Teresa Bücker
01.03.2012 | 07:00 32

Mariannes Töchter

Can-Do-Girls Intelligente, attraktive Frauen erobern die Politik. Der Glamour gibt ihnen Macht. Trotzdem: Noch immer entscheiden andere, wer überhaupt Alphamädchen sein darf

In den öffentlichen Debatten wird jungen Frauen im Moment mit überraschend großer Faszination, mit Enthusiasmus, aber auch mit Besorgnis und Angst begegnet. Es herrscht lustvolle Aufregung. Die Frauen, so heißt es, sind „auf dem Sprung“.

Das Can-Do-Girl als attraktive Vorbotin der sozialen Transformation sei allgegenwärtig, schreibt die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie in ihrem Buch Top Girls – einer Studie über den Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Geschlechtergerechtigkeit ist nach McRobbie ein wichtiger Gradmesser für die Fortschrittlichkeit einer Gesellschaft geworden. Solange die aber nur schleppend vorankommt, erscheint es als eine notwendige Kompensation, zumindest die Inszenierung zu wagen: Man tut so, als hätten Frauen den Kampf um Gleichberechtigung längst gewonnen.


Eine Überraschung ist es daher nicht, dass insbesondere junge Frauen zu den neuen Ikonen politischer Bewegungen geworden sind. Camila Vallejo ist das Gesicht der chilenischen Studentenbewegung; die in der Ukraine geborene Jüdin Marina Weisband kann man hierzulande als die bekannteste Piratin bezeichnen, und auch Die Linke hat mit Sahra Wagenknecht eine neue Protagonistin gefunden.

Damit die Erzählung über moderne Revolutionen gelingt, ist es nur logisch, die Rolle von Jugend, Schönheit und Weiblichkeit stark herauszustellen. Denn diese Ästhetik bricht den Alltag der Macht auf: Über den bewussten Kontrast zum ergrauten Politikbetrieb provoziert sie Aufmerksamkeit und bedient den Markt mit sprachgewaltigen Bildern. Doch verfügt diese neue Ästhetik, diese Macht der Schönheit, auch über politische Relevanz?

Zuerst einmal offenbart sie eine doppelte Sehnsucht des Publikums: Die Revolution will Utopie. Und Revolutionärinnen können Anhänger für Ideen, die eher ein neues System als ein neues Gesetz erfordern, viel effektvoller mobilisieren. Berufspolitikerinnen und -politiker dagegen mussten diesen Mut längst gegen Tänze um den kleinsten gemeinsamen Nenner eintauschen. Die Forderung nach einem Mindestlohn von 8,50 Euro tritt keine politische Bewegung los.

Man mag dem entgegenhalten, dass radikale Ideen zunächst immer die Aufmerksamkeit eines Publikums wecken, das vom bestehenden System frustriert oder gelangweilt ist. Doch das Konzept einer liquiden Demokratie, wie sie von der Piratenpartei skizziert wurde, ist nur vordergründig utopisch. Wenn Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Piraten, öffentlich die Funktionsweise der Software Liquid Feedback erklärt und diese in der Praxis schon verwendet wird, ist die Idee bereits über die virtuelle Realität hinausgewachsen.

Weisband jedoch verkörpert etwas anderes: Längst wird die Abwesenheit alternativer Gesellschaftsentwürfe von vielen bedauert. Diesen Mangel jedoch selbstbewusst einzuklagen, verleiht jungen Menschen zunächst, unabhängig von ihrem Geschlecht, eine lautere Stimme. Aus der Faszination der Weiblichkeit erwächst ein unschätzbarer Vorteil: Frauen können die mediale Inszenierung ihrer Person bewusst vorantreiben, weil sie wissen, dass die Medien sie zum liebsten Gegenstand der Berichterstattung erwählt haben.


Die andere Sehnsucht ist die nach einer Pluralität jener, die sich öffentlich zu Wort melden. Im Privaten sind die Geschlechterrollen längst viel flexibler. Dass die politischen Abbildungen mit den Lebensrealitäten der Wählerinnen und Wähler nicht einmal mehr japsend Schritt halten, erzeugt ein Unbehagen, das sich längst nicht mehr auf feministische Kritiker und andere progressive Kreise beschränkt.

Das Patriarchat ist müde. Die fehlende Balance der Geschlechter in der Politik hat sich gerächt. Dort, wo Männer überproportional in öffentlichen Positionen agieren, scheitern sie ebenso oft. Der ausgeschiedene FDP-Generalsekretär Christian Lindner, der Raubkopierer Karl-Theodor zu Guttenberg und selbst der Schwiegersohn der Nation, Christian Wulff, haben sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch ihr professionelles Umfeld verunsichert und peinlich berührt.

