Fokke Joel
10.02.2013 | 09:00 1

In der Nähe von Paris

Moderne „Ein Sonntag auf dem Lande“ von Pierre Bost wird neu aufgelegt. Zu entdecken ist eine feinsinnige Erzählung, die sich an Anton Tschechow messen kann

In der Nähe von Paris

Die Erzählung im Film: Ausschnitt aus Bertrand Taverniers „Ein Sonntag auf dem Lande“

Foto: united Archives/ dpa

Es gehört zu den schönsten Erfahrungen eines Lesers, von einem Buch begeistert zu sein, das lange vergessen war. Man fühlt sich in die Kindheit zurückversetzt, an Entdeckungen auf dem elterlichen Dachboden, der wie eine geheimnisvolle Insel im Meer der kindlichen Langeweile aufgetaucht ist. Auf dem faszinierende Dinge liegen, die, wie vergessene Bücher, schon immer da waren und nur noch entdeckt werden müssen. Und die das Versprechen enthalten, dass es irgendwo noch mehr von ihnen gibt.

Eine solche Entdeckung ist der Roman Ein Sonntag auf dem Lande von Pierre Bost. 1901 in Lasalle in den Cevennen geboren und in Le Havre aufgewachsen, hatte der französische Schriftsteller und Drehbuchauter bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren mit seinen Romanen und Erzählungen Erfolg. Doch dann begann er zusammen mit seinem Freund Jean Aurenche Drehbücher zu schreiben. Ein Sonntag auf dem Lande war sein letzter Roman, 1945 erschienen. Ein Abschied von der Literatur, der mit einem raschen Verschwinden aus dem literarischen Bewusstsein einherging.

Die Filme, die nach den Drehbüchern des Duos Bost/Aurenche gedreht wurden, waren in den vierziger und fünfziger Jahren ein großer Erfolg – bis im Januar 1954 in der Zeitschrift Cahiers du Cinéma ein Aufsatz mit dem Titel „Eine gewisse Tendenz im französischen Film“ erschien. Der Autor, der damals noch unbekannte François Truffaut, macht darin die beiden Drehbuchautoren Pierre Bost und Jean Aurenche nieder. In der Folge dieser als Gründungsmanifest der Nouvelle Vague geltenden Polemik setzt sich der junge Autorenfilm nach und nach gegen das dominierende Erzählkino eines Bost und Aurenche durch.

In den sechziger Jahren ist nur noch wenig von Bost zu hören, und erst 1974 mit Bertrand Taverniers Der Uhrmacher von St. Paul wurde ein Film, an dessen Drehbuch er mitgearbeitet hat, wieder bekannt. Mit Tavernier arbeitete er dann noch für Der Richter und der Mörder zusammen. Und Tavernier war es schießlich, der als Hommage an den 1975 verstorbenen Bost 1984 Ein Sonntag auf dem Lande verfilmte.

Die Geschichte selbst, die Pierre Bost in seinem kleinen Roman erzählt und die an einem Sonntag vor dem Ersten Weltkrieg spielt, ist banal. Der erfolgreiche Maler Urbain Ladmiral, 76, hat sich in einem kleinen Ort in der Nähe von Paris ein Haus mit großem Garten gekauft. Nach dem Tod seiner Frau und dem Auszug von Sohn und Tochter lebt er dort allein. Nur Mercédès, eine Angestellte, führt ihm noch den Haushalt. Und jeden Sonntag kommt sein Sohn mit seiner Familie zu Besuch. Außerdem taucht in dem im Buch geschilderten Sonntag noch Ladmirals Tochter Irène auf.

Kein origineller Maler

Man fühlt sich an Tschechow erinnert. Wie in einer Tschechow-Erzählung gelingt es Bost, diesem Allerwelts-Sommersonntag eine allgemeine Bedeutung zu geben. Da ist zunächst Urbain Ladmiral, dem der Erzähler durchgängig das respektvolle „Monsieur“ vorweg setzt, akademischer Maler, Schöpfer offizieller Porträts von hochrangigen Persönlichkeiten und Mitglied des Institut de France. Aber so, wie sich der Respekt des Lesers gleich zu Anfang nach einem lächerlichen Streit mit Mercédès verflüchtigt, ist sich der alternde Ladmiral durchaus bewusst, dass er mit seinen vielen Staatsaufträgen so gar kein origineller Maler war, der die Kunst vorangebracht hat, wie seine impressionistischen Generationsgenossen oder Van Gogh.

