Maximilian Link und Jan Wehn
02.03.2012 | 16:00

Entlang der klaren Linie

Klassiker Tim-und-Struppi-Comics sind längst zum Gut der Popkultur geworden. Vertiefende Analysen findet der Fan ebenfalls leicht

Tintinologe – das klingt erstmal ziemlich schnöde. Irgendwie so wie „Trekkie“. Man weiß sofort: Es geht um Nerds. Genauer: Berufsnerds. Denn Tintinologen schreiben kluge Bücher. Ihr Objekt der Erkenntnis ist die von dem belgischen Zeichner Hergé erdachte Figur Tintin, die im deutschen Sprachraum unglücklicherweise Tim genannt wird.

Während der „gewöhnliche“ Leser Tim und Struppi vielleicht etwas leichter liest, aus Freude, zur Entspannung oder gar um seiner hiesigen Welt kurz zu entfleuchen, nimmt der Tintinologe den Comic auf die Metaebene, betrachtet sowohl Bild für Bild wie auch das große Ganze, analysiert ihn ikonografisch und literaturwissenschaftlich, stellt ihn in einen historischen Kontext, schaut hinter das Konstrukt aus Narrativen und Charakteren, fragt nach dem Verhältnis von Autor und Figuren. Kurz: Der Tintinologe begehrt zu wissen, was man bei Tim und Struppi alles lesen kann. Was sich hinter den Abenteuern, in denen es auf der ersten Ebene immer um die Aufklärung eines Verbrechens geht, noch verbirgt. Was das Geheimnis ist. (Vielleicht auch das des Erfolges.) Folglich lauten die Titel der Tintin-Autoren dann auch Auf den Spuren von Tim Struppi (Michael Farr) oder Tim Struppi und das Geheimnis der Literatur (Tom McCarthy).

Im letzten Jahr erfuhr Tintin, ohne dass er das unbedingt nötig gehabt hätte, eine ziemlich bombastische Wiederbelebung: Die beiden Hollywoodgrößen Steven Spielberg und Peter Jackson nahmen sich seiner an und packten ihn in einen 3D-Film. Aus dem Comic-Tim der Ligne claire wurde ein plastischer, dem Menschen ähnlicher, der mit seinem Original nur noch wenig gemein hat. Natürlich war auch Hergés Tim keine feste Größe. Wie die Tintinologen zeigen, wandelte er sich vom, man mag es kaum glauben, rassistisch-sadistischen Kolonialherrenmenschen in Tim im Kongo (1930) zum überpolitischen Freund, der jedes Klischee verachtet und immer die eben wahre Wahrheit sucht. Man sieht: Der Tintinologe ist nicht nur Fan, sondern dekonstruiert auch so manchen romantischen Mythos.

In die Reihen dieser Tintinologen begibt sich mit dem Vielklugschreiber Georg Seeßlen, der die Verfilmung als Aufhänger für seinen Band Tintin, und wie er die Welt sah nimmt, nun auch ein deutscher Autor. Und er stellt gleich klar: „Tintin war nie mein Freund.“ Tim ist eine Leerstelle, eine Figur ohne wirkliche Eigenschaften, eigentlich langweilig, aber eben deshalb „konnte man mehr auf die Hintergründe achten, die Nebenfiguren, die Landschaften, Architekturen, Maschinen und Fortbewegungsmittel. Und ebenso die Machart. In die Welt von Donald oder Spirou konnte man ,versinken‘, Tintin aber hat man ,gelesen.‘ “

Reine Seele, reiner Text?

Und so versucht Seeßlens vom Format her leider etwas ungeschicktes Büchlein dem Leser deutlich zu machen, wieso Tim und Struppi so interessant, vielschichtig, nah am Zeitgeist etc. sind. Es unterscheidet sich nur gering von seinen Vorläufern. Eine ausführliche Biografie Hergés, in der es um seine streng katholische Erziehung, seine Detailversessenheit und seinen Gesinnungswandel geht, bildet das Fundament. Dann wird knapp das Wichtigste aus jedem Band erzählt, es geht um die Ligne claire und die multimediale Entwicklung der Figur Tintins. Und schließlich, im spannendsten und individuellsten Teil des Bandes, unternimmt der Cineast Seeßlen endlich das, was ihm vorbestimmt war: Er schaut, was Spielberg aus Hergés Tintin gemacht hat. Und kommt auf ganz Erstaunliches.