Sie sind die Schmerzensmänner der Politik. Dem Boys-Club fehlen mehr denn je zeitgemäße Bilder von Männlichkeit, die sie gegenüber Politikerinnen konkurrenzfähig machen könnten. Der Hunger auf Frauen, das Verlangen nach ihrem Geist – und nicht nach ihrem Körper – erklärt nicht nur Angela Merkels ungebrochene Beliebtheit, sondern auch, warum das Scheitern von Margot Käßmann so schmerzte. Und warum die Rolle von Michelle Obama im zweiten Wahlkampf ihres Mannes noch einmal an Bedeutsamkeit gewinnt.

Frauen werden zu Popstars politischer Bewegungen ausgerufen. Doch das Prinzip „Sex sells“ greift für keine von ihnen: Camila Vallejo, Marina Weisband, Sahra Wagenknecht, die inhaftierte Ukrainerin Julija Timoschenko und ihre Tochter Jewgenija oder Lina Ben Mhenni, Bloggerin und Aktivistin aus Tunesien. Wirken diese Frauen nebeneinander aufgereiht im Scheinwerferlicht wirklich wie eine Girlsband?

Nein, im Gegenteil: Wenn normale, attraktive Frauen die politische Bühne betreten, gelten sie plötzlich als glamourös, als so hinreißend, dass man ihren männlichen Kollegen unterstellt, kaum noch einen klaren Gedanken fassen zu können. Das klingt absurd, aber so erscheint es einem tatsächlich, wenn man die journalistische Rezeption studiert. Die Medien legen trotz der Eloquenz und Scharfsinnigkeit dieser Frauen nahe, sie seien schöner als klug, ihr Privatleben von größerem Interesse als ihre politischen Ziele. Dieser Sexismus verdient harsche Kritik.

„Steinmeier brauchte damals dringend hübsche Bilder, wenigstens das“, so beschrieb der Spiegel die Ausgangsbedingungen für die Karriere der SPD-Politikerin Manuela Schwesig. Ihrem telegenen Gesicht habe die stellvertretende Parteivorsitzende ihren Erfolg maßgeblich zu verdanken.

Diese naiven Kommentare, die Attraktivität und Kompetenz nicht vorurteilsfrei zusammendenken können, lesen sich wie der Selbstschutz einer verletzten Männlichkeit, dem der zunehmende Einfluss kluger Frauen Angst bereitet. Die Frau als eine Form des politischen Wesens unvoreingenommen zu beschreiben, scheint utopisch.

Möglicherweise ist dies zu anspruchsvoll für eine Medienlandschaft im digitalen Wandel, deren Selbstvalidierung durch möglichst viele Klicks und Likes erfolgt und der die Ruhe für Analyse und Ernsthaftigkeit abhandenzukommen droht. Dass jedoch vor allem lebhafte, kompetente und anständige junge Frauen mit biederem Charme gefeiert und gefürchtet werden, zeigt, wie konservativ das Verständnis von jener Weiblichkeit ist, die man glaubt, in den Politikbetrieb integrieren zu können.

Politisch desinteressierte Jugend?

Der Celebrity-Status ist dabei vor allem eine Zuschreibung von außen. In den eigenen Reihen erhalten die Frauen Respekt und Unterstützung. Für die Vergänglichkeit produzierte Popsternchen sind sie dort nicht. Warum auch? Die Beschreibung einer politischen Bewegung als popkulturelles Phänomen ist durchaus richtig, ihre Inhalte damit zu marginalisieren funktioniert jedoch nicht.

Das Klischee einer konsumversessenen, politisch desinteressierten Jugend lässt sich mit Blick auf die blanken Zahlen derer, die an Demonstrationen teilnehmen, die sich online organisieren und wählen, nicht aufrechterhalten. Erst in der vergangenen Woche protestierten etwa 100.000 vornehmlich junge Menschen europaweit gegen das internationale Handelsabkommen ACTA. Den Zulauf erhielten die Demonstrationen jedoch nicht aufgrund von Personenkult. Für die digitale Gesellschaft wiegen Freiheitswerte weit schwerer. Eine bezaubernde Lichtgestalt in den Reihen der Regierungen wäre mitnichten in der Lage, diese wachsende Kluft visuell oder über das Image zu schließen.

