Andreas Busche
03.01.2013 | 15:36 10

Geld und Liebe

Kino Ulrich Seidl widmet sich im ersten Teil seiner „Paradies“-Trilogie der Liebe. Am Beispiel des Sextourismus’ weißer Frauen

Geld und Liebe

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Das Paradies muss schon die gesamte Menschheitsgeschichte lang als Leitmedium seelischer Heilsversprechen herhalten. Vorstellungen vom Paradies existieren praktischerweise in den unterschiedlichsten Nischenreligionen und Weltbildern, auch Politik und Werbung bedienen sich hier gern, wann immer ein Skeptizismus gegenüber den spirituellen (oder ökonomischen) Verhältnissen die Oberhand gewinnt.

Die Idee eines himmlischen Elysion als Entschädigung für eine irdische Existenz voller körperlicher Entsagungen und geistlicher Entbehrungen unterliegt keinem Zeitgeist, findet aber gerade in unseren spätbrutalistischen Gesellschaftsentwürfen wieder verstärkt Anklang. Von dem österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl (Models, Hundstage) ist nun wohl am allerwenigsten Trost zu erwarten, wenn er einen Film über seine Landsleute mit Paradies betitelt – wobei eine Aussicht auf Erlösung nicht erst seit dem Büßerdrama Jesus, du weißt (2003) in seinen Arbeiten anklingt.

Paradies: Liebe ist der erste Teil einer Trilogie, die sich den drei christlichen Tugenden widmet. Der Film feierte im vergangenen Jahr auf den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere, Paradies: Glaube wurde in Venedig mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und der Schlussakt, Paradies: Hoffnung wird nächsten Monat im Wettbewerb der Berlinale seine Uraufführung erleben. Ursprünglich hatte Seidl sein Paradies-Projekt als einen zusammenhängenden Film konzipiert, aber schon der erste Teil zeigt, dass es eine gute Idee war, den einzelnen Geschichten mehr Raum zu geben. (Außerdem ist es Seidl damit gelungen, seine Filme strategisch geschickt auf den drei großen A-Festivals zu platzieren.)

Paradies: Liebe beginnt ökonomisch. In wenigen Szenen werden die drei Protagonistinnen der Trilogie vorgestellt, bevor die Hauptfigur des ersten Films in den Mittelpunkt tritt. Die 50-jährige Wienerin Teresa arbeitet mit am Down-Syndrom erkrankten Jugendlichen und Erwachsenen. Anfangs sieht man ihre Pflegegruppe beim Autoscooterfahren, was ihr sichtlich Spaß bereitet. Es ist eine typische Seidl-Exposition, skurril und etwas irritierend, mit der zugleich das Revier markiert wird.

Gleich darauf kehrt Teresa nach Hause zurück, packt ihre Koffer und liefert ihre Teenager-Tochter bei der Schwester ab, einer streng gläubigen Katholikin. (Um Tochter und Schwester drehen sich die beiden anderen Filme der Trilogie.) Dort, wo es sie hinzieht, kann sie das Mädchen nicht gebrauchen, denn Teresa ist auf sexuelle Abenteuer in einem kenianischen Ferienressort aus.

Kolonialer Subtext

Seidls Paradies-Begriff ist also, wie nicht anders zu erwarten, in gleich doppelter Hinsicht ironisch gemeint. Nicht nur, dass Erlösung für seine Protagonisten per se in unerreichbarer Ferne liegt – die paradiesische Vorstellung zielt in Paradies: Liebe auch auf einen kolonialen Subtext ab, den Seidl schon in der Montage als harten Kontrast anlegt. Der Schnitt von der beschaulichen Reihenhaussiedlung der Schwester zum Urlaubsziel könnte nicht schärfer sein und weist doch eine perfide Kohärenz auf. In der nächsten Szene sind drei Hotel-Angestellte beim Reinigen des Pools zu sehen. Die Ausschlussmechanismen von trister Vorstadt und exotischem Urlaubsressort entspringen derselben Marktlogik. Seidls Kameramänner Wolfgang Thaler und Ed Lachman, die schon gemeinsam an Import/Export (2007) gearbeitet haben, fassen diese Einstellung in einer steifen, geometrischen Totalen, die den unfreien Charakter der Arbeit unterstreicht.

Seidl wird mehrmals auf diese strenge Form der Inszenierung zurückkommen, etwa wenn die kenianischen Beachboys am Strand der Hotelanlage vor einer Absperrung stehen und sich den Touristinnen in ihren Sonnenstühlen anbieten. Es sind offensichtliche und nicht einmal sonderlich originelle Bilder, mit denen Seidl Europa und Afrika ins rechte Verhältnis setzt. Dass er dennoch auf solche naheliegenden Stilmittel zurückgreift, hat einerseits mit der Ambivalenz zu tun, mit der man sich als weißer Mitteleuropäer in Ländern wie Kenia bewegt. Gleichzeitig sind die Regeln der Tauschgeschäfte schon so verinnerlicht, dass sie zu Ritualen des täglichen Umgangs werden.

Seidl selbst geht auf dieses Einverständnis kurz im Presseheft ein. In den Beziehungen zwischen Einheimischen und Touristen, erklärt er, gebe es keine Lügen in einem moralischen Sinn, nur stillschweigende Übereinkünfte. Anders gesagt: Die ökonomischen Verhältnisse sind so pervertiert (oder: liegen so offen zutage), dass moralische Kategorien nicht mehr greifen. Diesem Missverständnis ist Teresa aufgesessen, denn sie sucht im Urlaub etwas, das nach ihren westlichen Vorstellungen sehr wohl noch an moralische Werte gebunden ist: aufrichtige Liebe.

