Charlotte Wiedemann
20.09.2012 | 09:00 37

Muslimische Gesellschaften sind komplex

Vorurteile Wir glauben zu wissen, was Islam bedeutet. Doch selbst viele Muslime wissen das immer weniger

Muslimische Gesellschaften sind komplex

Vorsicht Falle! Denn brennende US-Flaggen sind die beliebtesten Motive auf den Fotos, die die Reaktionen auf das Anti-Mohammed-Video zeigen - doch zeigen sie vor allem, was wir sehen wollen

Foto: Rouf Bhat / AFP / Getty Images

Die große Mehrheit der muslimischen Weltbevölkerung hat auf das amerikanische Hassvideo nicht mit Gewalt reagiert. Vor Millionen von Fernsehgeräten, in den Höfen unzählbarer Moscheen und an Hunderttausenden Abendbrottischen haben Muslime ihren Ärger, ihre Bitterkeit ausgetauscht, ohne ihre Gefühle instrumentalisieren zu lassen. So ist es in Bosnien, wo ich gerade herkomme. Und so war es damals, in der Karikaturen-Krise: Ich saß im islamischen Norden Nigerias; ein Lehrer lud mich zum Essen ein, er sagte: „Wir sind alle furchtbar verletzt.“ Dann bezahlte er meine Rechnung.

Mehrheiten aber interessieren uns nicht. Fünfhundert radikale Demonstranten in der Zehn-Millionen-Stadt Jakarta: Breaking news! Was wir „die islamische Welt“ nennen, legen wir uns nach Belieben zurecht, genauso wie den westlichen Freiheitsbegriff: Muss ein Jemenite verstehen, warum die US-Regierung jemenitische Hassprediger per Drohne exekutieren darf, während amerikanische Hassprediger die Freiheit der Kunst genießen?

Muslimische Gesellschaften sind überraschend, sie sind komplex und in einigen Weltgegenden verändern sie sich gerade rasant – dies ist, pardon, die einzig zulässige Verallgemeinerung, wenn es um mehr als 1,6 Milliarden Menschen geht, ein Viertel der Weltbevölkerung. 80 Prozent der Muslime sprechen kein Arabisch, Indien beherbergt nach Indonesien und Pakistan die drittgrößte muslimische Gemeinschaft, und in Russland leben mehr Muslime als in manchen arabischen Ländern. 49 Staaten haben eine Mehrheit islamischen Glaubens, 57 sind in der „Organisation für islamische Zusammenarbeit“, und die Muslime in New York haben Vorfahren in 80 Ländern.

Grafische Muster

Unter den Vorzeichen von Ethnie, Kultur oder Politik wäre ein Gespräch über „die islamische Welt“ also unmöglich – es könnten daran nur enzyklopädisch Gebildete teilnehmen. Die einzige Klammer, die alle diese Länder aus unserer Sicht zusammenfügt, ist die Religion – womit wir zugleich behaupten, sie präge die Gesellschaften mehr als andere. Dies kann sie wiederum nur, wenn sie autoritär daherkommt und wenn die Menschen sich ihr unterwerfen. Um genau dies zu belegen, reduzieren wir die Religion auf einfache, abbildbare Symbolhandlungen. Und welches Bild wäre dafür besser geeignet als das Meer gekrümmter Rücken in der Moschee? Menschen ohne Gesicht, ohne Individualität, ohne Abweichungen. Aus der Vogelperspektive nur ein grafisches Muster. Das ist unser totalisierender Blick auf Muslime.

Der Umgang mit dem Islam ist von einem doppelten Extrem gekennzeichnet: Eine extrem komplexe Materie wird reduziert auf extreme Simplizität. Und zwar nicht etwa in einem Moment der Erregung, sondern über die Dauer von mehr als einem Jahrzehnt – und in sonst durchaus unterschiedlich funktionierenden westlichen Öffentlichkeiten. Die sogenannte Islam-Kritik verbindet rechte Parteien in Europa, sie schafft Auflage und Quote, sie wird mit Freiheitspreisen geehrt.

Wer sich ernsthaft mit der Entwicklung muslimischer Gesellschaften beschäftigt, erträgt das Niveau hiesiger Debatten nur schwer. Auf die Gefahr hin, einigen Unrecht zu tun: Aus der sogenannten Islam-Debatte halten sich fast alle heraus, die Ahnung vom Thema haben. Das gilt für die meisten deutschen Islamwissenschaftler genauso wie für die einschlägig qualifizierten Journalisten (etwa vom „Netzwerk Fachjournalisten islamische Welt“) oder eine neue Generation publizistisch tätiger junger Muslime. Sie alle tragen zu einer besseren, einer aufklärenden Öffentlichkeit bei. Die Stimmung aber machen die anderen.

