Michael Angele
24.02.2012 | 11:10 5

Mitreden können in der Diez-Kracht-Debatte

Kulturkommentar Wie steht es eigentlich um die Diez-Kracht-Debatte, fragt man sich, gerade etwas abgelenkt durch die Gauck-Merkel-Debatte?

Nun, wenn ich richtig sehe, wird zunehmend beklagt, dass diese Debatte gar keine richtige sei, worüber aber auch so recht keine Debatte aufkommen will. Dennoch wird natürlich weiter gesprochen, und wer mitreden möchte, sollte vielleicht wissen:

1. Christian Krachts Roman Imperium ist der falsche Gegenstand (Freitagfazszweltwamsbams), um mal grund­sätzlich über rechte Gesinnung in der Literatur zu sprechen (was ganz gut wäre, taz). Der Roman ist ein gewaltiger Lesespaß, und wer ihn gelesen hat, sollte sein Gegenüber etwas spitz fragen: Schon gelesen? Die Chance auf ein Nein ist groß.

2. Die Debatte befeuert den Verkauf offenbar nur mäßig, in der Spiegel-Bestellerliste ist der Roman jedenfalls nicht. Falls das Gegenüber eine Frau ist, könnte die Antwort lauten: Sorry, hab’ kurz reingelesen, kann damit nichts anfangen. Betretendes Schweigen, dann weiter: 3. Kracht ist ein Thomas Mann of our time, der alles unter Ironieverdikt stellt und nicht anders kann (FAS). Also auch den Briefwechsel mit diesem komischen englischen Komponisten, wie heißt er gleich noch? Antwort: Scheint so, wobei dieser Komponist (ist das überhaupt einer?), schon nicht koscher ist. Stichwort: Una-Bomber, Aleister Crowley, für den doch schon David Bowie geschwärmt hat, wie der ja überhaupt mit dem Faschismus geflirtet hat.

4. Nun wirklich weg mit diesem Faschismusvorwurf. Céline, das war ein Faschist (taz). Aber vielleicht ist er es doch, im Sinne Sloterdijks, so Jakob Augstein (SpOn): „Der Faschismus ist ein Expressionismus, während der Humanismus im Grunde ein Erziehungs- und Optimierungsprojekt ist.“ 5. Wie ja die Sache schon einen etwas schalen Nachgeschmack hat. Warum schweigt Christian Kracht? Könnte ja mal was sagen! – Hat doch immer schon geschwiegen!!

6. Kluger Artikel in der SZ. Lothar Müller sagt, dass es natürlich richtig sei, Erzähler und Autor als verschiedene Instanzen zu betrachten (ein Erzähler kann rassistisch sein, während der Autor es nicht ist), dass es aber dort spannend werde, wo es Berührungen gibt. Frage: Könnte es sein, dass es bei Kracht gar keine Autoristanz mehr gibt, vielmehr hinter dem Erzähler immer nur ein weiterer ironischer Erzähler steckt? 7. Die Rolle von Spiegel und KiWi-Verlag muss kritisch hinterfragt werden! Wie kommt eigentlich Elfriede Jelinek auf diese vom Verlag lancierte Liste der Autoren, die Kracht und die Freiheit der Kunst verteidigen? 8. Sie hat doch auch Lars von Trier vom Frauenfeindschaftsverdacht reingewaschen.

9. Und warum verteidigt die Springer-Presse Kracht besonders eifrig? Weil eben alles eine Mischpoke ist, die kennen sich doch alle, da kann es doch keine rechten Debatten mehr geben. 10. Nehmen Sie den Zürcher Literaturstreit, da ging es noch ums Ganze. Moderne gegen Reaktionäre, hier der Germanist Emil Staiger, der sich empört, dass die Schriftsteller die „Kloake zum wahren Bild der Welt“ erklären, und fragt: „In welchen Kreisen verkehren Sie!“ Da Max Frisch, der von „Totalitarismus“ spricht. Ja, ja, aber haben Sie gewusst, dass Staiger den Stiller von Max Frisch gefeiert hat? Ging trotzdem. So einen Streit kriegen wir dennoch nicht wieder. Der wahre Grund: Die Literatur hat als Leitmedium ausgespielt, ist kein heißes Ding mehr.

11. Da könnten Sie recht haben.

12. Nein!

Kommentare (5)

Simplify 24.02.2012 | 21:50

@Michael Angele

Eins vorweg: ich habe das Buch von Kracht nicht gelesen, Kracht interessiert mich als Autor nicht.

