Matteo Fagotto
30.11.2011 | 13:15 2

Gerade so wie wir

Ägypten Die Muslim-Brüder sind im Januar nicht sofort auf den Revolutionszug gesprungen. Bald könnten sie in die Regierung einsteigen. Eine Reportage mit Fotos von Matilde Gattoni

Der Arzt Amed el Bialy sitzt in der Bar eines Kairoer Einkaufszentrums, nippt an einer Tasse Tee und erzählt ruhig von der ägyptischen Revolution. Er ist freundlich, höflich, trägt einen perfekt getrimmten Bart und genießt es sichtlich, von Ereignissen zu berichten, die sein Leben verändert haben. „Es waren erstaunliche Augenblicke. Zu keiner Zeit hatte ich Angst, nicht einmal, als die Polizei mir ins Bein schoss und ich ins Hospital musste.“ Der 34-Jährige aus der Stadt Mansoura ist einer von schätzungsweise drei Millionen Muslim-Brüdern in diesem Land. Wie viele aus dieser Glaubensgemeinschaft hat er im Januar mit seiner Familie Nächte auf dem Tahrir-Platz verbracht und will jetzt die Früchte des Umbruchs ernten – für sich wie auch die Bruderschaft. „Vieles hat sich seit Januar verändert. Früher betrachtete man uns als furchteinflößende Islamisten, aber seit der Revolution haben sich uns viele angeschlossen. Wir müssen diese Gelegenheit so gut nutzen, wie wir können, für uns und unser Land.“

Nachdem die Muslim-Brüder jahrzehntelang als anrüchiger Untergrund galten, dem nachgesagt wurde, eine strenge Form der Scharia einführen zu wollen, haben sie seit dem Sturz Hosni Mubaraks eine spektakuläre Metamorphose erlebt: Die Organisation ist, wie die begonnenen Wahlen zeigen, im Begriff zur wichtigsten politischen Kraft in Ägypten aufzusteigen. Sie könnte nach diesem Votum nicht nur in der Verfassunggebenden Versammlung, sondern auch in der Regierung sitzen. Dann allerdings dürfte der Bewegung ein interner, potenziell gefährlicher Machtkampf bevorstehen – ausgetragen zwischen der alten Führung und einer jungen Generation, die der Bruderschaft zum Wandel verhelfen will.

Zweischneidiges Schwert

Die Proteste auf dem Tahrir-Platz waren für viele der Jungen innerhalb der Bewegung eine fantastische Erfahrung. Sie haben Brücken zur Gesellschaft betreten, die viele nun nicht mehr verlassen wollen. „Vorher dachte ich, wir wären die Einzigen, die unter der Repression des alten Regimes zu leiden hatten. Aber auf dem Tahrir traf ich dann so viele, die stillschweigend gelitten haben. Gerade so wie wir“, erinnert sich der 24-jährige Student Mohamed Abdel-Hakem aus Qema. „Nur wenn wir an ihrer Seite bleiben, können wir die Armee unter Druck setzen, Macht abzugeben.“

Die Revolution hat sich für die Muslim-Brüder, die es gewohnt waren, jahrzehntelang im Geheimen zu operieren, als zweischneidiges Schwert erwiesen: Einerseits wurde es der Gesellschaft möglich zu begreifen, dass sie nicht die Fanatiker sind, als die sie das Mubarak-Regime hinstellte. Auf der anderen Seite kamen ihre Mitglieder mit anderen als orthodox islamischen Vorstellungen in Berührung. Viele junge Muslime forderten danach eine Korrektur des bisher vertretenen Frauenbildes und des Verhältnisses der Bruderschaft zu ihrem politischen Arm, der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit. Während die alte Führung gern auf Tuchfühlung bleiben würde, verlangen viele der Jüngeren die strikte Trennung.

