Nils Markwardt
14.01.2013 | 13:00 11

Dialektik des Fortschritts

Arbeiterbewegung 150 Jahre Sozialdemokratie, und plötzlich reden alle von Chancengleichheit: Franz Walter und Stine Marg untersuchen, was aus der Idee der kollektiven Emanzipation wurde

Peer Steinbrück hat die mächtige Zahl bereits auf seiner Parteitagsrede beschworen. Im kommenden Frühjahr wird man sie noch öfter hören. Denn am 23. Mai 1863 hob Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) aus der Taufe 2013 feiert die deutsche Sozialdemokratie damit ihren 150. Geburtstag. Angesichts des anstehenden Bundestagswahlkampfs wird die SPD, die 1875 aus dem ADAV hervorging, dabei nicht mit dem nötigen Pathos geizen.

Indessen haben Franz Walter, Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung (und regelmäßiger Autor des Freitag), und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Stine Marg schon jetzt ein überaus lesenswertes Buch vorgelegt, das anlässlich dieses Jubiläums einen Rückblick auf eineinhalb Jahrhunderte Arbeiterbewegung wirft. Unter dem etwas sperrigen Titel Von der Emanzipation zur Meritokratie versammeln die beiden Autoren eine Reihe pointierter Betrachtungen zur Geschichte von Arbeiterbewegung, Linksintellektuellen und sozialer Demokratie, die gleichermaßen würdigend wie kritisch mit den Genossen zu Gericht sitzen.

Der 160 Seiten schmale Band kann zwar notwendigerweise nur einige Fragmente der sozialdemokratischen Biografie kolorieren, spannt dabei aber dennoch ein weites Themenfeld auf, das von den erfolglosen Anfängen des ADAV über die Massendemonstrationen der Weimarer Republik bis zum „neoliberal turn“ der Agenda 2010 reicht. Die Klammer ist der große sozialdemokratische Paradigmenwechsel: die Ablösung kollektiver Emanzipationskämpfe zugunsten eines meritokratischen Individualismus. Anders gesagt: der Weg vom demokratischen Sozialismus zum Mantra der „Chancengleichheit“.

Überhaupt erlaubt der Blick auf die sozialdemokratischen Anfänge interessante Brückenschläge zur Gegenwart. Das Unbehagen der Basis etwa gegenüber dem eigenen Spitzenpersonal, das unlängst der Vortragsreisende Peer Steinbrück zu spüren bekam, besitzt eine alte Tradition. Bereits Ferdinand Lassalle brillierte zwar durch Intellekt, Charisma und rhetorische Finesse, sein flamboyanter Lebensstil sorgte aber gleichzeitig für Unmut unter den Genossen. Der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, der als Rentier, Dandy und Playboy derart salonsozialistisch sozialisiert war, dass ihn schon der bloße Händedruck eines Arbeiters anekelte, zeigte nicht nur ob seines großbürgerlichen Habitus, sondern auch aufgrund seines nahezu diktatorischen Führungsstils nur wenig Nähe zum Wahlvolk. Auf Lassalle folgten mit Eduard Bernstein, Rudolf Hilferding, Hermann Heller oder Siegfried Marck mehrere Führungsfiguren, die nicht nur wegen ihrer jüdisch-bürgerlichen Herkunft eine biografische Distanz zur proletarischen und meist (ex-)protestantischen Anhängerschaft besaßen. Bei vielen kam noch der Hang zum Intellektualismus hinzu. Spitzenfunktionäre wie Bernstein, die sich eigentlich nach einer akademischen Schreibtischexistenz sehnten und ihre Vorbehalte gegenüber der proletarischen Lebenswirklichkeit nie verbergen konnten, waren seinerzeit eher die Regel als die Ausnahme.