Die 30-jährige Ägypterin Laila Solimann unterstrich, welche Bedeutung der Solidarität in den sozialen Bewegungen zufällt, als sie im Oktober vergangenen Jahres den Willy-Brandt-Preis für besonderen politischen Mut entgegennahm: „Was die ägyptische Revolution auszeichnet, ist, dass sie keine Führer oder Sprecher hatte, und somit behaupte ich jetzt keineswegs eine zu sein. Ich bin nur eine von 86 Millionen, eine Theatermacherin, und ich habe meine Zweifel im Rampenlicht zu stehen, aus Gründen, die nicht mit Kunst zu tun haben. Somit glaube ich eher, dass ich es dem Zufall verdanke, hier vor Ihnen zu stehen. Und vielleicht der Tatsache, dass ich Ihren Vorstellungen von einer Revolutionärin entspreche – jung, unverschleiert, gebildet, nicht religiös, kurz: Ich bin jemand, mit dem Sie sich identifizieren können.“

Soliman erkennt die Mode, sie für das individuelle Engagement einer einzelnen Frau auszuzeichnen und damit die zivile Bewegung einer Gemeinschaft nur unzureichend zu würdigen. Sie trifft jedoch noch einen weiteren Punkt: Sie ist eine erfolgreiche, schöne und westlich sozialisierte Frau. Die Sichtbarkeit einer Handvoll junger Revolutionärinnen bedeutet – trotz aller Schönheit dieses Phänomens – noch lange keinen emanzipatorischen Erfolg. Man darf kritisch fragen: Wer kann Alpha-Mädchen sein, darf es sein, soll es sein?

Ein Erfolg der jungen Revolutionärinnen wäre es daher, wenn auch die Bewegungen für Geschlechtergerechtigkeit sichtbarer werden und der Erfolg einzelner junger Frauen nicht darüber hinwegtäuscht, dass ein transnationaler Feminismus vor großen Aufgaben steht. Eine Interpretation von Schönheit, die sich aufzugreifen lohnt, liest man bei Eva Illouz: „Als kulturelle Kategorie unterscheidet sich ‚Sexyness‘ von Schönheit. Im 19. Jahrhundert galten Frauen aus der Mittelklasse als attraktiv aufgrund ihrer Schönheit und nicht aufgrund ihres Sex-Appeals. Schönheit verstand man als körperliche und geistige Eigenschaft.“

Wenn heute allein der Fakt, eine attraktive Frau zu sein, schon erotisches Kapital genug bergen soll, um der Gleichberechtigung gefährlich nahezukommen, was geschähe dann erst, wenn eine Masse von Frauen beginnen würde, ihr gesamtes weibliches Kapital – als Mensch, Intellektuelle, Aktivistin und Frau – auf die politische Bühne zu bringen?

Kommentare (32)

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hotel-ostoria 01.03.2012 | 10:21

Spieglein, Spieglein an der Wand...

Bürgerinnen und Bürger fühlen sich von einer Silvana Koch-Mehrin, Zensursula, Bettina Wulff ... naturgemäss nicht peinlich berührt?
Na, die "Social-Media-Managerin" der SPD muss es ja wissen.

Angesichts der Piratenpartei zu behaupten
"Dem Boys-Club fehlen mehr denn je zeitgemäße Bilder von Männlichkeit, die sie gegenüber Politikerinnen konkurrenzfähig machen könnten."
ist schon mal ein gewaltiger Treppenwitz bzw. berührt peinlich. Zumal Popstar Weisband von Strukturen profitiert, die erst jene Männlichkeit möglich machte.

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Ehemaliger Nutzer 01.03.2012 | 13:32

Die beiden „humoristischen“ Beiträge sind doch völlig daneben. Der Autorin geht es doch gerade nicht um „billige Reize“.

Dass man(n) ausgerechnet auf so etwas kommt, bestätigt doch nur, dass es hübsche, reizvolle Frauen oft schwer haben, ernst genommen zu werden.
Und zwar nicht, weil sie weniger drauf haben als Männer und weniger attraktive Frauen, sondern weil a) gleich die Fantasie mit den Männern durchgeht und b) sogleich auch das Vorurteil hochkommt, dass hübsche Frauen nicht gleichzeitig auch noch klug und kompetent sein könnten.

Insgesamt finde ich aber auch, dass die Autorin zu sehr auf den Schönheitsaspekt abhebt. Meint sie etwa umgekehrt, dass schöne Frauen automatisch die Schlaueren und Fähigeren sind?
Ich finde, man sollte auch bei Frauen, die sich in der Politik engagieren, möglichst kein Thema daraus machen, ob sie nun besonders hübsch und feminin wirken oder eben nicht. Bei männlichen Politikern spielt es schließlich doch auch keine Rolle, ob einer gut oder weniger attraktiv aussieht.

