Jochen Vogt
22.11.2012 | 15:00

Ein Quantum Verrat

Agenten Robert Littell erzählt die unendliche Geschichte des britischen Jahrhundertspions Kim Philby weiter

Beirut, 23. Januar 1963. Auf dem Weg zur Dinnerparty verlässt Harold A. R. Philby, genannt „Kim“, Nahost-Korrespondent des Observer, das Auto seiner Ehefrau Eleanor, „um noch ein Telegramm aufzugeben“. Anfang Juli wird er in London offiziell als Sowjetspion entlarvt und später in Moskau zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt. Die ehrt „КИМ ФИЛБИ“ mit einer Fünf-Kopeken-Briefmarke für treue Dienste, die er – wie einige Studienfreunde vom Trinity College in Cambridge – dem KGB und seinen Vorläufern seit den frühen dreißiger Jahren geleistet hat.

All dies ist historisch verbürgt; umstritten bleibt die Zahl der westlichen Agenten, die Philby von 1944-45 als zeitweiliger Chef der antisowjetischen Sektion beim britischen Auslandsgeheimdienst „geopfert“ hatte, sowie das Gewicht von Informationen, etwa über Hitlers Kriegspläne oder das Atomwaffenprojekt der USA, der spionierenden Freunde, die sich gern „die Apostel“ nannten. Unbelegt ist auch, ob Philby tatsächlich zehn Dosen Abführdragees der Firma Arm & Hammer mit sich trug, als er in Beirut den Frachter Dolmatowa enterte. Behauptet wird dies jetzt von Robert Littell in einem Buch mit dem schlichten Titel Philby. Und er behauptet noch mehr: „Kim“ sei keineswegs ein Doppel-, vielmehr ein Dreifachagent gewesen. Er habe stets, wie sein fiktionaler Kollege Bond, On Her Majesty’s Secret Service agiert.

„Kim“ Philby ist längst zu einer mythischen Figur zwischen West und Ost, zwischen Zeitgeschichte und Literatur geworden. Dazu haben Journalisten, Historiker, Romanciers und Regisseure beigetragen, nicht zuletzt Philby selbst. Seine Autobiografie My Silent Life (1968) ist ein Meisterwerk der Kunst, wortreich von sich zu sprechen, ohne wirklich etwas preiszugeben. Philby ist längst eingesponnen in ein Netz von „Legenden“ (so sagen ja auch die Spione!). Die „Wahrheit“ ist längst ausgelöscht.

Philby, einer vom MI6?

Den Spaß am Weitererzählen verdirbt das nicht, ganz im Gegenteil. Graham Greene etwa hat Philby als Meister des Agentenhandwerks gelobt, im Übrigen habe er „im Dienst einer Sache“ spioniert! Greene hat auch die Abgründe des Spionagewesens nach ihrer tragischen wie lächerlichen Seite hin sondiert und damit auch die „Spy Novels“ modernisiert, die noch aus dem alten Empire stammen, als es nur Schwarz und Weiß und Gut und Böse gab.

Das Epochenthema der Zwischenkriegszeit und des Kalten Krieges ist aber, wie Margret Boveri dargelegt hat, ein anderes: Der Verrat im 20. Jahrhundert (1956-60). Nationale Loyalitäten werden durch Ideologien verraten. Das gilt auch für die „Apostel“ von Cambridge, die mit dem fernen Ideal ihre politische Sinnkrise überwinden wollen (aber auch spätpubertären Spaß am Räuber-und-Gendarm-Spiel hatten). Doch die Ideologien werden bald ihrerseits durch Desillusionierung verraten: Viele westliche Sympathisanten wenden sich nach dem Spanischen Krieg, den Moskauer Prozessen und dem Hitler-Stalin-Pakt von der „Großen Sache“ ab; der „freie Westen“ erweist sich nach 1945 als löchriger Deckmantel für Vormachtpolitik und Profitinteressen.

