Marc Ottiker
03.03.2012 | 14:00 1

Erzählserienerzählung

Medientagebuch "Torrent" heißt eine neue Zeitschrift, die sich der Fernsehserie als populärem Medium widmet – und das Gefälle zwischen internationaler und deutscher Produktion zeigt

Im Zuge der Aufwertung der Fernsehserie als ernstzunehmendem Erzählmedium ist nun die erste deutschsprachige Zeitschrift erschienen, die sich ganz dem „seriellen Erzählen“ zuwendet. Torrent ist unaufgeregt gestaltet, einem cineastischen Magazin näher als den Prospekten der Ladenketten, in denen die DVD-Boxen erhältlich wären. Porträts über Autoren (Aaron Sorkin) und Regisseure (Todd Haynes spricht über seine Mini-Serie Mildred Pierce mit Kate Winslet) wechseln sich mit sachkundigen Rezensionen ab, geschrieben sind die meisten von Marcus Kirzynowski, der auch die redaktionelle Arbeit alleine macht und die Filmzeitschrift Cargo als Vorbild seiner Herkulesarbeit nennt.

Nicht nur amerikanische oder englische Serien werden unter die Lupe genommen: In der schönen Rubrik „unentdeckte Meisterwerke“ wird in der ersten Nummer eine brillante, vom Dominik Graf inszenierte und Rolf Basedow geschriebene Folge des Fahnders von 1990 der Vergessenheit entrissen. Hier wird sichtbar, dass Dominik Graf tatsächlich der einzige Regisseur ist, der deutsche Fernsehserien aus der muffigen Provinzialität befreien könnte, ließe man ihn denn nur öfter gewähren.

Naturgemäß sind es aber die Shows der Pay-TV Networks HBO, AMC oder BBC, denen die größte Aufmerksamkeit zuteil wird. Allein die Beschreibungen von hierzulande noch völlig unbekannten Serien wie Hell on Wheels oder Shameless lassen den Reichtum an Milieus und Themen von Serien sowie dem Mut ihrer Macher erahnen. Die britische Serie Shameless, die von einer schwer disfunktionalen White-trash-Familie erzählt, ist dabei so erfolgreich, dass sie mit William H. Macy für die USA adaptiert wurde. Paul Abbot, der Erfinder des englischen Originals, will erklärtermaßen soziale Realität reflektieren. Und das offenbar Lichtjahre entfernt von einer Lindenstraße.

Starkes Gefälle

Zu Recht hymnisch gerät die Besprechung der anspruchsvollen und gleichzeitig hochspannenden Serie Homeland. Tatsächlich scheint sich mit dieser Agentenserie eine komplexe, politisch weit über die Propaganda etwa von 24 hinaus gehende Reflexion über den State of Mind der United States zu etablieren. Der Erfolg gerade von Homeland gibt den Stimmen Recht, die immer wieder einfordern, dem Publikum Futter für eigenständiges Denken und Fühlen vorzusetzen und nicht die bis zum Überdruss vorgekauten, tendenziös verlogenen Gefühls- und Identifikationsschablonen. Der Bericht über eine Kölner Autoren-Gesprächsrunde mit Christoph Hochhäusler und dem WDR-Redakteur Frank Tönsmann lässt allerdings erahnen, wie tief das Gefälle zwischen deutschen und englischsprachigen Serienmachern ist. „Solange die Quote auch bei den Öffentlich-Rechtlichen oberstes Kriterium ist, wird es wohl noch eine Weile dauern, bis auch deutsche Serien eine vergleichbare Suchtwirkung entfalten wie international hoch gelobte Formate à la Breaking Bad.“ Anlass dieser Erkenntnis war die Skype-Zuschaltung des Breaking Bad-Showrunners Vince Gilligan, der betonte, dass AMC ihm bei der Gestaltung der Serie fast völlig freie Hand lasse.

3.700 Stück beträgt die Startauflage von Torrent, bei 5.000 wäre die lang­fristige Finanzierung sicher. Man kann dem vier Mal im Jahr erscheinenden, an ausgewählten Kiosken erhältlichen Magazin aus Düsseldorf nur wünschen, dass es durchhält und in Zukunft auf möglichst vielen Schreibtischen von Fernsehredakteuren liegt, zur Inspiration und Ermahnung.

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