Charlotte Wiedemann
07.02.2013 | 01:00 4

Land ohne Fortune

Mali In der Weltpresse ist seit der Intervention Frankreichs viel von „failed state“ die Rede. Dieses Urteil wird einer sich nach Frieden sehnenden Gesellschaft nicht gerecht

Bamako empfängt mit einem Gleichmut, der zugleich irritiert und beruhigt. Die Stadt wird bedrängt von Zigtausenden Flüchtlingen aus den Kampfgebieten im Norden – doch sie sind wie unsichtbar. Kein Lager, keine Slums, kaum Obdachlose. Dass es so ist, liegt an Menschen wie Aliou: ein dünner Mann in einem gleichfalls dünngewaschenen Hemd, der seinen Lebensunterhalt verdient, indem er die Waren anderer Leute auf einem Handkarren transportiert. Im Mai, abends um 22 Uhr, standen plötzlich die ersten Flüchtlinge in seinem finsteren Hof. Entfernte Verwandte; sie waren vorher nie da gewesen, hatten jetzt nicht einmal angerufen. Und waren trotzdem sicher, willkommen zu sein.

Seit neun Monaten ist Alious vorher zehnköpfige Familie eine 20-köpfige. Und immer noch nur der Handkarren. Aliou arbeitet nun jeden Tag, so lange es nur geht; abends, wenn er seinen Karren am Markt angekettet hat, läuft er oft hundemüde eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause, um das Fahrgeld für den Minibus zu sparen. Unaufhörlich wachsen seine Schulden; Aliou deutet auf seinen Rücken, als lägen sie dort. Man begreift in diesem Moment, welch ungeheure Anstrengung sich hinter dem Gleichmut verbirgt. Es ist die Anstrengung der großen Mehrheit der Malier, sich selbst, ihre Familien und letztlich das Land irgendwie in einer Balance zu halten, in einem prekären Gleichgewicht. 200.000 Flüchtlinge kamen unter wie bei Aliou, dem Karrenmann. Das Symbolbild dieser Krise ist nicht der Vermummte mit Kalaschnikow, sondern eine Schüssel mit Essen, in die immer mehr Hände greifen.

Schrei nach Gerechtigkeit

Besuch in einer Schule, neunte Klasse. Gedränge auf den Bänken. Vorher saßen hier 65 Schüler, jetzt sind es 97; ein Drittel Geflüchtete aus dem Norden. Die Lehrerin bittet die Flüchtlingskinder aufzustehen: Sie sitzen nicht etwa in einer Ecke, sondern mitten unter den anderen, haben wie sie Schreibzeug und Hefte. Am Anfang habe sie „Moralunterricht“ gegeben, erklärt die Lehrerin, damit niemand diskriminiert werde. Und dann sagt sie noch einen Satz, den jedes malische Kind im ersten Schuljahr lernt: „Mali ist eins und unteilbar.“

Seit im besetzten Norden die Banken geschlossen, geplündert oder zerstört sind, wird das Geld über Netzwerke transferiert, derer sich viele Malier auch sonst bedienen, um Bankgebühren zu vermeiden. Man gibt das Geld einem Händler in Bamako; dessen Partner im nördlichen Gao zahlt es aus, gegen eine Kommission. Genauso versorgen malische Migranten in Frankreich ihre Angehörigen zu Hause: Der Laden, wo die Familie sich ihren Reis holt, verrechnet auf geheimnisvolle kontolose Weise mit dem Migranten in Paris. Als im Norden zeitweise kein Bargeld mehr vorhanden war, gaben die Verwandten in Bamako den Fahrern von Überlandbussen sogar Geldbündel mit.

Es sind solche Netzwerke, die das Land vor dem Zerfall bewahren. Seit dem Putsch im März 2012 hat Mali keine legitime Regierung mehr. Endlos dehnt sich ein kräftezehrendes Interim – und doch schmeckt die Luft nicht nach failed state. Diese Gesellschaft zeigt gerade in der Krise, über wie viel soziales Kapital sie verfügt. Tragischerweise wird es nicht genutzt, um aus der Krise herauszufinden – zu sehr verachtet Bamakos Französisch sprechende Elite das analphabetische Bauernvolk.