Generell muss man zwischen zwei Sorten der Tintinologie unterscheiden: Der akribischen und der interpretatorischen. Zur ersten Kategorie gehört Michael Farrs Band Auf den Spuren von Tim und Struppi. Im Gegensatz zu Seeßlen oder McCarhty stellt Farr keine waghalsig-interessant hergeleiteten Thesen auf (Tim sei die reine Seele, Tim sei reiner Text), sondern bleibt bei den Fakten. Farr durfte jahrelang in den Archiven Hergés stöbern und hat so vor allem eine beeindruckende Bildsammlung zusammengestellt. Immer wieder stellt er Original und Zeichnung gegenüber und zeigt Hergé als den manisch-peniblen, vom Zeitgeist Besessenen, der er war.

Farrs großformatiger Band ist streng chronologisch aufgebaut, jedem der 24 Bände ist ein Kapitel gewidmet. Trotzdem versucht Farr eine zusammenhängende Story – Hergés Biografie mal wieder – zu erzählen. Man erfährt eine Menge interessanter Dinge rund um Tim und Struppi, die bei der komplizierten Publikationsgeschichte der Comics (die ursprünglich schwarz-weiß in einer Zeitung, dann in einem Magazin erschienen sind) auch durchaus hilfreich sind. Farrs Band liest sich wie ein Beipackzettel zu Tim und Struppi.

Farrs Band ist aber auch der Verliebteste. Er ist nicht unkritisch, weist durchaus auf schlechtere Comics und auf die anfänglich rassistische Gesinnung Hergés hin. Aber Farr kommt nicht umhin zu verbergen, dass er ein riesiger Fan ist. Was an sich nicht schlimm wäre, würde es sich nicht hin und wieder in der Sprache wiederfinden: Bei der Besprechung des Bandes Die Juwelen der Sängerin wird in jedem Abschnitt erwähnt, wie „genial“ dieser doch ist. Und das behindert den Lesefluss.

Meilenweit entfernt von einer Faktenerzählung ist Tom McCarthys Tim und Struppi und des Geheimnis der Literatur. Widmete sich Georg Seeßlen beispielsweise dem Zusammenspiel von Literaturtheorie und Tintin nur am Rande, hat Tom McCarthy gleich ein ganzes Buch darüber geschrieben. Seine These ist einfach wie abstrakt: Tim und Struppi ist große Literatur. Aber was ist eigentlich Literatur?

„Figuren wie Kapitän Haddock oder Bianca Castafiore können es durch die unmittelbare Kraft und die Tiefe ihrer Persönlichkeiten mit denen aufnehmen, die Dickens oder Flaubert erträumt hatten.“ McCarthy macht sich daran, die vielen Bedeutungsebenen, die „Komplexität und Tiefe“ der Tim und Struppi-Alben, sprich: die Schöpferkraft Hergés, sichtbar zu machen. Er bedient sich dabei sowohl der Lehre Barthes‘ wie der Psychoanalyse, aber er geht auch ganz einfach biografisch vor, wenn er zum Beispiel die Bedeutung der Könige für die Comics daran festmacht, dass Hergé dachte, selbst aus einem Adelsgeschlecht zu stammen.

McCarthy übersetzt das Gezeichnete in Geschriebenes und hievt es auf die nächste Deutungsebene. Das geht so weit, dass er sogar die Geräuschkulisse aus platzenden Reifen, Pistolenschüssen und zerberstendem Glas als Effekt der gedoppelten Artikulation anführt. Der Autor arbeitet sich ab an vielen wichtigen und unwichtigen Themen der Comics: von der göttlichen Existenz über Gastfreundschaft bis hin zu Tims vermeintlicher Homosexualität. Er springt dabei assoziativ von Band zu Band und man möchte nachschlagen, verliert aber den Überblick, da der nächste Satz schon wieder eine neue starke These ist. Mehr ein philosophisches als ein didaktisches Buch.