Irene Habich
16.07.2013 | 06:00 6

"Ich bin viele"

Melda Akbaş schreibt gegen alte Rollenbilder an, fordert mehr Mitsprache für Schüler und vor allem Freiheit

"Ich bin viele"

„Ich hatte Angst, die Eltern verstoßen mich“

Foto: Enver Hirsch

Für das Gespräch hat Melda Akbaş ein Café im Hamburger Schanzenviertel vorgeschlagen, weil es dort guten Kuchen gibt. Sie lebt in der Nähe in einer Wohngemeinschaft. Akbaş ist 22 Jahre alt und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht. Das eine handelt von ihrem Leben „zwischen Moschee und Minirock“, in ihrem neuen Buch begehrt sie gegen das deutsche Schulsystem auf. Wie kommt sie zu ihren Themen?

Der Freitag: Frau Akbaş, sind Sie eine Vorzeigemigrantin?

Melda Akbaş: Vielleicht werde ich in den Medien ein bisschen dazu gemacht.

Sie spielen das Spiel mit.

Ja, weil es mein Wunsch ist, auf diese Weise etwas zu vermitteln. Wenn ich meine Stellung dafür ein bisschen missbrauchen kann, tue ich das gerne.

Sie haben ein Einser-Abitur und studieren Jura. Aber in dem Buch Warum fragt uns denn keiner? kritisieren Sie das deutsche Schulsystem.

Glauben Sie denn, ein Bildungsverlierer bekommt die Chance, ein Buch zu schreiben? Mir ging es nicht nur um schlechte Schüler, sondern darum, dass selbst viele gute Schüler frustriert aus der Schule kommen.

Sie fordern beispielsweise,dass Schüler mehr mitreden und ihre Schulen und Lehrer bewerten können.

Ja, Schüler werden oft unterschätzt.

Sie meinen, an Problemschulen?

Wer eine Hauptschule besucht, ist genauso an guter Bildung interessiert wie ein Gymnasiast. Ein Freund von mir war selbst Bildungsverlierer und sogar kriminell. Aber er hatte für den Unterricht tolle Ideen. Gerade an einer Problemschule könnte es helfen, den Schülern mehr Verantwortung zu geben. Die leidet genauso unter demotivierten Lehrern wie ein Gymnasium.

Sie sind in Charlottenburg aufs Gymnasium gegangen – ein eher bürgerliches Viertel in Berlin. Weit weg von Hauptschülern mit Migrationshintergrund.

Aber die Probleme, die meine Generation mit ihren türkischen Eltern hat, sind wohl bei allen gleich.

Sie verstehen sich nicht, weil sie in verschiedenen Welten leben?

Ja, allerdings habe ich den Vorteil, dass meine Mutter und mein Vater gut Deutsch sprechen und mir eine Schule aussuchen konnten. In Berlin-Kreuzberg leben viele, deren Eltern überhaupt kein Deutsch gesprochen haben. Bei mir zu Hause musste nicht ich meinen Eltern mit bürokratischem Papierkram helfen, sondern sie konnten mir etwas beibringen.

Sie sollten vor der Dunkelheit zu Hause sein und durften keinen Freund haben. So schildern Sie es in Ihrem ersten Buch Wie ich will. Konnten Sie sich offen mit Ihren Eltern auseinandersetzen?

Ich habe schon gegen meine Eltern gekämpft. Es wäre nur einfach nicht gegangen, offen zu sagen: Ich gehe jetzt auf eine Party. Das hätte nur zu noch größeren Problemen geführt. Und ich wollte meine Eltern auch nicht verlieren.

Sie hatten Angst, verstoßen zu werden?

Wenn man sich teilweise gegen die elterliche Kultur und Erfahrung entscheidet so wie ich, dann ist diese Angst immer da. Und als ich 18 war und mein erstes Buch geschrieben habe, war diese Furcht für mich sehr real.

Können Sie das Verhalten Ihrer Eltern verstehen?

Sie stammen aus einer anderen Generation. Meine Eltern sind in der Türkei aufgewachsen. Gerade meinem Vater ist es anfangs sehr schwergefallen, sich hier in Deutschland einzufinden. Aber trotz ihrer Grenzen ist die türkische Tradition noch ein großer Teil meiner Identität. Ich genieße es, den starken Zusammenhalt in der Familie zu spüren.

In Deutschland existieren zwei Bilder: hier die gut ausgebildeten, jungen, modernen Türken, dort die traditionelle, bildungsferne Parallelgesellschaft. Wie sehen Sie das?

