Andrea Roedig
15.03.2013 | 09:00 14

Habt euch nicht so

Unwort Die Sexismus-Debatte ist zwar vorbei, aber man muss es noch einmal klar sagen: Tugendterror gibt es nicht, sondern nur Fortschritt

Habt euch nicht so

Um Menschen zu einer Veränderung zu bewegen darf ein bisschen Autorität schon sein, oder?

Bild: milgrammar / Flickr (CC)

Rainer Brüderle ist am vergangenen Wochenende unter großem Applaus zum Spitzenkandidaten seiner Partei gewählt worden. Die Debatte über Sexismus, die er mit seinem zu öffentlich artikulierten Dekolleté-Fetisch kürzlich ausgelöst hatte, konnte ihm offenbar nicht wirklich etwas anhaben. So weit sind wir also noch nicht: Der „Tugendfuror“ kann die alteingesessenen Herren der FDP noch nicht wirklich stürzen.

Das Wort „Tugendfuror“ hat Bundespräsident Joachim Gauck in den Ring geworfen, und es ist geschickt gewählt. „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde“, kommentierte er in einem Spiegel-Interview den Fall Brüderle und die Sexismus-Debatte.

„Furor“ minimiert dabei den sprichwörtlichen Terror der Tugend zum Wirbel im Wasserglas und erinnert trotzdem noch an Robespierre oder die islamistischen Tugendwächter. Als sei die Aufregung zwar einerseits übertrieben, als ginge es andererseits den Frauen von #Aufschrei aber doch darum, das Wichtigste am Mann unter die Guillotine oder ein höflich geäußertes maskulines Begehren unter die moralische Burka zu zwingen. „Der Terror ist das Feuer der Tugend“, sagte einmal Robespierre. Was für ein Wort!

Eine Anmache ist kein Flirt

Gaucks kurze Bemerkung ist absurd, schon deshalb, weil es in der Sexismus-Debatte natürlich nicht um repressive Tugendforderungen ging, sondern schlicht um anständiges Verhalten gegenüber Frauen, und eigentlich müsste der Streit schon längst zu Ende sein. Denn neben allem üblichen Hickhack zeigte die Debatte auch etwas beruhigend Abgeklärtes; in mancher Hinsicht wirkte sie wie das Resümee einer langen Auseinandersetzung, die sich über einige der grundlegenden Punkte sehr klar ist: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Flirt und blöder Anmache. Sexismus ist ein Machtinstrument, nutzt Hierarchien aus und stellt diese her.

Klar ist auch, dass Sexismus gern in sogenannten Grauzonen blüht, also nicht immer handgreiflich und deutlich nachweisbar geschieht, sondern oft mit nicht eindeutig identifizierbaren Zwischentönen, die man so oder anders auslegen kann. Klar ist, dass es Unterschiede in der Wahrnehmung von Sexismen gibt. Manche Frauen sind dickfelliger als andere, und klar ist mittlerweile auch, dass Männer Verantwortung tragen, das einzuschätzen. Kurzum, wir wissen, was Sexismus ist; wir haben kluge und sehr reflektierte Meinungen dazu gehört. Jetzt sollte es mal gut sein.

Irgendwie aber liegen in der deutschen Debatten-Kultur chronisch die Nerven blank, nicht nur beim Thema Sexismus. „Empörung“ und „Regulierung“ sind eigentlich die Gegenstände, an denen wir uns gerade abarbeiten. Die themengeilen alten und die superschnellen neuen Medien, so heißt es in etlichen Meta-Kommentaren, schürten nurmehr Erregung; sie lassen die Empörten und die Empörung über die Empörten aufeinanderknallen. Wie wenig an Inhalt übrig bleibt, wenn man die heiße Luft mal ablässt, möchte man lieber gar nicht so genau wissen.

Doch ein Anstoß der Erregung ist fast immer die sogenannte „Political Correctness“, die Matthias Dell hier im Freitag einmal sehr treffend als „Pappkameraden“ bezeichnete. Der Ruf nach Regulierung auf der einen und die Furcht vor ihr auf der anderen Seite bilden ein eigenartig emotional aufgeladenes Diskursgebräu. Im Moment fühlen sich sehr viele gegängelt von den Nichtrauchern, den EU-Richtlinien, den Diversity-Beauftragten, und sie fürchten sich, dass es bald ganz mit jedem Spaß vorbei ist. Zwei Fragen sollte man sich also stellen: Was zwickt so sehr an der Tugend, der „Political Correctness“, die bieder daherkommt, ironiefrei und makellos? Und: Wie streng müssen moralische Vorschriften eigentlich sein?