„Wie sollen wir die Vorstellungen der neuen Partei bestimmen, wenn die immer noch von der alten Garde regiert wird?“, fragt der 28-jährige Mohamed Othman. „Wir haben eine Demokratie vor Augen, die sich an der Türkei orientiert. Stattdessen gilt die Sorge unserer Führung der Stabilität, nicht dem Wandel.“ Othman gehört dem linken Flügel der Muslim-Brüder an. Als er Ende März ein Treffen mit Gleichgesinnten einberuft, verärgert das den Schura-Rat, das wichtigste Führungsgremium der Bruderschaft. „Der Unterschied zwischen der jungen und der alten Generation lässt sich nicht bestreiten“, erklärt der 34 Jahre alte Ahmed Abdelgawad, ebenfalls Muslim-Bruder aus Berufung. „Wir würden die Dinge gern schneller vorantreiben, die Alten aber nicht.“ Wie viele seiner Brüder ging Abdelgawad Ende Januar zunächst als Privatmann zu den Anti-Mubarak-Märschen. Die offizielle Erlaubnis der Führung kam erst Tage später. „Klar war ich damals verärgert“, sagt Abdelgawad, „aber ich kann auch die Ängste der anderen verstehen.“ Die Älteren wollten sich nicht auf einen Aufstand einlassen, von dem sie nicht wissen konnten, wie er ausgehen würde. Schließlich wartete das Mubarak-Regime nur darauf, die Proteste als fundamentalistische Verschwörung denunzieren zu können.

Wenn die Bruderschaft auch nicht gleich auf den Revolutionszug sprang, trug sie doch dazu bei, ihn in Bewegung zu halten, bis Mubarak gehen musste. Der Manager Ahmed Abdel-Hady erinnert sich der entscheidenden Tage im Februar als einer Zeit völliger Ungewissheit. „Vier Fünftel der Leute, die auf dem Tahrir übernachteten, waren Muslim-Brüder. Ich erhielt so viele Anrufe von Freunden, die mich drängten, den Platz zu verlassen, weil er bald überfallen würde. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine solche Angst ...“

Frischer Wind erfasst auch die Frauen und damit die Schwestern der Muslim-Brüder, wie sie in der Organisation genannt werden. Während sie unter Mubarak keine öffentlichen Ämter übernehmen durften, wollen das viele von ihnen ändern. „Unser Gründer Hassan al-Banna hat oft von der Bedeutung der Frauen innerhalb der Bruderschaft gesprochen. Leider haben spätere Führer seine Vorstellungen nicht geteilt. Aber das ändert sich gerade“, meint die 33-jährige Rehab Hassan Gouda. „Aus der Geschichte kann man ersehen, dass wir schon immer eine wichtige Rolle innerhalb der Bruderschaft gespielt haben.“

Die hat Wünsche junger Mitglieder zum Teil akzeptiert: Während die Kandidatur von Frauen für das Amt des ägyptischen Präsidenten nach wie vor ablehnt wird, gilt das nicht für eine Bewerbung als Parlamentsabgeordnete. Die Bruderschaft setzt sich für eine freie Marktwirtschaft und grundlegende Rechte ein – auch eine Vereinigungsfreiheit für alle im Land existierenden Parteien.

Aber Fortschritte müssen mühsam errungen werden. Forderungen nach mehr finanzieller Transparenz, nach einer Direktwahl des Schura-Rates und einer Quote für Frauen und junge Mitglieder in Führungspositionen begegnet das Direktorium der Bruderschaft mit Skepsis. „Wir halten den Zeitpunkt nicht für geeignet, über diese Themen zu reden“, so Essam el-Arian, Sprecher der Bewegung. Eine Auffassung, die von jungen Mitgliedern nicht geteilt wird. Vor den Wahlen schienen deshalb manche entschlossen, anderswo eine Chance und politische Repräsentation zu finden. Sie wollten zwar, so Mohamed Othman, in der Bruderschaft bleiben, sich politisch aber von anderen vertreten lassen. „Ein solcher Schritt fällt nicht leicht, denn nach vielen Jahren ist die Mitgliedschaft Teil deines täglichen Lebens geworden. Meine Kinder sind mit denen anderer Mitglieder aufgewachsen. Darin besteht die größte Stärke der Bruderschaft: nicht in ihren religiösen oder politischen Ideen, sondern in ihren persönlichen Beziehungen.“

Hinzu kommen die sozialen Verdienste. Viele Mitglieder wie der 15-jährige Anass Gamal Mustafa traten im Kindesalter ein. Er wurde von seinem Vater bei der Bruderschaft eingeführt und nahm an den monatlichen Reisen zu den Pyramiden teil, die für Familien der Mitglieder organisiert werden. „Die Älteren brachten uns bei“, erzählt Anass, „wie man die Sterne deutet und sich in der Wüste nachts orientieren kann. Es war fantastisch. Wenn ich älter bin, möchte ich Astronomie studieren.“ Heute geht er zweimal die Woche zu den Treffen der Muslimbrüder, kehrt die Straßen seines Dorfes und sammelt in der Nachbarschaft Spenden für Vereine, die mit der Bruderschaft in Verbindung stehen.