Die Vielfalt des Islam zu verneinen, fremde Religiosität zu fürchten, vielleicht sogar Religiosität an sich, das ist gegenwärtig die modischste Weise, die eigene Weltsicht absolut zu setzen. Auf der Suche nach einem Begriff, der die Islamophobie in einem weiteren Kontext erklärt, bin ich auf diesen verfallen: die Unfähigkeit, den Plural zu denken. Es ist die Unfähigkeit, sich die Welt als demokratische Addition von Identitäten vorstellen zu können, in der eigenen, heimischen Gesellschaft wie in einer sich entwickelnden polyzentrischen Welt.

Gebildete Ignoranz

Der verbreiteten Sicht, dass ein monolithischer Islam einen wehrlos-heterogenen Westen bedroht, stelle ich ein anderes Denkmodell entgegen. Die westliche Unfähigkeit, den Plural zu denken, trifft heute auf ein muslimisches Gegenüber, das wie nie zuvor mit seiner eigenen Pluralität ringt. Und diese konfrontative Beziehung ist nur denkbar durch globale Kommunikation. Der westliche Blick bekommt Macht durch die Dominanz westlicher Medien, während sich die Muslime durch Internet und Satelliten-Fernsehen ihrer Gemeinsamkeiten wie ihrer Unterschiede noch nie so bewusst waren wie heute.

Örtliche Sittengeschichte, regionale Kultur und die jeweilige Ausprägung des Islam – all dies verschränkt sich in jedem Land anders. Aber weil wir die Vielfalt und die kulturellen Prägungen ignorieren, hat sich im öffentlichen Diskurs eine furchterregende Gewissheit breitgemacht: Beim Thema Islam kann jeder mitreden.

Dies gilt für den Stammtisch ebenso wie für die bildungsbürgerlichen Schichten, in denen die sogenannten Qualitätsmedien konsumiert und produziert werden. Im deutschen Studienratsmilieu ist ein anti-islamischer Reflex mittlerweile fest installiert; ich nenne dieses Phänomen „gebildete Ignoranz“. Sie äußert sich in einer intellektuellen Überheblichkeit, die auf Sachkenntnis weitgehend verzichtet.

Die Medien haben bei all dem eine doppelte Rolle: Sie fungieren als Resonanzboden für anti-islamische Stimmungen, die sie selbst entscheidend mit erzeugt haben. Gewiss gibt es differenzierte Beiträge, viele sogar. Aber ihre Botschaft verhallt – weil eine Endlosschleife von Produktionen zum „Problem Islam“ das öffentliche Bewusstsein in einer Weise konditioniert hat, die man ruhig Gehirnwäsche nennen darf.

In Gesprächen erlebe ich häufig folgende Situation: Meine Erfahrungen in diversen muslimischen Ländern werden vehement infrage gestellt – mit dem Hinweis, man habe gerade dieses und jenes gelesen. Dass man sich dabei gegenüber einer Journalistin auf andere Journalisten beruft, ist den Betreffenden kaum bewusst. Negative Meldungen über Muslime haben eine Art natürliche Autorität, sie geben „Realität“ wieder, während ich nur eine Meinung vertrete. Hätte ich vom Nordpol erzählt, würde man mich vermutlich als glaubwürdige Augenzeugin betrachten und mir neugierige Fragen stellen.

Inwieweit sind Journalisten überhaupt für den Islam zuständig? Eigentlich sollte für sie doch nur die politische Seite von Belang sein, denn aus theologischen Fragen halten sie sich gewöhnlich heraus, jedenfalls wenn es um das Christentum geht. Doch der Islam versteht sich nicht allein als Heilsplan für den Einzelnen, sondern auch als Konzept für das Funktionieren einer Gemeinschaft. So bleibt die Grenze zwischen Religion und Politik fließend – und das ist das Einfallstor für einen Journalismus, der sich anmaßt, zugleich über islamische Religion urteilen zu können, ohne etwas von ihr zu wissen.

