K. Abeysuriya, C. Mitchell, D. Fam
16.12.2012 | 09:00 20

Getrennte Wege

Umwelt Täglich entstehen weltweit viele Millionen Liter Abwasser. Forscher wollen dieses verschwenderische System nun revolutionieren

Getrennte Wege

Alltägliche Ressourcenverschwendung: die Toilettenspülung

Foto: Christof Koepsel/Getty Images

Fließendes Wasser und Toiletten gelten aufgrund ihres entscheidenden Beitrags zur öffentlichen Gesundheit in den Städten zurecht als der größte medizinische Fortschritt der vergangenen 150 Jahre. Sie verschwenden aber auch wertvolle Ressourcen. Zum einen werden große Mengen an aufwändig aufbereitetem Leitungswasser verschwendet. Außerdem werden Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe, die in unserer Nahrung enthalten sind, mit dem Abwasser mitgeführt und gelangen so in die Gewässer. Daraus resultiert Nährstoffanreicherung und, in der Folge, übermäßiges Algenwachstum.

Zusätzlich führt die Verwendung von Arzneimitteln und Pflegeprodukten, die mit unserem wachsenden Wohlstand einhergeht, dazu, dass hormonähnliche Substanzen – sogenannte endokrine Disruptoren – ins Abwasser gelangen und als Mikroverunreinigungen in Flüssen und Seen zurückbleiben. Wir brauchen daher dringend neue Sanitäranlagen, die weniger Ressourcen verbrauchen, deren Wiederverwertung ermöglichen und Ökosysteme in Gewässern schützen. Dies erfordert allerdings eine so große Veränderung von kulturellen Einstellungen, persönlichem Verhalten und städtischer Infrastruktur, dass solche Anlagen heute nicht ohne weiteres in unseren Städten realisierbar wären.

Besser gar nicht erst ins Wasser

Trotzdem scheint es lohnenswert, die Urintrennung weiter zu erforschen. Denn den nährstoffreichen Urin direkt an der Toilette zur Wiederverwendung zu sammeln und ihn somit gänzlich aus dem Abwassersystem herauszuhalten ist weitaus sinnvoller, als die im Urin enthaltenen Nährstoffe mit allem anderen zu vermischen, um sie dann in einer Kläranlage wieder aufwendig auszusondern. Zudem: Sind die Nährstoffe und Mikroverschmutzungen einmal in die Gewässer gelangt, überdauern sie dort wesentlich länger, als wenn man sie beispielsweise ins Erdreich verbringt, wo sie von den darin enthaltenen Organismen mit größerer Wahrscheinlichkeit abgebaut werden und außerdem als Dünger höchst willkommen sind.

Ein preisgekröntes Projekt am Institute for Sustainable Futures der University of Technology Sydney (UTS) hat der Tatsache Rechnung getragen, dass der Übergang hin zu nachhaltigeren Sanitätssystemen mehr ist als eine Frage der Technologie. Ein solcher Übergang erfordert einen Wandel von kulturellen Einstellungen und Praktiken ebenso wie eine Veränderung von Gesetzen, Institutionen und Märkten.

Das Forschungsprojekt hat ein breites, interdisziplinäres Team von Mitarbeitern zusammengebracht, darunter Wissenschaftler aus den Bereichen Design, Städtebau, Ingenieurswesen, Recht und Landwirtschaft. Beteiligt waren darüber hinaus als Partner auch der Wasserversorger Sydney Water, der Badartikelhersteller GWA Group und der Australische Dachverband der Pflanzungs- und Gartenindustrie. Von staatlicher Seite kam Unterstützung vom australischen Gesundheitsministerium und der Aufsichtsbehörde des Sanitär- und Klempnerwesens.

Vorzeigeprojekte

Zwei Modelle schwedischer Urintrenn-Toiletten wurden im elften Stock des Institute for Sustainable Futures in Probebetrieb genommen. Dabei ging es in erster Linie darum, Erfahrungen mit Nutzerverhalten und den Installationsproblemen rund um die Toiletten zu sammeln. In einer Herrentoilette im Erdgeschoss wurden wasserfreie Urinale in Verbindung mit einem Urin-Sammelbecken installiert. Um die Wirkung von Urin auf verschiedene Pflanzen zu testen, wurde auch ein kleiner landwirtschaftlicher Feldversuch durchgeführt. Ein weiterer Forschungsstrang widmete sich der visuellen Kommunikation mit Nutzern, zu denen auch Studenten gehörten, die eine Reihe von Materialien wie Informationsposter und Logos entworfen hatten. (Ein entsprechendes Video ist verfügbar unter vimeo.com/13365354).

