Beate Tröger
19.11.2012 | 12:14 3

Gesang eines Gefangenen

Gewaltig Politisch war der Dichter Ezra Pound nicht über jeden Verdacht erhaben. Poetisch schon. Nun liegt sein Gesamtwerk auf Deutsch vor

Gesang eines Gefangenen

Ezra Pound, am 1. Januar 1963 in Venedig fotografiert

Foto: Walter Mori/Mondatory/Getty Images

Im November vor 40 Jahren starb der in Hailey, Idaho, geborene Dichter Ezra Pound im Alter von 87 Jahren in Italien, das ihm zum Schicksalsland geworden war. Nach Jahrzehnten immenser Produktivität war er am Ende gänzlich verstummt, er starb im Schlaf und wurde auf der venezianischen Toteninsel San Michele begraben. Zum ersten Mal hatte sich Pound 1908 in Venedig niedergelassen, nach Stationen in London und Paris erneut 1924, zum letzten Mal 1958, nachdem man ihn in Washington aus einem Hospital für kriminelle Geisteskranke entlassen hatte.

Von Italien aus hatte der Dichter übers Radio Reden verbreitet, in denen er gegen Krieg und Kapital gewettert, nicht selten antisemitische Töne angeschlagen und Mussolini und dessen faschistischem Regime das Wort geredet hatte. Diese Reden kosteten ihn fast den Kopf. Mit Ende des Krieges klagten ihn die Amerikaner des Hochverrates an und internierten ihn im Pisaner Disciplinary Training Center ihrer Armee. Pound saß für drei Wochen in einem eisernen Käfig, Wind und Wetter ausgesetzt. Anschließend sperrte man ihn in ein Tag und Nacht beleuchtetes Zelt, ehe man ihn Monate später nach Washington brachte und aufgrund einer Unzurechnungsfähigkeitserklärung in die Psychiatrie brachte.

Ulrich Raulff schreibt im Katalog einer derzeit in Marbach gezeigten Ausstellung Kassiber – Verbotenes Schreiben über Pounds Zeit im Käfig: „Wer einen Menschen zum Tier erniedrigen will, zwingt ihn dazu, auf allen Vieren zu gehen oder sperrt ihn in einen Käfig: wie einen Vogel, eine Ratte oder einen Bären. Auch wo sich der Insasse des Käfigs und sein Gegenüber außerhalb auf scheinbar gleicher Höhe begegnen, etabliert der Käfig eine absolute und unwiderrufliche Vertikalität. Nur wenigen gelingt es, in dieser Situation sich ihrer Sprache zu versichern und ihre menschliche Stimme nicht zu verlieren.“

Die Ameise ist Kentaur in ihrer Drachenwelt

Ezra Pound dagegen ist im Käfig nicht verstummt, die elf Pisaner Cantos zeigen ihn auf der Höhe seiner Kunst, ungebrochen in seiner Vielstimmigkeit, seiner historischen Imagination, seinem jähen Wechsel von wütender Hybris und Demut. In der Enge war Pound jedes Stückchen Papier recht, um weiter zu dichten, wie ein im Marbacher Ausstellungskatalog abgebildetes Faksimile eines Toilettenpapiers zeigt, auf dem der Beginn des ersten Pisaner Cantos notiert ist: „The enormous tragedy of the dream in the peasant’s bent / shoulders“.

Auch Pounds Leben gleicht einer Tragödie, an deren Ende er das Scheitern seines poetischen Entwurfs beklagte. Seine ideologischen Irrwege stehen dabei nicht unbedingt in krassem Kontrast zur Bildkraft und dem Furor seiner Verse: „The ant’s a centaur in his dragon world“ heißt es im Canto LXXXI in der Haft nahe Pisa, zurückgeworfen auf die Beobachtung der kleinsten Dinge in seiner unmittelbaren Umgebung. „Die Ameise ist Kentaur in ihrer Drachenwelt“ – das lässt sich lesen als märchenhaft-melancholischer Vers aus der Feder eines Inhaftierten, der Zeit seines Lebens die Sprache erneuern wollte und der zugleich ernsthaft glaubte, die Welt auf der Grundlage inhumaner Ideologien verbessern zu können.

Später heißt es im gleichen Canto: „Pull down thy vanity“, „Lass ab von Eitelkeit“. Enttäuschung, Selbstironie und Wut lassen sich aus diesem Vers ebenso lesen, wie aus seinem imperativen Gestus die Entschlossenheit spricht, mit der Pound dichtete, übersetzte, argumentierte und Autoren wie James Joyce, Hilda Doolittle und T.S. Eliot förderte und inspirierte.

