Christoph Hein
06.05.2009 | 19:20 20

Die Freiheit, die ich meine

Absage Ausgegrenzt zu werden, ist der Kunst förderlich - und dem Rückgrat: Warum Christoph Hein dem Verfassungsjubiläum fern bleibt - ein offener Brief an die Bundesregierung

Sehr geehrter Herr Dr. Thomas Steg,

Sie teilten mir mit, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier mich bitten, am Programm zum 60. Jahrestag der Verkündung und des In-Kraft-Tretens des Grundgesetzes mitzuwirken.

Ich danke für die Einladung, ich kann ihr jedoch nicht Folge leisten.

Vor wenigen Tagen wurde im Berliner Gropius-Bau die Ausstellung 60 Jahre, 60 Werke eröffnet, eine repräsentativ gedachte Präsentation der Arbeiten von Malern und Bildhauern Deutschlands zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes.

In der Ausstellung fehlen die Arbeiten der ostdeutschen Maler und Bildhauer, die in den Jahren von 1949 bis 1990 entstanden. Diese Besonderheit wäre mir erklärlich, wenn es nur eine Ausstellung der bundesdeutschen Künstler sein sollte, also der westdeutschen, und daher all jene Künstler ausgeschlossen bleiben, die in jenen Jahren einen anderen Pass besaßen.

Jedoch dem Katalog ist zu entnehmen, dass es eine gesamtdeutsche Ausstellung sein soll, eine Hommage an den ersten Satz von Artikel 5,3 des Grundgesetzes, wonach die Kunst frei sei. Und die ostdeutschen Künstler wurden nur darum ausgeschlossen, da sie in einer Diktatur lebten und arbeiteten. In einer Diktatur, heißt es, könne freie Kunst nicht entstehen.

In einer Diktatur ist sehr viel verboten und sehr viel nicht möglich, da haben die Ausstellungsmacher Recht. Aber von der Kunst scheinen sie recht wenig zu wissen und nichts zu verstehen. Kunst ist nämlich ein sehr eigenartiges Gewächs, das seine erstaunlichsten, wundervollsten Blüten und Früchte aus einem harten Boden hervorbringt. Die Ausstellungsmacher müssen in ihrer Ausbildung nichts von den letzten 4.000 Jahre gehört und gesehen haben. Wenn wir nach ihrem Verdikt die Kunst beurteilen, sichten und bewahren wollten, müssten wir mehr als 95 Prozent der Kunstwerke der letzten Jahrtausende löschen.

Gewiss, die Künstler der DDR waren angehalten, staatlichen Vorgaben zu folgen. Aber sie konnten sich dem auch widersetzen, und viele von ihnen, die wirklichen Künstler, taten es auch. Das hatte dann seinen Preis, es kostete viel und einige meiner wunderbarsten Kollegen und Freunde hatten ihn zu bezahlen.

Man konnte der Anpassung entgehen, wenn man den Mut dazu aufbrachte. Man musste nicht in die staatlichen Kinder- und Jugendorganisationen gehen, man musste nicht in die FDJ eintreten, man hatte dann aber hinzunehmen, von der Oberschule verwiesen oder zu dem erwünschten Studium nicht zugelassen zu werden. Anpassung wurde belohnt, Unabhängigkeit und Freiheit bestraft, das ist wahr. Wer dagegen in die FDJ eintrat, den Staat hochleben ließ, der durfte studieren, was er wollte. Und wer später auch noch in die Partei eintrat und brav blieb, der konnte es unter Umständen weit bringen, bis zum Staatsratsvorsitzenden beispielsweise. All das ist wahr.

Aber wenn Sie Bilder zu sehen wünschen, die „eine Hommage an die Freiheit der Kunst sind“, die wirklich staatsfern sind, deren Maler für ihre Überzeugung, dass die Kunst frei zu sein habe, tatsächlich lebten, litten und kämpften, dann könnte ich Ihnen ein paar Bilder und Skulpturen zeigen, die wirklich für diese Freiheit stehen, weil diese Künstler sich die Freiheit täglich neu erobern mussten. Es sind freilich ostdeutsche Künstler.