Zwar ist es noch ein weiter Weg, bis die Urintrennung im großen Stil realisierbar ist. Dessen ungeachtet können bei einem Neubau die notwendigen Rohre mit minimalem finanziellem Mehraufwand mit eingebaut werden. So wird das neue Engineering und IT-Gebäude, das gegenwärtig an der University of Technology in Sydney gebaut wird, über eine separate Urinleitung verfügen. Die Planer des Sydneyer Stadtteils Bangaroo, einem ehemaligen Frachthafen, der in ein Geschäfts-, Wohn- und Naherholungsgebiet umgewandelt wird, wollen diesem Beispiel folgen, um so die Zukunftsfähigkeit ihrer Geschäftsgebäude unter Beweis zu stellen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (20)

Oberham 16.12.2012 | 09:39

In Lübeck gibt es seit 10 Jahren die Siedlung Flintenbreite.

Im Freitag konnte ich in der Stichwortsuche nichts darüber finden.

Hier ein paar Links für Interessierte:

TU - Hamburg

Flintenbreite

Jenfelder - Au (akutelles Projekt in Realisierung...)

Wer sich die Infos ansieht, kann erkennen, seit über 10 Jahren könnte man - statt Unmengen Klärwasser energieintensiv zu klären, aus Scheisse (ich darf das schreiben - bin ein Dilettant und Troll!) und anderem Dreck "Energie" und Dünger fabrizieren.

Die Probleme mit der Technik sind beherrschbar (Vakuumkanalisation) und die Energiebilanz ist selbst bei unterstellter worst-case Wartungsperspektive positiv aus.

Meine Meinung, solche Projekte bleiben solange Musterprojekte, bis die Renidteapostel ihren Schäfchen in den Regierungsgebäuden und anderen Entscheidungsorten der Zutritt verwehrt wird und eine  andere Kultur der Prozesswirtschaft entsteht.

Noch wird dergelichen eher am Rande behandelt - Feigenblätter, die man bei Bedarf aus der Schublade zieht.

Ein Meinungsmedium wie der Freitag hätte schon vor Jahren darüber berichten müssen -im Wissenschafts- und im Politik-Ressort.

Ich schreibe hier meine Therapiestunden ab, ich bin - wie gesagt Dilettant und Orthographietroll -doch gerade angesichts der derzeit laufenden Klagen über die armen Bezahltschreiberlinge hab ich jetzt hier 15 Minuten für Informationsbeschaffung investiert.

 

Ich bin kein Architekt, Installateur, oder sonst Berufsafiner Schwarzwasserfreak.

Ich interessiere mich für alternative Konzepte - übrigens - darüber gibt es schon duzende von mehr oder weniger guten Büchern -

in denen  könnte man eine mögliche ökologisch weniger menschbelastete Welt erkennen - die Realität sieht anders aus!

 

Ich komm immer wieder auf das Beispiel Individualverkehr zurück.

Es ist das (für uns Deutsche) wohl perfideste.

Hätten die Konzerne nicht eine dermaßen große Macht über unsere Politmarionetten, würden nicht immer schwerere, größere und durstigere (wer fährt schon konstant Tempo 90 - in der Ebene????)

 

 

 

Maria Jacobi 16.12.2012 | 14:00

Es bedarf überhaupt keiner hochwissenschaftlichen Konzepte, um den Wasserbedarf von Toiletten zu reduzieren. Man muss nur wieder die sogenannten Trockentoiletten vulgo Plumsklo einführen. Die verbrauchen überhaupt kein Wasser. Die Fäkalie kann aus der Grube abgesaugt und direkt in eine Biogasanlage gebracht werden. Das dient der Energiewende. Dass man zum Absaugen der Fäkalie ein motorisiertes Fahrzeug benötigt, ist natürlich schlecht. Man könnte die Fäkalie auch mit einer Stielkelle in ein von Pferden gezogenes Behältnis (Holzfass) schöpfen.  Das ist zukunftsorientiert, weil  Holz nachwachsender Rohstoff ist. Früher haben Landwirte diese Behältnisse gleich auf dem Feld entleert. Dagegen spricht heute EU-Richtlinie 29574=erlk-932°_xyz. Ich bin bis zu meinem 31. Lebensjahr auf ein solches Plumsklo gegangen und lebe heute noch. Man sollte überlegen, ob man parallel zur Wieder-Einführung der Trockenklos nicht auch unseren alten Kaiser Wilhelm wieder auf den Thron setzen sollte.

anne mohnen 16.12.2012 | 15:07

Wasser – das Zukunftsthema. Und mit „Abwasser“ packen die Autoren ein sehr wichtiges Thema an.

