Jürgen Busche
14.02.2013 | 01:00 5

Freie Fahrt für blaue Bürger

Kolumne Warum das Alkoholverbot im Straßenverkehr manchmal gelockert gehört

Kerry liegt im äußersten Südwesten der irischen Republik. Den meisten Deutschen dürfte die Grafschaft bekannt sein wegen ihrer Butter, die allenthalben als „Kerrygold“ verkauft wird. Milchwirtschaft prägt hier die Landschaft, aber die Leute in Kerry trinken keineswegs nur Milch. Das haben sie mit den Menschen im restlichen Irland gemein, und so geschah es wahrscheinlich frohen Mutes, dass sie sich jetzt an die Regierung der Republik im fernen Dublin wandten, um einen auf den ersten Blick befremdlichen Vorschlag zu unterbreiten: Man möge höheren Orts auf die Ahndung und Bestrafung in Fällen von Trunkenheit am Steuer verzichten. Freie Fahrt für blaue Bürger.

Das hört sich schlechter an, als es ist. Man muß auf die Begründung achten. Kerry verliert an Bevölkerung. Die Milchwirtschaft ernährt ihre Leute nicht mehr so wie ehedem. Die Folge: Viele Dörfer ernähren kaum noch ihre Gastwirte. Diese müssen schließen, und was an Bevölkerung drum herum übrig geblieben ist, kann abends nur noch in die Kirche gehen. Wer saufen will, muss das zu Hause tun oder in einen der Orte fahren, wo es noch ein Wirtshaus gibt. Das wäre noch kein Problem. Das Problem taucht auf, wenn es um die Rückfahrt geht. Entweder, der Kunde hat Milch getrunken und fährt nach fünf oder sechs Pints mit angespanntem Bauch Richtung Heimat. Oder er hat, wie es schon die Väter taten, kräftig Guinness durch den Hals laufen lassen und setzt nun, nachdem ihm ein mitfühlender Wirt den Autoschlüssel ins Schloss geschoben hat, seinen Wagen in Bewegung, um zu den Seinen zurückzukehren.

Die Berechtigung des Vorschlags aus Kerry ergibt sich aus der Frage: Was ist besser? In Irland regnet es viel. Wenn der Dramatiker Ferenc Molnár schon von England richtig sagte, die Insel sei wunderschön, sie müsse nur überdacht werden, so gilt das erst recht für Irland. Und in Sonderheit für Kerry, denn hier stoßen die regenschweren Atlantikwolken zuerst auf diesen Teil Europas. Zu Hause ist das Fernsehen auch nicht besser als anderswo, die Familienmitglieder sind nicht immer unterhaltsam. Umgekehrt – was zur irischen Kneipe gehört, das gemeinschaftliche Singen und das gemeinschaftliche Raufen gegen Ende des Abends ist in der heimatlichen Hütte nur selten adäquat zu inszenieren. Wenn man auch sagen mag, dass eine Rauferei unter Umständen schmerzhaftere Folgen hat als das Singen im Familienkreis, so ist doch einzuwenden, dass letzteres ganz gewiss immer unerwünscht ist, wohingegen ersteres manchenorts derart beliebt ist, dass es sogar im Fernsehen übertragen wird, weshalb man es wiederum zu Hause nicht tun muss.

Alles in allem. Die Leute aus Kerry haben Recht. Saufen, Singen, Prügeln gehört ins Wirtshaus, nicht in Wohnungen, wo Frau und Kind auf den Vater warten. Wenn der sich anderswo austobt, weil er es braucht, soll er mit dem Auto hinfahren und wieder zurückfahren dürfen ohne Ansehen der Promille. Wer gezwungen ist, nur noch allein daheim zu trinken, wird depressiv und ist rasch suizidgefährdet. Den Preis für Alkoholica hochtreiben hilft nicht. In Irland ist der irische Whiskey schon teurer als in Deutschland. Vom Alkohol ganz abraten, ihn gar zu verbieten, ist unsinnig, wie die Prohibition in den USA gezeitigt hat. Das wissen sie in Kerry auch.

Doch Kerry könnte bald überall sein. Auch aus Teilen Deutschlands hört man Bedenkliches. Hiesige Politik also hat allen Grund, sich mit Inhalten zu beschäftigen.

Kommentare (5)

Heinz Boxan 14.02.2013 | 15:21

Sehr zum Wohl !