Seltsamerweise findet sich – trotz der heroisch-freiheitlichen Ausgrenzung aller Zonenkunst – in der Ausstellung ein Gemälde, das 1988/89 entstanden ist und zwar in der DDR. Haben die werten Kunstrichter da etwas übersehen oder kam ihnen da etwas so sehr zupass, dass sie sich geschmeidig genug erwiesen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Ein anderes bedeutendes Gemälde stammt aus den neunziger Jahren. Dieses jedoch ist eine Replik. Der Maler nahm ein für ihn gewichtiges Thema wieder auf und variierte. Das originale Bild entstand Jahrzehnte zuvor. Jeder Kustos von Verstand hätte sich darum bemüht, das ursprüngliche Gemälde präsentieren zu können, aber das Original war in der falschen Zeit und am falschen Ort entstanden, also zog man die schöne Nachbildung dem schönen Original vor.

Und ganz absonderlich: das älteste Gemälde stammt aus dem Jahr 1944. Ich wage nicht meinen Gedanken zu folgen, was die Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher bewog, dieses Gemälde in ihre Ausstellung zu hängen. Denn das Jahr 1944 hat sich durch sein Verständnis und seine Praxis von deutscher Freiheit und Demokratie der Welt vermutlich für Jahrhunderte eingebrannt.

Die Bilder und Grafiken, die Skulpturen und Installationen, die in der Zeit der DDR und im Herrschaftsbereich dieses untergegangenen Staates entstanden, sollen nach dem Wunsch des Kurators der Ausstellung wie „ein hässlicher Regentropfen der Geschichte rasch verdunsten“.

Was für eine Sprache! Ich will sie keineswegs mit der Sprache jener anderen Richter gleichsetzen, die einst eine „entartete Kunst und entartete Künstler“ zu vernichten suchten. Oder die eine „volksfeindliche“ Kunst verboten und dazu aufriefen, „volksfeindliche Künstler wie tolle Hunde zu erschießen“.

Nein, hier haben wir durchaus eine andere Sprache, sehr viel zurückhaltender, geradezu taktvoll. Aber die Haltung dieser Kunstrichter ist die gleiche, der Wunsch und das Ziel, sie sind deckungsgleich: ausmerzen, ausradieren, verdunsten.

Der heiße und der kalte Krieg unterschieden sich in vielem, aber die Krieger dieser beiden Kriege ähneln sich doch erstaunlich. Als Heinrich Heine, von seinem Herz und seiner Sehnsucht gedrängt, nach Deutschland zurückkehren wollte, ermahnte ihn sein Verstand und gab ihm zu bedenken:

Zwar beendigt ist der Krieg,

Doch die Kriegsgerichte blieben,

Und es heißt, du habest einst

Viel Erschießliches geschrieben

All diese Merkwürdigkeiten einer kriegsgerichtlichen Kunstbetrachtung wären kaum der Rede wert, wenn diese Ausstellung lediglich die ideologische Marotte eines Kustos abbilden würde, aber es ist die repräsentative Ausstellung der Bundesregierung, von der Kanzlerin und den Ministern gefördert und gerühmt. Ich muss daher die Einladung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ausschlagen.

Ich gehöre zu den Ausgegrenzten, dort war, dort ist mein Platz. Ich gehöre zu meinen verehrten Freunden, zu Gerhard Altenbourg, zu Albert Ebert, zu Manfred Butzmann, zu Hermann Glöckner, zu Bernhard Heisig, zu Hermann Naumann, zu Nuria Quevedo, zu Werner Stötzer, zu Dieter Tucholke, um einige wenige Namen beispielhaft zu nennen. Ich gehöre zu ihnen und nicht zu den Ausgrenzern. Ausgegrenzt zu werden, ist durchaus misslich, aber dem Rückgrat und der Kunst förderlich. Und ich bin darin geübt, denn ausgegrenzt wurde ich schon, bevor ich in die Schule kam. Und das blieb dann so, und soll wohl auch weiterhin so bleiben.

Die Einladung war ein Missverständnis. Man kann und muss nicht jedes Missverständnis in dieser Welt aufklären, aber wenn man sich dadurch beschmutzt fühlt, ist eine Klärung angebracht.