Celestine 01.03.2012 | 18:32

Im Gegenteil ist es eher ein Nachteil, als attraktive Frau in den sog. Männerberufen Erfolg zu haben, weil mit Schönheit sehr viele Vorurteile und Klischees einhergehen, wie z.B. eitel, denkt nur an sich bzw. an ihr Aussehen, nutzt ihr Aussehen aus, blond ist eh dämlich etc. etc. etc.

Je weniger man über das Thema redet, desto "normaler* ist es. Warum ausgerechnet die Frauen selbst das Bedürfnis haben, die Vorurteil-Themen immer wieder aufzugreifen, verstehe ich eh nicht. Man soll die Frauen machen lassen und über ihre *Arbeit* und über ihre *Leistung* reden. Wer das Aussehen zum Thema macht, bedient selber die alten Vorurteile, die offenbar immer noch nicht überwunden sind.

Meyko 01.03.2012 | 20:06

Da das Trio mit intelligent eingefädelter Situationskomik, mittels bühnengerecht vorgespielter Szenen und mit hintergründigem Wortwitz, das zwiespältige Verhältnis vieler Männer zu weiblichen Reizen humorvoll thematisiert, verwundert es mich schon, wenn es hier wiederum stumpf mit einem Erotikkatalog verlinkt wird. Finde ich jedenfalls schon bemerkenswert gewagt.

Wenn dann noch Beides als „humoristisch“ zusammengefasst wird, halte ich das allerdings auch für ziemlich daneben...

Simplify 01.03.2012 | 20:45

Dieser Artikel zeigt, dass der Femenismus in Deutschland ganz offensichtlich versagt hat. Er zeigt aber auch, dass es attraktive Frauen eben nicht leichter haben, weil sie permanent auf ihr Äußeres zurückverwiesen werden.

"weil mit Schönheit sehr viele Vorurteile und Klischees einhergehen, wie z.B. eitel, denkt nur an sich bzw. an ihr Aussehen, nutzt ihr Aussehen aus, blond ist eh dämlich etc. etc. etc. "

Absolut richtig.

Besonders schade finde ich diese ewige Thematisierung der Schönheit im Fall von Sahra Wagenknecht, weil sie nun wirklich eine Frau ist, die etwas zu sagen hat. - Es wird Zeit, dass man ihr auch zuhört.

thinktankgirl 01.03.2012 | 20:58


Simplify schrieb am 01.03.2012 um 19:45
Dieser Artikel zeigt, dass der Femenismus in Deutschland ganz offensichtlich versagt hat. Er zeigt aber auch, dass es attraktive Frauen eben nicht leichter haben, weil sie permanent auf ihr Äußeres zurückverwiesen werden.

Wahrscheinlich ist das die gefühlte 4. Welle des Feminismus oder gar Postfeminismus.
Der Göttin sei Dank, daß ich mir das gestern angesehen habe:

www.nzz.ch/nachrichten/web-tv/standpunkte?video=1.13287496

trufenga 01.03.2012 | 21:47

"Aus der Faszination der Weiblichkeit erwächst ein unschätzbarer Vorteil: Frauen können die mediale Inszenierung ihrer Person bewusst vorantreiben, weil sie wissen, dass die Medien sie zum liebsten Gegenstand der Berichterstattung erwählt haben."

ich könnt kotzen. auch wenn ich meine zu verstehen, was die autorin mit ihrem artikel erzählen will, sind hier mindestens rethorisch einige dinge schiefgelaufen. vom titel, bzw. der unterzeile "sie sind klug. und sie wissen, dass schönheit eine waffe ist" mal ganz abgesehen. vielleicht wäre der arbeit dieser frauen geholfen, wenn man mal einmal nicht ihr tun und ihr aussehen zusammenbringen würde, auch wenn die autorin anscheinend vorhatte, genau diesen zusammenhang zu dekonstruieren. ich kann es leider noch nicht genau fassen, aber mir stößt der artikel wirklich irgendwie auf.

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hotel-ostoria 01.03.2012 | 21:57

Simplify,
in dem Maße wie Frauen ihr Äußeres höchst aufwendig und zeitintensiv auf attraktiv - ich sag mal - modifizieren, vermitteln sie die Bedeutung der eigenen Äußerlichkeit. Sie könnten in Kenntnis dessen diebzgl abrüsten und auf Pumps, Lipgloss, Kajal und dergleichen mehr verzichten, tun sie aber nicht. Und das hat Gründe. Nicht umsonst hat Schwarzer nach fruchtlosen Appellen die Schminkerei schließlich zur zweckdienlichen "Kriegsbemalung" im Geschlechterkampf erklärt. Genützt hat auch das nix.
Germanys next Top Model ist der lebende Beweis feministischen Scheiterns.