Es wäre wirklich allerhöchste Zeit wieder schlucktoleranter zu werden.

Eine Gefahr sollte die  angestrebte Trinkerfreundlichkeit allerdings nicht werden.

So sollte eine Lizenz „Der Trinkerführerschein“, dem Schluckspecht erteilt werden, mit der strengen Auflage eine grün blinkende Warnleuchte auf dem Autodach mit zu führen, die sich automatisch ab einem gewissen Promillegehalt aufgrund der gesunden Ausdünstung des Alkvernichters einschaltet und die unvorsichtigen Fußgänger warnt.

 Auf Antrag wird mit staatlicher Bezuschussung auch ein Autopilot für Schritt-Tempo empfohlen. Die Einbaukosten können bei der Krankenkasse abgerechnet werden. Der Gastwirt sollte einen besonderen Service bieten, den berauschten Kunde zum Wagen begleiten und den Piloten einschalten.

 Auch die Autoindustrie macht sich bereits Gedanken über ein speziell gepolstertes Fahrzeug, das einen Crash im Schritttempo ohne Schaden aushält.

Eine Bürgerinitiative www.trinkbrüderleintrink. existiert bereit und bitte um Beteiligung. Pro Unterschrift spendiert eine namhafte Brauerei eine Halbe.

Jo – gsuffa oisdonn, sog i.

Wolfram Heinrich 14.02.2013 | 18:17

Alles in allem. Die Leute aus Kerry haben Recht. Saufen, Singen, Prügeln gehört ins Wirtshaus, nicht in Wohnungen, wo Frau und Kind auf den Vater warten. Wenn der sich anderswo austobt, weil er es braucht, soll er mit dem Auto hinfahren und wieder zurückfahren dürfen ohne Ansehen der Promille.

 

Mein früherer Chef bei der Medizinisch-Psychologischen Unterstellungsstelle in Regensburg hat mir erzählt, es hätten ihn mehrere Chefs von Führerscheinstellen angesprochen und angeregt, man solle doch bei der MPU (vulgo: Idiotentest) Autofahrern aus ländlichen Gebieten 1 ertappte Alkoholfahrt zugestehen und sie bei der MPU einfach durchwinken. Im ländlichen Raum sei es nämlich ausgesprochen schwierig, vom Trinkort, dem Wirtshaus also, ohne den eigenen PKW wieder heimzukommen.

Da ist natürlich was dran. Anders als in der Stadt gibt es auf dem Land nächtens keinen öffentlichen Personennahverkehr. Vielleicht gibt es in deinem Dorf eine Wirtschaft, aber... Ist das dann die Wirtschaft, wo du gerne hingehen möchtest? Was macht ein Zwanzigjähriger in der Dorfwirtschaft, in der 40 bis 80 Jahre alte Männer am Stammtisch hocken und Karten spielen. Der will in ein Lokal anderen Zuschnitts, das aber ist vielleicht 10 oder 20 Kilometer entfernt.

Was ich sagen will: Wenn du einen Lebensstil hast, zu dem relativ häufiger und dann ziemlich heftiger Alkoholkonsum dazu gehört, dann ist die Versuchung, betrunken zu fahren sehr groß, oftmals übermächtig.

Nach vielen Jahren als MPU-Gutachter bin ich jetzt seit fast genau so vielen Jahren als MPU-Berater und Kursmoderator tätig. Die Botschaft an die Kundschaft ist: Ich glaube dir deinen Vorsatz, nicht mehr betrunken fahren zu wollen. Aber du wirst ihn nicht auf Dauer durchhalten können, solange du nichts an deinem Verhältnis zum Alkohol änderst. Wer oft viel trinkt, fährt irgendwann auch (und dann immer und immer wieder) betrunken Auto.

 

Ciao

Wolfram

 

Wolfram Heinrich 14.02.2013 | 18:57

@Heinz Boxan

So sollte eine Lizenz „Der Trinkerführerschein“, dem Schluckspecht erteilt werden, mit der strengen Auflage eine grün blinkende Warnleuchte auf dem Autodach mit zu führen, die sich automatisch ab einem gewissen Promillegehalt aufgrund der gesunden Ausdünstung des Alkvernichters einschaltet und die unvorsichtigen Fußgänger warnt.