Die falsche Verwendung des Ausdrucks Sharia ist durch die Medien mittlerweile zur Norm geworden – als handele es sich um ein Gesetzbuch (§ 1 Handabhacken, § 2 Kopftuchzwang), dem ein Muslim abschwören muss, um Demokrat zu sein. Wer darauf hinzuweisen wagt, dass Sharia das Gesamt-Kompendium islamischer Normen bedeutet, bei den Gebetsregeln beginnend, sollte zum eigenen Schutz vorsichtshalber den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zitieren: „Die religiösen Vorschriften der Sharia genießen den Schutz der Religionsfreiheit des Grundgesetzes nach Art. 4 GG.“

Ein Muslim ist nur Muslim

Längst gibt es auch in Deutschland „shariakonformes Banking“; darin ist das Zinsverbot beibehalten, das früher auch die Christen kannten. Betritt Religion jetzt durch die Hintertür die Finanzwelt, fragen schlaue Journalisten, die nicht wissen, dass ähnliche Auswahlregeln von Seiten der Methodisten und Quäker am Anfang dessen standen, was heute bei uns als „ethisches Investment“ zunehmend populär wird.

Mangelnde Sachkenntnis, immer wieder. Doch das Missverstehen wurzelt tiefer, es wurzelt in einem verengten Menschenbild. Jeder nicht-muslimische Mensch besitzt ganz selbstverständlich mehrere Identitäten; er kann zugleich Steuerberater, ausgetretener Katholik, geschiedener Ehemann, Rotweinliebhaber, Diabetiker und SPD-Wähler sein. Ein Muslim ist immer und in erster Linie Muslim. Und wenn er Untergruppen zugeordnet werden soll, dann hat er die Wahl zwischen: orthodoxer, säkularer, moderater, fanatischer Muslim. Kaum vorstellbar, dass sich auch in ihm unterschiedliche Identitäten überlagern, mit allem, was daraus folgt an Brüchen und Widersprüchen.

Die Tatsache, dass alle Muslime Richtung Mekka beten, gilt westlichen Beobachtern des Islam bereits als furchteinflößender Beweis von Einheitlichkeit; reziprok beschwören Muslime gern die Umma, die globale Gemeinschaft der Gläubigen. Doch deren Heterogenität ist heute so offenkundig wie nie zuvor. Bildung steigt, Geburtenraten sinken, Geschlechterrollen ändern sich. Während die westliche Öffentlichkeit zu wissen glaubt, was Islam bedeutet, wissen viele Muslime das immer weniger. Wie paradox: Ausgerechnet jene Jahrzehnte, in denen der Islam von seinen westlichen Gegnern zur monolithischen, gar faschistischen Ideologie stilisiert wird, markieren für ihn selbst die Ära einer immensen pluralen Entwicklung.

Kommentare (37)

Kiesel 20.09.2012 | 13:00

„Die religiösen Vorschriften der Sharia genießen den Schutz der Religionsfreiheit des Grundgesetzes nach Art. 4 GG.“

Da haben die Gelehrten wohl nicht zu Ende gedacht.

Das Grundgesetz hat sich im Verständnis der Muslime der Scharia unterzuordnen. Nicht nur die religösen Vorschriften.

Vorschrift für das Verhalten gegenüber Nicht-Muslimen:

Ḥarbīs – Nicht-Muslime, die sich im Kriegszustand mit den Muslimen befinden. Die Scharia gebietet es, diese Menschen zum Islam aufzurufen, bei ihrer Weigerung zu bekämpfen und zu töten.

und, und, und

Zusammengefasst kann gesagt werden;

Der Krieg ist erst vorbei, wenn alle Ungläubigen konvertiert oder tot sind!

Schönreden oder -schreiben lässt sich das islamische Problem nicht.

Nicht mehr. 

kiesel

Konfuzikuntz 20.09.2012 | 15:12

Voab: Schreiben können Sie. Gerne gelesen,

Es ist richtig, dass der Islam in sich vollkommen heterogen ist. Dennoch schreiben Sie im Grunde nur über den Westen. Das wir verrückt sind, weiß ich auch. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Außengrenzen der islamischen überall blutig sind. Von Nigeria über den Kaukasus bis nach Indien. Oder bestenfalls vernarbt. Zypern.

Und das liegt nicht an den anderen Kulturen, die alle mit dem Islam ringen. Sehr wohl auch Russland oder China.

Wir demnächst übrigens auch. In Brüssel oder in Mannheim.

Ab 40% muslimischer Bevölkerung wird die Kiste typischerweise heiß. Man kann in Nigeria besichtigen, was dann passiert. Die Kirchen brennen. Natürlich war das dann nur eine Minderheit.

Und? Macht es das besser?

Wer all dem eher mit Sorge entgegen sieht, muss mit dem Pluralismus nicht unbedingt ein Problem haben.

Vielleicht hängt er sogar an diesem.

Georg von Grote 20.09.2012 | 19:58

Respekt vor diesem ausgewogenen, extrem informativen Essay. Aber das kann nur jemand in diese Form bringen, der sich in diese Kulturkreise wagt, mit den Menschen dort scpricht und sich soweit wie möglich jeglicher Vorurteile entledigt.