Mit den besten Wünschen

Christoph Hein

Kommentare (20)

pkaras 07.05.2009 | 13:16

Es erinnert mich an die Handlungweise der DDR, wie diese mit nicht systemkonformen Künstlern umging. Nicht, dass die jetzige BRD DDR-Kunst verbietet, sie aber nicht als vollwertig betrachtet, weil nicht auf dem Boden der Freiheit entstanden, auf dem nur richtige Kunst entstehen kann. Und das hat von beiden damaligen deutschen Staaten nur die damalige BRD gewährleisten können.
Was ist dann eigentlich mit Goya? Ist das dann auch Kunst 2.Klasse?
Bei dieser Ausstellung geht es nicht um Kunst. Es geht darum, dass Staat sich einen, von ihnen ausgesuchten, Teil der Moderne aneignet, um der Öffentlichkeit eine Identifikastionsfläche zu bieten. Eine Imagekampagne.
Aber was ist das für ein Umgang mit Kunst? Und vor allem, warum lassen sich Künstler wie Lüpertz vor den Karren einer Politik spannen, die auch ihre beträchtlichen Negativfelder hat? Warum so unkritisch mit der Geschichte der BRD? Man prostet den spiessig, bornierten, unfehlbaren Kuratoren und Verantwortlichen für ihre Auslese zu. So ähnlich stelle ich mir das auch für die ehemalige DDR vor.
In einem Artikel im Tagesspiegel habe ich folgenden Satz aufgeschappt: Kunst hat recht wenig mit Freiheit zu tun.

Peter Weismann 08.05.2009 | 02:57

Lieber Christoph Hein, ich bewundere die Unaufgeregtheit Ihres Kommentars. Das hat den Vorteil, dass ich mich als Leser umso mehr aufrege mit der allerdings völlig unbegründeten Hoffnung, dass sich die Kuratoren und Veranstalter der Ausstellung wenigstens ein bisschen schämen ob ihrer arroganten Dummheit. Die Finanzkrise ist offensichtlich von diesen Herr- und Frauschaften noch nicht als ihre Denkkrise erkannt worden. Kommt vielleicht noch...
peter weismann

Magda 09.05.2009 | 19:02

Das ist wahr. Aber sowohl die Ausgrenzung der Frauen, als auch die Ausgrenzung von Künstlern, die in der DDR tätig waren, zeigen: Alle Macht, die mit Dominanz und hierarchischer Ordnung einhergeht, lebt von Grenzen. Auch wenn das nicht als Unrechtsregime daherkommt, sondern als demokratischer Rechtsstaat.

Auch hier geht es immer wieder nur um eines: Sich abgrenzen. Die DDR mit ihrem Grenzregime, die bürgerliche Gesellschaft mit ihren teils sichtbar teils unsichtbar gezogenen Grenzen der Borniertheit, des Dünkels und des Geldes. Die patriarchale Tradition bewahrt Grenzen bis heute, Frauen werden gar nicht wahrgenommen.

Ich finde es klasse, dass Christoph Hein sich so deutlich artikuliert hat. Es liegen Hochmut, Arroganz und billiger Triumphalismus in der Luft. Kleinlichstes Machtgespreize verdirbt das Klima im Lande und schafft ein Oben und ein Unten. Es ist fürchterlich. Feiertägliches Nachtreten.

I.D.A. Liszt 09.05.2009 | 19:49

Lieber Christoph Hein,

Ihr offener Brief ist eine ganz wunderbare, längst überfällige, Kampfansage an die bräsige Überheblichkeit des politischen Westens gegenüber dem Osten. Ich rede hier vom System der Bonner Republik, dass sich dem ganzen Land übergestülpt hat.

Sie beweisen in der Tat das Rückgrat, von dem Sie in Ihrem offenen Brief sprechen. Sehen Sie das mal so: So bleiben Sie wenigstens in Übung! Wer weiß, wozu man noch einmal Rückgrat braucht.

