der Freitag
13.02.2013 | 01:00

Glitzernde Giganten

A–Z Sterne Die legendäre Space Night im Bayerischen Rundfunk ist gerettet. Der Blick in die Sterne fasziniert uns aber nicht nur auf der Mattscheibe. Das Lexikon der Woche

A

Asteroid Ein Asteroid ist eigentlich gar kein Stern. Sondern eine Art Mittelding zwischen Meteoroid und Zwergplanet. Der kleine Prinz in Antoine de Saint-Exupérys gleichnamigem Buch bezeichnet seinen Asteroiden trotzdem so. Die Begegnungen mit einem König, einem Trinker und einem Geografen, die der kleine Prinz auf seiner Reise zu fremden „Sternen“ macht, sind Stationen auf der Suche nach einem Mittel gegen seinen Kummer, und sie dienen als Metaphern für den menschlichen Wahrnehmungshorizont. Kurz vor seinem Tod erläutert der Prinz dem Piloten: „Die Leute haben Sterne, aber es sind nicht die gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter (...) du wirst Sterne haben, wie sie niemand hat.” Sophia Hoffmann

B

Bethlehem Neben Jesus ist er der Star der Weihnachtsgeschichte: Schon lange beschäftigt der Stern von Bethlehem auch die astronomischen Gemüter. War er eine reale Himmelserscheinung oder ein prophetischer Kniff, um die Ankunft des Gotteskindes zu markieren? Johannes Kepler, der 1604 die nach ihm benannte Supernova – „Keplers Stern“ – ausführlich beschrieben hatte, errechnete auch für das Jahr 7 vor Christus ein ähnliches Phänomen. Jupiter und Saturn hätten so nahe nebeneinandergestanden, dass es wie ein einziger heller Stern geleuchtet habe. Andere glauben, dass die Evangelisten einen Kometen zum Stern von Bethlehem bestimmten, denn die beiden Planeten waren nie so eng, wie Kepler vermutet hatte. Und in der Ikonografie wird der Stern meist als Schweifkomet dargestellt. Mögen die Astronomen streiten, ein Hoffnungszeichen ist der Stern für viele allemal. Tobias Prüwer

Bowie Kaum ein anderer Vertreter der Popmusik setzt sich in seinem Werk so stark mit dem Extraterrestrischen auseinander wie David Bowie. Es gibt bei Bowie so viele Songs, in denen das Wort „Star“ vorkommt, dass man als Nicht-Bowianer leicht den Überblick verliert. Starman, Ziggy Stardust, Lady Stardust oder schlicht Star – von Space Oddity, Moonage Daydream oder Life on Mars ganz zu schweigen. Die meisten dieser Werke entstanden während der Ziggy-Stardust-Phase, in der Bowie die Rolle des promiskuitiven, bisexuellen, hedonistischen Rockstars, den er sich ausgedacht hatte, glaubhaft verkörperte. Das Besondere an diesen Songs ist, dass Bowie nicht primär von Weltraum und Astronauten singt, sondern den Begriff des Rock-Stars mit Attributen des Alienhaften, Übermenschlichen besetzt. Dabei kommt es zu einer Metamorphose, weshalb viele Fans in Ziggy, passend zur damaligen Mondlandung, sogar einen Außerirdischen sahen – und Bowie wusste sich des Themas geschickt zu bedienen. SH

F

Faszination Was sehen wir zurzeit, wenn wir nachts nach oben blicken? Ein großes Sechseck aus hellen Sternen. Die Astronomie nennt es das „Wintersechseck“. Jeder der Sterne gehört zu einem eigenen Sternbild. Einer etwa heißt Kapella und ist Teil des Fuhrmanns, ein anderer Aldebaran, er bildet das Auge des Stiers. Die astronomischen Figuren navigieren unseren Blick, der ansonsten in diesem gigantischen glitzernden Meer ertrinken würde.

