Tobias Müller
01.01.2013 | 08:44 1

High Noon in Holland

Kifferglück 2012 wurde der Zutritt zu Coffeeshops für Touristen verboten. Oder doch nicht? Die niederländische Drogenpolitik ist verwirrender als ein tiefer Zug am Joint

Coffeeshop-Touristen kennen das Phänomen: Gedanken, die sich ziellos im Kreis bewegen, ein synaptischer Looping, der in bemerkenswerter Eigendynamik spektakuläre Formen annimmt. Irgendwann zerschellt das Gebilde, vielleicht an einer Wortmeldung am Tisch oder der Eingebung, sich als Nächstes eine Packung knallsüßen Dubbelvla–Puddings in den Schlund zu kippen. Zurück bleibt: nichts.

Die jüngsten Turbulenzen um die niederländische Cannabispolitik und ihre Gretchenfrage, wer nun Zugang zum Allerheiligsten der Coffeeshops haben soll, erinnern frappierend an diesen Kreislauf. In alle Richtungen schießen die Vorschläge: Gras nur für die, die vor Ort gemeldet sind, Gras für alle, Coffeeshops abschaffen, vollständige Legalisierung unter staatlicher Aufsicht. Und auch hier steht man am Ende beinahe wieder am Ausgangspunkt, von dem aus eine Lösung des Themas in einer anderen Dimension erscheint.

Eigentlich sollte 2013 das Jahr des Umschwungs werden: Mitgliederclubs wollte die im Frühjahr gestürzte Regierung aus den Coffeeshops machen, wo seit 1976 der Verkauf von Haschisch und Marihuana geduldet wird. Zum Zugang sollte ab Januar nur ein Mitgliedsausweis berechtigen, der im Volksmund den Beinamen wietpas erhielt. Diesen bekäme nur, wer vor Ort gemeldet ist und sich als Kunde registriert.

Dass es dazu nicht kommt, liegt an der neuen, sozialliberalen Koalition in Den Haag, die den wietpas kurzerhand strich. Und an einem Testlauf in den Provinzen Zeeland, Noord-Brabant und Limburg, wo die neue Regelung bereits seit Mai in Kraft war. Das Resultat war ein sprunghafter Anstieg des Straßenhandels. Doch ausländische Liebhaber eines gepflegten nederwiet- Spliffs sollten sich nicht zu früh freuen, denn aufgehoben ist nur die Registrierungspflicht für einheimische Kunden. Drogentouristen dagegen sollen draußen bleiben.

Grasläden statt Coffeeshops

Als wäre das nicht verwirrend genug, ließ die neue Regierung im Koalitionsvertrag noch Raum für lokale Ausnahmen. Zeitgleich verkündete Eberhard van der Laan, der Bürgermeister Amsterdams, in den Coffeeshops der Hauptstadt blieben Touristen willkommen. „Von siebeneinhalb Millionen Besuchern im Jahr gehen anderthalb Millionen in einen Coffeeshop. Die würden sonst überall in der Stadt nach Drogen suchen.“ Andere Großstädte wollen dem Beispiel Amsterdams folgen.

Nach dem Hickhack des letzten Jahres ist das einst international gerühmte Modell ein Scherbenhaufen. Die ursprüngliche Idee der „Duldungspolitik“: Trennung weicher von harten Drogen. Konsum und Verkauf von Cannabis waren in Coffeeshops von Strafverfolgung ausgenommen. Dies galt jedoch noch nie für Zucht und Ankauf durch die Shops. Liberale Kritiker des Modells sprechen daher von einer „illegalen Hintertür“.

Wie folgenschwer dieser Geburtsfehler war, zeigte sich erst mit dem wachsenden Zustrom der Kiffer-Touristen. Die Nachfrage konnte nur durch immer mehr und größere Plantagen gedeckt werden. Die Nähe der Coffeeshops zum kriminellen Circuit, von konservativer Seite gerne kritisiert, ergibt sich dabei zwangsläufig. Zudem klagen Kommunen in Grenznähe seit Jahren über Verkehrsprobleme, Falschparken und allgemein über „Belästigungen“ durch Drogentouristen.

