Daniel Weißbrodt
07.07.2013 | 06:00 3

Entspannt euch

Lebensqualität In „Slow Travel“ lehrt uns der Brite Dan Kieran das langsame Reisen und erklärt, warum man eigentlich keinen Reiseführer braucht

Entspannt euch

Foto: marissa_strnste / Flickr (CC)

Dan Kieran, der langjährige Mitherausgeber des Idler, zu Deutsch: „der Müßiggänger“, hat mit Slow Travel ein kurzweiliges, kluges, geradezu weises Buch geschrieben. Es ist nicht allein eine Anleitung zum intensiveren Reisen, sondern mehr noch die umfassende Philosophie eines bewussteren und intensiveren Lebens, die ihr Thema lediglich in erster Linie am Beispiel des Reisens in sieben Kapiteln abhandelt – und damit in einer Reihe mit Slow Food, mit langsamem Gärtnern und anderen „Slow Events“ steht.

Begonnen hat Dan Kieran das langsame Reisen in London, seiner Wahlheimat. Mit der U-Bahn schnell und bequem unterwegs, stellte er eines Tages fest, nur Ausschnitte seiner Stadt zu kennen; die direkte Umgebung seiner Wohnung und seines Arbeitsortes. Und wenn man einmal darüber nachdenkt, so ist das wohl eine verbreitete Erfahrung, der man gewöhnlich aber nur wenig Bedeutung beimisst. Kieran allerdings zog die Konsequenzen, nahm von da an den Bus und lernte seine Stadt kennen.

Mit dem Zug

Dieses Prinzip wendete er – seiner Flugangst geschuldet – dann auch bei Fernreisen an und nahm den Zug. Mit dem gleichen Effekt: im Zug trifft man Menschen, kommt ins Gespräch; die Erinnerung an die große Interrail-Tour zählt denn auch für viele Menschen zu den angenehmsten Urlaubserinnerungen. Der Autor also fuhr zu einer Hochzeit nach Polen mit dem Zug, während ihn seine Freunde auslachten und flogen. Seine Reise dauerte einen Tag und eine Nacht, die der Freund ein paar Stunden. Doch „ihre kurze Bewegung über den Globus hatte sie kein bisschen verändert. Sie unterhielten sich über dieselben Dinge, über die wir auch zu Hause redeten“, ihn aber beschäftigten all die Dinge, die er beim Blick aus dem Zugfenster gesehen hatte, und die Gespräche mit seinen Mitreisenden, und er war, anders als seine Freunde, mit seinen Gedanken nicht mehr in London, er war tatsächlich in Warschau angekommen.

Als Nächstes machte sich der Autor auf, die Umgebung seiner Heimatstadt in Südengland zu erkunden, und die Landschaft, durch die er so oft mit dem Auto gedüst war, erschloss sich ihm zu Fuß auf neue Weise. Er sah die Bäume und die Wiesen, die Schmetterlinge und die Vögel, denn das Wandern oder auch nur Spazierengehen in der Natur hat – wie sicherlich jeder weiß – etwas Meditatives.

Was im ersten Moment nach Verzicht, Askese und Spielverderbertum klingen könnte, stellt sich im Gegenteil als lustvoll und bereichernd heraus. Dieses Erkunden, dieses zufällige Entdecken, das Weglassen eines Reiseführers, der dem Reisenden ein ohnehin nicht in Gänze zu absolvierendes Pflichtprogramm auferlegt, wie der Autor nicht müde wird zu betonen, die Entdeckung einer Landschaft, einer Stadt mit den eigenen Augen – das ist es, was Dan Kieran unter „Slow Travel“ versteht. Kieran ist kein Berufsabenteurer, der seine Leser zu aberwitzigen Klettertouren oder Ähnlichem überreden will, aber ein Exzentriker mit einem Hang zu großartigen Schnapsideen, das ist er schon. Einmal fuhr er übers Wochenende mit einem Freund – natürlich wieder mit dem Zug – auf eine schottische Insel, um Adler zu beobachten. Es war schlechtes Wetter, es gab Sturm, sogar der Strom fiel aus, aber sie hatten Glück, sie sahen Adler, und am Abend saßen sie im Pub, tranken mit fremden Menschen Bier und sangen gemeinsam Lieder zur Gitarre. Wieder zu Hause in London schien es ihnen, als wären sie eine Woche oder noch länger unterwegs gewesen.