Das Verhalten der politisch Verantwortlichen in dieser Frage des 60. Jahrestages der Verkündigung und des Inkrafttretens des Grundgesetzes ist unentschuldbar.
Doch es ist auch zwangsläufig, denn es ist das typische Verhalten von Repräsentanten einer Siegermacht über ein kolonisiertes Land. Die so genannte 'Wiedervereinigung' war eben nichts anderes als eine Annexion, werde der Vorgang schön geredet, wie er will (bzw. wie es die Verantwortlichen wollen).
Durch solches politische Handeln wird genau das bewiesen. Allenthalben soll uns suggeriert werden, dass der Osten immer schon nur durch den Westen existiert habe.

Andererseits könnte man auch annehmen, dass die verantwortlichen politischen Akteure betriebsblind sind. Die Führungskaste der DDR hat ja auch den 40. Jahrestag der Republikgründung mit Pomp begangen, als ihnen die gefeierte Republik schon unter den Füßen zu zerbröseln begonnen hatte. Warten wir also einmal ab, was dieses 60-jährige Jubiläum uns bringt. In unserer gemeinsamen Republik hört kann man nämlich auch schon ein bedenkliches Rieseln hören.

Und wenn das nächste politisch-historische Großereignis ansteht, das 20-jähige Jubiläum der Annexion - Entschuldigung: der Wiedervereinigung - halten Sie bitte auch dann Ihr Rückgrat aufrecht, lieber Christoph Hein, und lassen Sie sich nicht zur Staffage im zu erwartenden, allgemeinen Jubelzirkus missbrauchen.

Nos Nibor 10.05.2009 | 16:09

der Artikel von Christoph Hein und der Vorgang, um den es geht, erinnert mich in seiner Grundhaltung an etwas anderes:

Zitat Christoph Hein:

"...........Ich gehöre zu den Ausgegrenzten, dort war, dort ist mein Platz. Ich gehöre zu meinen verehrten Freunden, zu Gerhard Altenbourg, zu Albert Ebert, zu Manfred Butzmann, zu Hermann Glöckner, zu Bernhard Heisig, zu Hermann Naumann, zu Nuria Quevedo, zu Werner Stötzer, zu Dieter Tucholke, um einige wenige Namen beispielhaft zu nennen. Ich gehöre zu ihnen und nicht zu den Ausgrenzern. Ausgegrenzt zu werden, ist durchaus misslich, aber dem Rückgrat und der Kunst förderlich. Und ich bin darin geübt, denn ausgegrenzt wurde ich schon, bevor ich in die Schule kam. Und das blieb dann so, und soll wohl auch weiterhin so bleiben......"

BB über Oskar Maria Graf und seinen Aufruf anlässlich der Bücherverbrennung:

"........Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schreib er mit fliegender Feder, verbrennt mich!
Tut mir das nicht an! Lasst mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch:
Verbrennt mich!
BERTOLT BRECHT
(aus Svendborger Gedichte

eweinholz 10.05.2009 | 21:20

Zu Recht und mit plausiblen Argumenten kritisiert Christoph Hein die Entscheidung, in die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke“ keine zwischen 1949 und 1990 in der DDR entstandenen Arbeiten aufzunehmen. Grundlage dieses Ausschlusses ist die – bei Betrachtung der DDR immer wieder anzutreffende – irrtümliche Gleichsetzung von Staatswillen und Wirklichkeit. Wenn etwa Marcus Jauer in seiner Besprechung dieser Ausstellung schreibt, im Osten seien die Künstler angehalten gewesen, „in ihren Werken ihre Zeit und ihr Land zu repräsentieren“ (FAZ vom 2. Mai 2009), dann wäre doch zu klären, ob sie es auch tatsächlich getan haben.
Christoph Heins Argumentation suggeriert allerdings, daß nur diejenigen Künstler ihre Freiheit bewahrt hätten und folglich ausstellungswürdig seien, die sich allen Staatsvorgaben widersetzt haben. Das halte ich für fraglich. Man konnte ja als Künstler beispielsweise ein vorgegebenes Thema zum Anlaß nehmen, um publik zu machen, nicht was dem Staat, sondern einem selber wichtig war. Damit ging man dann so etwas wie einen dritten Weg zwischen Totalverweigerung und Anpassung. Daß das schwierig war und diese Option im Nachhinein auch als Feigenblatt für Opportunismus herhalten kann, ist klar. Dennoch sollte man diese Möglichkeit nicht ausschließen.