Es ist vor allem die Rechtschaffenheit ihrer moralischen Entrüstung, die an der Political Correctness so auf die Nerven geht. Sie ist nicht cool, und der Verdacht philisterhafter Unehrlichkeit gegen sie ist nicht aus der Welt zu schaffen, zumal wir das Klebrige am Gefühl aufwallender Empörung alle selbst gut kennen. Empörung ist nämlich zu affektiv, sie ist „erregt“ im wahrsten Sinn des Wortes. Sie ist libidinös aufgeladen, und zwar von einem Widerspruch, den sie selbst zu leugnen versucht. Sie ist zu rigide, will sich nicht beschmutzen und zieht aus der Starrheit gerade einen versteckten Lustgewinn. Sie riecht nach Neid. Sie ist, wie der Voyeurismus – und im Boulevard gehen ja beide Hand in Hand –, ein falscher Umgang mit Ambivalenz. Sie ist nicht ganz koscher, weil sie so tut, als könnte es koscher zugehen im Leben.

Man muss Empörung von Wut unterscheiden. Und vermutlich auch verschiedene Formen der Empörung – eine gute und eine schlechte.

Die schlechte kennen wir alle. Es ist die Wut der Ohnmacht, die am Opfersein auch Lust empfindet, vielleicht empfinden muss. Von einer „Opferidentifikation“ der Political Correctness sprechen Matthias Dusini und Thomas Edlinger in ihrem Pamphlet In Anführungszeichen. Nietzsche nannte das Christentum eine Sklavenmoral. Er traf damit – halb – ins Schwarze. Die Verächter der Political Correctness folgen seiner Argumentation und glauben, er hätte ganz getroffen. Aber so einfach ist die Sache natürlich nicht.

Tugend ist kein Schrecken

Denn der generelle Verdacht gegen die Moral und der Vorwurf ihrer Rigidität hat selber Schlagseite. Die Gegenseite, die sich als Verfechterin der Liberalität geriert, benutzt ihn, um alles an der moralischen Tugendhaftigkeit zu diskreditieren, also auch das, was an deren Erregung richtig war. Hab dich nicht so, verdirb mir nicht den Spaß, sei nicht so kleinlich, lass mal fünf gerade sein, bevormunde mich nicht. Man geriert sich jetzt selbst als das Opfer. Das ist nun nicht weniger dumm und durchsichtig. Die Rigidität am politisch Korrekten, die Besserwisserei, ruft kindliche Affekte des Trotzes auf, stachelt zum Aufbegehren an. Es war schon immer schöner, die eigene Wildheit gegen die elterliche Spießigkeit zu setzen, gerade wenn man weiß, dass die Eltern recht haben.

Philosophen beim Wort zu nehmen, kann verheerende Folgen haben. Robespierre hat den Gedanken Rousseaus, dass ein Gemeinwesen sich unter den allgemeinen Willen, die Volonté générale zu stellen habe, in Politik umgesetzt. Da die Volonté générale absolut gut ist und absolut vernünftig, ist dieses Übertragungsverfahren – rein theoretisch – bombenrichtig. Praktisch ist das Terror. Die Tugend rechtfertigt den Schrecken. Wir kennen das aus allen möglichen Regimen. Wie klar und gewaltig klingt Robespierre in Büchners Drama Dantons Tod: Ohne Tugend ist der Schrecken verderblich, ohne Schrecken ist die Tugend machtlos. „Der Schrecken ist nichts anderes als die schnelle, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit.“

Es ist klar, dass das nicht sein darf. Eine Wahrheit, die das Einzelne restlos unter das Allgemeine zwingt, wird unwahr. Die einzige absolute Aussage, die man treffen kann, ist vermutlich die, dass das Absolute nicht absolut sein darf. Dass nicht die Totalität eines einzigen Prinzips herrschen darf. Nicht so radikal bis zur Guillotine, auch wenn das manchmal ganz praktisch wäre.

