Georg Seeßlen
06.02.2013 | 11:17 1

Die schönen Dämonen

63. Berlinale Isabella Rossellini wird in diesem Jahr mit einer „Berlinale Kamera“ geehrt. Georg Seeßlen über eine Schauspielerin, die in den meisten ihrer Filme ein Phantom bleibt

Die schönen Dämonen

1990 in David Lynchs "Wild at Heart"

Foto: Imago/ Entertainment Pitures

Man kann sich das als Segen und Fluch vorstellen – eine solch große Ähnlichkeit ausgerechnet mit der eigenen Mutter zu haben. Die Schauspielerin Isabella Rossellini scheint so etwas wie eine lebende Doppelbelichtung zu sein: Immer ist sie selbst da und zugleich auch ihre Mutter, Ingrid Bergman (zu allem Überfluss gibt es noch eine Zwillingsschwester, Isotta).

Der Regisseur David Lynch, der ein Faible für das Reale des Traums hat, sprach Isabella Rossellini bei irgendeinem Essen einmal mit der Frage an, ob ihr schon mal jemand gesagt habe, dass sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Ingrid Bergman habe. Das war der Beginn einer mehr oder weniger wunderbaren Liebschaft, vor allem entstanden daraus die zwei großartigsten Isabella-Rossellini-Filme. Blue Velvet (1986), in dem der Regisseur Lynch mit jenem jungen Mann verschmolz, der so manisch in die Innenräume der geheimnisvollen Frau wollte, und Wild at Heart (1990), wo man schon einen unguten Blick des Abschieds bemerken konnte.

Die 1952 in Rom geborene Rossellini war zuerst ein Model, eine Darstellerin der unbestimmten und unbestimmbaren Schönheit, ein Mensch ohne „backstory“. Und sie war damit das Negativ der Zwillingsschwester, die es zur Professorin für mittelalterliche Literatur brachte. Gegen die Eltern und deren Welt war das vermutlich die größere Rebellion. Isabella dagegen muss ganz der Traum des Vaters Roberto Rossellini gewesen sein, der die meisten seiner Filme am Rande des finanziellen Zusammenbruchs drehte und soziale Institutionen, von der Schule bis zur Bank, für Instrumente der Freiheitsberaubung hielt. Zu Recht.

Rossellinis Filme mit seiner damaligen Frau Ingrid Bergman – als wäre die Scheidungs- und Liebesgeschichte nicht skandalös genug – waren nicht nur Liebeserklärungen, sondern auch Martern und Leiden. Zum Teil auch für die Zuschauer. Angst (1954) hieß der schrecklichste dieser großartigen Filme, die von Paaren handeln, aber auch von Kulturen, die einander nur schmerzhaft begegnen können. Isabella Rossellini wuchs im Trennungsschmerz der geliebten Eltern auf, im Wechsel von Glamour und Flucht vor Gerichtsvollziehern und Presseleuten, in der Spannung zwischen dem Italienischen und dem Amerikanischen, im Widerspruch zwischen dem sinnlichen Anarchismus des Vaters, bei dem sie und Halbschwester Pia lebten, und der konservativen Strenge wechselnder Kinderschwestern und Erzieherinnen.

Das Sexleben der Insekten

In ihr melden sich unentwegt die „Phantoms“, Dämonen, so beschreibt sie es in ihrer Biografie; aber zugleich ist sie in den meisten ihrer Filme selber ein Phantom. In keinem ihrer Filme könnten wir aus ihrer Erscheinung, ihren Dialogen, ihren Handlungen eine vollständige Person, eine kohärente Lebensgeschichte bilden. Sie bleibt ein wenig das Model, nicht unbedingt im Sinne der Kosmetikwerbung, sondern so, wie es Robert Bresson von seinen Schauspielern gemeint hat: „Modell: Was es mit Leben füllt (Worte, Gesten), ist nicht das, was ein Bild von ihm zeichnet wie im Theater, sondern das, was es zwingt, sich selbst zu zeichnen.“ So heißt es in Bressons Notizen zum Kinematographen, und man mag sich dazu einen wundervollen Bresson-Film mit Isabella Rossellini vorstellen.

Isabella Rossellini scheint die Frau im Zustand ihres Verschwindens, oder umgekehrt, im Zustand ihres Erscheinens zu sein. Es handelt sich um einen Übergang zwischen Illusion und Wahrheit, Maske und Mensch, Verwandlung und Ikone. Es gibt nur wenige Filme mit ihr, in denen sie nicht fremd und rätselhaft ist. Die Kamera, die sich ihr nähert, entfernt sich zugleich von ihr. Es muss etwas dahinterliegen, hinter ihr; Isabella Rossellini müsste durchsichtig werden – diese Doppelbelichtung verlangt eine andere cineastische Bewegung als die übliche. Der Blick will weiter und beißt sich doch fest.