Besonders deutlich wird ihm diese bittere Tatsache, wenn ihm sein Sohn Gonzague nach dem Mund redet: „Seine Meinungen kamen ihm, sobald sein Sohn sie stützte, viel weniger gültig vor, und da er sie bei einem Mann von vierzig Jahren für überholt hielt, warf er sich selbst vor, rückständig zu sein“.

Truffaut hatte Bost und Aurenche vorgeworfen, dass sie „in der Hauptsache Literaten“ seien und dass sie „den Film verachten, weil sie ihn unterschätzen“. In der Tat ist Ein Sonntag auf dem Lande nicht die Prosa eines Filmemachers. Es ist ein sprachlich durchkomponierter Text, der sich an literarischen Vorbildern orientiert. Aber wie seine Figur Urbain Ladmiral hielt sich auch Bost nicht für besonders originell, obwohl er große Sympathien für alle hegte, die künstlerisch neue Horizonte erobern wollten. Das wird auch in dem Brief deutlich, den er François Truffaut nach der Lektüre von „Eine gewisse Tendenz im französischen Film“ schrieb. „Ihr Artikel“, schreibt er, „enthält sowohl kluge, aber auch ungerechte und inexakte Äußerungen.“ Außerdem, so Bost, mangele es Truffaut an stilistischer „Eleganz“. Auch das stimmt, Truffaut war eben nicht, wie Bost, ein Literat, sondern ein Filmemacher.

Ein Sonntag auf dem Lande kann auch als Bosts hintersinniger Kommentar zur Geschichte zwischen ihm und Truffaut gelesen werden, nur dass der Roman mit weniger heiligem Ernst auskommt. Und die Rolle des aufbegehrenden Sohnes nicht Gonzague übernimmt, sondern – hier war Bost seiner Zeit voraus – eine Frau, nämlich Monsieur Ladmirals Tochter Irène. Sie, die Auto fährt, die nicht geheiratet hat und in Paris ein gut gehendes Geschäft führt, platzt einfach in den erstarrten Familiensonntag herein und wirbelt alles durcheinander. Die Tochter hat den Mut und die Rücksichtslosigkeit, mit der François Truffaut dann den erstarrten französischen Film der Zeit niedermacht, in einem schlecht geschriebenen Text eines Filmemachers zwar, aber mit durchaus guten Argumenten.

Über sich selbst lachen

Wie Truffaut interessiert Irène nicht, was die anderen über sie denken. Und wie Truffaut die schlechten Drehbücher von Bost/Aurenche kritisiert hat, sagt sie dem Vater, dass er schlechte Bilder malt. Monsieur Ladmiral, der nun eigentlich seine Stimme gegen die Vorwürfe und die Zügellosigkeit seiner Tochter erheben müsste, schweigt; die Liebe des Vaters hat obsiegt und sein Gefühl, dass sie recht hat. Irène ist es auch, die mit kindlicher Begeisterung auf dem Dachboden des Hauses eine Truhe mit schönen alten Stoffen entdeckt, so wie der Leser Ein Sonntag auf dem Lande.

Man kann dem kleinen Dörlemann-Verlag nur danken, dass er – einmal mehr – ein Buch dem Vergessen entrissen hat, das so leicht daherkommt und gleichzeitig so hintergründig ist. Bei dem der Autor noch in der bissigsten Ironie nicht die Sympathie für seine Figuren verliert. Bei dem der Leser sich zwar mit keinem der Helden dieses Familiensonntags identifizieren mag, aber doch eine Ähnlichkeit zu den eigenen Erfahrungen erkennt und so das Lachen über Monsieur Ladmiral und seine Familie zum Lachen über sich selbst wird.

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