Erhard Schütz
06.02.2013 | 00:30

Ein kräftiger Schluck vom Zaubertrank Me-too

Erinnerungskultur Die Zeitgeschichte hat Mühe sich gegen die Erinnerungskultur zu behaupten. Aber im Unterschied zu ihr, ist die Zeitgeschichte zukunftsgewandter

Der Kult um die Erinnerungskultur ist so dominant, dass die Zeitgeschichtsforschung Mühe hat, sich dagegen zu profilieren. Erinnerungskulturen dabei selbst der Zeitgeschichtsforschung zu unterziehen, reicht noch nicht hin. Die Zeitgeschichte hat indes einen Vorteil: Erinnerungskultur verwickelt Gegenwart und Vergangenheit in eine permanente Korrekturschleife. Daraus entsteht zwar auch Zukunft, aber eine sich selbst nicht gerade aufgeschlossene. Zeitgeschichte hingegen kann, mit allen auch problematischen Implikationen, historiografisch die „Vorgeschichte gegenwärtiger Problemkonstellationen“ (H. G. Hockerts) erhellen und damit zukunftszugewandter wirken. Vom hohen Stand der Selbstreflexion zeugt jetzt ein handliches Handbuch, das fast keinen Wunsch offen lässt. Auf dem aktuellen Stand von ca. morgen früh werden Begrifflichkeiten, Methoden, Zäsuren durchmustert und Forschungsfelder von Politik- über Militär-, Wirtschafts-, Konsum-, Umwelt-, Medien- bis hin zu Geschlechter- und Generationengeschichte umrissen. Dabei zieht sich durch fast alle – auch dies ein zeitgeschichtlich zu reflektierendes Phänomen – als rotes Netz die Kulturgeschichte hindurch. Das ist nahezu durchweg von vorbildlicher Stringenz und Klarheit, sodass es auch Novizen, Barfuß- oder Armstuhlhistorikern ein Muss sein müsste.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis Unternehmen, deren Spur durchs „Dritte Reich“ ging, erkannten, dass es besser ist, sich mit der Hilfe seriöser Wissenschaftler der eigenen Geschichte zu stellen. Viele Unternehmen, von Volkswagen bis Bertelsmann, haben das erfolgreich beherzigt. Denn History sells! – auch hier. Selbstkritik, zumal an den Vorgängern, ist imagefördernd. „Fast alle großen Markenanbieter“, schreibt Manfred Grieger in seinem sehr informativen Beitrag zu einem durchweg lehrreichen Band zur „Vergangenheitsbewirtschaftung“, „nutzen auf ihrer Homepage ihre Geschichte als Distinktionsfaktor.“ Geschichte wird auch jenseits der medienindustriellen Geschichtsverknoppung zum Wirtschaftsfaktor. Und die Wirtschaft zunehmend zur Geschichtsfactory. Marketing, Eventisierung und Hybridisierung sind die Tendenzen, die Grieger ausmacht. Ob man dabei Geschichte aufarbeitet oder sich eine Legende zulegt, das ist nicht immer zu unterscheiden. Das gilt ebenso für Städte, Verbände oder Ministerien. Die Frequenz von Jubiläen, Jahres- und Gedenktagen wird dabei immer dichter. History Consulting ist da ein expansionsträchtiger Historikermarkt. Umso wichtiger, dass man kritisch auf Kriterien und Qualitäten sieht. In diesem Band geschieht das mit großem Bedacht.

Die Dinge, die wandern vom einen zum andern. Sind Spur der Erdentage. Die Dinge, die wir ererbt, erworben haben, die uns besitzen und uns überdauern sollen, sind oft genug unsere metaphysischen Schmusedecken, Übergangsobjekte, an die wir uns klammern, weil danach nichts mehr geht als über den Jordan. Die Dinge zeigen, was wir von uns zeigen wollen – so bin ich, so fühle ich, das tue ich –, aber sie zeigen dem Kundigen eben auch, was wir gar nicht zeigen wollen, dem Kfz-Mechaniker etwa mithilfe der abgefahrenen Bremsen, wie ängstlich wir sind. Der Psychologe Sam Gosling schnüffelt gar professionell in den Sachen von Mitmenschen herum, um daraus Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Aber, meint Annette Schäfer, man muss sich nur mal selbst umsehen unter dem, was man so um sich versammelt hält, Dinge, die unsere Selbstbilder, unseren Status, unsere Siege – Niederlagenzeugen werden eher eliminiert – und so nach und nach unsere Geschichte repräsentieren, dann sehen wir deren therapeutischen Charakter. Eine Therapie ist das freilich, bei der am Ende die Allgegenwart des Therapeuten uns zu paralysieren droht. So folgt in diesem anregend durch Alltagswelt und Seelenkunde spazierenden Buch über die Dinge am Ende guter Rat, nämlich, wie man sich rechtzeitig im freiwilligen Abschied von all dem Seelen-, Sinn- und Schmuseplunder übt. Das gilt freilich auch für Bücher.

Und nun zu etwas ganz, aber dann doch nicht so anderem. Wahrscheinlich hat noch immer jeder Haushalt oder jede Nachbarschaft mindestens eine Tolkinesin oder einen Silmarillionär vorrätig, ob nun bekennend oder nicht. Da lag für Arnulf Krause, der bisher ziemlich flächendeckend die Welt der Germanen, Kelten, Wikinger und was so dazugehört beschrieben hat, nahe, die irdisch-historischen – und das heißt in dem Falle angelsächsischen, germanischen, aber auch keltischen – Wurzeln des in ein fantastisches, ewiges Jetzt und Nie enthobenen Tolkien-Kosmos zeigen zu wollen; dem Käufer zum Lehr-, dem Verkäufer zum Mehrwert. Er macht das zwar nicht ohne einen kräftigen Schluck vom Zaubertrank Me-too, aber doch mit Kundigkeit und Anstand. Ein bisschen auch mit Umstand. Doch der wird diejenigen, denen all die Namen, Begriffe, Gegenden und Praktiken der Ringewelt geläufig sind, ohnehin nicht schrecken. Und wer endlich mal den ganzen Spuk begreifen will, wird sich nicht geprellt fühlen.