Simplify 01.03.2012 | 22:38

@Hotel Ostoria

"Germanys next Top Model ist der lebende Beweis feministischen Scheiterns."

Da haben Sie vollkommen recht, vor allem ist diese Sendung gefährlich, weil sie jungen Mädchen suggeriert, in der Erfüllung eines Schönheitsideals läge einzig und allein das Seelenheil. Nur: Was hat Germanys Next Top Model mit Sahra Wagenknecht zu tun? Können Sie sich Sahra Wagenknecht in einer solchen Sendung vorstellen?

Das Problem ist doch, dass dort, wo attraktive Frauen zu Teilnehmerinnen eines politischen Diskurses werden, das Körperliche sogleich mit zum Thema gemacht wird. Dadurch wird der politische Diskurs gehemmt, weil er sich sozusagen erst am Körperlichen abarbeiten muss, in der Hoffnung ihn in den Diskurs zu integrieren. Der weibliche Körper hat im politischen Diskurs aber nichts zu suchen.

"in dem Maße wie Frauen ihr Äußeres höchst aufwendig und zeitintensiv auf attraktiv - ich sag mal - modifizieren, vermitteln sie die Bedeutung der eigenen Äußerlichkeit. Sie könnten in Kenntnis dessen diebzgl abrüsten und auf Pumps, Lipgloss, Kajal und dergleichen mehr verzichten, tun sie aber nicht."

Abgesehen davon, dass Sahra Wagenknecht (und ebenso Marina Weisband) sich eher dezent kleidet und schminkt, verstehe ich nicht, warum eine Frau auf ihre Weiblichkeit verzichten soll, nur damit diese nicht thematisiert wird. Ich finde das in der Tat absurd. Auch an dieser Stelle ist der Feminismus ganz eindeutig in der Steinzeit steckengeblieben.

"Kriegsbemalung"?! "Geschlechterkampf"?!

Das müssen wohl die Vokabeln aus jener Steinzeit sein...

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hotel-ostoria 01.03.2012 | 23:11

Simplify,
den Körper als quasi gegenstandslos zu erklären so wie Sie es tun, erscheint mir an dieser Stelle doch reichlich scheinheilig.
Sie selbst rücken die Schönung als im Wesen weiblich in den Vordergrund ja halten daran ohne jede Nennung von plausiblen Gründen fest. Mit welcher Begründung? Der Natur etwa?
Wenn Sie also Weiblichkeit mit Schminken pipapo gleichsetzen, bewegen Sie sich auf dem gleichen Niveau wie Heidi Klum. Eine Frau sollte mehr sein als auf attraktiv geglättete Fassade.

anouk bontemps 02.03.2012 | 01:20

Ich finde diesen Artikel traurig. Frau Weisband von der Piratenpartei hat doch auf ihrer Webseite sehr gut erklärt wie absurd sie es fand, von den Medien sexistischerweise dauernd auf ihr Aussehen und ihre Weiblichkeit reduziert zu werden. Sie hat kritisiert, dass sich die JournalistInnen (!) meist nicht für die politischen Inhalte interessiert haben über die sie ausführlich sprach, die aber dann in der Zeitung etc. kaum auftauchten.

Ähnlich macht es dieser Artikel mit viel Geschwafel um den Glamour der vermeintlichen Macht junger Frauen. Dabei werden Frauen durch das Herumreiten auf ihrem Aussehen nur abgewertet, denn man interessiert sich nicht dafür, was sie im Kopf haben, sondern welche Frisur sie auf dem Kopf haben. Die Botschaft der patriarchalischen Medien (wir haben nur 2 Prozent Chefredakteurinnen bei 350 Tageszeitungen!) lautet: Frauen sind nicht ernst zu nehmen. Die sind vielleicht hübsch anzuschauen, aber ansonsten ist doch egal, was die reden.

Man sollte darauf hören, was die Frauen inhaltlich politisch fordern, sich damit auseinander setzen und sie dadurch ernst nehmen. Bei keinem männlichen Politiker wird derart auf seinem Aussehen herumgeritten wie bei Frauen!

Simplify 02.03.2012 | 10:08

@HO

"den Körper als quasi gegenstandslos zu erklären so wie Sie es tun, erscheint mir an dieser Stelle doch reichlich scheinheilig."

Ich erkläre den weiblichen Körper nicht als gegenstandslos, ich finde er sollte nur nicht Gegenstand einer politischen Debatte sein.

