Moritz Scheper
10.01.2013 | 13:43

Eine Kurve macht noch keine Moderne

Ausstellung Der Fotograf Arne Schmitt hat sich die Nachkriegsarchitektur der BRD vorgenommen, die von den Baumeistern des NS-Regimes entworfen wurde

Viel Mut beweist das Sprengel Museum  mit der  Ausstellung Wenn Gesinnung Form wird. Nicht nur, dass mit Arne Schmitt (Jahrgang ‚84) ein junger, unbekannter Künstler alleine die Fotogalerie bespielen darf: Die Arbeiten entstammen zudem seiner Essaysammlung zur Nachkriegsarchitektur der BRD. Nun liegt einem Fotoessay meist eine festgelegte Bilderanordnung als Argumentationskette zugrunde. Wird diese gesprengt, verfälscht das leicht die Aussage. Nicht so hier. Anhand einer Auswahl von 14 Fotografien wird ein Aspekt erfolgreich herausgearbeitet: die personellen Kontinuitäten in der deutschen Architektenelite nach dem Ende des NS-Regimes.

Hanns Dustmann etwa war „Reichsarchitekt der Hitlerjugend“ und Teil des „Arbeitsstabs zum Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“ unter der Leitung Albert Speers. Friedrich Tamms arbeitete zudem für die berüchtigte NS-Bautruppe „Organisation Todt“. Helmut Hentrich stand gar auf Hitlers „Gottbegnadetenliste“. Alle drei schufen auf tausend Jahre angelegte Reichskanzleimonumentalität. Alle drei avancierten nach dem Ende des Nationalsozialismus zu Koryphäen des bundesrepublikanischen Wiederaufbaus.  Sie schufen nun offene, am Demokratiemodell der Polis orientierte Städte, die dem demokratischen Deutschland den passenden Anstrich geben sollten.

Eher Archäologe als Ästhet nähert sich Schmitt behutsam den Bauwerken dieser Wendehälse. Nichts wird überhöht, ebenso wenig werden die Intentionen dieses „neuen Bauens“ abgeschwächt. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen verschleiern den welken Zustand der Bauten und ermöglichen einen unverstellten Zugang zu den architektonischen Ideen, wie sie sich in den Baujahren präsentiert haben mögen. 

Hentrichs Düsseldorfer Drahthaus und Tamms’ Brückenbau Tausendfüßler atmen Formwille und Leichtigkeit. Inwiefern hier jedoch Gesinnung Form geworden ist, fragten sich bereits die Zeitgenossen. Beide Bauwerke waren Teil des „Neuordnungsplans“, den Tamms 1949 als Leiter des Düsseldorfer Stadtplanungsamtes vorlegte. Dieser Plan war in weiten Teilen mit dem von der NS-Behörde „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“ entwickelten Konzept für die Gauhauptstadt Düsseldorf identisch. In Opposition zum „Achsen-Fetischismus“ des obersten Stadtplaners gründete sich 1949 der „Architektenring Düsseldorf“.

Dieser „Düsseldorfer Architektenstreit“ ist Hintergrundmusik zu den im Sprengel gezeigten Arbeiten, die Hitlers Helfer vom Bau in einer Phase zeigen, in der sie leichte Materialen, Kurven und Geländefreiflächen schon kannten, sich von ihrer Doxa aus Stein und scharfen Achsen aber noch nicht lösen konnten. Dass die oft bemühte Dichotomie von Stein vs. Glas verkürzt ist, zeigen Schmitts Aufnahmen jedoch auch: Paul Schneider-Eslebens Hanielgarage von ‚52 gilt ob ihrer großzügigen Glasfassaden als Fortschreibung der klassischen Moderne deutscher Couleur. Sieht man jedoch daneben Hentrichs Drahthaus und zieht dessen nicht in der Ausstellung vertretenes Kopfhaus aus den Dreißigern hinzu, lässt sich noch in der NS-Zeit ein Schwenk zu mehr Glas und freien Trägerelementen ausmachen. All dieses Rauschen in nicht einmal zwanzig stillen Aufnahmen verdichtet zu haben, ist das große Verdienst von Arne Schmitt.