellung Manfred-Wer?-Kuttner: Endlich wird das Werk des großen Unbekannten neben Sigmar Polke und Gerhard Richter gewürdigt

Richter, Polke, Lueg und Kuttner. In den Sechzigern waren das die Beatles der deutschen Kunstszene. Die echten Beatles, und das macht eine geniale Band aus, waren mehr als nur die Summe ihrer Teile. Bei den deutschen „Fab Four“ liegt das anders. Diese erlangten erst als die Band zerfallen war internationalen Ruhm. Gerhard Richter und Sigmar Polke als Künstler. Konrad Fischer, ehemals Lueg, als Galerist. Manfred-Wer?-Kuttner ist das für die vier, was „Pete“ Best für die Beatles ist. Der war 1962, kurz vor deren Durchbruch, durch Ringo Starr ersetzt worden. Doch anders als dieser trug Kuttner nicht das Schicksalszeichen des Zufrühaussteigers mit sich herum.

Eine Ausstellung würdigt Manfred Kuttner jetzt. Dabei kommt Erstaunliches ans Licht. Manche munkeln schon, dass die Richter-Forschung umgeschrieben werden muss, da Fotos seiner von ihm vernichteten Arbeiten aufgetaucht sind. Doch es wäre falsch, Kuttner nur über den Erfolg seiner Kunstkumpel erklären zu wollen. Die Ausstellung gibt Einblick in die gemeinsame Zeit der vier, die sich Anfang der sechziger Jahre an der Düsseldorfer Kunsthochschule trafen. Kuttner kam, wie Richter und Polke, aus der DDR, Fischer aus Düsseldorf. Gerade in der deutschen Provinz waren die Ost-Flüchtlinge Neigschmeckte, rote Schmarotzer oder einfach nur Ausländer. Für sie sollte es keine Alternative zur Anpassung geben. Als Künstler setzt das Energien frei. Manfred Kuttner hatte bereits mit dem DDR-Staat Stress. 1960, kurz vor Mauerbau, machte er rüber. 1961 kam dann Richter aus Dresden nach Düsseldorf. Sie studierten bei Gerhard Hoehme und Karl-Otto Götz. Der deutsche Weg des abstakten Expressionismus war ausgetrampelt. Sie versuchten es auf dem analytisch verschwurbelten Pfad der informellen Kunst. Zeitgleich kamen Drippings, Minimal, Hard Edge und Pop Art über den medialen Highway aus Amerika rüber.

An Kuttners Arbeiten lässt sich gut ablesen, wie nach einer deutschen Lösung gesucht wurde. Während seine frühen Arbeiten noch der informellen Kunst, in gedeckten Tönen, verhaftet sind, explodieren 1962 plötzlich seine Farben. Die neuen Leuchtfarben der Firma Pelikan machten es möglich. Plötzlich gab es eine Entsprechung für die aufkommenden Gefühle neuer Freiheiten Anfang der Sechziger. Man kann dies aktuell auch in der US-Kultserie Mad Men sehen. Hängt beim Seniorchef Bert Cooper noch ein Rothko an der Wand, so ist es beim jüngeren Roger Sterling bereits ein Op-Art-Bild. Ging es zuvor um eine neue Innerlichkeit, geht es jetzt um optische Effekte.

Leuchtende Farben

Kuttner bemalt Stühle, Schreibmaschinen und abgezogene Federmatratzen mit Leuchtfarben. Er malt Gittermuster und Tupfenbilder. Dabei nutzt er komplementäre Farb- und Umkehreffekte. Und reizt die Augen mit perspektivisch verdrehten Rautenmustern irgendwo zwischen Vasarely und Bridget Riley. Nur anders als diese bleibt Kuttner immer schön schlampig. Lässt Drippings und Farbnasen stehen, verwackelt die Ränder und übermalt sichtbar seine Fehler. Was damals bestenfalls als neue Lässigkeit gefeiert wurde, hält die Bilder bis heute lebendig. Denn sie strahlen eine moderne Frische aus, als wären sie gestern gemalt. Einen zusätzlichen Anker in der Lebenswirklichkeit werfen seine Titel. Der Leuchtstuhl heißt: „Heiliger Stuhl“. Ein Punktbild „Tombola“. Ein Riffel-Feinripp-Frottagebild auf Zeitungspapier „Hemd“.