"Sie selbst rücken die Schönung als im Wesen weiblich in den Vordergrund ja halten daran ohne jede Nennung von plausiblen Gründen fest. Mit welcher Begründung? Der Natur etwa?"

Ich rücke hier gar nichts in den Vordergrund. Allerdings hat die Frau nun mal einen Körper, wie weit soll denn die "Verhüllung" dieses Körpers Ihrer Meinung nach gehen? Eine Frau hat doch die Freiheit frei über ihren eigenen Körper zu verfügen und wenn es für diese Frau dazu gehört, sich zurechtzumachen, dann ist das so. Irgendwie muss man sich ja zu diesem Körper verhalten, negieren geht ja nicht (oder ist es das, was Sie vorschlagen?). Auch Frauen, die sich nicht schminken tun das ja. Im Übrigen: eine schöne Frau, bleibt auch ungeschminkt schön. Sie bleibt auch schön, wenn sie sich in einem Kartoffelsack kleidet. Ein schöner Mensch kommt aus der Schönheit nun mal nicht raus. Was also tun?
Sich tarnen?

Woher kommt bloß dieser Irrsinn, dass Emanzen nur dann echte Emanzen sind, wenn sie ihren Körper negieren?

Ich glaube junge, moderne Frauen wollen sich von niemanden mehr vorschreiben lassen, wie ihre Weiblichkeit jeweils definiert wird - weder von Männern noch von Feministinnen, sondern wollen ganz selbstverständlich Frau sein ohne dass man das ständig thematisieren muss.
- Oder haben Sie schon mal erlebt, dass in den Medien über das Aussehen von Gysi oder Lafontaine berichtet wurde?

Celestine 02.03.2012 | 13:35

Man kann tatsächlich Beides: etwas leisten, professionell arbeiten *und* gut aussehen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus. Warum sollte es?

Den Frauen vorschreiben zu wollen, ob sie sich schminken sollten, ist eine Bevormundung. All diese Dinge, die Sie ansprechen, wie Schminken, Pumps tragen etc. sind Nebensächlichkeiten, völlig irrelevant und oberflächlich. Diese Dinge zu benutzen/zu tragen gehört in die persönliche Freiheit der Frau. Sie ist ja kein Kind, das nicht selbst weiß, was ihm gefällt. Einem Kind können Sie das verbeiten, einer erwachsenen Frau nicht. Wer ist denn Frau Schwarzer, um diese Dinge, welche Spaß machen und die Welt schöner machen, anderen Frauen verbieten zu wollen?

Es sollte um die Leistung und um die Professionalität der Arbeit der Frauen gehen, um nichts Anderes. Darum, dass eine attraktive Frau durch ihre Leistung beurteilt wird und nicht durch ihre Optik.

Celestine 02.03.2012 | 14:56

@ HO
"Germanys next Top Model ist der lebende Beweis feministischen Scheiterns."

Die Forderung, dass Frauen die Männer imitieren sollten, d.h. ihre Weiblichkeit be-/verstecken sollten statt sie durch Verschönerung betonen zu dürfen, ist der lebende Beweis feministischen Scheiterns.

Dieser Anspruch konnotiert die Überzeugung von der Unterlegenheit der Weiblichkeit. Frauen haben dies inzwischen zum Glück durchschaut.

goedzak 02.03.2012 | 18:26

Eigentlich sind es ja drei Themen, die der Text hat: Jugendlichkeit und Politik / Weiblichkeit und Politik / Schönheit und Politik. Der rücksichtslos revolutionäre Attitüde, die die Jugend gegen den ‚evolutionären’ Politikbetrieb stellt, die weibliche Alternative zur patriarchalen Politik und dann eben ‚Schönheit’ als Ferment der Wirkung von Jugend und Weiblichkeit.

Mich macht die unterschiedslose Aufzählung der Namen ‚schöner Frauen’ in der Politik stutzig: Da steht eine Bettina Wulff neben Camila Vallejo, Julija Tymoschenko neben Sahra Wagenknecht. In einer solchen Aufzählung dürften dann aber auch unbedingt nicht fehlen z.B. Sarah Palin, Gabriele Pauli oder, aus der jüngeren Geschichte, Margret Thatcher und Evita Peron. Die Namen geben schon den Hinweis darauf, dass ‚Schönheit’ (was genau das auch immer sein mag) ganz verschieden ‚eingesetzt’ werden kann. Die Multimillionärin Tymoschenko mit ihrer Frisur gibt die (junge, schöne) National-Mutter, ähnliches gelang Evita Peron, wollte wohl Sahra Palin. Was hat das mit dem mutigen Einsatz einer Camila Vallejo zu tun?