Die "Werkimmanenz", zu dessen Repräsentant u.a. Emil Staiger zählt, und auf die Sie in Punkt sechs durchaus anspielen, wenn Sie für die strikte Trennung von Autor und Erzähler bei der Lektüre plädieren, stand im Nachkriegsdeutschland nicht umsonst in der Kritik, ging es doch darum, möglichst nicht an den Nationalsozialismus erinnert zu werden. Oder anders formuliert: die Werkimmanz bot die Möglichkeit sich geschichtsvergessen in den Elfenbeinturm der Verdrängung zu begeben.

"Nehmen Sie den Zürcher Literaturstreit, da ging es noch ums Ganze. Moderne gegen Reaktionäre, hier der Germanist Emil Staiger, der sich empört, dass die Schriftsteller die „Kloake zum wahren Bild der Welt“ erklären, und fragt: „In welchen Kreisen verkehren Sie!“ Da Max Frisch, der von „Totalitarismus“ spricht. Ja, ja, aber haben Sie gewusst, dass Staiger den Stiller von Max Frisch gefeiert hat? Ging trotzdem. So einen Streit kriegen wir dennoch nicht wieder."

Der Züricher Literaturstreit sollte also historisch als eine Auseinandersetzung zwischen Verdrängung und andrängender 68 Bewegung samt ihrer "litterature engagee" verstanden werden. - Interessant übrigens, dass bei "problematischen" Werkinhalten immer gerne auf eine Trennung zwischen Autor und Erzähler verwiesen wird und bei engegierten Inhalten auf die Biographie. -

Eigentlich wäre jetzt die Zeit für eine engagierte Literatur bei uns in Deutschland gekommen - allein es gibt keine.
Und weil es keine (politisch oder sozial) engagierte Literatur gibt, deshalb kann es auch keinen solchen Literaturstreit geben. - Vielleicht hängt das ja mit der Generation der Babyboomer (Schirrmacher) zusammen.

Avatar
helena-neumann 24.02.2012 | 22:25

@ simplify

Der Bruch mit den Alten hat Mitte der sechziger Jahren stattgefunden in Deutschland: Er ist geradezu auf den Tag datierbar, als nämlich der amerikanische Germanist Theodore Ziolkowski zusammen mit Adorno im Rahmen einer Radiosendung - es ging um den Mythos- eine Literaturdebatte lostrat von erdrutschartigem Ausmaß. Das alles ist fein dokumentiert und muss nicht nacherzählt werden. Die anschließenden Diskussionen, die Neubewertung der deutschen Klassik und das Revival um Hölderlin, die Neubeschäftigung mit den 48ziger Autoren Büchner, Heine und, und, und schließlich sogar der Streit um die Namensgebung der Düsseldorfer Universität, die sich dann doch Heinrich-Heine-Universität nennen durfte, um nur einige Aspekte hervorzuheben. Das alles sind legendäre Auseinandersetzungen, literaturwissenschaftlich längst verarbeitet. In engem Zusammenhang mit dieser Auseinandersetzung steht auch die Holocaustforschung um Walter Grab und Fritz Fischer, durch die komplett neue Impulse in die deutsche Zeitgeschichte kamen.
Sorry, Simplify, hier haben Sie sich komplett vergaloppiert!

André Rebentisch 25.02.2012 | 17:54

Diese Inszenierung mit Dietz ist ja nicht mal gut gemacht. Entweder ist der Kritiker vom Spiegel ganz doof oder die Inszenierung von Debatten war schon mal ein klein wenig besser.

