Christina Ujma
22.11.2012 | 15:00

Fast wie die Wirklichkeit

Historische Krimis Dominique Manottis Krimis sezieren die korrupten Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik

Die Autorin Dominique Manotti begeistert mit ihren sehr französischen Politthrillern ein internationales Publikum. Da machen die beiden Krimis, Das schwarze Korps und Die ehrenwerte Gesellschaft, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind, keine Ausnahme. In schöner Regelmäßigkeit rangieren Manottis Bücher auf den Bestsellerlisten ganz oben, genauso häufig heimst die 1942 in Paris geborene Schriftstellerin Preise ein. Und das, obwohl die Autorin die Leser fordert. Manottis Stil ist modernistisch, ihre Themen so kompliziert, dass die deutschen Verlage Übersetzungen regelmäßig mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen. Sie schreibt aufklärerische Bücher von einem dezidiert linken Standpunkt aus.

Die ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin und Professorin für Wirtschaftsgeschichte kennt die Mechanismen politischer und wirtschaftlicher Macht, in ihren intelligenten Aufbereitungen zwingt sie dem Leser jedoch nie eine Message auf. Historische Krimis sind Manottis eigentliche Spezialität, berühmt ist sie mit Krimis geworden, die in der Ära Mitterand und ihren zahlreichen unaufgeklärten Skandalen und Affären angesiedelt sind. Historische Krimis aber sind Manottis eigentliche Spezialität. Darin entlarvt Manotti das immer noch geklitterte Geschichtsbild der Franzosen und demontiert die alten Lebenslügen.

Desillusion auf Französisch

Auf Manottis Das schwarze Korps, im Original von 2004, trifft das auch wieder zu, wenn auch die historische Epoche dieses Mal pikanter ist. Denn der düstere Kriminalroman, der die letzten Monate der deutschen Besatzung von Paris am Ende des Zweiten Weltkriegs beschreibt, dreht die traditionelle Sicht der Geschichte um. Im Mittelpunkt stehen bei der Schilderung von Nazi-Paris nicht Wehrmacht, SS oder Gestapo, die freilich ihrem grausamen Ruf voll und ganz gerecht werden, sondern die vielen willigen französischen Helfer. Denn die gab es schließlich auch.

Die Kollaborateure versuchen, im Moment der nahenden Niederlage, möglichst viel Kapital aus der Situation zu schlagen, zumal sie als Korps ungestraft rauben und morden dürfen. Der Vertreter des Gaullistischen Widerstands, Inspektor Domecq, sieht dem Treiben machtlos zu, er kann nur Informationen weitergeben. Sein Polizeijob dient als Tarnung, wie auch Das schwarze Korps eigentlich ein politischer Roman par excellence ist, der sich als schnörkelloser Krimi nur getarnt hat.

Privatisierung der Atomindustrie

Die ehrenwerte Gesellschaft hingegen kommt als typischer Politkrimi daher. Der Roman wurde letztes Jahr mit dem wichtigsten französischen Krimipreis ausgezeichnet. Manotti hat ihn mit einem jüngeren Kollegen geschrieben, der unter dem Pseudonym DOA schon einige ebenfalls erfolgreiche Politthriller verfasst hat. Die ehrenwerte Gesellschaft startet recht harmlos und verwandelt sich dann in einen packenden Thriller: Zeitgleich mit den französischen Präsidentschaftswahlen planen junge Öko-Aktivisten eine spektakuläre Aktion und hacken den Computer und die Webcam eines Geheimpolizisten, der auf die Atomindustrie angesetzt ist.

Durch Zufall bekommen die Öko-Hacker über die Webcam mit, wie der Geheimpolizist von Einbrechern, die es auf seinen Computer abgesehen haben, umgebracht wird. Interessierte Kreise haben die Ökos, die flugs zu Öko-Terroristen stilisiert werden, als Sündenböcke ausgesucht, die Politik macht Druck und die Presse spielt mit. Der Ermordete hatte in der Tat Spektakuläres auf seiner Festplatte, es geht um die illegale Entsorgung von Atommüll und die Privatisierung der Atomindustrie.

Öko-Aktivisten als Bauernopfer

Gegen dieses Dickicht von Politik, Wirtschaft und Geheimpolizei kann sich nur ein Außenseiter behaupten, der in Gestalt eines Restaurantkritikers auftritt. Was sich gut trifft: Der Kritiker kann auf seine Erfahrungen und Kontakte als ehemaliger Kriegsreporter zurückgreifen. Seine Recherchen bringen ein wenig Licht in den Morast, trotzdem werden die meisten Mitglieder der Öko-Gruppe liquidiert. Die bittere Pointe des Krimis ist, dass die Sache überhaupt nur aufgedeckt wird, weil eine englische Zeitung im Hintergrund mitspielt, die Interesse an der Story hat.

Die Macht der Politik ist in Frankreich dagegen so stark, dass weder Presse noch Polizei es wagen, die „ehrenwerte Gesellschaft“ bloßzustellen. Angesichts der im Roman geschilderten Seilschaften ist der Titel auf alle Fälle gerechtfertigt, auch wenn die italienische Mafia, die ja seit Langem diesen Beinamen trägt, nur eine winzige Nebenrolle spielt. Der Leser aber versteht, warum Manottis Krimis vor allem in Italien, Spanien und Griechenland so populär sind, vieles klingt nur allzu vertraut.