Nun ja. Schwarz oder weiß ist eine Sache nie. Es gibt zum Beispiel sehr viele gebildete Türken, die die Demonstrationen in Istanbul nicht unbedingt befürworten. Und auch in Deutschland stimmen die Klischees selten. Ich stamme etwa nicht aus einer gebildeten Familie, meine Großeltern kamen aus einem Dorf in der Nordtürkei – die typischen Einwanderer. Es ist ja eine eher bildungsferne Schicht nach Deutschland gekommen. Aber es gibt Aufsteiger wie mich und andere, die nicht aufgestiegen sind.

Wie empfinden Sie aus der Ferne die Proteste in Istanbul?

Der Türkei als Staat habe ich mich noch nie besonders verbunden gefühlt. Ich fahre dorthin, mache Urlaub und fahre wieder zurück. Türkische Politik hatte mich bisher eher weniger interessiert. Seit es diese neue, sehr junge Bewegung gibt, hat sich das jedoch verändert. Es berührt mich, was da geschieht. Ich habe Familie und Freunde, die in der Türkei leben: Familie, die AKP-Befürworter ist, und Freunde, die sehr stark gegen Erdoğan und seine Partei sind. Ich kenne beide Sichtweisen.

Würden Sie mitdemonstrieren?

Nein. Ich finde mich da eher in der Mitte wieder. Wenn man jetzt noch monatelang weiterdemonstriert, verläuft sich das irgendwann. Das würde die Bedeutung der ersten großen Demonstration im Nachhinein schwächen. Ich finde, Proteste müssen irgendwann in politische Forderungen münden.

Gibt es die etwa nicht?

Die politische Forderung ist im Moment, dass Erdoğan abtreten soll – das ist sehr unrealistisch. Erdoğan hat in der Türkei mehr Stimmen, als Angela Merkel sich wünschen könnte. Es gibt viele Menschen, die an ihm hängen. Manche meiner Freunde halten es zwar für eine Lüge, dass Erdoğan von einer Mehrheit gewählt wurde – aber ich kenne ja meine Familie: Mein Onkel zum Beispiel würde in zehn Jahren noch die AKP wählen.

Was ist mit dem Verlangen nach mehr Freiheiten?

Ja, darum geht es natürlich. Aber um diese zu bekommen, müsste man rein in den Plenarsaal und dort mitentscheiden. Es ist ein Problem der Türkei, dass es dort keine Opposition im eigentlichen Sinne gibt. Deren Vertreter sind entweder alle korrupt oder sie haben Angst vor Erdoğan. Auch die Oppositionellen hattenja für den Abriss des Gezi-Parks gestimmt – etwas, das die ganze Zeit übersehen wird in diesem Konflikt. Die Entscheidung war also kein ausschließlich undemokratischer Prozess.

Was müsste denn jetzt folgen?

Ich würde mir wünschen, dass aus den Protesten heraus eine starke politische Partei entsteht. Eine, die jung und aktiv ist und dadurch etwas verändert.

In diesen Tagen ging die Polizei im Gezi-Park wieder mit Tränengas gegen Demonstranten vor. Haben Sie eigentlich Angst um Freunde, wenn Sie die Gewalt im Fernsehen sehen?

Klar mache ich mir Sorgen, wenn ich weiß, meine Freunde sind dort unterwegs. Die meisten von ihnen twittern und posten aber ohnehin jede halbe Stunde über das, was passiert. Ich verfolge auf Facebook, wie es ihnen geht. Aber wir sind in Istanbul nicht im Kriegszustand. Am Taksimplatz sieht es anders aus als in Üsküdar.

Wie nehmen Sie die Berichte in deutschen Medien wahr?

Ich finde sie einseitig – und dass die Lage immer wieder mit der in Ägypten verglichen wird, finde ich unangebracht. In der Presse wird viel über einen diktatorischen Erdoğan berichtet. Er mag ja tatsächlich einen autoritären Führungsstil haben. Aber dabei kommt zu kurz, was sich im Land getan hat.

Haben Sie ein Beispiel?

Es liest sich vieles so, als würde sich in der Türkei der Wandel von einer völlig zurückgebliebenen Gesellschaft hin zu einer modernen vollziehen. Dabei ist die Türkei schon ziemlich weltoffen. Und das hat sich während Erdoğans Amtszeit weiterentwickelt, der ja schon seit 2003 Ministerpräsident ist. Es gibt heute etwa weniger korrupte Polizisten. In Istanbul gibt es eine Metro. Ich will damit aber nicht sagen, dass Erdoğan nur ein guter Politiker und Mensch ist.

Was kritisieren Sie an ihm?

Es darf natürlich nicht passieren, dass Journalisten und Richter einfach eingesperrt werden. Aber es gibt eben Gründe dafür, dass ich immer zwischen den Stühlen sitze.

Was bedeutet Emanzipation für Sie?

