Hani Yousuf
18.10.2012 | 11:50 1

Ein ganz normales Mädchen

Pakistan Die Neuntklässlerin Malala Yousafzai wurde von Taliban angeschossen. Sie hat wie viele Mädchen dafür gekämpft, zur Schule gehen zu können

Ein ganz normales Mädchen

Pakistanische Kinder schreiben auf ihre Plakate: Ich bin auch eine Malala

Foto: Arif Ali/AFP/Getty Images

Vergangene Woche sorgte ein 14-jähriges pakistanisches Mädchen weltweit für Schlagzeilen: Am 9. Oktober wurde die Neuntklässlerin Malala Yousafzai aus Mingora bei einem Mordanschlag in den Kopf und den Nacken geschossen. Malala lebt im Swat, so heißt das Tal im Nordwesten Pakistans, das man dort auch die Schweiz dieser Region bezeichnet und das für seine hochwertigen Smaragd-Minen bekannt ist.

Das Attentat ereignete sich, als Malala mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr. Die pakistanischen Taliban übernahmen die Verantwortung für den Anschlag. Ihr Sprecher Ehsanullah Ehsan begründete ihn damit, dass Malalas Forderung, Mädchen müssten zur Schule gehen, sie zu einem Symbol der „westlichen Kultur“ gemacht habe. Wenn sie nicht an den Folgen dieses Anschlages sterbe, werde es einen weiteren Mordversuch geben, sagte er weiter und drohte: „Das soll ihr eine Lehre sein.“ Mittlerweile soll auch ihr Vater, Ziauddin Yousafzai, Drohungen erhalten haben.

Mit elf Jahren begann Malala unter dem Pseudonym Gul Makai ein Blog für BBC Urdu, also die pakistanische BBC, zu schreiben, in dem sie darüber berichtete, wie die Taliban in ihrer Heimatstadt die Kontrolle übernahmen und sie sich auch weiterhin dafür einsetzte, dass Mädchen in die Schule gehen können. Sie sprach damals bereits Englisch und wollte Medizin studieren. 2011 wurde sie für den International Children’s Peace Prize nominiert. Auch ihr Vater engagiert sich sehr für die Schulbildung von Mädchen und leitete entgegen der Anordnungen der Taliban eine der letzten Schulen in der Gegend. Es ist eine tragische Ironie, dass auf Malala geschossen wurde, als sie von der Schule nach Hause fuhr. Mit ihr wurden zwei andere Kinder verletzt, die es nicht in die Schlagzeilen schafften.

Es gibt nicht nur Malala

Aber es gibt nicht nur eine Malala. Ihre Geschichte ist die von Tausenden pakistanischen und insbesondere paschtunischen Mädchen. Was ihr im Namen von Politik und Religion angetan wurde, offenbart die dunkelste Seite der pakistanischen Gesellschaft: In allen Kulturen, auch in den frühen islamischen Gesellschaften, ist Gewalt gegen Frauen und Kinder tabu.

Doch es gibt auch einen Lichtblick: In der Region Swat und im ganzen Land haben Frauen auf der Straße ihren Protest gegen den Mordversuch artikuliert. Sie schrieben darüber oder gaben Erklärungen ab, in denen sie verurteilten, was geschehen war. Es hat sich gezeigt, dass das Land trotz seiner mannigfaltigen Probleme mit Recht und Gesetz und rechtsradikalen islamistischen Vorstellungen in der Lage ist, im Falle von Gewalt gegen Unschuldige gemeinsam zusammenzustehen. Nicht nur die sogenannten Säkularen verurteilten den Anschlag, sondern auch konservative Islamisten und „antiwestliche“ Parteien. Das darf nicht vergessen werden.

Am wichtigsten aber ist, dass es Mädchen wie Malala gibt und dass sie alles andere als eine Ausnahme darstellt. Es gibt Tausende von Malalas, die nicht entdeckt, deren Tagebücher nicht in einem BBC-Blog veröffentlicht und die nicht für Friedenspreise nominiert werden. Sie leisten im Stillen Widerstand. Dass das Schicksal Malalas weltweit wahrgenommen wird, macht sie zu einem Symbol, aber es ist wichtig, sich klarzumachen, dass sie als Symbol für viele Kämpfe von in Swat kämpfenden Frauen und Männern steht.

Kämpfe, die aus dem Inneren der Gesellschaft entstanden sind und für Veränderungen gesorgt haben. Es ist wichtig zu verstehen, dass Malala nicht in einem Vakuum lebt. Sie ist nicht die einzige.

