Fahimeh Farsaie
23.03.2007 | 00:00

Ich liebe Amerika!

Bart Mohsin Hamids zwiespältiger Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte"

"Es ist beachtlich, was für eine Wirkung ein Bart angesichts seiner physischen Belanglosigkeit ... bei einem Mann meiner Hautfarbe auf Ihre Landsleute hat", schreibt Mohsin Hamid im Namen seines Protagonisten Changez. Der zweite Roman des 36-jährigen pakistanischen Autors trägt den auffälligen Titel Der Fundamentalist, der keiner sein wollte. Was soll das alles bedeuten?

Changez lebt zum Beginn des Buches als Universitätsdozent in Lahore, hat aber vier Jahre in den Staaten studiert. Er ist ein eloquenter, kluger Mann und hat in der Welt der herrschenden Elite in New York gearbeitet. Er bezeichnet sich als das "Produkt einer amerikanischen Universität", das "ein lukratives amerikanisches Gehalt" bekommt und in eine Amerikanerin verliebt ist. Dass die Liebe in diesem Roman keine entscheidende Rolle spielt, kann man der ablehnenden Haltung seiner Geliebten Erica bei ihrer ersten Begegnung entnehmen: Sie kann sich vom Tod ihres großen und einzigen Geliebten Chris nicht erholen und wird geistig krank.

Der Schauplatz des Romans ist ein gewöhnliches Restaurant in der Altstadt von Lahore. Die Geschichte, die als Monolog in zwölf Kapiteln konzipiert ist, könnte sich aber überall abspielen: Die Stadt und ihr altes Viertel bleiben im Roman im Hintergrund. Was in diesem Buch aus Pakistan nach vorne geschoben wird, ist die spärlich beschriebene pakistanische Küche. Alles andere konzentriert sich auf den 22-jährigen Changez, der als ungewöhnlich begabt, ehrgeizig, human, einfühlsam, einsichtig, wissbegierig und liebenswürdig dargestellt wird.

Hamid findet in seiner Hauptfigur keine einzige "negative" Eigenschaft. Er ist wie ein Heiliger, unbelastet und unfehlbar. Deshalb ist er auch berechtigt, in einem Restaurant einen scheinbar ahnungslosen amerikanischen Touristen zu "überfallen", sich ihm aufzuzwingen und ihn über die "Verheerungen" zu belehren, die sein Land auf der Welt anrichtet. Mit dieser aufdringlichen Haltung beginnt Changez, während er seinen hilflosen "Gesprächspartner" mit seinem eigenen Lieblingsessen füttert, seine Erfolgs- und Leidensgeschichte in Amerika zu erzählen. Wenn der Ich-Erzähler die persönliche Ebene verlässt, verwickelt er sich unwillkürlich in endlose politischen Statements gegen die gegenwärtige amerikanische Politik.

Es geht, so schält es sich heraus, in dem Roman Der Fundamentalist, der keiner sein wollte um die Auswirkungen der angespannten politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre nach dem 11. September auf die muslimisch aussehenden Menschen in Amerika. Diese aggressiv empfundene Stimmung quälte Changez so sehr, dass er Amerika verlassen und in seine Heimat zurückkehren musste. Wegen seines Bartes wurde er in der Zeit "mehr als einmal in der U-Bahn von wildfremden Menschen wüst beschimpft, und bei der Firma war ich offenbar über Nacht zum Gegenstand von Getuschel und Blicken geworden."

Der Bart ist ebenfalls das erste Thema, über das er mit dem zurückhaltenden Amerikaner im Restaurant ins "Gespräch" kommt. "Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika"! Als Symbol des Sinneswandels der Hauptfigur nimmt der Bart später eine übertriebene Bedeutung ein. Während einer kurzen Reise nach Pakistan lässt er seinen Bart wachsen. Ungefähr in der Zeit, in der sich die politische Beziehung zwischen Indien und Pakistan verschlechtert hat: Man hört davon, dass einige Männer, die das indische Parlament in der Zeit überfallen hatten, "mit Pakistan zu tun hatten". Dennoch hofft Changez, dass die Amerikaner Indien daran hindern, Vergeltungsaktionen auszuüben, weil Pakistan die Staaten in Afghanistan unterstützt hatte. Doch Amerika wahrte strikte Neutralität zwischen den beiden potenziellen Kombattanten. Dadurch wird Changezs Glaube an die "amerikanischer Gerechtigkeit" gründlich erschüttert!

Als es Zeit wird, nach New York zurückzukehren, weigert sich Changez seinen zwei Wochen alten Bart abzurasieren. Er war für ihn eine Form des Protests; "ein Symbol meiner Identität. Vielleicht wollte ich damit aber auch die Wirklichkeit, die ich gerade zurückgelassen hatte, in Erinnerung behalten". Auf diese "Wirklichkeit", das reale Leben in seiner Heimat, kann Changez allerdings nicht stolz sein: schäbige Häuser, Risse in den Decken, Stromausfall. "Ich schämte mich. Von dort kam ich also, das war meine Herkunft, und sie roch nach Ärmlichkeit."

Die Kluft zwischen dieser beschämenden Ärmlichkeit und Changezs´ luxuriösem Leben in Amerika kommt ihm noch tiefer vor, als er nach New York zurückkehrt. Das ändert sich jedoch, als Changez seine Arbeitszeit investiert, um über die Weltgeschichte, die militärische Kräfteverteilung und die Rolle der Staaten auf der Welt zu recherchieren. "Ich fragte mich, wie es kam, dass Amerika solche Verheerungen auf der Welt anrichten konnte- beispielweise in Afghanistan einen ganzen Krieg zu inszenieren und durch sein Handeln die Invasion schwächerer Staaten durch stärkere, wie Indien es nun mit Pakistan vorhatte, zu legitimieren- und im eigenen Land so wenig davon zu spüren war."

Diese intensive Auseinandersetzung führt später dazu, dass der Held des Romans zu seiner eigenen Überraschung Genugtuung empfindet, als er die Zwillingstürme stürzen sieht. "Ich sah mit an, wie einer - und danach der andere - der Zwillingstürme des World Trade Center in New York einstützte. Und dann lächelte ich. Ja, so abscheulich es auch klingen mag, meine erste Reaktion war eine bemerkenswerte Freude ... Aber in dem Augenblick waren meine Gedanken nicht bei den Opfern des Angriffs ... Mich ergriff die Symbolkraft dessen, die Tatsache, dass jemand Amerika so sichtbar in die Knie gezwungen hatte."

Mohsin Hamid versucht in seinem Roman, dessen Perspektive erstaunlich eng konzipiert ist und keinen Raum für die andere Sichtweise zulässt, die Veränderung einer Geisteshaltung zu vermitteln. Die einzige tragende Figur, Changez, ist aber zu eindimensional, gleichzeitig aber auch zu widersprüchlich charakterisiert, um diesen Prozess plausibel darstellen zu können. In ihren dichtesten Momenten liest sich die Geschichte wie ein kritisches Sachbuch mit hohem Informationsgehalt über die Weltmacht Amerika.

Der Autor, der in London lebt und sein Creative-Writing-Studium bei Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison absolviert hat, schreibt aus der sicheren Überzeugung, dass sich die Dignität seiner Geschichte aus der Aktualität des Themas und seiner eigenen Betroffenheit begründet. Soll man froh darüber sein oder verärgert, dass man den Roman als Beitrag zu den gegenwärtigen politischen Diskussionen lesen kann?

Mohsin Hamid: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, 190 S., 17,95 EUR