Statt von aussen aus dem sicherer, bequemen Kämmerchen heraus Urteile zu fällen über etwas, was er nur vom Hörensagen kennt.

Einer der besten Artikel, die ich seit langem in dieser Richtung gelesen habe.

miauxx 20.09.2012 | 20:10

Die Frage, Kuntz, die Sie zurücklassen, ist: Liegt das nun am Islam, dass es ab "40% heiß wird" oder es an "seinen" Außengrenzen fast allenorten brennt?

Zum einen pflichten Sie der Autorin bei, der Islam sei "vollkommen heterogen". Wohlgemerkt: "vollkommen heterogen"! Jetzt wird's schon schwierig. Zum anderen wäre zu beantworten (was schwer zu leisten ist), ob die Religion Grund für die Übel ist, oder nicht, eben in solch extremen Auswüchsen, vielmehr Vehikel für die Kompensation ganz profaner und wirtschaftlicher Missstände.

Ich möchte zwar nicht sagen, dass die radikalen Auswüchse im Islam als eine Art Klassenkampf oder Reaktion der "3. Welt" aufzufassen seien. Jedoch sind sie wohl ebensowenig die nächstliegende logische Folge, wenn die Population gläubiger Muslime eine gewisse Schwelle in einem jeweiligen Land erreicht. Mir scheint, Sie suchen am Ende doch wieder den recht bequemen Ausweg, eine Kausalität in "dem Islam" zu finden ... was, wie gesagt, ihre Zustimmung zur Position der Autorin konfrontiert.

K87 21.09.2012 | 00:54

Ein außerordentlich gut recherchierter und geschriebener Artikel! Selten solch fachkundige und differenzierte Beiträge gelesen, denen es primär um Wissensvermittlung geht und nicht die Polarisierung von Inhalten, um gezielte Gruppen aus rechts oder links zu beeindrucken.

Gerade wir Deutschen haben lange mit dem Pauschalurteil "Deutsch=Nazi" zu kämpfen gehabt. Auch durch Geschichtsstunden zur Inquisition haben wir gelernt, wie vermeintlich religiöse Dogmen durchgesetzt wurden, obwohl tatsächlich machtpolitische Absichten und Interessen im Spiel waren und die Mehrheit nur ausgenutzt wurde.

Anstatt aus der eigenen Geschichte zu lernen und zur Erkenntnis zu gelangen, dass Pauschalurteile nie die Wahrheit abzeichnen und die Probleme viel tiefgründiger sind, als uns die Medien suggerieren, tun wir was? Wir wiederholen die Geschichte und schieben in dieser "Epoche" den "MOSLEMS" den Miesepeter zu.

Wozu eigentlich noch Geschichtsunterricht, wenn die Moral der Geschicht' ignoriert bleibt...

Lethe 21.09.2012 | 13:43

Der Verweis auf den Islam täuscht möglicherweise grundlegend. Ich habe das Gefühl, dass wir mit den Menschen selbst nicht klarkommen, nicht, weil sie Muslims sind, sondern weil sie stolz, ehrbewusst, wehrhaft, lebhaft sind, weil sie sich bei großer körperlicher Nähe noch wohlfühlen, wo unsereins längst unbehaglich zumute ist und wir von Körpergeruch zu sprechen beginnen - weil wir  Raum um uns brauchen statt Menschen.

Weil sie fremd sind.

Ein uraltes Prinzip also. Wir  sind die Guten, weil wir wir sind. Und die sind die Bösen, weil sie fremd sind. Weil wir nicht abschätzen können, ob wir ihnen im Ernstfall folgenlos für uns den Schädel einschlagen können.

Dass dieses Prinzip derzeit am Islam durchexerziert wird, darf eher als bedeutungslos gelten. Wir würden auch andere Fremde finden.

grefel 21.09.2012 | 19:28

Ich kann Ihnen zustimmen bezüglich der Wahrnehmung des Islams in Medien und Gesellschaft - diese ist völlig gestört.

Letztlich sollte man aber aufpassen, nicht aus Solidarität für die falschen oder seltsame Positionen Partei zu ergreifen. Ihr Essay ist da an einigen Stellen sehr verräterisch.