Und eine malische Familie gibt ungern zu, wie schlecht es ihr geht. Schlimmes zu verbergen, entspricht malischer Kultur. „Kein Leiden“, so lautet die Standard-Antwort in der elaborierten Grußformel der Bambara, täglich dutzendfach wiederholt – auch jetzt. Oder banaler: Ça va? Ça va. Aber daneben steht nun wie eine gegenläufige Tendenz etwas Neues – eine neue Offenheit, eine neue Art Kritik an den politischen Verhältnissen. Es scheint kaum mehr Zweifel daran zu geben, dass Malis Demokratie bisherigen Zuschnitts, mit 152 meist programmlosen Parteien, gescheitert ist. „Die große Mehrheit glaubt nicht mehr an dieses System“, sagt Mori Moussa Konaté, Direktor einer Allianz von 50 Umweltgruppen und keineswegs ein Radikaler.

Immerhin steht gerade der frühere Gesundheitsminister vor Gericht; er soll Hilfsgelder gegen Malaria unterschlagen haben, eine obszön hohe Summe – in Euro Millionen, in westafrikanischen Franc Milliarden. Sein Haus steht in der Cité du Niger, einer Neureichen-Siedlung von Politikern; cremefarbene Luxus-Villen, beschnittene Bäumchen. Die Innen-Ausstattung der Häuser kam containerweise aus Europa, bis hin zu den Steckdosen. Die Malier haben das alles gesehen und zu lange geschwiegen. Auch jetzt fliegen keine Steine auf die Flotte glänzender Allrad-Fahrzeuge, die abends am Flughafen vorfährt, wenn die Air-France-Maschine aus Paris landet. Die alte politische Klasse und ihre Nutznießer sehen keinen Grund, sich zu verstecken. Die nationale Krise hat sich wie eine erstickende Decke auf den Schrei nach Gerechtigkeit gelegt.

Das Städtchen Kati liegt auf einem Plateau, 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Klare Luft, keine Abgase. Eine weitläufige Garnison beherrscht das Stadtbild. Soldaten kontrollieren sogar die Zufahrt zum Zentrum. Kati, das ist das Synonym für die Putschisten, hier residiert Hauptmann Amadou Sanogo, der Mann, der den Präsidenten Touré stürzte. Aber es waren nicht die Männer, die sich in Kati zuerst erhoben. Es waren die Frauen.

Madame Djeneba Keita, 45, ist die Inkarnation der femmes militaires: Soldatenwitwe und Präsidentin der Vereinigung der Soldatenfrauen. Gewichtige Statur, kommandierendes Wesen. Eine Perücke täuscht kurze, glatte Haare vor, die Augenbrauen breit gemalte Striche, und sogar die winzigen Zehennägel ihrer dicken Füße funkeln in Metallic-Rot angriffslustig auf dem Teppich ihres Wohnzimmers. „Unsere Kinder“, sagt Madame Keita und meint die Armee, „unsere Kinder starben im Norden wie die Fliegen“. Als ein Video kursierte, das ein Massaker an gefangenen Soldaten zeigte, rief Madame Keita zum Kampf. Die femmes militaires marschierten, ganz in Weiß, erst zur Kommandantur, Tage später dann zum Präsidentenpalast, erzwangen ein Gespräch mit dem Staatschef. Der dritte Marsch war angesetzt – diesmal nackt.

Nackt zu demonstrieren ist für afrikanische Frauen die letzte Waffe in höchster Not. „Dann sind die Männer fertig, am Ende“, sagt Madame Keita. „Dann kann der Präsident nur noch durch die Hintertür verschwinden.“ So also wurde Hauptmann Sanogo Malis kleiner, starker Mann. Kein Visionär, kein Thomas Sankara wie einst in Burkina Faso, eher eine Art Saubermann. Er tut, wozu andere nicht die Kraft haben, es auf bessere, auf zivile Weise zu tun. Als er im Dezember den Rücktritt eines Premierministers erzwang, der sich als so unfähig wie machthungrig erwiesen hatte, atmete ganz Bamako heimlich auf. Sanogo ist erst 40; was er sich herausnimmt, zeigt den Autoritätsverlust der Alten. Auch sonst spiegelt sich in dem kleinen Hauptmann die Schwäche anderer. Teile der Zivilgesellschaft und der Intellektuellen bauen immer noch auf ihn, wenn sie von einem besseren Mali träumen.