Sozialhygiene ante Sarrazin

Und auch die Debatte um die eugenischen Einlassungen Thilo Sarrazins versehen Walter und Marg mit einer wichtigen historischen Fußnote, wenn sie in Erinnerung rufen, dass eine sozialdemokratisch gewendete Sozialhygiene keineswegs neu ist. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keimte unter dem Stichwort des social engineering vergleichbares Gedankengut. Exemplarisch zeigt sich das am schwedischen Forscher-Ehepaar Alva und Gunnar Myrdal. Den beiden Sozialwissenschaftlern, die nicht nur großen Einfluss auf die europäische Sozialdemokratie besaßen, sondern auch je einen Nobelpreis erhielten – er 1974 für Wirtschaftswissenschaften, sie 1984 für ihr Engagement für den Frieden – , schwebte in den dreißiger und vierziger Jahren eine Art biopolitische Planwirtschaft vor. Die Myrdals träumten von einer radikal durchrationalisierten Gesellschaft, in der eine konsequent angewandte Selektion den neuen sozialistischen Menschen erschaffen sollte. Der „soziale Abfall“, also jener undisziplinierte Teil der Arbeiterschaft, den schon Marx abschätzig als „Lumpenproletariat“ bezeichnet hatte, sollte deshalb zur Sterilisierung gezwungen werden. Zudem lehnten sie die Einwanderung von Migranten ab, mit der Begründung, es handele sich „im Vergleich zu schwedischen Arbeitern um minderwertiges Volksmaterial“. Jahrzehnte zuvor kursierten ähnliche Ideen bereits in sozialdemokratischen Ärzteverbänden. Führende Funktionäre wie Julian Marcuse, Alfred Grotjahn oder Gustav Emil Boeters fühlten sich ebenfalls eugenischer Volkskörperpflege verpflichtet, die im Gewand des Fortschrittsdenkens die Sterilisation von Blinden und „Blödsinnigen“ forderte. Dementsprechend durfte Thilo Sarrazin, so das Fazit der Autoren, „sich bei seinen Provokationen im Jahr 2010 nicht ohne Recht auf klassisch sozialdemokratische Traditionen berufen.“

Doch Walters und Margs Buch überzeugt nicht nur durch diese aufschlussreichen Seitenblicke. In scharfen Zügen zeichnen sie auch den Transformationsprozess der sozialdemokratischen Leitidee nach. Dabei ist den Autoren vor allem zu danken, dass sie dem hierzulande unbekannten Text Rise of the Meritocracy des Soziologen und kritischen Labour-Politikers Michael Young zu seinem Recht verhelfen. Mit seiner fiktiv-satirischen Gesellschaftsstudie aus dem Jahr 1958 erweist sich Young als bemerkenswerter Prophet. Aus der Perspektive des Jahres 2033 schildert der Ich-Erzähler zunächst die Erosion der alten englischen Klassengesellschaft. Unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit forciert die Labour-Partei Bildungsoffensiven innerhalb der Arbeiterschaft und sorgt so für massenhaften sozialen Aufstieg. Nun zählen nicht mehr vererbte Privilegien, sondern allein die individuelle Leistung. „Doch der Sieg von Labour“, so Young, „war zugleich der Anfang vom Ende.“ Denn jetzt ergeben sich neue, noch größere Probleme. Die vormals aristokratischen Klassengrenzen werden durch meritokratische ersetzt; die soziale Kluft wächst mehr denn je. Mit dem Verweis auf ihre Mehr-Leistung sichert sich eine kleine Elite von Top-Achievern Pfründe und Sonderrechte. Die Ungleichheit erscheint so stark wie früher. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es in der postideologischen Leistungsgesellschaft keine Opposition mehr gibt. „Denn zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte“, heißt es sarkastisch bei Young, „hatte das unterwertige Individuum keine Möglichkeit, für seine Verhältnisse jemand anders verantwortlich zu machen.“

Cherchez la Femme

Die Parallele der Young’schen Fabel zum historischen Schicksal der Arbeiterbewegung liegt auf der Hand. Denn freilich ist die Geschichte der Sozialdemokratie zunächst eine Geschichte großer Erfolge. Allein die Brandt’schen Bildungsreformen entfesselten in den Siebzigern ungeahnte Aufstiegsdynamiken. Doch beginnt in dieser Zeit eben auch jene, wie Walter und Marg schreiben, „Dialektik des Verzehrs durch Fortschritt“, die Young überspitzt illustriert. Die alten Arbeitermilieus differenzieren sich zusehends aus, die Solidarität schwindet. Die Aufsteiger beginnen sich nun nach unten abzugrenzen, sodass eine neue – nun vermeintlich selbst verschuldete – Unterschicht entsteht. Die SPD verschreibt sich indes einer „Mitte-Meritokratie“ und propagiert statt kollektiver Emanzipation die Idee der „Chancengleichheit“. So lautet die sozialdemokratische Antwort auf die Sozialstaatskrise schließlich Hartz IV.