Zitat:

Inwieweit sind Journalisten überhaupt für den Islam zuständig? Eigentlich sollte für sie doch nur die politische Seite von Belang sein, denn aus theologischen Fragen halten sie sich gewöhnlich heraus, jedenfalls wenn es um das Christentum geht. Doch der Islam versteht sich nicht allein als Heilsplan für den Einzelnen, sondern auch als Konzept für das Funktionieren einer Gemeinschaft. So bleibt die Grenze zwischen Religion und Politik fließend – und das ist das Einfallstor für einen Journalismus, der sich anmaßt, zugleich über islamische Religion urteilen zu können, ohne etwas von ihr zu wissen.

Die Frage bleibt doch WER sich hier anmaßt? Sie sagen damit doch eigentlich selber sehr warum der Journalismus aus seinem Selbstverständnis für den Islam zuständig sein sollte. Mir wäre es übrigens neu, dass hier in den Medien theologische Fragen des Islams diskutiert werden die KEINEN Bezug auf die Gesellschaft hätten - geht ja auch gar nicht :-) .

Letztlich bleibt noch die Anmerkung, natürlich sollten Sie vor Religösität Angst haben. Ist doch ein bestimmendes Merkmal von Religion die Deutungshoheit über Leben, Kultur und Gesellschaft zu erlangen. Und das meist exklusiv - die Christen haben wir ganz gut im Griff, war aber auch nicht immer so und sollte man sich auch nicht unbedingt drauf ausruhen.

 

Hans Springstein 21.09.2012 | 21:45

Das ist ein guter Vorschlag. Das Vorbild gibt das Christentum mit der Bibel, ganz friedvoll, ganz ohne jeglichen Extremisus und Fanatismus auslösend, sich niemals für mörderische Schlachten mißbrauchend, niemals Waffen segnend ... An diesem christlichen Wesen muss der Islam genesen und dann wird alles gut. Dann ist er uns auch nicht mehr fremd und wir lassen die Muezzins auf den Moschee-Türmen rufen wie wir auch mit Genuss die Glocken der Kirchen bimmeln hören ...

Rupert Rauch 21.09.2012 | 23:30

Die Bibel kann man für alles missbrauchen, allerdings hat sie den Vorteil, dass sie auch beliebig flexibel ist, sie kann sich der Neuzeit ganz gut anpassen. Man interpretiert einfach anders oder eine andere Stelle. Daher ja der verbreitete Irrtum unter Christen, dass das Christentum quasi für Demokratie und liberalen Rechtsstaat Pate gestanden hätte. Nichts ist falscher, aber man verdammt einfach alle alten Auslegungen als falsch...

Beim Koran ist das imho schwieriger, da er sehr viel konkreter formuliert ist, die einschlägigen und zahlreichen Stellen sind bekannt:

http://europenews.dk/de/node/624

Natürlich ignorieren das zahlreiche Muslime, auch die Christen essen schliesslich Schweinefleisch und verzichten auf Beschneidung, obwohl die Bibel das eindeutig vorschreibt. NUR: jeder der es mit seinem Glauben ernst meint, wird unweigerlich über diese sehr eindeutigen Stellen im Koran stolpern und die Konsequenzen sind uU sehr viel unangenehmer für die Gesellschaft, als ein koscherer Esser mehr...

Rupert Rauch 22.09.2012 | 00:18

"Letztlich bleibt noch die Anmerkung, natürlich sollten Sie vor Religösität Angst haben. Ist doch ein bestimmendes Merkmal von Religion die Deutungshoheit über Leben, Kultur und Gesellschaft zu erlangen. Und das meist exklusiv - die Christen haben wir ganz gut im Griff, war aber auch nicht immer so und sollte man sich auch nicht unbedingt drauf ausruhen."

Volle Zustimmung, auch wenn ich mir im Bezug auf die Christen nicht sicher bin. Immerhin zahlt der Staat immer noch den Bischöfen die Gehälter, zieht die Kirchensteuer automatisiert ein, bietet Religionsunterricht an, bietet Sendefenster im ÖR an usw.

Statt ständig christliche und religiöse Gefühle (beim Fühlen sind sie ganz stark, die Irrationalen) zu erörtern, sollten wir vielmehr unsere Einstellung zu Religion ganz allgemein hinterfragen: beugen wir dieser Art der Geistesverwirrung genug vor (Bildung, Aufklärung usw.)? Sind Staat und Kirche wirklich ausreichend getrennt? Widersprechen wir mutig und öffentlich den kruden Ansichten mancher Religiöser, auch wenn wir damit evtl. ihre Gefühle verletzen, oder halten wir brav den Mund (um des Friedens Willen)? Schützen wir unsere weltlichen Institutionen und Rechte der freien Meinungsäußerung genug vor wütend-beleidigten Extremisten, auch wenn diese mit Gewalt drohen?