Für eine Weile war Isabella Rossellini das Gesicht der weiblichen Schönheit in einer Zeit des genderpolitischen Übergangs. Dreimal hintereinander erscheint sie auf dem Titel der Vogue, als könne man den Blick nicht mehr von ihr abwenden. Zugleich widerspricht sie jedem Klischee, sie protestiert gegen die großen Summen, die man in ihrem Beruf verdient. Sie verheddert sich gern in Widersprüchen. Sie ist, sagt sie, „eine patentierte Lügnerin“.

Kein Wunder, dass Isabella Rossellini am großartigsten in Märchen-, Traum- und Ideenfilmen ist, wenn sie, übrigens oft genug mit einem schönen Maß an Selbstironie, den einen oder anderen der Dämonen selbst zu zeichnen in der Lage ist. Mit Guy Maddin dreht sie ihre seltsamsten Filme, mit sehr eigener Poesie, zwischen Hommage an den Vater und Auftritt als Erbin eines Brauerei-Unternehmens mit einem mit Bier gefüllten Glasbein. Der Körper der Schauspielerin ist eine poetische Maschine.

Davon handelt auch Isabella Rossellinis eigener Film Green Porno aus dem Jahr 2008. Sie nimmt mit einfachen Mitteln die Gestalt unterschiedlicher Tiere an, um deren Liebesleben darzustellen. „Die tausendfachen bizarren und ‚anrüchigen’ Sexualpraktiken von Insekten haben mich schon immer fasziniert“, erklärt sie ein künstlerisch-semantisches Projekt, das ohne ihren Namen kaum aus der Nische im Kunstbetrieb hinausgekommen wäre.

Natürlich kommt Isabella Rossellini im Mainstream-Film vor, sonst würde das Transit-Projekt ihrer Arbeit, die Eröffnung neuer Wege für die Kunst, nicht funktionieren. Sie ist zum Beispiel eine wunderbar verpeilte Hexe in Der Tod steht ihr gut (1992); oder jene „Big Nose Kate“ in Wyatt Earp (1994), die als Bordellbetreiberin und Freundin des Revolverhelden „Doc“ Holiday Berühmtheit im Westen erlangte.

Sie ist die Athene in Die Abenteuer des Odysseus (1997), und in Das Fest des Ziegenbocks von Luis Llosa (2005) jene Urania Cabral, die in der Zeit des Diktators Rafael Trujillo aus der Dominikanischen Republik geflohen war und nun, bei der Rückkehr zum todkranken Vater, wieder mit dem Trauma ihres Lebens konfrontiert wird – vom eigenen Vater als sexuelles Opfer dem Tyrannen zugeführt, hatte sie vor dem Exil Unterschlupf in einem Kloster gefunden.

Das Altern in sich

Zu viel Geschichte und Psychologie vielleicht für einen guten Isabella-Rossellini-Film. Doch in Late Bloomers (2011), einer der derzeit populären Senioren-RomComs, ist Isabella Rossellini tatsächlich ein normaler Mensch mit normalen Problemen – eine Frau nach 30 Jahren Ehe (den Mann spielt William Hurt) und mit Sorgen über eine mögliche Altersdemenz. Das mag kein cineastisches Meisterwerk sein, aber gerade deswegen kann man sehr genau sehen, was ihre Leinwand-Präsenz ausmacht: Man kann das vielleicht Würde nennen.

Isabella Rossellini sieht immer so aus, als würde sie sich insgeheim ein wenig über sich und ihre Gegenüber lustig machen. Als wüsste sie schon vorher, was gesprochen und was getan werden kann, und als wäre deswegen der Ausweg ihres Lebens eine Suche nach Maskeraden und Neuerungen. Ihr würdevolles Altern scheint von der Einsicht geprägt, dass das alles zu nichts führt. Nun, zu Beginn ihrer Sechziger, scheint die Doppelbelichtung zu schwinden, die Dämonen werden leiser, und die Schauspielerin kann ein letztes Projekt beginnen: sich selbst zu zeigen. Um es mit Robert Bresson zu sagen: „Nicht die der Wahrheit entsprechende Person verlangen unsere Augen und Ohren, sondern die wahre Person“.

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