Titta 11.05.2009 | 03:56

@I.D.A.Liszt

Von wg. der >Zitat:Annexion hab ich da mal eine Frage:
Es war doch so, daß sich die BürgerInnen der DDR in einer freien Wahl entscheiden konnten, ob sie nun lieber DDR bleiben oder lieber wiedervereinigt werden wollten, oder? Diese Wahlmöglichkeit hatten die BürgerInnen der alten BRD nicht, die wurden in keiner Wahl gefragt, ob sie nun eine Wiedervereinigung wollen oder nicht, oder?

evabauerlucca 11.05.2009 | 14:02

Es ist schon skandalös, wenn in einer Austellung zur Kunst der Bundesrepublik anläßlich des 60-jährigen Bestehen des Grundgesetzes, Künstler aus der ehemaligen DDR, die aber seit 20 (!) Jahren Staatsbürger der jetzigen Bundesrepublik mit allen Rechten und Pflichten sind, einfach ignoriert werden. Ich habe den Eindruck, dass es den Kuratoren weniger um die Künstler, als um die Pràsentation von Geschichte geht, bei der subjektiv „Unpässliches“ ausgeblendet wird und die nun – wie am Beispiel dieser Ausstellung - aus (west)deutscher Sicht neu dargestellt wird. Um so gravierender ist dies, wenn ich bedenke, dass die Geschichte der Bundesrepublik der letzten 60 Jahre selbst am Grundgesetz nicht spurlos vorbeigegangen ist. Also doch kein Gesamtdeutschland?

Eva Bauer Lucca (Cagliari/Italien)

I.D.A. Liszt 12.05.2009 | 01:06

@ Titta:

Ja, das ist auch eine Art, den Leuten 'Beitritte' als 'freiwillig' vorzugaukeln:
Erst schleppt man die Plakate in den Osten, auf denen statt "Wir sind d a s Volk" zu lesen ist: "Wir sind e i n Volk", dann wirft man eine Banane über den Zaun, damit der Affe Ruhe gibt (im Falle der DDR waren es Abertausende von Bananen), und am Ende lässt man die Leute, denen man das Fell über die Ohrenziehen will, an der erfolgreichen Währung teilhaben, mit der sie sich all den Tand kaufen können, den sie so lange schon von 'Radio Free Europe', von ARD und CDU als unabdingbar für ein erfültes Leben angepriesen bekommen haben, und dann ruft man zu einer "freien" Wahl auf!

Klar! Die Wahl war so etwas von frei, dass man sie gar nicht erst hätte manipulieren zu brauchen, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Manchmal klärt es den Blick, wenn man deutliche Worte findet.

Sie mögen das sehen, wie Sie wollen, Titta: diese 'freie' Wahl war erkauft, u.a. damit Helmut Kohl eine weitere Legislaturperiode lang Kanzler bleiben konnte.
Und es war eine Annexion, weil die so genannten 'neuen Länder' ja der BRD politisch und verwaltungstechisch angegliedert wurden.

Titta 12.05.2009 | 01:55

@I.D.A.Liszt

Ich habe in der Zeit vor der Wende (87-89) häufig die DDR besucht und dort sogar, quasi undercover, für ein paar Wochen gearbeitet.
Meine persönliche Erfahrung: die meisten DDR-BürgerInnen wollten von den Negativseiten des Kapitalismus nichts hören. Auch wenn man es ihnen bereitwillig und gerne und ausgiebig erklären wollte.

Natürlich haben Sie recht mit Kohl und seiner Wahl.
Aber das hebt das oben genannte Erlebte nicht auf.

Bemerkenswert fand ich die Reaktion des "Volkes" am 10.11.1989, als das damalige politische Establisment versammelt an der Mauer stand, die Nationalhymne sang und dafür gnadenlos vom Volk ausgebuht wurde. Das fand ich ausgesprochen authentisch und ehrlich. Die Menschen freuten sich einfach nur an der neugewonnenen Freiheit und wollten politisch nicht vereinnahmt werden.
Zum ersten Mal hat es da richtig Spaß gemacht, deutsch zu sein!
Den Moment werde ich nicht vergessen.