Die momentanen Debatten zerren die ganzen Hässlichkeiten, die von den Religionen verursacht oder mindestens begünstigt werden ins Scheinwerferlicht: Abgrenzung und Hass gegen Anders-/Ungläubige, Genitalverstümmelungen, Steinigungen von Vergewaltigungsopfern, Zerstörung alter Kulturgüter, Terror, Selbstkasteiung und seltsame Moralvorstellungen, Überreaktion und Humorlosigkeit bei manchen Themen usw.

Das sollte uns allen eine Lehre sein und uns erneut klar machen, wie gefährlich es ist, irgendeine Wahrheit zwischen den Buchdeckeln einer uralten Schwarte zu suchen..

Martin Gebauer 22.09.2012 | 00:36

Eine andere Perspektive.

In den Vereinigten Staaten zählen nichtreligiöse Menschen zu den am stärksten diskriminierten und am wenigsten angesehenen Personengruppen.

Die Folgen sind vielfältig:... sie haben Nachteile im Berufsleben und der Karriere,  in der Schule oder  in der eigenen Familie. In einigen US-Bundesstaaten verbieten sogar die Gesetze den offen atheistisch denkenden Menschen, in öffentliche Ämter gewählt zu werden.

Eine wissenschaftliche Studie fand unter anderem heraus, dass die mehrheitlich christliche US-Bevölkerung den Atheisten im Land ähnlich viel Misstrauen entgegenbringt wie Vergewaltigern.

Die Auslöser für den Hass und die Abneigung bilden geringfügige Anlässe: Als vor zwei Jahren die damals 15-jährige Schülerin Jessica Ahlquist ein Werbebanner für Gebete in ihrer öffentlichen Schule als verfassungswidrig beklagte, ging über ihr nicht nur eine Welle der Kritik nieder, sie erhielt auch Morddrohungen und Ankündigungen, vergewaltigt zu werden.

Selbst mitten in Europa sieht es teilweise nur wenig besser aus, wie der 2010 im Schweizer Wallis gekündigte Lehrer Valentin Abgottspon erfahren musste. Weil er das Kruzifix im Klassenzimmer abhängte, verlor er seinen Job und wurde in der Öffentlichkeit diffamiert und ebenfalls bedroht.

Die Antipathien der US-Bevölkerung gegenüber Atheisten sind jedenfalls noch stärker als gegenüber Homosexuellen oder Muslimen, welche die drei am Ende der Beliebtheitsskala rangierenden Personengruppen darstellen.

http://www.wissenrockt.de/2012/07/14/usa-sympathien-fur-atheisten-homosexuelle-und-frauen-gewachsen-27991/

Martin Gebauer 22.09.2012 | 00:56

"...Kurzum, der Islamofaschismus ist letztendlich, wie alle Faschismen, zum Scheitern verurteilt - er weiß es bloß noch nicht, ahnt es vielleicht: 

Der Ausgang des völlig überbewerteten Konflikts zwischen "westlicher" und "islamischer Welt" spielt für die Zukunft der Menschheit jedenfalls keine entscheidende Rolle (falsche Front!). Entscheidend ist, ob der (Sympathische Mit-)Mensch - nach all den katastrophalen Verirrungen, die seine Geschichte bis heute ausmachen - endlich zu sich (selbst) kommt, um sich schließlich doch noch als genau das zu verwirklichen, was er ist, immer war und immer sein wird (vom Augenblick der Menschwerdung bis zum naturnotwendigen Untergang der Menschheit in ferner Zukunft), nämlich als sympathisches Mitglied der Sympathischen Gemeinschaft aller (sympathiefähigen) Menschen."  (j. erik mertz "das sympathische weltbild/paradigma") 

Sünnerklaas 22.09.2012 | 09:51

In der Religion geht es um vermeintliche "Einzig Wahre Wahrheiten", es geht um Verheißungen nach dem eingetretenen Tod - oder um Verdammnis. Vor allem bei Leuten mit geringem Bildungsstand - erst recht aber bei Leuten, die weder lesen, noch schreiben können, treffen die Phantastereien Alter Männer in Frauenkleidern und den Polit-Strategen in deren Schlepptau auf fruchtbaren Boden.

Die Unsichtbaren Deutschen 22.09.2012 | 12:41

Ich habe eine andere plausible  Erklärung für die blutigen Aussengrenzen des Islam - die Geographie. Die islamischen Länder liegen auf riesigen Ölfeldern, nahe wichtigen Seerouten oder sind Transitländer für Pipelines.

Wir sollten uns eher fragen, warum wir diese ganz spezifische Islamophobie im Land haben. Das anti-islamische Ressentiment in China, Indien und Russland arbeitet nicht mit derselben diffamierenden Sprache und Bilderwelt.

