Marc Ottiker
14.02.2013 | 00:02 1

„Homeland“ für Einsteiger

USA Die berühmte Serie kommt nun ins Free-TV. Höchste Zeit nun einzusteigen!

Am Sonntag um 22.15 Uhr beginnt Sat.1 mit der Ausstrahlung von Homeland. Damit kann die mit Preisen überhäufte US-Serie im deutschsprachigen Raum den kleinen Kreis der Eingeweihten verlassen und vor einem breiten Publikum bestehen. Das darf sich von der ersten Folge der ersten Staffel an auf ein hoch spannendes Katz- und Maus-Spiel zwischen einer paranoiden CIA-Agentin und einem im Irak verschollenen, bereits für tot erklärten, nun aber zurückkehrenden GI freuen. Carrie Mathison ist überzeugt, dass Nick Brody in seiner acht Jahre währenden Gefangenschaft im Terrornetzwerk selber zum Terroristen mutiert und ein „Schläfer“ geworden ist. Sie stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Dabei muss sie ihre Psychose und die damit verbundene Abhängigkeit von Psychopharmaka vor ihren Vorgesetzten verbergen.

Brody hingegen wird von den Medien zum Kriegshelden verklärt und schon bald von Washington instrumentalisiert. Homeland, das in den USA im Herbst vorigen Jahres erstausgestrahlt wurde, spiegelt präzise die Verfassung einer Gesellschaft wider, die sich seit elf Jahren in einem Kriegszustand glaubt. Damit ist die Serie ein Beispiel für den mittlerweile wichtigsten Exportartikel des Landes: oft atemberaubend gut erzählte Geschichten für Film und Fernsehen, die zwischen Propaganda und Chronik so geschickt pendeln, dass die Grenzen verschwimmen.

Serien wie 24 oder Homeland treffen auf die Psyche eines Publikums, das sich mehr oder weniger in einem permanenten Kriegszustand fühlt. Normalität ist da nur zu Beginn, zum Herstellen von Identifikation, interessant. Umso wuchtiger wirkt die Heimsuchung des Protagonisten. Dieser Logik folgt auch die uns absurd scheinende Debatte um die Waffengesetze. Die Schusswaffe ist so gesehen Ausdruck, dass man für den „zweiten Akt“ gewappnet ist, für die Zeit, wenn die Hölle ausbricht. Das Gefühl für einen Alltag, der sich in mehr oder weniger geringen Ausschlägen erschöpft, verschwindet. Man befindet sich in ständiger Erwartung des großen Knalls. Die dabei freigesetzte Angst und der hemmungslos geschürte Hass begünstigen dann wiederum die Gewalt. Mittlerweile vergeht kaum noch eine Woche, ohne dass in den USA von einem „Amoklauf“ die Rede ist. Woran liegt das? Kreieren die Zwischenfälle die Paranoia oder ist es umgekehrt?

Wer sich nun am Sonntag neu ins Homeland aufmacht, kann sich auf eine rasante Fahrt in ein ganz besonderes Herz der Finsternis gefasst machen. Anders als bei Joseph Conrad erwartet ihn kein exotischer Dschungel mit einem durchgedrehten Colonel, sondern ein schwer traumatisierter GI, der sich nach jahrelanger Isolation zwischen der ihm fremd gewordenen Frau und seiner Obhut entwachsener Kinder zurechtfinden muss. Ein Fremder im US-amerikanischen Suburbia, das wir mittlerweile aus vielen Serien kennen.

Wie etwa bei 24 wirken auch hier Bildschirme in hypergeheimen Komandozentralen als ikonische Zeichen einer Welt, in der Drohnenangriffe in fernen Weltgegenden und die vertraute Heimat eine gespenstische Beziehung eingehen. Anders als bei 24 suggeriert diese ganze Technik jedoch in Homeland nicht mehr Überlegenheit und Sicherheit. Dazu sind die Dinge mittlerweile zu sehr aus dem Ruder gelaufen. Man will ja nicht zu viel verraten: Aber die Serie hat wohl das Zeug dazu, mit den Mitteln der Fiktion die US-Gesellschaft ein wenig von ihrer pathologischen Fiktionalisierung zu kurieren. Und für uns Europäer ist Homeland mindestens unfassbar spannend.

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