Herr Angele, was haben Sie denn gegen Emil Staiger vorzubringen? Von seiner Rede 1966 gibt es eine Aufnahme:
static.nzz.ch/audio/emil_staiger.mp3
static.nzz.ch/download/pdf/Emil_Staiger_Rede.pdf
Es ist schon seltsam wie das schweizerische Gezänk von vorgestern an der gleichen Stelle weitergeführt wird, wo es schon einmal war. Es gibt einen Unterschied. Der Emil Staiger polemisiert in unterhaltsamer Weise, es geht um ästhetische Urteile, um die hochtrabenden Vorstellungen von der Dichterrolle und gesellschaftlicher Verantwortung der Zeit. Aus nachmoderner Sicht alles sehr faszinierend, ja rührig. Der Vorwurf des Reaktionären der damaligen Moderne ist hier Kinderkram und deckte eine sehr bezeichnende Empfindlichkeit der Zeit auf. Dazu kommt der ahnungsvolle Scherz des Unerschrockenen: "Die geizigen Herren werden geschmäht, die milden mit einem Lob bedacht, das die Jahrhunderte überstrahlt. Es gilt darum als gefährlich dem Mann der Feder seine Gunst zu versagen. Denn obgleich er ein armer Schlucker sein mag, er verfügt über die Gewalt des Worts, und niemand weiß, wie er sich ihrer bedienen wird." Ha! Wenn der gewusst hätte was das Name-Calling ihm und seinem Nachruhm einbringt...

Echte Antidemokraten klingen wie der Ramelow von der Linkspartei mit seiner "ist jemand, der" Rhetorik zu Joachim Gauck, sehr selbstentlarvend. Wie er da spricht von der "Allparteienkoalition mit ihrem unwürdigen Geschacher".
www.theeuropean.de/bodo-ramelow/10105-gauck-ist-nicht-als-bundespraesident-geeignet

Da ist das Gift im Herzen.

Avatar
helena-neumann 26.02.2012 | 22:33

@ Simplify

Ich meine ausgeführt zu haben, dass es in den 1960ziger Jahren eine Bewegung des politischen Engagements auch in Deutschland gegeben hat. Es wäre eben notwendig, anstatt zu deklamieren, zu analysieren, warum dieser Drive abgebrochen ist, liebe Simplify.
Auch wenn von Berkeley über Paris die Welle die BRD erfasste, so hatte diese Protestbewegung damals nicht die Wurzeln von „un homme engagé“ à La Sartre, Camus; Foucault, der eben ein sehr französisches Phänomen ist und sich u.a. aus der französischen Geschichte und einem ganz anderen Gang der französischen Philosophie erklären ließe.
Inzwischen ist dort ein „Citoyen sans frontières” à la Stephane Hessel auch ein rares Phänomen, was ja, neben seinem Alter (93plus), nicht zuletzt den Charme des Buches „Empört Euch“ des großen Humanisten und Rèstistance-Kämpfers ausmacht.
Die politische Diskussion in Frankreich, wie sie derzeit von Sarkozy und insbesondere von der Le Pen Tochter geführt wird, lassen nichts Gutes ahnen. Das hat Columbus in seinen letzten Bolgs zum französischen Wahlkampf doch sehr gut vor Augen geführt. Das führe ich nicht näher aus, da Sie es leicht nachlesen könnten.
„Die Deutschen“ stehen auch nicht in dieser liberalen Tradition, wie die Amerikaner mit ihrer ungebundenen Intellektualität (in der aktuellen Ausgabe ist Sennett solch ein Vertreter). Allein Jürgen Habermas, ein Solitär unter den Philosophen (80plus), verfügt über diese enorme, jenseits des akademischen Main-Streams verortete Kraft und den Mut, in die aktuelle Debatte einzugreifen, zuletzt wegen der Finanzkrise. Übrigens, Habermas, oft als der Philosoph de Bonner Republik gescholten, gehört neben Kant zu einer der meistzitierten Philosophen weltweit. Eine Generation jünger, ebenfalls in Frankfurt lehrend, ist Axel Honneth, der ebenfalls international zu meist diskutierten und wichtigsten Philosophen zählt. Dass er unengagiert einfach dem Weltgeist zusehe, davon kann keine Rede sein. Es reicht, dies einmal zur Kenntnis zu nehmen. Eine ganz andere Sache ist es, sein Werk zu diskutieren. An die Zeit-Rezeption des neuen Honneth Werkes „Das Recht der Freiheit“, das weltweit Beachtung findet, hat sich das deutsche Feuilleton nur „rangehängt“.
Liebe Simplify, die Engagierten, brauchen halt auch Öffentlichkeit, eben Rezensenten oder nur Leser/Innen.
www.telerama.fr/idees/stephane-hessel-un-homme-engage-j-ai-toujours-ete-du-cote-des-dissidents,29906.php
www.faz.net/aktuell/feuilleton/euro-krise-rettet-die-wuerde-der-demokratie-11517735.html
www.suhrkamp.de/buecher/zur_verfassung_europas_6214.html
www.zeit.de/2009/40/Sloterdijk-Blasen