Ich wette, die spezifischen aggressiven Reaktionen auf den Islam haben eher etwas damit zu tun, wie die eigene Identität gestaltet ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hindus ein Schmähvideo auf youtube lancieren würden mit expliziten sexuellen Konnotationen. Dabei sollten Hindus in Folge der islamischen Erorberung Indiens eine viel reicheres Arsenal an kulturalistischen und rassistischen Bilderwelten entwickelt haben.

Es ist in der heutigen Welt unvorstellbar, dass Menschen aufhören, sich als Engländer, Schotten, Deutsche und Schweden zu bezeichnen. Aber islamophobe Trolle wie das Beispiel Kiesel hier behaupten, dass Menschen aufhören würden sich als Indonesier, Tunesier und Syrer zu bezeichnen. Der Koran ist offenbar ein magisches Buch, dass die naturwüchsige (nach den Nationalisten !) , nationale Identität auslöschen kann.

gerhard monsees 22.09.2012 | 15:24

Schlimmer Artikel:

Wer darauf hinzuweisen wagt, dass Sharia das Gesamt-Kompendium islamischer Normen bedeutet, bei den Gebetsregeln beginnend, sollte zum eigenen Schutz vorsichtshalber den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zitieren: „Die religiösen Vorschriften der Sharia genießen den Schutz der Religionsfreiheit des Grundgesetzes nach Art. 4 GG.“

Der Leser sollte zum eigenen Schutz gegen hier absichtsvolle Manipulation vorsichtshalber den gesamten!! Text im wissenschaftlichen Dienst des Bundestags lesen!! 

Maria Jacobi 22.09.2012 | 18:16

Wieder so ein Artikel, der uns den Islam volkspädagogisch aufarbeitet. Das Muster ist immer das gleiche, ob Mainstream-Journalist/in oder islamischer Funktionär: den Islam gibt es nicht. Alles wird in der Diskussion aufgefasert, bis zum Schluss allein der freundliche Türke vom Gemüsestand übrigbleibt. Und da dieser wegen des Mohamedfilms nicht randaliert, erfolgt der Zirkelschluss, dass alle Moslems friedlich sind. "Beweisführungen dieser Art sind wöchentlich in diversen Talksendungen zu bewundern. Dass der Mehrheit der Moslems neben ihrer religiösen auch eine gemeinsame politische Haltung an den Tag legen, sofern ihnen hierzu die Gelegenheit geboten wird, sieht man an den Wahlergebnissen in den Länder des "Frühlings". Sollte es eines Tages, dank der suizidalen Haltung unserer Elite, möglich sein, hier eine islamische Partei zu gründen, deren Programm die Errichtung des islamischen Gottesstaates in der BRD zum Ziel hat, wird man erleben, dass die Moslems in diesem Lande alles andere als individualistisch sind, sondern in überwiegendem Maße diese Partei wählen, weil sie ihnen aus dem Herzen gesprochen hat.

thinktankgirl 22.09.2012 | 18:52

Die Vielfalt des Islam zu verneinen, fremde Religiosität zu fürchten, vielleicht sogar Religiosität an sich, das ist gegenwärtig die modischste Weise, die eigene Weltsicht absolut zu setzen.

Und warum fürchten manche Religiosität? Wissen Sie nicht, was in unserer europäischen Welt im Namen von Religionen geschehen ist? Und Religionskritik als puren Egoismus und Überheblichkeit darzustellen, ist kein Argument sondern eine Unterstellung,  und zu allem Überfluss  mit einem  moralischen Unterton garniert.

Konfuzikuntz 22.09.2012 | 21:20

Wenn ich diese menschenverachtenden Kommentare lese...

Wie kommt es wohl, dass die gleichen Journalisten, die Artikel schreiben wie diesen (obgleich er seine Vorzüge hat) KEIN WORT VERLIEREN über die Kopten in Ägypten, in deren Kirchen die Bomben hochgehen infolge der ach so tollen "Revolution".

Aber das sind ja Christen!

Vielleicht hat das in einem koptischen Umfeld entstandene Video ja damit etwas zu tun?

Aber nein, hieran auch nur zu denken, das wagt der Herrengutmensch nicht. Wir gesagt: Das sind ja Christen! Und da greift die Selbsthass-Schere im Kopf.

Aber gleichzeitig, dass die Islamisten in Nordafrika nicht zu stark werden.

Schließlich bedeutet der Islam Frieden. In diesem Zusammenhang komischerweise pauschal und generell.

Gaga.