2007 fuhr er mit Freunden in einem alten Milchwagen durch England. Die Karre war batteriebetrieben, hatte eine Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern und musste zu allem Überfluss täglich mehrere Stunden an eine Herdsteckdose angeschlossen werden. So etwas kann eigentlich nur in einem Desaster und endlosen Streitereien enden. Doch es kam anders. Mit ihrem auffälligen Fortbewegungsmittel standen sie immer schnell im Mittelpunkt des Interesses, überall trafen sie auf Hilfsbereitschaft, und nie mussten sie für den Strom bezahlen. Sie hörten die Geschichten von den verschiedensten Menschen und machten die Erfahrung, von der im Übrigen sehr viele Reisende berichten, nämlich die, dass die Arschlochquote auf der ganzen Welt erfreulicherweise viel geringer ist, als Zeitungen und Fernsehen das vermuten lassen.

Der leise Elektromotor des Wagens verscheuchte die Tiere nicht, Hasen und Kaninchen hoppelten neben dem Auto her, und einmal wurden sie von einer Hummel überholt. So etwas lockt, es ihm nachzutun, und tatsächlich ist es das größte Verdienst des Buches, dass es Vorschläge macht, Beispiele und Reisen beschreibt und seine Leser ermuntert, ohne je missionarisch zu werden.

Historische Wurzeln

Zwar geraten die kurzen Abrisse der Geschichte Kontinentaleuropas recht holzschnittartig und zeigen, wie weit die britischen Inseln doch von uns entfernt liegen. Zudem verrutschen die diakritischen Zeichen in den wenigen vorkommenden tschechischen Eigennamen, doch das dürfte dem deutschen Lektorat geschuldet sein, ebenso wie der Lapsus mit dem eigentlich in Indien und Australien beheimateten Odysseusfalter, der sich angeblich in Südengland blicken ließ. Doch das sind Nebensächlichkeiten, Kieran führt neben seinen amüsant beschriebenen Erlebnissen auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse an, er beschreibt die englische Kavalierstour als eine historische Wurzel seines Konzepts des langsamen Reisens und behandelt sein Thema durchaus erschöpfend.

Ganz nebenbei ist Slow Travel ein geradezu subversives Buch, das seine Leser eindringlich davor warnt, sich zu Touristen machen zu lassen, zu Konsumenten eines Produkts, das mit dem eigentlichen Reisen gar nichts mehr zu tun hat und keine neuen Erlebnisse bieten kann, sondern allein vertraute Küche und heimischen Standard, garniert mit ein paar Sehenswürdigkeiten. Höchstens bei besserem Wetter.

Kommentare (3)

chrislow 08.07.2013 | 14:50

Meine Erfahrung beim Reisen (wobei das normalerweise nur "Urlaub" sei) ist, dass man den Weg völlig falsch als Belastung aufnimmt. Die Anreise zum Urlaubsort einer der wichtigsten Efahrungen des ganzen Urlaubs sei. Auf ihr entscheidet sich zuweilen,  ob der restliche Urlaub auch ein erholender, ein gewinnbringender  wird.  Meine Familie/Eltern sahen das aus irgend Gründen anders. Die Anreise war für sie reinste Notwendigkeit, um zum Zielort zu kommen. Als ob es wichtig sei, irgendwo zu sein - das Ziel nicht aus den Augen verlierend, den Weg nicht erkennend. Also auch keine Beziehung zu ihm aufbauen.

Immer stand ich amRande des Weges und wollte die Richtung verlassen -  aber das war Teufelszeug; völlig ausserhalb jeder Machbarkeit - schlichtweg selbstauferlegtes verbot sich die Welt anzusehen.

 

Seit vielen Jahren fahren wir an einer Insel vorbei und erklären, dass wir dort unbedingt einmal hinfahren wollen.  Soweit ist es bis heute nicht gekommen. Irgendwelche Ausreden sprechen immer dagegen. Keine Zeit, schlechtes Wetter, nicht im dunkeln ankommen, kostet Geld ... und so fahren wir noch heute ohne Gewissensbisse daran vorbei - zumindest scheinen wir bestens darauf konditioniert zu sein, unsere Zweifel an unserem Handeln zu verdrängen.

Auf diese Insel werde ich wohl nie gelangen.  Da kann ich ja froh sein, dass ich dessen Ufer von weitem schon einmal von einem Schiff betrachten konnte. Und immerhin kenne ich sie auf der Karte.

 

Und ist es nicht schon pathologisch auffällig, wenn man Ferien im Wohnwagen macht, der aber die ganzen Wochen an einem Ort steht?