Michael Youngs Essay nimmt indes noch eine überraschende Wendung. Des „meritokratischen Totalitarismus“ überdrüssig, gehen junge, gebildete Frauen auf die Barrikaden. Unterstützt von Dienstboten und alten Greisen wachsen die Proteste zur Sozialrebellion, die eine Kultur der Egalität einfordert. Aus der Perspektive von Youngs Essay sollte es Peer Steinbrück vielleicht eine doppelte Warnung sein, dass er in aktuellen Wahlumfragen besonders schlecht bei jungen Frauen abschneidet.

Kommentare (11)

Sizwe 14.01.2013 | 15:57

Dank für diese Rezension. Auch für der Hinweis auf den prophetischen Text von Micheal Young, den ich bislang nicht kannte.

In Südafrika, wo ich derzeit lebe, sehe ich viele Parallelen  zum  regierenden ANC, der offenbar auf ebendiesen Pfaden der "Meritokratie" wandelt.

Doch hier handeln die "unterwertigen Individuen" gemeinsam. Die aktuellen heftigen, robusten Streikaktionen der Farmarbeiter  in der Provinz Western Cape sprechen dazu eine deutliche Sprache.

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 19:04

Interessanter Beitrag mit einem fehlerhaften Schluß:

Steinbrück verkörpert nicht die Meritokratie der Sozialdemokratie.
Deswegen kann er, im Unterschied zu Schröder, bei jungen Frauen nicht punkten.

Denn die sind im meritokratisch geprägten Gleichstellungs - und Genderdiskurs aufgewachsen und darin befangen.
Steinbrücks Erfolge erscheinen denen unverdient, die von Merkel schon. Deswegen ist er kein Frauenschwarm.

Hans Springstein 15.01.2013 | 10:11

Da der Rezension nach anscheinend in dem Buch nichts zur Rolle der Sozialdemokratie in den revolutionären Zeiten 1918/19 sgeschrieben wurde, was aber ein wichtiger Punkt in der Frage ist, was aus der Idee der kollektiven Emanzipation wurde in 150 Jahren Sozialdemokratie, sei an dieser Stelle auf das weiterhin hochinformative Buch "Die deutsche Revolution 1918/19" von Sebastian Haffner hingewiesen. In einer anderen Ausgabe aus dem Verlag 1900 wurde es mit dem passenden Titel "Der Verrat" versehen, nachdem es in der Erstausgabe genauso passend den Titel "Die verratene Revolution" trug, da Haffner beschreibt, welche Rolle die führenden Köpfe der deutschen Sozialdemokratie spielten. Ich bin gespannt, welche Rolle dieser Punkt in dem ganzen Jubiläumstheater um 150 Jahre deutsche Sozialdemokratie spielen wird. Zumindest wurde er schon mal an dieser Stelle ausgespart.

fahrwax 15.01.2013 | 10:21

Schön, die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ist eine vom Verrat und der ständig erneuerten Herausbildung einer Funktionärskaste, die den größten Wert auf "die Bekämpfung ihrer persönlichen Armut" legt. In diesem Zusammenhang vorgetragene Absichten, gar Ideale sind der geschilderten Interessenlage des Führungspersonals regelmäßig untergeordnet. Steinbrück erfüllt keine neuartige Rolle, sondern ist nur das letzte Glied dieser Tradition. Erstaunlich ist eigentlich nur, das noch immer Teile der Mitgliederschaft und eine erbebliche  Wählerzahl den werbetechnischen Parolen Glauben schenken.