der Freitag
26.12.2012 | 09:00

Die guten alten 2010er Jahre

Zukunftsnostalgie 2 Niemand weiß, wie das Leben 2050 aussehen wird. Aber ein ist sicher: Alle werden voller Sehnsucht zurückblicken – auf die viel besseren Zeiten am Anfang des Jahrtausends.

Die guten alten 2010er Jahre

Illustration: Eva Hillreiner

Bayern gehörte zur Bundesrepublik Deutschland. Das war zwar verrückt, und man musste sich wirklich mit den Clowns auseinandersetzen, aber man hatte die Monarchie einigermaßen im Griff.

Hamburg war noch nicht überschwemmt.

Es gab noch Eisbären, und Zebras waren noch schwarz-weiß!

Deutschland stieg als erstes Land aus der Atomkraft aus!

Deutschland hatte damals noch einen Umwelt- und Energieminister, der sich nicht zu schade war, auf Sommerloch-Urlaubstouren mit seinen 140 Kilo auf eine Seehundwaage zu steigen – in Anwesenheit der Bild-Kollegen.

Helmut Kohl war noch lebendiges Feindbild. Auch wenn er schon arg geschwächt der Kritik von links kaum mehr etwas entgegensetzen konnte.

Stammheim war noch nicht abgerissen.

Bonn war noch nicht dem Erdboden gleichgemacht.

Es gab noch herrlich peinliche Großversagerbaustellen wie den heute unter Denkmalschutz stehenden Berliner Großflughafen BER International (leider wurde das dazugehörige Abschiebeheim abgerissen) Mit den heutigen Matrixbauprogrammen kann das ja leider nicht mehr passieren.

Überhaupt: Klaus Wowereit!

Menschen ohne Erwerbsarbeit hatten Anrecht auf einen Fernseher oder Kühlschrank, jenseits einer Grundsicherung.

IllustrationÜberhaupt: Das Fernsehen war besser!

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk existierte noch in einem Ausmaß, das heute unvorstellbar scheint. Mit Vollprogramm, Informationsanteil, Dokumentationen, aufwendigen Filmen. Gut, die Unterhaltungsprogramme waren nicht unterhaltsam. Es gab also ein paar Problemchen. Aber die Idee – Vollprogramm – war gut.

Die wunderbare Sandra Maischberger war noch auf Sendung.

Es kamen noch richtige Stars zu „Wetten, dass..?“. Wobei, das endete damals: Tom Hanks und Halle Berry dürften mit die letzten gewesen sein, die zu Gast waren.

Sechs politische Talkshows zu einem einzigen Thema in fünf Tagen auf nur zwei Kanälen – da ging man noch richtig in die Tiefe.

Überhaupt: Arnulf Baring!

Zeitungen wurden auf Papier gedruckt. Das war nicht nur gut, hatte aber doch den großen Vorteil, dass man keinen Akku zum Lesen brauchte.

„der Donnerstag“ erschien 2012 zwar auch schon am Donnerstag, hieß aber noch „der Freitag“. Diese Art von positiver Verrücktheit fehlt heute.

Damals durfte auch jeder eine Website ins Internet stellen, ohne zehn Anträge bei transnationalen Behörden auszufüllen. Und jeder durfte unter journalistische Texte im Netz irgendwas – wirklich irgendwas! – drunterschreiben, was einem gerade so einfiel. Man nannte das „online kommentieren“.

Menschen schossen straffrei auf Angry Birds.

Hach, damals als wir noch auf Facebook „geliked“ und gestupst haben. Aufgrund frappierender Sicherheitslücken die zu vermehrten Internet-Verbrechen führten, wurden diese Social Networks kurze Zeit später ja komplett abgeschafft.

Straßenzeitungsverkäufer waren auch offline zu Gesicht zu bekommen.

IllustrationEs gab noch Zeitzeugen, die sich an eine Nachkriegskindheit erinnern konnten und in ihren Erzählungen die Armut ihrer Kindheit (fast gar) nicht verklärten.

Nobelpreisträger schrieben mit letzter Tinte noch politische Gedichte.

Man hat noch unlöschbare Spuren hinterlassen, in Büchern (Eselsohren, handschriftliche Notizen und Gedanken), auf Postkarten(die noch wirkliches Fernweh auslösten).

Straßenmusik war noch Handwerk: Ein schlecht rasierter Typ mit Gitarre spielte mit richtigem Picking-Anschlag „Don’t think twice“ ... Und nun hockt da einer mit aufgeklapptem Laptop und schiebt per Copy&Paste verwechselbare Stücke von einem Programm ins nächste.

Ein angebissener Apfel und der dazugehörige Konzern verzauberte die Menschen und gab Intellektuellen (die es damals noch gab) stetig Stoff für neue kritische Analysemeisterleistungen.

Das Berghain, ja, das Berghain … seufz

Lana del Rey galt noch als vielversprechende Newcomerin, nicht als gescheiterter Youtube-Star im Dschungelcamp.

Karl Lagerfeld was still alive!

Justin Bieber war wieder Single.

James Bond noch ein echter Mann.

Als Schauspieler konnte man es von der Lindenstraße bis nach Hollywood schaffen und dafür nur vom Publikum geliebt werden: Til Schweiger.

Beim FC Bayern spielten noch Spieler mit echt bayerischen Namen (Schweinsteiger, Badstuber, Gomez).

Wo sind die Fußballtrainer alten Schlags hingekommen, all die Klopps, Tuchels und Löws?

Borussia Dortmund wurde damals im Schnitt nur jedes zweite Jahr Meister.

Sammlung: Sophia Hoffmann, Anna Fastabend. Susanne Lang, Maxi Leinkauf, Jan Pfaff, Klaus Raab, Mark Stöhr

Illustration: Eva Hillreiner