Aber ist es nicht auch genau das, was uns am Nachthimmel fasziniert – dieses Überwältigtsein von etwas Unbegreiflichem, das uns auch die raffinierteste App nicht endgültig begreiflich machen kann? Es ist seltsam: Das, was am weitesten von uns entfernt ist – die Sterne –, bringt uns jedes Mal ein Stück zu uns selbst zurück. Eine Melancholie liegt im Blick nach oben, ein Trost, ein Sich-Sammeln in der chaotischen Symphonie der unzähligen Lichtpunkte. Früher wohnte hinter der Sternendecke Gott. Und auch heute, wo ein Schöpfer aus der Fantasie der meisten ausgezogen ist, sind die Sterne eines der wenigen verbliebenen Reservate der Metaphysik. Mark Stöhr

G

Großer Bär Der Nachthimmel ist voller Mythen. Während manche Sternenhaufen nur aufgrund ihrer Form den markanten Namen Kleiderbügel verpasst bekamen, steckt hinter dem Sternbild des Großen Bären eine handfeste griechische Tragödie um Vergewaltigung und verhinderten Muttermord. Auf Lateinisch heißt die Sternenkombination, in der auch der Große Wagen mit verbaut ist, ursa major (Größere Bärin) – und damit ist man der Geschichte schon näher. Die Nymphe Kallisto, eine Gefährtin der Jagdgöttin Artemis, hatte ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Dies aber machte sie nur noch attraktiver für Götterübervater Zeus, der sich auch in diesem Fall einfach nahm, was er wollte. Als der Missbrauch zur Schwangerschaft und dann zur Geburt des Sohnes Arkas führte, verwandelte Zeusgattin Hera die unfreiwillige Nebenbuhlerin in eine Bärin. Arkas durchkämmte fortan als Waise die Wälder. Da er eines Tages den Bogen auf seine Mutter – er erkannte sie nicht – anlegte, verwandelte Zeus auch ihn in einen Braunen und beförderte beide an den Himmel, wo der Kleine und der Große Bär seitdem, von allen Göttern unbehelligt, ihre Kreise ziehen. TP

H

Himmelsscheibe Man muss den dreisten Grabräubern, die 1999 das sensationelle Artefakt ans Licht zerrten, im Nachhinein dankbar sein. Rund 3.600 Jahre lang hatte die Himmelsscheibe von Nebra auf dem sachsen-anhaltinischen Mittelberg unter der Grasnarbe geruht. In Kupfer und Gold bildet diese älteste konkrete Himmelsdarstellung das europäische Firmament ab: Erkennbar sind ein sichelförmiger und ein Vollmond, die Plejaden, die – in einer zweiten Gebrauchsphase hinzugekommenen – Sonnenbarke und der Horizontbogen. Die Scheibe, deren Geheimnisse noch nicht gänzlich enträtselt sind, lässt Tag- und Nachthimmel aufeinandertreffen, dokumentiert den Lauf von Sonne und Mond. Damit ist sie ein eindrucksvoller Beweis für das Weltwissen der Ahnen. Wie die goldene Barke auf der Himmelsscheibe thront heute die „Arche Nebra“ als Museum in der sanft gewellten Landschaft und erzählt neben den Umständen des Funds vom Beginn der Astronomie, der Stunde null, in der die Vermessung des Himmels begann. TP

Hotelsterne Nicht nur Astrologen, auch Touristen orientieren sich gern an den Sternen – wenn es nämlich fernab von zu Hause an die Auswahl einer passenden Übernachtungsstätte geht. Der Hotelstern ist in verschiedenen Ländern als Bewertungssymbol für besonders empfehlenswerte Unterkünfte bekannt. Die Auszeichnungen werden für Ausstattung und Servicequalität vergeben, so soll man schon vorher wissen, ob man in einer einfachen Pension oder im Luxushotel landet. Doch nicht immer halten die begehrten Sterne das, was sie versprechen. Zwar werden sie von der „Deutschen Hotelklassifizierung“ vergeben. So mancher Hotelbesitzer hat sich aber auch schon kurzerhand selbst einen Stern verliehen. Liza Jacobs

K

Kinderbuch „Wer besonders sorgfältig den Sternenhimmel beobachtet, wird ihn eines Tages entdecken. Einen besonders grünen Leuchtpunkt zwischen dem Sternbild des großen Nilpferds und dem 5 Uhr 30 Planeten: Balta 7/3“, so beginnt die Geschichte von Schlupp vom grünen Stern.