Dass echte Zärtlichkeit nicht ohne Gegenleistung zu haben ist, verstehen ihre neuen Freundinnen im Hotel, selbsternannte Sugarmamas, hingegen längst. Darum mangelt es ihnen auch an Schamgefühl, das Teresa noch befällt, wenn sie sich von den Beachboys berühren lässt. Für die offensichtliche Problematik des Sextourismus interessiert sich Seidl dabei nur am Rande, ihm geht es vor allem um den Kapitaltransfer zwischen Erster und Dritter Welt – und den Preis der Gefühle. Solange Teresa von einem Geschäft auf Augenhöhe überzeugt ist, befindet sie sich in einer schwachen Verhandlungsposition. Erst als sie erkennt, dass die Frauen bei diesem Tauschhandel am längeren Hebel sitzen, sie die Kräfteverhältnisse also akzeptiert, ist die Ordnung wiederhergestellt.

Keine Kompensation

Der strukturelle Rassismus, der auch die Gespräche der Frauen durchzieht, ist aber nur eine Seite der Geschichte. Die unerfüllten Begehren der Frauen implizieren eine Leere im Alltag, die in der Ferne wenigstens für einen Moment eine sich durchaus real anfühlende Entschädigung findet. Margarethe Tiesel verleiht diesen Sehnsüchten in der Rolle Teresas eine auch körperlich eindrucksvolle Gestalt, denn ihre Sexualität ist eben kein Ausdruck von Dominanz und Machtausübung, sondern Verletzlichkeit und Schwäche.

Seidl schafft immer wieder fast liebevolle Tableaus für die nicht normierten Frauenkörper mit ihren „Riesenärschen und Hängetitten“, wie sie selbst von sich sagen. Die europäischen Frauen liegen in der Sonne, Jäger und Beute gleichermaßen, und verdrängen, dass das falsche Paradies letztlich keine Kompensation für die Entbehrungen im Leben zuhause darstellt.

Kommentare (10)

feminismus 03.01.2013 | 22:20

"Die europäischen Frauen liegen in der Sonne, Jäger und Beute gleichermaßen, und verdrängen, dass das falsche Paradies letztlich keine Kompensation für die Entbehrungen im Leben zuhause darstellt."

 

So einen Satz über männliche Sextouristen.. im Spiegel, TAZ oder Freitag.

Wann?

Nie.

Ich wäre dafür westlich weiblichen Sextouristen bei ihrem Einsatz Blauhelme zu verpassen.

Übrigens: Daß die Hauptrolle ausgerechnet auch noch einen sozialen Beruf ausübt - da steckt mehr hinter  - wenn man/frau mutig denken mag....

Kleiner Tipp: In sozialen Berufen wird am meisten gemobbt.

Vaustein 04.01.2013 | 14:41

Anfang der 70er-Jahre lernten meine Frau und ich im Urlaub auf Gozo eine deutsche Reiseleiterin eines bekannten Unternehmens kennen. Sie erzählte uns u.a. etliche Stories über ihre Erlebnisse als Reiseleiterin in Tunesien und anderen Ländern des nördlichen Afrikas. Dabei erzählte sie, wie sie des öfteren "abhanden gekommene Frauen" suchen mußte und wo sie diese dann "auftrieb".

U.a. beschrieb sie dies dann etwa so: "Aus Zelten und Hütten ungewaschener, total verdreckter Kameltreiber, die noch nie in ihrem Leben eine Zahnbürste gesehen haben musste ich die rausholen".

Also ...so richtig neu sind Vorkommnisse dieser Art nicht.

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Ehemaliger Nutzer 05.01.2013 | 16:26

Sie haben Recht: liebevoll hat Ulrich Seidl die Menschen in diesem Film gezeigt, niemand wird denunziert. Ich habe mit Teresa gelitten, die etwas Falsches versucht um etwas Richtiges zu bekommen. Ein zutiefst menschlicher und trauriger Film, vielschichtig und tief. Hervorragende Schauspieler und eine großartige Regieleistung. Warum kommen so viele gute Autoren, so viele erstklassige Kabarettisten, so viele hochrangige Filmemacher aus dem kleinen Österreich? Ich wage einen Tipp: der Multikulturalismus der Habsburger Zeit. Das Land war lange ein melting pot.

voodoente 07.01.2013 | 16:32

Hier mal ein bisschen Off-Topic. Ich habe den Film nicht gesehen. Es geht, dem Lesen nach, ungefähr um "weisse Frau sucht Liebe und kauft jungen schwarzen Mann".

In wirklich sämtlichen Kritiken über diesen Film scheint der Punkt nicht zu sein "Weiss kauft Schwarz" oder "Frau kauft Mann" oder "Alt kauft Jung" oder "Liebe kann man nicht kaufen" sondern dem Bildmaterial nach "Übergewichtige weisse Frau kauft jungen schwarzen Mann und sieht dabei unästhetisch aus". Auch hier.

Was wäre denn gewesen, wenn die Theresa mit Lady Gaga besetzt worden wäre?

Kulturwissenschaft 15.01.2013 | 13:03

Eine "gewisse Leere" spüren gewiß auch die Herren, die sich kleine Thai- Mädchen kaufen- und sie werden auch körperlich sicherlich nicht die ansprechendsten sein...

Ich empfinde die Diskussion um den Film als sehr zwiespältig, es kommt mir ein wenig so vor als würden in einem pseudofeministischen Diskurs alte Rassismen wieder belebt werden (der ewig potente schwarze Mann -  In der Besprechung der Berliner Zeitung wurden die schwarzen Liebhaber sogar wieder mit "tänzelnden Affen" verglichen)