I.D.A. Liszt 12.05.2009 | 02:26

@ Titta:

Ich glaube gern, dass die Mehrheit (oder doch zumindest ein übergroßer Teil) des Staatsvolkes der DDR von den Schattenseiten des Kapitalismus nichts wissen wollten.

Doch es ist seit Gründung des Staates DDR heftigst Einfluss vom Westen her genommen worden, um die Unzufriedenheit dort zu schüren. Die Grenze wurde so gesichert und die Mauer gebaut, um zu verhindern, dass all die Unzufriedenen abwandern, denn die kleine und durch Reparationen an die UdSSR wirtschaftlich geschwächte DDR konnte sich nicht erlauben, viel Geld in die Ausbildung von Fachkräften zu stecken, die dann prompt in in anderes Land abwanderten. Dieses Land seinerseits konnte dann die wirtschaftlichen Früchtd dieser Ausbildung genießen, ohne einen Pfennig dafür auszugeben.

Die Menschen in der DDR schienen mir auch schon vor den Gesangsproben der "German Political All Stars" :-) ziemlich glücklich über die gewonnene Freiheit, und zu recht, weil sie sie ja selbst erkämpft hatten.
Was für ein Antiklimax, diese erkämpfte Freiheit dann für 'einen Apfel und ein Ei' abgeluchst zu bekommen!

mhardt1789 13.05.2009 | 01:23

Bester eweinholz,

nun komme ich hier nicht täglich vorbei, doch Ihr Kommentar hat mich geärgert. Im Grunde sind wir mit Hein einer Meinung, aber Ihre Unterstellung, Hein glaube dass nur die Kunst Kunst sei, die sich allen Staatsvorgaben widersetze, scheint mir unbewiesen. Nachfragen lohnt, wenn man Kunst als Gradwanderung ansehen möchte. Sie unterscheiden doch auch zwischen Staatswillen und Wirklichkeit: "Grundlage dieses Ausschlusses ist die – bei Betrachtung der DDR immer wieder anzutreffende – irrtümliche Gleichsetzung von Staatswillen und Wirklichkeit."

Was und wieviel mag in den Hirnen von Honecker und Camarilla beim
Anblick von Tübkes "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" in Bad Frankenhausen wohl verarbeitet worden sein? Sollen wir beide Hein nach Tübke fragen und der Gradwanderung eine Chance geben, auf die sich Einfalt nie begibt?

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chrisamar 29.05.2009 | 23:53

keine ddr-künstler? baselitz, ar penck, gerhard richer u.s.w. alles "ossis". freigekauft vom westen und als "staatskünstler" mit lehrauftrag von westdeutschen politikern protegiert. erinnern wir uns: gerhard richter verdanken die hochschulen, aber auch die volxhochschulen und diverse freizeit-"künstler", die revolutionäre renaissance der abpausbildchen. der "artograf" ersetzt talent und ermöglicht unerwartete erfolge in der "foto"-realistischen malerei.
und ar penck ist das echo der ddr und der späteren westdeutschen leitkultur der subkultur von keith haring. unvergessen der abgestürtzte beselitz adler über den hinterkopf des lügen-kanzlers. oder das portait vom kanzler-künstler immendorf. welcher erst realistische kunst abliefern konnte, als er aufgehört hatte zu malen. statt dessen über die nötigen mittel verfügte, um malen zu lassen. traurig, dass die popanze in der politik sich aus eitelkeit dazu hinreissen lassen, sich als gutachter der wertigkeit vob kunst zu produzieren. wo kunst politisch wird, da stinkt es. also, können siestolz darauf sein, dass ihre bilder dort nicht aufgehängt worden sind.
ps: ihr bild ist nicht besser oder schlechter als vieles was dort zu sehen ist. das ist aber kein kompliment!!!