Querdenker 23.09.2012 | 10:18

... Aus der sogenannten Islam-Debatte halten sich fast alle heraus, die Ahnung vom Thema haben.

Bin mir jetzt nicht sicher, ob Frau Wiedemann damit sagen wollte, daß sie auch keine Ahnung vom Thema hat. Aber ich kann ja trotzdem mal die Frage an die Autorin richten, bezugnehmend auf den letzten Absatz: Was ist denn der fundamentale Unterschied zwischen einer nationalsozialistischen und einer islamischen Ideologie?

Ich sehe fast nur Gemeinsamkeiten, und frage mich natürlich, ob die Journalistin Wiedemann einen Artikel über NPD-Wähler in der sächsischen Provinz auch mit dem erfolgreichen Bestechungsversuch durch einen NPD-wählenden Lehrer beim MIttagessen eingeleitet hätte.

gerhard monsees 23.09.2012 | 18:20

Wie der FREITAG seine Leser manipuliert: 

Tatsächlich geht es im besagten Artikel von Wiedemann nur darum, eine Abschrift von Oskar Lafontaine als angebliche Islamkennerschaft zu verstecken:

Es gibt Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion: Der Islam setzt auf die Gemeinschaft, damit steht er im Widerspruch zum übersteigerten Individualismus, dessen Konzeption im Westen zu scheitern droht. Der zweite Berührungspunkt ist, dass der gläubige Muslim verpflichtet ist zu teilen.Die Linke will ebenso, dass der Stärkere dem Schwächeren hilft. Zum Dritten: Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie früher auch im Christentum. In einer Zeit, in der ganze Volkswirtschaften in die Krise stürzen, weil die Renditevorstellungen völlig absurd geworden sind, gibt es Grund für einen von der Linken zu führenden Dialog mit der islamisch geprägten Welt.

http://www.linksfraktion.de/im-wortlaut/wir-koennen-nicht-warten-bush-etwas-merkt/

Warum sagt ihr nicht einfach, worum es euch tatsächlich geht?:

https://www.freitag.de/autoren/gerard-monsees/sharia-statt-grundrechte

Salim Spohr 23.09.2012 | 20:17

786 - Gratuliere dem Freitag und seiner Autorin Charlotte Wiedemann zu einem hilfreichen Artikel über die Vielfalt der muslimischen Gesellschaft(en), eine Vielfalt, die nicht nur am Stammtisch, sondern gerade auch in Form "gebildeter Ignoranz" - ein treffendes, befreiendes Wort! - gänzlich unberücksichtigt bleibt. Nur an einem Punkt möchte ich widersprechen, dort, wo sie "westliche Unfähigkeit ..." anprangert, "... den Plural zu denken". Denn ich habe Zweifel, ob sich Plurales als solches überhaupt denken läßt. Und ich erinnere mich, vor vielen Jahren als Anfänger im Fach Philosophie in Köln bei einer Großveranstaltung Prof. Volckmann-Schlucks in Interpretation eines Satzes von Aristoteles ("eins und sein sind dasselbe") unwidersprochen den Nachweis geführt zu haben, daß "vieles gleich nichts" ist, sofern die Teile einer auf dem Boden zerschmetterten Kaffeetasse beispielsweise kein Anrecht mehr darauf hätten, unter dem Begriff der Tasse subsummiert zu werden.

gerhard monsees 24.09.2012 | 10:14

Treffender Kommentar zu Lafontaines "Schnittmenge" Linkspartei/Islamisten, den Weidemann als angebliche Sachkennerin hier schon ganz ohne Zitierhinweis selber sagen kann.

Habe Ihren "Lichtblick" gelesen:

Mädchen, junge Damen, sind ab dem Alter von 14 Jah- ren fertig zum Heiraten. Das ist das erforderliche Alter zum Heiraten. Aber sie zögern es um zehn, fünfzehn Jahre hin-aus, und dann kommen sie und sagen: „O Sheikh, mei- ne Tochter hat einen bösen Fluch! Jetzt ist sie 31 –!“

Und was erwartest du?

„Eh –, sie hat ihre Studien abgeschlossen, sie schließt ih- re Studien ab, sie baut ihre Zukunft auf.“

Laß sie jetzt zuhause sit- zen, ihr Zertifikat in Wasser einweichen und das Wasser trinken. Laß sie das Zertifikat einweichen und das Wasser trinken – es wird ihr keine Kraft geben.

Das Wasser, aus dem hier Lafontaines Schnittmenge trinkt, dürfte oder sollte auch ihr keine Kraft geben, um die Grundrechte in dieser verfassungswidrigen Weise einzuweichen.