Herzen und Köpfe

Auch dadurch lassen sich die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen. Es gibt mit der Bruderschaft verbundene Nichtregierungsorganisationen, die Restaurants unterhalten und denjenigen eine Hochzeitsfeier finanzieren, die es sich selbst nicht leisten können. Bei dieser Hilfe spielen das Glaubensbekenntnis oder die politische Neigung keine Rolle. Die Bruderschaft betreibt außerdem landesweit zwölf Krankenhäuser, in denen arme Patienten kostenlos behandelt werden. Das Al- Farouk-Hospital in Kairo, das pro Tag bis zu 600 Patienten versorgt, ist eines davon. Finanziert wird dessen Budget größtenteils durch Spenden. „In der Weise, wie wir dieses Haus führen, liegt eine Botschaft“, erklärt der Direktionsassistent Ahmed al Mursi, der selbst zu den Muslim-Brüdern gehört. „Wie könnte man Allah näher sein als durch medizinischen Beistand für die Armen, egal welcher Religion sie angehören.“

Die Bruderschaft betreibt auch soziale Einrichtungen und beteiligt sich am jährlichen Tag der Waisen, um in allen Sphären der Gesellschaft präsent zu sein. Ihr Engagement unterscheidet sich hierbei in nichts von den sozialen Programmen, hinter denen die christlichen Kirchen in Europa stehen. Selbst dem Fußball hat man sich verschrieben: Einmal in der Woche treffen sich junge Muslime auf dem Trainingsplatz eines Armeestützpunktes im Kairoer Viertel El Talaaea. Bevor sie anfangen, ruft einer von ihnen die anderen zusammen: „Ich möchte, dass ihr an die Predigt denkt, die wir gestern Abend gehört haben. Denkt daran, dass unser Leben nicht garantiert ist, und wir morgen schon sterben können. Dies macht es so wichtig, den Lehren des Propheten zu folgen ...“ Danach kann das Spiel beginnen.

„Keine Sorge, die Muslimbrüder werden sich verändern, ohne dass es zu einem Bruch zwischen den Alten und den Jungen kommt“, ist Mohamed Othman zuversichtlich. „Früher konnten wir die Menschen nicht erreichen, jetzt aber haben wir eine großartige Gelegenheit dazu. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Die Bruderschaft wird sich verändern – nicht wegen der Revolution, sondern wegen der dadurch gewonnenen Freiheit.“

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (2)

weinsztein 01.12.2011 | 05:20

Die Türkei wird nur kurz erwähnt, in einem Zitat.
Der Einfluss der Türkei und insbesondere Erdogans in vielen arabischen Ländern ist enorm, vor allem in Nordafrika. Und sorgfältig vorbereitet. Für seine Rolle als "Orientierer" arabischer Revolutionäre hat er sich früh in Stellung gebracht und wurde aufgebaut durch die US-Administration.
Der von den USA schon seit der Bush-Zeit an langer Leine geführte enge Vertraute Erdogan, die langsam re-islamisierte Türkei mit Erdogan an der Spitze als Vorbild für den Nahen Osten, die wie Sonderangebote an Mann Frau gebrachten USA-Stipendien für junge NordafrikanerInnen seit längerem wären aus meiner Sicht auch Schlüssel zum Thema.

Matteo Fagotto beschreibt Angehörige der Muslim-Brüder, deren Erwartungen, Hoffnungen, Ziele. Er hinterfragt nicht, er zitiert ergriffen. Es bleibt die Botschaft, dass die Muslim-Brüder nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Nebenbei, Matteo Fagotto ist Libanese? Ich hielt ihn für einen Italiener. Aber das ist wirklich nebensächlich.