 

Eine saugute Idee, so was. Nur sollte die Leuchte natürlich - dem Thema angemessen - blau blinken.

 

Auf Antrag wird mit staatlicher Bezuschussung auch ein Autopilot für Schritt-Tempo empfohlen. Die Einbaukosten können bei der Krankenkasse abgerechnet werden. Der Gastwirt sollte einen besonderen Service bieten, den berauschten Kunde zum Wagen begleiten und den Piloten einschalten.

 Auch die Autoindustrie macht sich bereits Gedanken über ein speziell gepolstertes Fahrzeug, das einen Crash im Schritttempo ohne Schaden aushält.

 

Ich bin begeistert über die Vorschläge. Wir sollten uns zusammen setzen und ein Brain-Storming machen. Jeder von uns kommt vielleicht auf fünf oder sechs - für sich genommen - völlig schwachsinnige Lösungen. Kombinieren wir sie, so sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht aus dem zehnfachen Schwachsinn eine brauchbare Lösung destillieren (!) könnten.

 

Im übrigen weise ich darauf hin, daß es im deutschen Straßenverkehrsrecht eine Sonderlizenz für Alkoholgewöhnte bereits gibt. Kein Witz.

Frägst du den berühmten Mann von der Straße nach den gültigen Promillegrenzen im Straßenverkehr, so wird er dir, sachkundig, wie er ist, die 0,5- und 1,1-Promille-Grenze nennen. Ab 0,5 und bis 1,09 Promille begehst du eine Ordnungswidrigkeit, du bekommst eine Geldbuße und ein Fahrverbot von einem bis drei Monaten. Ab 1,1 Promille begehst du eine Straftat und wirst mit Geldstrafe, Führerscheinentzug (mindestens 6 Monate) und gegebenenfalls auch Gefängnis bestraft.

Aber: 0,5 Promille sind, entgegen landläufigen Vorstellungen bereits ziemlich viel Alkohol. Ein Mann meiner Statur bräuchte dafür ca. 5 halbe Liter Bier. Mit fünf Halben im Kopf wäre ich nicht mehr gut beinander, ich würde mich, schon aus Selbstschutz, nicht mehr Autofahren trauen, ganz entschieden nicht. Der ganz überwiegende Großteil der Bevölkerung wäre mit 0,5 Promille bereits eindeutig betrunken, dieser Teil der Bevölkerung ist bereits mit 0,4 oder 0,3 Promille (gegebenenfalls sogar darunter) definitiv nicht mehr fahrtüchtig. Für diesen Teil der Bevölkerung gibt es die 0,3-Promille-Grenze. Werde ich mit 0,3 Promille erwischt und zeige ich alkoholbedingte Ausfallserscheinungen (entgegen landläufigen Mißverständnissen muß es nicht zum Unfall kommen), dann bin ich bereits ein Straftäter, mir drohen Geldstrafe und Führerscheinentzug nicht unter 6 Monaten.

Das heißt, die Regelfall-Grenze liegt für den Großteil der Bevölkerung (und das  bereits seit Jahrzehnten) bei 0,3 Promille. Die 0,5- und 1,1-Promille-Grenze sind großzügige Sonderregelungen für Trinkgewöhnte. Sie - und nur sie - haben diesen erweiterten Spielraum.

Es gibt ja überall diese Alkoholtest-Röhrchen zur Selbstkontrolle zu kaufen. Du bläst hinein und wenn du über 0,5 Promille liegst verfärbt sich die Testsubstanz. Fein. Nur: Wenn du wenig Alkohol verträgst, dann zeigt dir das Röhrchen an, daß du noch im grünen Bereich liegst (bei 0,4 Promille etwa). Erwischt dich dann die Polizei mit 0,4 Promille, so bist du unter Umständen trotzdem deinen Führerschein los (siehe oben).

 

Prost!

Wolfram

Heinz Boxan 14.02.2013 | 19:40

Wolfram, ich sehe Sie haben Humor, das ist schön.

Blaulicht: Blau darf nur die Polizei fahren.

Ich selbst brauch nicht einmal grün, ich bin Abstinenzler und Vegetarier.

Aber vielleicht sollten wir doch zusammen sitzen und Nützliches für unsere feuchten Schwestern und blauen Brüder ausdenken.

Wenns recht ist bei einer Apfelschorle oder ein alkoholfreies Bier.

Herzlich satirische Grüße Heinz.