Nun herrscht aber ein „Terror der Tugend“ nirgendwo, wirklich nicht, auch wenn Brüssel uns die Glühlampen verbietet, das Rauchen vermiest und überlegt, sexistische Werbung zu verdammen. Bei der Empörung für und wider Regulierung geht es um Vernünftigkeit, aber auch um Terrainkämpfe und Definitionsmacht. Soll nun auch noch der „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf getilgt werden? Stimmt schon, political correctness sucks, aber sie hat eben auch oft recht. Und die Argumente gegen sie sind oft nicht weniger untergriffig und absolutistisch, als die der Moral selbst. Es gibt ja nicht nur einen „Terror der Tugend“, sondern auch einen der Untugend, einen Terror der Coolness, der Sexyness, des Pop – der eben Spiel und Ironie zur absoluten Regel erhebt.

Um Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen, muss ein bisschen Autorität schon sein. So falsch die absolute Rigidität in sich ist, so sehr profitiert ein Gemeinwesen davon, dass irgendwer die moralische Drecksarbeit macht.

Man sollte aber viele der derzeit heißen Eisen nicht mit moralischen Argumenten diskutieren, sondern als gut begründete Regeln des Umgangs, der Sitten, des guten Geschmacks nicht im christlichen, sondern im eher antiken Sinn. Denn es geht – gerade beim Bann über Sexismus in Öffentlichkeit – in erster Linie um Erleichterung des Alltags. Als Frau möchte man nicht andauernd als sexuelles Wesen angesprochen werden können. So wie man auch nicht wieder von Neuem darüber diskutieren will, ob in einen Bus wirklich der zuerst einsteigen darf, der in der Schlange vorne stand. Mit Tugendfuror hat das nichts zu tun, sondern mit Regeln des zivilen Anstands. Eine der vier antiken Kardinaltugenden war überdies „Besonnenheit“. Als Verhaltensprinzip macht sie das Leben leichter. Als Regierungsprinzip angewandt, hätte sie auch so manches Leben retten können.

Kommentare (14)

Wolfgang Ksoll 15.03.2013 | 13:38

Gauck ist dreist. Als Bundespräsient sollte er Vorbild für Recht und Gesetz sein. Als ehemaliger Proester osllte er wenigstens zu den 10 Geboten stehen.  Das Grundgesetz schützt Ehe und Familie. Die 10 Gebote gebieten, den Ehebruch zu unterlassen.


Was macht Gacuk statt dessen: er bricht offen die Ehe und zeugt sichn mit seiner Konkubine offen im Amt. In Rostock sitzt seine Gattin (und statt einer sauberen Scheidung, die auch die staatliche Alímentierung beenden würde) und in Berlin hat der polygame Bundespräsident eine andere. Die auch staatlich alimintiert ist.


Das er dann bei einem Altergenossen in die Seitee sprint, wenn der nacht, wahrscheinlich betrunken, junge Frauen sexuelkl belästzigt,. macht in zu einer moralischen Fehlbesetzung. Er kann gerne mit seiner Konkubine zusammenleben (heiraten kann er sie in seinem Alter eh nicht mher nach unseren gesetzen), aber er sollte wenigstens den Anstand besitzen vor Gott und Staat klare Verhältnisse schaffen.


Es ist für die CDU ein Trauerspiel, dass sie sich bei homoerotischer Monogamie mit Händen und Füßen sträubnt,a aber der unchristlichen Polygamie eines Ex-Preister bruatlast möglichst speichert und Ehe und Familie von Herrn gacuk been grundgesetzwidrig mnicht mehr schützt, wo man sich bei den moogamen Homo, auf eben den gleichen Artikel im Grundgesetz beruft.

 

Herr Gacuk hat alleridngs recht: bei Moral sollte man von ihm sprechen. Die hat er nicht. Weder vor Gott, noch vor dem Staat. EWr hat nicht mal Respekt vor dem Gesetz und führt öffentlich in Rostock eine Scheinehe, wöfür wir jeden Zuwanderer sofort ausweisen würden. Das ist nicht mal mehr verkommen, dass ist unfassbar.  Ein "Abgrund von Landesverrat", wie es Adenauer sagen würde,  sich so an der Verfassung zu vergehen.

Wikipedia:

"Seit 1991 lebt Gauck von seiner Frau getrennt; die Ehe wurde nicht geschieden. Frau Gauck betreibt in Rostock gemeinsam mit anderen die Begegnungsstätte Drehscheibe Marientreff. Gaucks Lebensgefährtin ist seit 2000 die Journalistin Daniela Schadt. Er wohnt in Berlin-Schöneberg."
http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Gauck

 

Grundgesetz:
Artikel 6:

"(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung."