Franz Branntwein 30.05.2009 | 13:41

So wird das nichts, bloß ein paar "hochpreismaler" verreißen: eins zu eins, quid pro quo "ost"- und "west"- kunst z e i g e n (wie sie das in der von amerika aus kuratierten ausstellung machen, die gerade in nürnberg eröffnet wurde und am 3. oktober nach berlin kommt), ohne markt-bonus, aber dann darüber hinaus auch noch ohne "unrechtsstaats"-malus und diktatur-etikett: wenn man das zu sehen kriegte, wirds interessant, und das publikum stimmte erst mit den augen, dann mit den füßen ab. nicht bloß zwischen tübke und richter oder heisig und lüpertz; - aber die malerische wucht von ebersbach libuda giebe grimmling peuker liebmann zum beispiel gegenüber der konzeptuellen plattheit, der schlecht gemalten marktmaschen, der megalomanischen beschränktheit welche die erweiterungsbauten der deutschen kunstmuseen und aktuell den gropiusbau beherrschen... Und gegen den satz vom gestank da, wo kunst politisch ist, möchte zwei kluge leute zitieren: "wenn die künstler sich nicht für politik interessieren, dann sollten sie zur kenntnis nehmen, daß sich die politik sehr wohl für die künstler interssiert" 8hanns eisler" und karl mickel: "mein zahnarzt sagte mir: "wenn der kiefer mürb wird und die zähne wanken, wird die kunst subtil".ich konnte, offenen mundes, offen gesagt nichts entgegnen."

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chrisamar 30.05.2009 | 19:10

@ Franz Branntwein
gar nicht mal so schlecht dein kommentar. für mal eben so rausgerotzt sogar recht informativ. als intelligenter mensch sage ich: künstler welche durch die politk gefördert werden ( müssen ) weil der freie markt in deutschland für ihre werke nichts oder nicht genug abwirft, sind nicht zwingend politische oder politisch interessierte menschen.abgesehen davon, dass es auch einseitig begabte künstler gibt. anders gesagt: ein großartiger künstler ist nicht unbedingt ein politischer mensch.tatsächlich wird an deutschen hochschulen systemkonform gelehrt. wer das system kapiert hat und sich den ansprüchen fügt, kann kariere machen. von solchen leuten ist weder eine kritische auseinandersetzung mit der politik, noch eine auseinandersetzng mit der kunst und den eigenen fähigkeiten zu erwarten.
bei der auswahl der von mir genannten ost-west künstler, hatte ich mich nicht an deren preisen orientiert, sondern die unübersehbaren gemeinsamkeiten in deren lebensläufen erwähnt.

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chrisamar 31.05.2009 | 00:13

ein gro0artiger künstler und ein politischer mensch: diego rivera

Weltruhm erlangte Rivera mit seinen unverkennbaren Murales, Wandmalereien mit politischen Motiven, die er ab 1922 hauptsächlich in Mexiko und den Vereinigten Staaten erstellte. Als er im selben Jahr mit seinem ersten großformatigen Wandgemälde Schöpfung begann, bereitete er damit auch den Weg für die Entwicklung der Freskenmalerei zu einer der führenden Kunstformen des 20. Jahrhunderts. Zeitgleich war er Mitbegründer der Gewerkschaft der Revolutionären Maler, Bildhauer und grafischen Künstler und schloss sich der Partido Comunista Mexicano an, von der er 1929 jedoch unter anderem wegen Differenzen hinsichtlich der Darstellung Josef Stalins in einem seiner Wandgemälde wieder ausgeschlossen wurde. Ähnlich starrköpfig zeigte er sich 1933 bei der Arbeit an einem Monumentalbild im Rockefeller Center in New York City, welches er im Auftrag John D. Rockefellers ausführen sollte. Als er sich weigerte, ein Porträt Lenins wieder zu entfernen, wurde die Arbeit im Auftrag Rockefellers vollständig zerstört. Trotz seines Parteiausschlusses war Rivera bis zu seinem Tod überzeugter Kommunist und maßgeblich daran beteiligt, Leo Trotzki, einem Widersacher Stalins, ein Visum für Mexiko und eine Unterkunft zu besorgen.

so einen sehe ich in deutschland nirgends. uns werden die staatsdienenden künstlern aus der ehemaligen schon als was "wildes" verkauft. ein trauriger müder haufen von alten männern ist der deutsche kunstbetrieb.