„Hätten wir das in den Siebzigern gewusst, hätten wir die Frage der Hintertür geklärt“, sagt Lea Bouwmeester, jahrelang drogenpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten. „Unschuldig“ sei der Versuch gewesen, der lokalen Bevölkerung einen Raum zum rekreativen Gebrauch weicher Drogen zu bieten, zu der harte keinen Zugang fänden. Dass Kiffer-Touristen daraus einen lukrativen Handel machen könnten, sei schlicht unvorstellbar gewesen.

Bouwmeesters Fazit ist so einfach wie ehrlich: „Die Politik hat die Coffeeshops in die Illegalität gedrängt.“ Um dies zu ändern, kam die Partij van de Arbeid im Wahlkampf mit einem bemerkenswerten Plan: Sie wollte die Coffeeshops in vollkommen legale wietwinkels („Grasläden“) umwandeln, die allen Volljährigen offen stünden. Die dort gehandelten Cannabisprodukte sollten unter staatlicher Aufsicht gezüchtet werden. „Die illegale Zucht ließe sich dann durchbrechen“, meint Bouwmeester.

Allein: Für ein solch progressives Modell fehlt die Mehrheit. Die Koalition mit den Liberalen reicht allenfalls für die Abschwächung der zuvor beschlossenen Repression. Mehr als ein Teilerfolg ist das nicht: „Immerhin schmeißen wir die Errungenschaften der Duldungspolitik nicht völlig über Bord“, sagt Bouwmeester. „Aber wirklich weiter bringt uns das auch nicht.“ Zwischen Befürwortern von Legalisierung und Prohibition ist die Debatte inzwischen „festgefahren“.

In dieser Situation könnte das halbjährige Experiment mit dem wietpas posthum für Bewegung sorgen: In Städten wie Venlo an der deutschen Grenze oder Terneuzen an der belgischen hat sich ein reger Schwarzhandel auf der Straße etabliert. In Terneuzen, das gut 50.000 Einwohner hat, gebe es etwa 150 Dealer, die von zu Hause aus operierten, sagt Dimitri Breeuwer, Sprecher der landesweiten Cannabiskonsumentenvereinigung We Smoke. Die Händler machen ein gutes Geschäft, seit der dortige Coffeeshop Miami – Ziel zahlreicher belgischer und französischer THC-Liebhaber – den größten Teil seiner Kundschaft abweisen muss. Weil der wietpas offensichtlich kontraproduktiv ist, ist Terneuzens Bürgermeister Jan Lonink zufrieden über seine Abschaffung. Doch was mit den klandestinen Verkaufsstrukturen passiert, weiß auch er nicht. Ein nicht unbedeutender Punkt: Viele Schwarzhändler haben nicht nur Gras im Sortiment, sondern auch harte Drogen.

Ware im Kofferraum

Es ist zweifelhaft, ob die Niederlande das Problem alleine lösen können. Marc Josemans, Vorsitzender der „Vereinigung Offizieller Coffeeshopbetreiber Maastricht“, wendet sich deshalb an die Nachbarländer: „Eigentlich müssten sie mit dazu beitragen, endlich eine realistische Drogenpolitik zu schaffen.“

Wer sich nun anlässlich all dieser Turbulenzen nach den vermeintlich guten, alten Zeiten mit entspannten Coffeeshop-Besuchen zurücksehnt, darf sich beruhigt einen Joint drehen: Zumindest in den großen Städten bleiben ausländische Besucher vorläufig willkommen.

Bleiben werden damit auch die „James-Bond-Situationen“, die Henry Dekker, Inhaber des Amsterdamer Coffeeshops Siberië, regelmäßig erlebt, wenn er seine Ware einkauft. „Irgendwo trifft man sich mit zwei Autos und tauscht die Schlüssel aus. Im Kofferraum liegt das Gras, das ich dann an einem geheimen Ort prüfen muss. Schließlich wird dann das Geld übergeben.“

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