Leider gibt es in Deutschland diese horrenden Abwassergebühren, über die sich die Kommunen mitfinanzieren, vor allem ihre überdimensionierten Kläranlagen. Da denkt keiner der Kommunalpolitiker so schnell an Alternativen.

Wasser; weiter dranbleibeb auf den von mir geschätzten Wissensseiten!

 

eldorado 16.12.2012 | 15:32

Das ist ja etwas, das es früher gab, z.B. bei meiner Grossmutter. Sie wohnte in einem sehr alten Haus mit Bruchsteinmauern, 1498 erbaut. Das Haus hatte eine Laube, so ein offener Vorbau aus Holz. Da draussen war auch die Toilette. Das war eine Sitzbank aus Holz, darin ein Loch und im Loch drin eine konische Schüssel mit einem Loch unten. Bis zur Erde unten war ein Holzumbau, dass man nicht alles sah und unten in der Erde ein Loch. Wenn nun meine Grossmutter Dünger für den Garten brauchte, rührte sie in dieser Brühe herum und nahm mit einer Schöpfkelle heraus und verteilte das, verdünnt mit Wasser, im Garten. Das ist umweltschonend und direkt pur. Heute weiss man allerdings mehr betreffend Uebertragung von Krankheitskeimen.

Oberham 16.12.2012 | 16:32

Stimmt, aber leider dürfte das Anspruchsverhalten der Bewohner dem Entgegenstehen.

Eine meiner Nachbarinnen hat übrigens noch ein Plumpsklo, allerdings ohne Biogasgewinnung  - nur der Mist wird zum Düngen genommen.

Als Kind wohnten wir im vierten Stock eines größeren Gebäudes (gibts auch in Niederbayern ;-).... -auf der Angebauten Balkonfassade waren jeweils im Eck die Plupsklos - das war als Dreijähriger tricky, ich hatte echt Angst selber unten zu landen---- - man stelle sich mal einen Wolkenkratzer mit solchen Dingern vor ;-).... - aber - intelligent gelöst - sicher möglich!

flosyforever 23.12.2012 | 06:09

Ich habe hier einen Buchtipp. Im nächsten Jahr werde ich selbst danach ein Kompostklo im Garten bauen.

Verlag "Einfälle statt Abfälle" Heft 1: Das Kompost-Klo
Selbstbau und Erfahrungen, 4 einfache und bewährte Baupläne.
Aus dem Inhalt:
«Ja das ist Fortschritt» - die Wasserklotechnik

Wieder auf Plumpsklo gehen?

Biogas... geht das?

Warnung! Falsches Kompostklo!

So macht´s die Natur - und so funktioniert auch ein richtiges Kompostklo

Kurze Gebrauchsanweisung
 


Bau-Beispiele und Erfahrungen:

«Clivius-Multrum»-Nachbau aus Müll

Kleines Kompostklo, einfach zu bauen

Flüssigkeits-Verdunster (für alle Bauarten passend)

Kleines Kompostklo noch einfacher?

Großes einfaches Kompostklo

Tricks: Wind-Lüfter und Kontrollschacht

Kompostklo mit Mischer und Solar-Speicherheizung

«Pischerol»-Flüssigdünger-Gewinnung

Vietnam-Kompostklo beim Öko-Zentrum Artefact

Genaue Gebrauchsanweisung für Kompostklos

Gebt der Erde ihren Humus zurück!

Genehmigung für Kompostklos? Wir warten nicht!!
40 Seiten, Preis: 3.00 €, ISBN 3-924038-64-3

Schachnerin 27.12.2012 | 19:53

Bill Gates möchte die Toilette neu erfinden.

http://www.impatientoptimists.org/Posts/2012/08/Inventing-a-Toilet-for-the-21st-Century

http://www.bbc.co.uk/news/technology-19271061

Die Gates Stiftung untersützt Projekte mit 370 000 Dollar.