Malala ist jetzt nach Großbritannien gebracht worden, wo sie behandelt wird. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari hat angeordnet, dass auch den anderen beiden Kinder, die der schrecklichen Ideologie der Taliban zum Opfer gefallen sind, die gleiche Behandlung zuteil werden soll. Viele Pakistaner denken, dass die Aufmerksamkeit, die Malala und ihren Eltern geschenkt wird, einen Versuch der Regierung darstellt, den Westen und jene Massen zu beschwichtigen, für die das paschtunische Mädchen zu einer Heldin geworden ist. Denn Vorschläge für eine langfristige Lösung hingegen gibt es nicht. Menschen- und Frauenrechtlerinnen fragen sich, wann es zu einer echten Lösung kommen wird, die die Menschen aus dem Griff der Militanten und die Gegend von den Taliban befreit. Malala ist das dritte weibliche Opfer der Taliban. Die Pakistaner wollen wissen, wie viele Mädchen und Frauen noch geopfert werden, bevor die richtigen Schritte unternommen werden und der Nordwesten von den Taliban befreit wird.

Bildung ist nicht MTV

Malalas Anliegen war nicht ungebührlich. Sie hat sich nicht „verwestlicht“, indem sie ihr Recht einforderte, zur Schule zu gehen und sich zu bilden. Schulbildung von Mädchen wie von Jungen gehört zur muslimischen und anderen „östlichen“ Kulturen genauso wie zum „Westen“.

Im Koran ist häufig davon die Rede, wie wichtig Bildung für Männer und Frauen ist. Und entgegen einem populären Mythos ist „gebildet“ nicht gleichbedeutend mit „westlich“. Viele rechtsgerichtete Islamisten aber behaupten genau das. Zivilisation und Entwicklung verbinden sie allein mit der „westlichen“ Gesellschaft. Das ist für sie gleichbedeutend mit MTV. Malala ist weder westlich noch privilegiert. Sie ist die Tochter einer traditionellen paschtunischen Familie, die, wie viele andere, will, dass ihre Kinder in Sicherheit zur Schule gehen können.

Nun ist Malala mit ihrer Geschichte zur Heldin geworden. Zur Behandlung der Kopfwunde wird sie von einem Krankenhaus zum nächsten gebracht. Und in Pakistan fragen sich nicht wenige, warum ihr diese Hilfe zuteil wird, wo doch jeden Tag so viele Menschen verletzt werden und sterben, ohne dass sich jemand um sie kümmert. Die Antwort lautet: Weil es eben so ist. Manche leiden still und andere werden für ihr Leiden gefeiert. So ist das Leben. Aber der normale, urbane Pakistaner fragt sich weiterhin: Warum sie? Was ist mit den Leuten, die hier jeden Tag durch Waffengewalt, Drohnen, Verbrechen des Staates oder des organisierten Verbrechens sterben?

Die ganze Welt stellt sich hinter Malala. Die englischsprachige pakistanische Tageszeitung The Express Tribune berichtet darüber, dass 50 islamische Kleriker eine Fatwa gegen diejenigen verhängt haben, die Malala ermorden wollten. Gruppen von Frauen und Männern protestieren gegen den Angriff, verschleierte wie unverschleierte Frauen, bärtige Männer ebenso wie Männer ohne Bart und Angehörige von Minderheiten, einschließlich verfolgter religiöser Minderheiten. Als Symbol von Unschuld wie Stärke spricht sie die universelle menschliche Natur an.

Und ja, als Frau hat man es in Pakistan schwer. Es wäre lächerlich, das bestreiten zu wollen. Dass die Gesellschaft es aber erlaubt, dass eine Malala ihre Stimme erhebt und mehrere Malalas sie unterstützen können, sagt etwas über die Frauen in diesem Land. Sie mögen leiden, aber sie lassen sich mit Sicherheit nicht unterdrücken. Frauen, die sich unterdrücken lassen, kämpfen nicht, schreiben keine Blogs, auf ihr Leben werden keine Anschläge verübt. Malala, so jung sie auch ist, tat und erlebte all dies.

Kommentare (1)

Vaustein 18.10.2012 | 12:35

"Es ist eine tragische Ironie, dass auf Malala geschossen wurde, als sie von der Schule nach Hause fuhr."


So kann man diesen grausligen Vorgang auch bezeichnen. Ich vermag aber den Begriff Ironie nicht zu erkennen. Für mich ist das versuchter Mord an einem Kind aus dämlichsten religiösideologischen Gründen von primitiven Zeitgenossen der dümmsten Sorte.