Andreas Wiebel
21.03.2013 | 01:00

Hoch lebe die Performance

Bühne Wenn ein vierköpfiges Regiekollektiv wie Andcompany&Co. inszeniert, kommt eine Menge Material zusammen: "Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller" am HAU

So sehr man sich auch bemüht, eine ernsthafte Auseinandersetzung mag nicht gelingen: Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller ist einfach zu platt postmodern. Vom comedyhaften Akzent des deutsch-niederländischen Ensembles über die ostentativ provozierte Interaktion mit dem Publikum bis zur Stoffpluralität (Unabhängigkeitskrieg der Niederlande, Schillers Don Karlos und die Occupy-Bewegung) wird in dieser Inszenierung am HAU in Berlin nichts ausgelassen. Dazwischen Zitatgeballere, unter anderem natürlich aus dem 2007 erstmals veröffentlichten französischen Original des berühmt-berüchtigten Manifests Der kommende Aufstand.

Verständlich, dass bei einem vierköpfigen Regiekollektiv wie andcompany&Co. (Karschnia, Nord, Sulimma, Robbrecht) eine Menge Material zusammenkommt. Aber einmal sollte der Moment kommen, an dem sich das Publikum einklinken kann. Er wird 90 Minuten vorenthalten. Man nehme ordentlich Postdramatik, eine volle Prise Popkultur, etwas von Polleschs Diskurstheater, drehe alles durch den Fremdsprachenwolf, und fertig ist Der (kommende) Aufstand. Oder auch nicht.

Denn fertig, im Sinne von abgeschlossen, ist da nichts. Das Bühnenbild (Jan Brokof & Co), welches sich gar nicht ungeschickt in den Bühnenraum hinein arbeitet, besticht durch MTV-Ambiente, Durchsicht und Improvisation. Die Requisiten sind zwar aus Pappe, aber passend. Und die Kostümwechsel der ausschließlich männlichen Akteure finden ebenfalls vor laufender Kulisse statt. Sowieso ist Nacktheit hier kein Grund zur Scham.

Das Werk ist tot, es lebe die Performance! Allein die Livemusik vermag der Sprach- und Bilderflut durch ihre Stofflosigkeit (Adorno) etwas zu entgegnen. Betont unabgeschlossen und lässig agieren die Schauspieler. Mit angezogener Handbremse wird proklamiert: „Dies ist eine Probe, eine Besetzungsprobe!“ Ausgenommen von dieser bemühten Lakonik ist das Spiel von Hartmut Schories, der mit seiner Stimme und Aura an die Möglichkeiten des Theaters erinnert. Als personifizierte Silbermine Potosi, in der die Spanier die Indios ausbeuteten, schafft er es durch den Klamauk zu wirken: „Ich bin der Silberberg. Wo bleibt er denn, der Aufstand, eure Scheißidee? Ich bin die Wüste, Südamerika, ich bin Bayreuth!“ Ansonsten rotieren die Schauspieler, die Figuren ähneln Karikaturen: Philipp II., des Königs Mutter, eine Hure, etc. Sprechchöre und Animateure bestimmen die Inszenierung. Und irgendwie geht es auch um den Bürgeraufstand der Niederlande, um Schiller und die Bezüge zur Gegenwart. Spanien ist bankrott, damals wie heute. „Is that coincidence or a certain pattern?“

Ist Irritation das Ziel? „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“, steht auf der Leinwand. Fragezeichen. Genau. Die Besetzung eines imaginären Raums im imaginären Kontext ist der Schlüssel zu diesem Abend – „it’s the reality, stupid!“ Stéphane Hessel ist zwar tot, aber Grund zur Empörung gibt es trotzdem. Insofern käme das Stück im Jahre 2013 nicht ungelegen, weil sich das Gros der Gesellschaft mit der Krise arrangiert hat. Aber ob eine platte Postmoderne weiter führt, bleibt so fraglich wie die Antwort der Bühne auf die Frage, wo nun der Aufstand bleibt: „Hinter der Tapete! Man sieht ihn, wenn das Licht ausgeht.“