Die Firma AgriProtein produziert in  Südafrika aus Fliegenmaden Eiweißfutter für Hühner und Schweine, das Soja und Fischmehl ersetzt. Die Maden der schwarzen Soldatenfliege fressen Fäkalien.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/umwelt/nachhaltige-geschaeftsidee-made-in-south-africa-11857044.html

 

Schachnerin 27.12.2012 | 20:11

In der Schweiz produziert das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) auch Eiweißfutter aus den Larven der schwarzen Soldatenfliege (Hermitia - black soldier fly).

http://www.schweizerbauer.ch/artikel_4508.html

Ein schweizer Biologe baut in Costa Rica eine Pilotanlage für die Produktion von Fischmehlersatz mit Fliegenmaden, womit Kleinunternehmer ein Geschäft machen könnten.

http://www.3sat.de/page/?source=/nano/cstuecke/134582/index.html

 

 

Maria Jacobi 28.12.2012 | 12:12

Aus den Antworten auf meinen Beitrag vom 16.12. ersehe ich, dass meine Ironie doch nicht stark genug war, um als solche erkannt zu werden. Selbst den alten Kaiser Wilhelm am Ende meines Beitrags hat man unwidersprochen hingenommen. Heilige Einfalt! Und das im Freitag.

Im übrigen häufen sich Klagen der Städte und Gemeinden darüber, dass die Wassersparsamkeit der Bürger (hohe Preise für Wasser und Abwasser!) zunehmend dazu führt, dass in den Abwasserkanälen nicht mehr genug Wasser fließt, um das Abwassersystem in Gang zu halten, und in den Kläranlagen sind die Konzentrationen der Abwasserstoffe zu hoch. Daher muss bereits zusätzlichs (!) Wasser eingespeist werden. Mit anderenWorten: die Vermeidung von Abwasser ist kontraproduktiv, zumal Deutschland über genügend Wasser verfügt. Und dorthin, wo in der Welt Wasser fehlt, können wir unser Wasser noch nicht hinbringen. Aber vielleicht machen wir das noch, wenn unsere Geldflüsse nach irgendwohin eines Tages versiegen.

iDog 29.12.2012 | 17:40

... ach Ironie war das ... oder doch die Realsatire des Zurückruderns ? ... ich meine den Artikel...

... fest steht , dass der , der sich ständig ins eigene Trinkwaser scheißt , nicht ganz dicht sein muss im Oberstübchen .... zumal die gefährlichsten Stoffe nicht in der aufbereitung ausgefiltert werden können ... 

 

iDog 29.12.2012 | 17:47

... sorry : ich meine nicht den Artikel ...  sonderen den beitrag von Frau Jacobi ... Trockenklos zB sind tatsächlich ein sehr praktikable Lösung und finden in weiten Teilen Skaninaviens Anwendung ... undselbst gegen Plimpsklos mit Rindenschrot ist nicht einzuwenden wenn sie "artgerecht " betrieben werden ... zumal auf dem Lande ...

Maria Jacobi 29.12.2012 | 20:25

@IDOG

Es liegt mir natürlich fern, das alte Jahr mit Essays über menschliche Hinterlassenschaften zu beschließen. Aber mal angenommen, man ersetzt alle oder nahezu alle Wassertoiletten der BRD durch Trockentoiletten. Das könnten Sie nur tun, NACHDEM Sie das gesamte Abwassersystem dieses Landes, einschließlich dessen Aufarbeitung, umgebaut  hätten.  Natürlich könnten Sie eine solche Umstellung der Bedürfnistechnologie auch durchführen, BEVOR Sie das Abwassersystem gänzlich umstellen. Letzteres würde passieren, wenn  das im Handlungsbereich der jetzigen Regierung läge. Es wäre das Pendant zur Energiewende in diesem Land. Nur wäre die Energiewende ein Fliegenschiss (um im Bilde zu bleiben) gegen die flächendeckende Einführung des Plumpsklos. Zum Schluss eine Frage: haben Sie mal in einem Haus mit dererlei Toiletten gelebt? Einen Vorteil haben diese Dinger: sie ersparen den Wetterbericht. Regnerisches Wetter (Tiefdruckgebiet) kündigt sich schon Tage vorher durch lieblichen Duft an, der durchs ganze Haus zieht.