Eine Frage des Tons

Pounds musikalische Verse lassen ahnen, was es mit dem Gesang der Sirenen auf sich gehabt haben könnte, von dem die Rede ist in der Odyssee, einem der wichtigen Referenztexte der Cantos. Seine Poesie hat aber auch die 1925 geborene Übersetzerin und Herausgeberin Eva Hesse betört. Hesse widmete einen Großteil ihres Arbeitslebens der Verbreitung englischsprachiger Autoren wie Robert Frost oder Marianne Moore, doch allen voran widmete sie sich Pounds Werk. Mehr als 50 Jahren nach der ersten Begegnung mit seinen Versen hat sie nun ihr opus magnum abgeschlossen: Die von Pound vollendeten 116 Cantos liegen in ihrer deutschen Übersetzung vor, ergänzt um die autorisierten Fragmente seiner spätesten Phase und um einen unbedingt notwendigen, auf Caroll F. Terrells Erläuterungen aufbauenden, von Hesse weitergeführten Stellenkommentar.

„Die ungeheuere Tragik des Traums im krummen / Rücken des Bauern“ übersetzt Hesse die bereits zitierte Zeile des ersten Pisaner Cantos. Hier weicht ihre Übersetzung nicht von früheren Varianten ab. Das ist nicht immer so, wie etwa ein Vergleich einer früheren deutschen Version des Canto XLVII zeigt: „Yet thou must sail after knowledge / Knowing less than drugged beasts“ lautet einer der Verse im Original. Hesse übersetzt zuerst (1964): „Und doch mußt du in See gehen danach, der du / Nicht soviel weißt wie dormelige Tiere“, in der jüngsten Ausgabe dagegen: „Und doch musst du in See stechen, danach, der du / Weniger weißt als eingelullte Tiere.“

Die Entscheidung für diese Variante dürfte dabei weniger der semantischen Passgenauigkeit einer einzelnen Vokabel geschuldet sein. Es ist vielmehr eine Frage des Tons, wie die bedrohliche Fahrt Odysseus’ in diesem Canto wiederzugeben ist, ob also etwa „pale night“ treffender mit Hesses Variante „dämmerige Nacht“ (1964) oder mit „aschene Nacht“ (2012) umschrieben ist. Philologische Finessen? Oder die entscheidende Frage, ob die Cantos überhaupt in eine andere Sprache zu übersetzen sind?

Poundchinesisch

Robert Frosts bekanntes Zitat: „Poetry is what gets lost in translation“ gilt in besonderem Maße für Pounds Lyrik, deren Anspruch „Make it new“ in der Auseinandersetzung ihres Autors mit sprachlichen und lyrischen Formen vom provenzalischen Troubadourenlied bis hin zu den Ideogrammen der chinesischen Schriftsprache, in deren Aufbau er eine Abkehr von der fortgeschrittenen Abstraktion der Sprache sah, tatsächlich eingelöst ist. An Eva Hesse richtete Pound die Aufforderung: „Damn it – don’t translate what I wrote, translate what I meant to write“, sie ist ihr nachgekommen.

Verschiedenste Kulturkreise, Sprachformen, Geschichten wollte Pound in den Cantos zusammenbringen und -zwingen. Es ist der Leser, der diese „Textchiffren, die wie Steine, die ins Wasser geworfen wurden und nun Ringe erzeugen, die einander überlagern und Muster bilden“ (Heinz Ickstadt) zusammenfügen muss. Ganz gleich, was man von diesem wahnwitzigen, wilden und überwältigenden lyrischen Werk dann halten mag – Paul Celan etwa sprach ironisch von „Poundchinesisch“ –, in seiner Art ist es einzig und nicht zuletzt in seiner Disparatheit beunruhigend aktuell.

In einem der Usura-Cantos donnert Pound dem Leser entgegen, wie Profitgier und Wucher auf den Einzelnen und eine Gesellschaft wirken: „Usura legt den Handwerkern das Handwerk“ oder „Usura metzt das Kind im Mutterleib“ heißt es in Canto XLV über Usura, „jene Gebühr, die für den Nießbrauch der Kaufkraft erhoben wird, ohne Rücksicht auf die Produktion, oft nicht einmal auf die bloße Möglichkeit der Produktion“. Man wird nicht umhin können, die Verse auf unsere gegenwärtige Krise zu beziehen.

Eva Hesse hat in einem Interview vorgeschlagen, immer dort, wo Pound von „Usura“ spricht, das Wort „Wachstum“ einzusetzen, um die Aktualität dieser Cantos zu begreifen. Und Pound selbst notierte kurz vor seinem Tod: „Was USURA angeht, so hatte ich das unscharf eingestellt und ein Symptom für die Ursache gehalten. Die Ursache ist HABGIER.“

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