Sigmar Polke malt Südsee-Spießerträume in Form von Palmen und Flamingos. Gerhard Richter widmet sich den Schwarz-Weiß-Fotos der Massenmedien. Konrad Lueg malt Tapetenmuster, Boxer und Fußballer. Sie alle begeistern sich für Alltagsmythen. Nebenbei müssen sie jobben. Kuttner hilft beim Bau von Karnevalswagen. Im Rheinland ein lukrativer Job. Inzwischen ist er verheiratet und erwartet ein Kind. Da geht es los. Gerhard Richter bezeichnet die Gemeinschaft zwar als Notgemeinschaft – tatsächlich stehen die vier auf Fotos herum, als hätten sie sich gerade getrennt –, doch nach Not sehen die gemeinsamen Unternehmungen nicht aus.

Bilder im Schnee

Kuttner, Richter, Polke und Lueg wollten es einfach wissen. 1962 tingelten sie erstmals gemeinsam in die Provinz. Stellen in Fulda durch Vermittlung von Franz Erhard Walther in der Galerie für junge Kunst aus. Dann machten sie kurzerhand eine Spritztour zur Galerie Parnass nach Wuppertal, um ihre Arbeiten dort in den Vorgarten zu stellen. Das war am Vormittag. Nachmittags ging es dann in den Garten von Schloss Moisbach. Man sieht Kuttner, schwarz auf weiß dokumentiert, im Schnee inmitten seiner, an die Parkbäume gelehnten Bilder. Im Hintergrund die von Richter. Bilder, die heute nur von ausgesuchten Transportprofis in Thermokisten bewegt werden dürfen.

Es folgten legendäre Ausstellungen. Die Demonstrative Ausstellung in der Schaufenster-Galerie der Kaiserstraße 31 und die im Möbelhaus Berges, diesmal nur Richter und Lueg, in Düsseldorf. Hier zeigten sie ihre Arbeiten direkt im Schauraum und stellten sich gleich noch selbst mit aus. Das war 1963. Dann wurde der Begriff „Kapitalistischer Realismus“ für die Arbeiten der vier geprägt. Natürlich war das auch ein Verweis auf den Bitterfelder Weg der DDR. Selbst haben sich die vier sich nie so bezeichnet. Zur Kaiserstraßen-Ausstellung erschien dies lediglich als eine Setzung unter vielen anderen, versetzt mit einem Fragezeichen. Später erst wurde sie vom Berliner Galeristen Rene Block kultiviert und auch auf andere Künstler übertragen.

Gleichzeitig werden auch Zero-Künstler wie Heinz Mack, aber auch Günther Uecker auf Kuttner, seiner Leuchtfarben wegen, aufmerksam. Doch bereits 1964 steigt Manfred Kuttner aus, er malt nur noch sporadisch. Jetzt arbeitet er in der Werbeabteilung der Farbenfirma Wiederhold, sein zweites Kind ist unterwegs. Anfang 2000 entstehen noch einmal neo-geometrische Bilder. 2005 zeigt der Berliner Galerist Johann König wieder Kuttner. Jetzt begeistern sich junge Künstler wie Thomas Scheibitz und Anselm Reyle für ihn. 2007 stirbt Manfred Kuttner.

Zur Esslinger Ausstellung wurde das Kuttner-Archiv geöffnet. Es werden seltene, handcolorierte Super 8-Filme und Aktfotos eines mit Rauten bemalten Frauenkörpers von Kuttner gezeigt. Und es gibt einen Katalog mit einem Werkverzeichnis. Mit dieser Ausstellung wird dem vierten Beatle der deutschen Kunst ein würdiges Denkmal gesetzt.