Gedicht für den Frieden

In Ségou, der alten Königsstadt, fließt der Niger träge und gleichgültig an einem Stillleben vorbei: Flusslandschaft ohne Weiße, schön still, gefährlich still. Die Verkäufer von Masken, Halsketten und geschnitzten Schemeln öffnen jeden Morgen stoisch ihre Holzbuden. Am Ende eines erneuten Tages ohne Umsatz breiten sie auf dem Boden vor ihren Kettenständern ein Tuch aus und beten. Die Dämmerung am Niger ist in diesen Tagen so verschwommen wie die politische Lage in Mali. Konturenlos fällt ein rosa-grauer Himmel in sich zusammen. Auf den Pirogen, die in diesen Tagen niemand mietet, spielen halbnackte Kinder.

Im Garten-Restaurant Soleil de minuit stellen zwei Männer und ein Junge jeden Abend ihre drei Stühle in einer Reihe vor das abwesende Publikum, die Männer stimmen ihre Ngonis und spielen, und der Junge ist bald versunken in die Rhythmen, die er auf seiner Kalebasse schlägt. In der Mitte des Lokals steht ein Korb, für die Einnahmen, die niemand hineinwirft. „Nous sommes fatigués“, sagt der Wirt. Eine Müdigkeit, wie Material müde wird, wenn es überstrapaziert wird. Die höfliche Art der Malier zu sagen, dass sie nicht mehr können.

Was wäre die Uferpromenade von Ségou ohne Amadou Koné, den Poeten? Gelähmt sitzt er in einem eisernen Rollstuhl, den er mit der linken Hand an einer Kurbel vorwärtsbewegt. Ein kleiner, krummer Mann, Mitte 30; die Händler nennen ihn Albatros, weil seine Verse Schwingen bekommen, wenn er sie vorträgt – davon lebt er. Seine Gedichte sind Liebeserklärungen auf Ségou und den Niger, ein wenig schwülstig zwar, aber Koné spricht schön, mit Leidenschaft und innerem Leuchten. Der Poet ohne Publikum, auch dies eine Metapher der Krise. Ein Gedicht für den Frieden sei in Arbeit, ruft er noch.

Die Pufferzone, dem umkämpften Norden vorgelagert, kündigt sich durch Checkpoints an. Zehn Stunden dauert die Fahrt von Bamako bis in die Kleinstadt Sévaré; weiter sollten Europäer im Augenblick nicht fahren, zu groß wäre die Gefahr, von Islamisten entführt zu werden. In Sévaré wurden etwa 25.000 Flüchtlinge aufgenommen. Hier ballt sich alles zusammen: Solidarität, Anspannung, Ängste, Erwartungen, Ungewissheit. Es führt nur eine einzige Straße in den Norden.

Am Stadtrand sind die Freiwilligen der Miliz Ganda Koy zum Appell angetreten. Die malischen Zeitungen haben aus ihnen Helden gemacht, die patriotische Avantgarde einer militärischen Intervention. Und hier stehen nun zwei Hundertschaften schlaksiger junger Leute im Staub, Jungen und Mädchen, die versuchen, zackig auszusehen, in Jeans und Fußball-Shirts, manche mit Plastiklatschen. Unter anfeuernden Rufen marschieren sie aus dem Camp hinaus in den Sahel-Sand. Rinder blöken die seltsame Truppe an; ein Mädchen marschiert in langem Rock und Flip-Flops. Nur ein Einziger hat ein Gewehr; die anderen halten stattdessen beim Training ein Stöckchen im Anschlag – oder einfach in die Luft.