1984 wurde Ellis Kauts Erzählung vom kleinen Roboter aus dem All von der Augsburger Puppenkiste verfilmt. Seither weiß jedes Kind: Aus der Nähe sieht der smaragdfarben funkelnde Stern aus wie eine grüne Bazille unterm Mikroskop. Entsprechend übel geht es auf Balta 7/3 (sprich: Balta sieben Strich drei) zu. Der Stern ist eine einzige Fabrik, hier werden Arbeitsroboter gefertigt, die allesamt Schlupp heißen. Die Ingenieure heißen Fabrikationsgelehrte, tragen Halbglatze und besitzen keine Seele. Wenn nun einer dieser Schlupps eine Seele erkennen lässt und auch noch ein Lied zu singen beginnt, gibt es keine Gnade: Der Störroboter wird auf den Müllplaneten katapultiert (zugegeben, als Erwachsener versteht man den Platzverweis für dieses reichlich wiederholte Lied).

Aber keine Angst, liebe Kinder: Der Unstern ist weit weg: 350.000 Kilometer. Und einen Müllplaneten – das kriegen wir auch noch hin. Christine Käppeler

L

Logo Von Mercedes bis zum Kommunismus, vom Islam zur Insignie der Bierbrauer: Als zackiges Logo und Symbol ist der Stern aus der Kulturgeschichte gar nicht wegzudenken. Meistens weist er fünf wie bei den beliebten Converse-Sneakers „All Star“ oder sechs Spitzen wie beim David-Stern auf. Wahrscheinlich ist er als Zeichen so omnipräsent, weil er es in der Welt als nächtlicher Firmamentschmuck auch ist. Als Ausdruck für Licht und Hoffnungsglück sowie Heilsoffenbarung (➝  Bethlehem) taucht er in den Religionen auf, ist im Christentum ebenso zu finden, wie er neben dem islamischen Halbmond auf grünem Grund erscheint. Ein Star-Spangled-Banner ist nicht nur die US-Flagge, auch die chinesische und rund 40 Prozent aller Nationalstandarten weltweit werden von Sternen geschmückt.

Der Drudenfuß, auch Pentagramm genannt, gilt heute als satanisches Zeichen, wurde aber als Schutzzeichen in der Vergangenheit auch von Christen benutzt, wie etwa das große Fünfeck am Turm der Hannoveraner Marktkirche bestätigt. Roter wie schwarzer Stern stehen dagegen für den Pfad zur klassenlosen Gesellschaft. Und der auf vielen Etiketten gedruckte sechseckige Brauerstern leuchtet seit Jahrhunderten allen Bierseligen den Weg zum nächsten Hopfenrausch. TP

S

Space Night Langsam dreht sich der Erdball zu sphärischen Klängen und sanften Beats im schwarzen Äther des Universums. Wir befinden uns im Nachtprogramm des Bayerischen Rundfunks. Die hypnotisierenden Bilder der Space Night sind wie ein Blick aus einem Flugzeugfenster, nur viel besser: Wolkenbänke wie Zuckerwatte, aufgefaltete Bergketten, zerklüftete Küsten, endlose Ozeanweiten. Die Faszination der Space Night liegt wohl nicht allein darin, unseren Planeten in seiner wirklich atemberaubenden Schönheit zu zeigen. Sondern darin, dass sie uns Zuschauende selbst zu den Sternen emporhebt. Wir hängen vor dem Fernseher und schweben plötzlich quasi mitten im Himmelsgestirn.

Der stundenlange Weltraum-Chill-out ist längst zum Kult geworden. Und so ging ein Aufschrei durch die Fangemeinde, als die GEMA-Gebühren dem Ganzen nun ein Ende bereiten sollten. Der Protest war erfolgreich: Ab Februar dürfen wir weiterschweben. Nana Heidhues

Z

Zerstörung Wenn Wissenschaftler ganz tief in die Pathoskiste greifen und vom „Todesschrei sterbender Sterne“ sprechen, muss schon etwas Bedeutendes am Himmel passieren. In der Tat entwickeln sogenannte Gammablitze – die nichts anderes sind, als die letzten Zuckungen verlöschender Sterne – eine Urgewalt, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegt. In wenigen Sekunden setzen diese Blitze mehr Energie frei, als die Sonne während ihrer gesamten Lebensdauer, also in über zehn Milliarden Jahren. Dieses Phänomen ereignet sich etwa einmal am Tag, ist aber mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar. Ein solcher Gammablitz soll eines der größten Massenaussterben in der Erdgeschichte vor 434 Millionen Jahren verursacht haben. Er zerstörte die Ozonschicht, sodass die UV-Strahlung ungehindert auf die Ur-Ozeane traf und alles Leben in den oberen Wasserschichten zerstörte. Wenn ein Stern stirbt, reißt er also mitunter einen halben Planeten mit sich in den Tod. MS