Die einen sind so ‚schön’, wie sie halt sind, und ob sie dies 'als Waffe' einsetzen, ist nicht ausgemacht - die anderen nutzen diese ihre Schönheit symbolisch und/oder manipulativ. Und für das ganze Spiel braucht es die patriarchalischen Medienmultiplikatoren, sonst würde es ja nicht funktionieren. Die Schönheit ist also dann eine Maske.

Sonst im Leben aber gilt leider immer noch:“Schönheit kann ein Fluch sein, wie eine Entstellung.“ Sie zaubert deinen Mitmenschen Bilder in den Kopf, die mit deinem wahren ‚Ich’ nichts zu tun haben. Es heißt ja, schöne Menschen erreichen ihre Ziele leichter. Nun, es kommt auf die Ziele an.

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Ehemaliger Nutzer 03.03.2012 | 07:23

„Es heißt ja, schöne Menschen erreichen ihre Ziele leichter. Nun, es kommt auf die Ziele an.“

Zwei wichtige Sätze, die sich alle gut merken sollten, damit sich keine(r) so leicht von der Schönheit einer Politikerin blenden lässt.

Es ist mir unbegreiflich, warum ein solcher Artikel ausgerechnet in einem kritischen Wochenblatt erscheint, wo doch „Schönheit“ in unserer Gesellschaft sowieso schon eine völlig überbewertete Größe ist. Der hätte besser in die „Brigitte“ gepasst.

indyjane 03.03.2012 | 10:37

" Die Konstruktion erotisierter Körper war somit eine der eindrucksvollsten Leistungen der Konsumkultur des frühen 20. Jahrhunderts... Man könnte auch die These vertreten, dass sich ein Gutteil der Therapie-, Selbsthilfe- und Coachingkultur als Ansammlung von Kulturtechniken verstehen lässt, mit deren Hilfe in einem schwankungsanfälligen Markt der Möglichkeiten die Wahl überwacht und Entscheidungen getroffen werden sollen...Der soziale Wert einer Person ist nicht mehr die direkte Folge ihres wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Status, sondern muss aus ihrem Selbst geschöpft werden, das als einzigartige, private, persönliche und nichtinstitutionelle Größe definiert ist. Die erotisch/romantische Bindung muss zu einem Selbstwertgefühl verhelfen, und der moderne soziale Wert ist vor allem performativ, das heißt, er wird im Zug der und durch die eigenen Interaktionen mit anderen erlangt. Wenn der Liebhaber, "ehe er mit der Geliebten zusammentrifft, sich wegen seines Geruchs, seiner Kleidung, seiner Haare, seiner Pläne für den Abend und letzten Endes seiner Person überhaupt" sorgt, so deshalb, weil die Liebe in der Moderne entscheidend dafür geworden ist, den Wert einer Person zu konstituieren."
Eva Illouz: "Warum Liebe wehtut. Eine soziologische Erklärung."

Columbus 05.03.2012 | 01:38

Liebe Frau Bücker,

Tatsächlich ist "Geschlechtergerechtigkeit" ein zentraler Prüfstein für die Verwirklichung individueller und sozialer Freiheiten. Da kann es gar keine Frage geben.

Allerdings muss genau dann genau hingeschaut werden, welche Namen man unter dem Rubrum "Marianne" so zusammen puzzelt.

Mit phrygischer Kappe ist sie Revolutionärin, Jakobinerin und eine Verkörperung von Freiheit und Vernunft, mit Diadem oder Krönchen, eine Muse der Konterrevolution! - Was wissen Sie z.B. über die "Gasprinzessin" aus der Urkraine und ihre Tochter?

Aber, wie es eben Marianne und Michael gibt, das Mariannderl und auch ein Mariandl, die Goldmarie und die Pechmarie, kommt am Ende statt Revolution und Änderung, meinetwegen auch Fortschritt und Emanzipation, auch bei Frauen als Stars, Kulturträgerinnen, Eliten in der Politik und Wissenschaft, gemeinhin medial als Prominenz bezeichnet, nicht unbedingt mehr und Besseres, gar Klügeres, sondern eben oft nur das Gleiche noch einmal heraus (Margret F. (der weibliche Churchill, eine Meryl), Merkel (wie Schröder, nur artiger), Madonna (wie Michael J.) , Mylady Gaga ( wie Madonna und Michael J. zus.).