Portrait des Spions als junger Mann

Aus idealistischen Agenten werden desorientierte „Scharlatane“, „keiner weiß, wo die Front verläuft“. Das sagt einer von ihnen im Roman Dame, König, As, Spion (1974), in dem John le Carré die Affäre Philby verarbeitet. Möglicherweise war le Carré (während seiner Geheimdienstzeit in Bonn und Hamburg) selbst ein Opfer von Philbys Denunziationen. Im Roman vertieft er nicht nur die ideologische Problematik, sondern verhandelt, erneut auf den Spuren Greenes, auch den Konflikt von politischer und privater Loyalität. Philbys Alter Ego im Roman ist nicht nur Verräter, sondern auch Verführer und Betrüger. Das erfährt vor allem sein Kollege George Smiley, den le Carré wohl auch deswegen über mehrere Romane als moralisch integre Gegenfigur aufbaut.

Ein Leitmotiv der Philby-Saga war von Anfang an die Suche nach weiteren „Aposteln“. Er selbst war, nach seinen Freunden Burgess und Maclean, die bereits 1951 in die UdSSR flohen, der „dritte Mann“. Ein vierter und fünfter werden mehr oder weniger spektakulär in den siebziger Jahren enttarnt. Der geständige John Cairncross (Nr. 5) darf sich nach Südfrankreich zurückziehen und Molière übersetzen. Als jedoch Margaret Thatcher im Unterhaus eingestehen muss, Sir Anthony Blunt, der Queen oberster Kunstexperte, sei schon Nummer vier, führt das – wie zu erwarten – zu großer Empörung, aber auch zu großer Literatur.

John Banville verwandelt in Der Unberührbare (1997) die britische Affäre in eine subtile Innenansicht des Spions. In Aufzeichnungen, die der ältliche Kunsthistoriker nach seiner Entblößung beginnt, trägt er Schicht um Schicht seiner Tarnung ab, um am Ende hinter allen „Masken“ nur existenzielle Leere zu entdecken. So weit geht Robert Littell nicht, auch wenn er seinen Philby frei nach Joyce als Porträt des Spions als junger Mann avisiert. Bei Littell entsteht das schwankende Charakterbild des Verräters aus den widersprüchlichen Erzählungen derer, die ihn zu kennen glaubten. Das beginnt mit seiner ersten Ehefrau Alice Friedemann, der ungarischen Jungkommunistin „Litzi“, die Philby in Wien in die Geheimnisse der Erotik und die kommunistischen Zirkel einführt; die er während der Februarkämpfe 1934 heiratet, um sie vor dem Zugriff der Austrofaschisten zu schützen, und von der er sich scheiden lässt, als Moskau dies verlangt.

Fiktion vermischt die Fakten

Litzi Friedmann, vermerken die englischen Biografien, habe später in „Eastern Germany“ gelebt. Barbara Honigmann erzählt davon in Ein Kapitel aus meinem Leben (2004), nämlich wie sie auf der Suche nach ihrer jüdischen Herkunft auf ein Geheimnis ihrer Mutter stößt, die immerhin ein Jahrzehnt Mrs Harold Philby war.

Bei Littell sind aber auch die sowjetischen Führungsoffiziere von Interesse, die in London oder Moskau, also in den Verhör- und Todeszellen des KGB, zu Wort kommen. Der Einzige, der immer recht hat, ist natürlich der „hochgeachtete Josef Wissarionowitsch“ Stalin. Das Spannende bei Littell ist das unmerkliche und für den Leser nicht mehr überprüfbare Hinübergleiten von der Historie in die Fiktion oder (mit Aristoteles gesprochen) vom „Wirklichen“ ins „Mögliche“. Dass Littell ernsthaft meint, die Philby-Geschichte habe sich so zugetragen, ist zu bezweifeln. Aber seine Idee ist ein produktiver Story-Generator.

So etwas dachte sich wohl auch der schottisch-kanadische Autor Charles Cumming, als er für seine gerade eben erschienene Trinity Verschwörung einen sechsten Apostel hervorzaubert und dies mit einer Story von 1992 verknüpft, in der ein russischer Präsident, dessen Name mit P beginnt (aber nicht auf -tin endet) eine höchst dubiose Rolle spielt. Das ist ein gut lesbarer, spannender Thriller, der in keiner Hinsicht auf dem literarischen und intellektuellen Niveau von Philby liegt. Wo Cumming die Leser nötigt, das Unerhörte zu glauben, verlockt uns Littell, das Unmögliche zu denken. Und das ist wohl der innerste Kern aller Spy-Fiction.