Ich glaube, wir jungen türkischen Frauen erreichen Emanzipation vor allem durch Bildung. Bei uns in der Türkei sind die Mädchen meist sehr gebildet. Viele haben das Abitur geschafft und sind weiter als ihre Brüder. Bildung gibt uns die Kraft, später sagen zu können: Ich ziehe aus. Wir wissen dann, dass wir irgendwann ein Standbein haben und arbeiten können.

Es scheint so, als wollten Sie sich mit niemandem anlegen, keinem wehtun. Auch in Ihrem ersten Buch üben sie nur verdeckt Kritik.

Das können Sie nur aus Ihrer Perspektive als deutsche Frau so sehen. Aus der Sicht eines türkischen Mädchens hätte ich nicht deutlicher Stellung beziehen können als mit diesem Buch. Es ist eine sehr genaue Positionierung für ein türkisches Mädchen. Für mich war es schon der größte Schritt zu schreiben, dass ich einen Jungen küsse. Das ging tatsächlich über alle Vorstellungen meiner Eltern hinaus.

In der westlichen Welt wollen Frauen auf andere Art schocken: Welche Gefühle löst es bei Ihnen aus, wenn sich europäische Frauen mit entblößten Brüsten vor eine Moschee stellen?

Das ist der falsche Ort für so eine Aktion. Ich habe eine Freundin, die gerade ihr erstes Staatsexamen gemacht hat, sie ist sehr gebildet, superhübsch und trägt Kopftuch. Durch die Femen-Aktion hat sie sich angegriffen gefühlt. Sie ist eine selbstbewusste und emanzipierte Frau, aber sie muss das nicht dadurch zeigen, dass sie sich nackt vor eine Moschee stellt.

Sie will sich nicht bevormunden lassen.

Ja, die westlichen Feministinnen glaubten, sie müssten für eine wie sie sprechen. Ich selbst bin davon nicht so betroffen, ich trage ja kein Kopftuch und gehe eher selten in die Moschee.

Sie tragen Minirock. Was halten Sie von den ‚Slutwalks‘ – von Demonstrationen, auf denen Frauen in aufreizender Kleidung gegen das Verharmlosen sexueller Gewalt protestieren?

Diese wiederum finde ich gar nicht so schlecht. Denn da wird die Botschaft transportiert: „Ich bin frei.“ Das ist etwas ganz anderes, als zu glauben, man müsse jemand anderen befreien.

Sind Sie Feministin?

Ich fühle mich mit so einem Etikett in eine bestimmte Ecke gedrängt, und das möchte ich nicht. Aber Freiheit ist mein Thema – sei es als Frau allgemein oder als junge Türkin.

Kommentare (6)

weinsztein 20.07.2013 | 03:04

"Liest sich, als hätte Akbaş zwei Mentoren. Buschkowsky und Gülen."

So weit würde ich nicht gehen, aber Frau Akbaş ist ziemlich nah an beiden dran.

Mich irritiert die Dramaturgie dieses Interviews. Melda Akbaş sagt, dass sie sich nie der Türkei verbunden gefühlt und türkische Politik sie bisher eher weniger interessiert habe. WARUM? Diese Frage hat mir gefehlt.

Stattdessen bittet Irene Habich ihre Interviewpartnerin um Einschätzungen zur aktuellen Lage in der Türkei, zu den Protesten. Das ist nicht klug.

Wer sich wie Melda Akbaş bisher für türkische Politik eher weniger interessiert hat, kann sich eigentlich weder zur dortigen Protestbewegung, zur Rolle der Oppositionsparteien und deren Korruption noch zur Politik der AKP-Regierung oder zur Persönlichkeit Erdogan qualifiziert äußern.

ILYAS 16.08.2013 | 00:28

"Aber trotz ihrer Grenzen ist die türkische Tradition noch ein großer Teil meiner Identität. Ich genieße es, den starken Zusammenhalt in der Familie zu spüren."

Auch positiver Rassismus ist kontraproduktiv. Es gibt nicht wenige türkische Familien, in denen ein Gemeinsinn herrscht wie bei den Bundys.

 

Außerdem:

Frau Akbas beschwert sich, dass sich die Medien auf ihren Migrationshintergrund versteifen.

Die Klage kann ich nachvollziehen. Ist in der Regel leider so. Vor allem im Mainstreambereich.

Aber mir scheint, Frau Akbas läßt sich auch allzu leicht in die Vorzeigetürkinrolle drängen. Wie zum Beispiel bei der Frage, wo sie nach ihrer Meinung zum Thema Gleichberechtigung gefragt, sich wie selbstverständlich als junge Türkin angesprochen fühlt.

Was bedeutet Emanzipation für Sie?

Ich glaube, wir jungen türkischen Frauen erreichen Emanzipation vor allem durch Bildung.

 

Sie ist ja erst 22 Jahre alt. Von daher.