Hier besteht Handlungsbedarf des Staates, dass der Scheinehe und der staatlichen Doppelalimentation des Polygamen ein  Ende bereitet wird. Von Moral aber sollte man im Zusammenhang mit Gauck nicht sprechen. Das ist nicht seine Sache.

urageme 15.03.2013 | 15:17

"Um Menschen zu einer Veränderung zu bewegen darf ein bisschen Autorität schon sein, oder?"

Wenn es um eine Veränderung zu mehr Gerechtigkeit geht gerne doch! Jedoch bezweifle ich, daß dies der Fall sein wird, wenn es um Feminismus a la #Aufschrei geht. Aufschlussreich waren die zahlreichen Interviews der Initiatorinnen, die angedeutet haben, daß es hier nicht um Gleichheit/Gerechtigkeit geht. Bsp. Sexismus (soz. Benachteiligung auf Basis des Geschlechts) gegenüber Männer wird bewußt ausgeklammert, da es die weiblichen Opfer "unsichtbar" mache.

Die Verallgemeinerung von verbalen oder pictoralen Sexismus, sexuellel Gewalt bis hin zur Vergewaltigung gegenüber Frauen hat eine ideologische Basis, die dabei nie ausgesprochen wird....RAPE-CULTURE! Männer können nach dieser Auslegung nicht Sexismen ausgesetzt oder Vergewaltigt werden. Ich kann nur jedem empfehlen sich damit kritisch auseinanderzusetzen, besonders Männer! Der neue Feminismus, der sich andeutet hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun.....

Kurz: Tugendfurore haben wir jetzt noch, dieser  kann sich in Terror wandel...Der Rückschritt/Fortschritt wird dehalb ganz anders kommen, als Mann es sich denkt!

 

Phineas Freek 15.03.2013 | 16:48

Um nur einen Hammer unter vielen hervorzuheben:

 

„Um Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen, muss ein bisschen Autorität schon sein. So falsch die absolute Rigidität in sich ist, so sehr profitiert ein Gemeinwesen davon, dass irgendwer die moralische Drecksarbeit macht.“

 

Mal Hand aufs Herz:

ist dieser irrwitzig-sorgenvolle Beitrag für mehr Anstand und Moral im gemeinen Wesen, nicht vielleicht längst schon ein gewichtiger Teil dieser (von ihnen einforderten) Drecksarbeit?

 

 

pw6 16.03.2013 | 09:45

"Kurzum, wir wissen, was Sexismus ist; wir haben kluge und sehr reflektierte Meinungen dazu gehört"

Dachte ich bisher auch. Ich habe den ganzen Aufschrei-Hype sehr kritisch gesehen, am produktivsten hatte ich die klugen und sehr reflektierten Erörterungen gefunden, die die Begrifflichkeiten geklärt haben, nämlich daß Sexismus ("Unter Sexismus versteht man die soziale Konstruktion von Unterschieden zwischen Menschen auf Grund ihres Geschlechts und die daraus abgeleiteten Normen und Handlungsweisen.") etwas völlig anderes ist als Sexuelle Belästigung ("Sexuelle Belästigung ist eine Form von Belästigung, die insbesondere auf das Geschlecht der betroffenen Person abzielt.").

Also die Sätze "Frauen können nicht rechnen" und "Männer sind Schweine" sind sexistisch, aber belästigen nicht notwendigerweise irgendeine konkrete Person. Im Extremfall können sie sogar eine positive Attributierung sein ("Männer sind stark").

Unerwünschte körperliche Nähe oder Berührungen sind dagegen meist eine sexuelle Belästigung, aber kein Sexismus, denn es wird kein Unterschied zwischen Männern und Frauen konstruiert. Sexistische Äußerungen können Belästigungen sein ("Männer sind Schweine"), die wird man aber oft nicht als sexuell konotiert empfinden.

Schade, irgendwie scheint diese Begriffsklärung nicht überall angekommen zu sein. Jedenfalls ging es beim Aufschrei-Hype um sexuelle Belästigung, nicht um Sexismus.

Die Sprache gehört natürlich dem Volk und nicht den Wikipedia-Autorinnen (die bekanntlich alle genderbezogenen Begriffe unter streng feministische Kontrolle stellen). Nichtsdestotrotz erleichtert begriffliche Klarkeit die Kommunikation bzw. Diskussion. Es ist schwierig genug abzugrenzen, wo genau sexuelle Belästigung anfängt. Noch schwieriger wird es, wenn man das mit anderen Themen vermengt.