Interessant wäre z.B. die prognostische Frage, ob in einem utopischen Zukunftsstaat, in dem "Geschlechtergerechtigkeit" schon vollkommen herrschte, z.B. die Gefängnisse leerer oder gefüllter wären, z.B. bezüglich der Tötungsdelikte, oder ob Frauen nur des weißen Mannes Bürden hälftig teilen.

Etwas weiter gefasst also, ob die Geschlechergerechtigkeit etwas änderte an der grundsätzlich notwendigen, politischen Aufforderung die Verhältnisse zu ändern, die derzeit doch so vom Begriff der (ökonomischen) Alternativlosigkeit geprägt werden.
- Also, nicht nur die Chancen einzuräumen und zu erkämpfen, die gleichen Fehler wie die Männer zu machen, sondern vielleicht ein paar Fehler zu vermeiden! - Eine Gemeinschaftsaufgabe, trotz allem.

Das schafft man mit der flach gedachten, historisch falschen Bemerkungen einer Eva Illouz nicht auf dieser Welt. Denn ihr Hinweis stimmt weder, was die Rolle der Mittelklasse und dabei der Frau, noch, was die Dichtotomie der Begriffe angeht.

Um es ein wenig zu illustrieren: Tatsächlich glauben heute wieder viele Frauen, Stillen, Kinder zeugen und erziehen überhaupt und ein Teil der Männer (;-)), das ist jetzt nur ein halber Spaß meinerseits) könnten der Schönheit und der Sexiness gleichermaßen schaden. - Im 19. Jh. , es klingt so antik und war schon so vormodern, hielten sich die Frauen der schmalen Mittelklasse einen Kreis von Angestellten aus der Unterklasse, um schöngeistig und körperergesund durch Ehe und Familie zu kommen: Ammen, Gouvernanten, Tanten, Köchinnen, Zugehfrauen, Witwen, pp. - Auf diesem Wege ist Amerika schon wieder und weiter (ein großes Illouz-Thema) und auch bei uns erkennt man solche Refeudalisierungs- und Bourgoisie-Tendenzen.

Die Unterklasse, -zu der es auch ein männliches Pendant gab-, sollte nach Möglichkeit gar keine Familienbindung mehr kennen und keinen Nachwuchs haben, und daher unauffällig im Souterrain oder auf der Mansarde wohnen. Concierge oblige. - Leicht ist es, dafür erneut ganz moderne Nachfolgebeispiele zu bringen, die sich um ewige Abrufbereitschaft, Arbeit gegen Kost, Logis und Taschengeld, Teilzeit- und Prekärbeschäftigung, gerade im Bereich Kinder, Haushalt, Aufsicht und Erziehung, drehen.

Nun, es ist wahrscheinlich nicht einmal ein Fehler der klugen Professorin, sondern einfach nur das falsche Zitat (?) aus dem reichhaltigen Fundus einer starken Denkerin, die genau die Flachheit der medialen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, z.B. an Oprah Winfrey, -Was ist an der sozialkritisch und fortschrittlich? Was ist z. B. heute noch an Frau Schwarzer in diese Richtung gefragt ein Gewinn?-, aufdeckt, und auch die gnadenlosen Ökonomien entlarvt, die die Hirne von Männern und Frauen völlig gleichmäßig und scheinbar alternativlos verstopfen.

Die aufgeklärte Gesellschaft verwandelt sich, wenn da alles unkritisch in einen Topf geworfen wird, in eine ökonomisierte Sphäre, -besser Soße-, die, wie das Sugo beim Daueritaliener immmer gleich schmeckt, auch wenn dann viele weiblichen Protagonistinnen die großen Bühnen und die Center Courts bespielen. Das gilt es zu verhindern.

Liebe Grüße
Chrsitoph Leusch

B.V. 06.03.2012 | 17:07

Wie sagte mein Stammtaxifahrer Achmed (Diplom-Soziologe) neulich:
"Schönheit will auch irgendwann konsumiert werden, es genügt nicht ein schönes Stück Kuchen nur anzugucken. Das Versprechen allein funktioniert nur einen Augenblick. Wenn man dann nicht reinbeißen kann, verliert man das Interesse."
Hmmm, wieso mußte ich beim Artikel jetzt an Achmed denken?

B.V. 06.03.2012 | 17:09

"Der ausgeschiedene FDP-Generalsekretär Christian Lindner, der Raubkopierer Karl-Theodor zu Guttenberg und selbst der Schwiegersohn der Nation, Christian Wulff, haben sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch ihr professionelles Umfeld verunsichert und peinlich berührt."

Dabei haben die doch eigentlich tolle Frauen an ihrer Seite.
Was lief da schief?