Tief sitzender Hass

Für ausländische Fernsehkameras wird im Trainingscamp der Kampf gegen die bewaffneten Islamisten betont, „die Handabhacker“. Doch die Kommandanten lassen ihren tief sitzenden Hass auf die Tuareg spüren. Bei der Tochtermiliz Ganda Iso (Söhne der Erde) wird man gar Zeuge, wie ein cholerischer Ausbilder losschreit: „Wir werden alle Tuareg töten, bis auf den letzten Mann!“

In Sévaré leben schon seit Monaten keine Tuareg mehr; wer hellhäutig war und Tamashek sprach, war verdächtig; es gab Morde. Das ist die andere, die dunkle Seite im solidarischen Sévaré. Und nicht nur hier. In Europa, zumal in Frankreich genießen die säkularen Tuareg des Mouvement National de Libération de l’Azawad (MNLA) die Aura von Freiheitskämpfern, obwohl auch sie geplündert und vergewaltigt haben. Für die meisten Malier sind Islamisten und MNLA gleichermaßen Verbrecher und Banditen. In der Sprache der Bambara werden alle Mogo djugu (böse Menschen) genannt.

Westliche Interventions-Strategen möchten die Tuareg in den Kampf gegen Al-Qaida einbeziehen, weil sie die Sahara am besten kennen. Doch die öffentliche Meinung in Mali geht dagegen auf die Barrikaden. Selbst verhandeln möchten die Malier, vor allem mit der MNLA. Dies war das Ergebnis der einzigen Meinungsumfrage in Mali vor wenigen Wochen; es deckt sich mit dem, was man auf der Straße hört – und auch bei kritischen Intellektuellen. Sie glauben, der islamische Terrorismus werde vom Westen nur als Vorwand benutzt, um sich militärisch in der Sahara festzusetzen und die Hand auf die Ressourcen Nord-Malis zu legen, auf Uran, Öl, Seltene Erden. Und die Tuareg ließen sich dafür instrumentalisieren.

Manchmal stehen Malier in bunten Gewändern am Straßenrand und winken französischen Panzern zu, wie in einem Film aus vergangenen Zeiten. „Das Mali, das wir kannten, gibt es nicht mehr“, schreibt ein alter Mann, ein Intellektueller, „es ging aufrecht und mit Würde.“

Kommentare (4)

JR's China Blog 07.02.2013 | 17:48

„Das Mali, das wir kannten, gibt es nicht mehr“, schreibt ein alter Mann, ein Intellektueller, „es ging aufrecht und mit Würde.“

Vielleicht ist dieser Gedanke angesichts der jetzigen Not geschmacklos - und aus sicherer Entfernung lässt er sich ja auch leicht denken. Aber ich bin gespannt auf das neue Mali - vielleicht gibt es Dinge, die wir von ihm lernen können.Ich wünsche dem Land Erfolg, und Unabhängigkeit von aufoktroyierten Konzepten.

Costa Esmeralda 18.02.2013 | 17:05

@Charlotte, und auch

@JR:

Charlotte, Dank für Deinen Beitrag, den ich leider erst jetzt las. Es wäre wichtig, weitere Beiträge über die postkoloniale Entwicklung der Sahel-Länder zu bringen. Auch Informationen über die Tuareg seit den 60er Jahren sind notwendig. Wenn ich mich nicht gewaltig irre, ist ihr Unabhängigkeitsbestreben analog zu dem der Kurden zu sehen, die ebenfalls eine eigene Staatlichkeit anstreben.

Ein anderes Problem ist, wie auch im restlichen Schwarzafrika, das absolute Scheitern der westlichen Entwicklungspolitik seit den 60 Jahren. Auch Deutschland hat schwerwiegende Fehler in seiner Politik gegenüber Afrika begangen. Nicht nur das regierungsamtliche Deutschland, auch gutgemeinte Initiativen von Nichtregierungsorganisationen gingen oft ins Leere. Da wäre eine Aufarbeitung dringend angesagt. LG, CE