Robert Stockhammer
09.01.2013 | 11:03 32

Popstar ist, wer in Berlin gelebt hat

David Bowie Zu seinem 66. Geburtstag hat David Bowie der Welt eine neue Single nebst Video geschenkt: "Where Are We Now?" Eine geschichtsphilosophische Deutung

Popstar ist, wer in Berlin gelebt hat

Bowie heute in jenem Berlin, in welchem er früher einmal war

Screenshot: davidbowie.com

Popmusiker, das galt einmal als selbstverständlich, hören jung auf. Als ich anfing, Popmusik zu hören, waren Velvet Underground und die Beatles schon getrennt, Jimi Hendrix tot, und bei Marc Bolan, wusste man, würde es auch nicht mehr lange dauern. Insofern war es keine große Überraschung, als David Bowie am 3. Juli 1973 im Hammersmith Odeon in London erklärte: „Not only is it the last show of our tour, but it’s the last show that we’ll ever do.“ Immerhin war er da schon 26.

Nachher hieß es, Bowie habe ja nur das Ende seiner Kunstfigur Ziggy Stardust angekündigt und werde unter anderen Namen weitermachen. (Ob er das gemeint hatte oder es sich nur nachträglich so interpretieren ließ, ist eine in der Bowieistik vieldiskutierte Frage). Jedenfalls begann 1973 sein Spätwerk – das dann wenig später, in den „Berliner Jahren“ seine Vollendung fand, mit Low als Streichquartett op. 130 und Heroes als Schlusssatz der 9. Symphonie: „Die Mauer im Rucken war kalt.“

Wie man ein Werk nach dem Spätwerk nennt, weiß ich nicht. Jedenfalls hat Bowie immer seltener angekündigt, er werde jetzt aufhören, und stattdessen vor zehn Jahren, im biblischen Alter von 56, aufgehört. Jetzt jedoch wurde, zum 66. Geburtstag, eine neue Single „Where Are We Now“ samt Video ins Netz gestellt, und damit sogar ein neues Album angekündigt. Diese Single vertritt die These: Popstars sind Menschen, die in Berlin gelebt haben. Und da David Bowie der größte Popstar aller Zeiten ist, hat er, obwohl nur für 18 Monate und noch dies mit Unterbrechungen, sozusagen am meisten in Berlin gelebt.

 

Diese These ist eine geschichtsphilosophische. Wenn es nämlich inzwischen zur Ausnahme geworden ist, jung zu sterben, und sogar ganz unüblich, als Überlebender einfach aufzuhören, heißt dies, dass Pop ein hochkompliziertes Verhältnis zur Geschichte entwickelt hat. Pop muss immer ganz im Jetzt sein, aber dieses Jetzt ist immer deutlicher als ein Jetzt der Erkennbarkeit von etwas Vergangenem zu erkennen. Die Frage „Wo sind wir jetzt?“ legt ja nahe, dass wir früher nicht da waren, wo wir jetzt sind, dass also die Frage, wo wir jetzt sind, sich in die Frage verstrickt, wo wir früher waren. Ganz zu schweigen von der Frage, wer „wir“ ist.

Das Video zum Song spielt mit der Frage, wo wir jetzt sind, indem es die Evokation des „Dschungel“, einem Club in der „Nurnberger Strasse“ (so wird sie in den lyrics, die das Video untertiteln, geschrieben), mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen unterlegt, die gerade nicht die Nürnberger Staße, sondern das Haus Hauptstraße 155 zeigen, in dem Bowie mit Iggy Pop legendärerweise gelebt hat. In Berlin jedoch haben nicht nur berühmte Diskotheken geschlossen. Wenn die erste Zeile des Songs vom „Potzdamer Platz“ berichtet, sieht man im z die verlotterte Brachfläche hinter der Staatsbibliothek, die diesen Namen stolzer trug, als es das gepflegte Sony-Daimler-Gebilde von heute tun könnte.

Es wurde einmal behauptet, dass mit dem Mauerfall die Geschichte geendet habe. Mit besserem Recht könnte man sagen, dass er ein Paradigma für eine passable Definition von Geschichte abgibt: Sogar dann, wenn man heute wo ist, wo man mal war, ist man nicht da, wo man mal war. Das ist, so melodisch-orchestral Bowie dies präsentiert, unheimlich. Die Bornholmer Brücke, über die „wir“ Wessis einst mit Tagesvisum in den Osten, eines Tages aber jubilierende Ossis in den Westen einreisten, wird im Song unter dem offiziellen Namen „Bösebrücke“ genannt, den nur die barmherzigen Untertitel zu „Bose Brucke“ entschärfen. Und der Refrain „just walking the dead“ spricht nicht schlicht von wandelnden Toten, wie sie aus Splatter-Movies oder aus Berichten über immer noch singende Popstars vertraut sind – er macht selbst erst die Toten zu wandelnden: auch eine Definition von Geschichte.

Kommentare (32)

Barbara Muerdter 09.01.2013 | 11:29

Trotz einiger interessanter Gedankenansätze frage ich mich, was der Artikel jetzt soll - einfach mal wieder was über Bowie schreiben, wo's gerade einen Anlass gibt? Kleiner Trost - der gestern ob der unerwarteten Veröffentlich noch schnell für den Guardian zusammengeschrieben war noch verschwurbelt-nichtssagender.

Außerdem hat mich das Berlin-Thema jetzt doch etwas überrascht bei Bowie, weil er eher von Fans und Journalisten immer wieder in die Richtung gedrängt wurde, und das selbst immer abgewiesen hat, weil für ihn das Kapitel abgeschlossen sei und er nicht an alte Plätze zurückwolle.

Eine nette Homage an Bowie gab es übrigens vor kurzem von Soulwax.

abghoul 09.01.2013 | 11:53

"Außerdem hat mich das Berlin-Thema jetzt doch etwas überrascht bei Bowie, weil er eher von Fans und Journalisten immer wieder in die Richtung gedrängt wurde, und das selbst immer abgewiesen hat, weil für ihn das Kapitel abgeschlossen sei und er nicht an alte Plätze zurückwolle."

Hah, das wird wohl das Thema des Liedchens sein! Um gar nix anderes gehts! Mag man als Journalist vielleicht nicht gern so hinschreiben versteht sich. Also gar nicht überraschend das Thema;)

Popkontext 09.01.2013 | 12:05

??? Sie haben mich da glaube ich falsch verstanden: Ich war beim Anschauen des Videos überrascht, dass Bowie doch nochmal das Berlin-Thema aufgreift, weil er das über die Jahre auf diverse Nachfragen eher zurückgewiesen und für sich als abgeschlossenes Kapitel bezeichnet hat.

 

Dass der Grund ist, dass Berlin gerade hip und schick ist ist übrigens auch sehr unwahrscheinlich, das passt überhaupt nicht zu Bowie und seiner Perspektive. Irgendweinen Grund wird es sicher haben - vielleicht nur Altersmilde: Give the people what they want. Oder er wird auf die alten Tage tatsächlich noch sentimental.

 

Popkontext 09.01.2013 | 12:30

Ja, das vermute ich am ehesten. Zumal das Cover des neuen Albums eine Abwandlung des Heroes Covers ist, dem einzigen "Berlin"-Album, das meines Wissens nach wirklich in Berlin, in den Hansastudios, aufgenommen wurde - zumindest zum Großteil. Dann muss er sich also sehr intensiv noch einmal mit seiner Berliner Zeit beschäftigt haben....und das finde ich schon merkwürdig, so als Comeback nach zehn Jahren.

Bowie ist ja ein pfiffiges und feinsinniges Kerlchen, da ist zu vermuten, dass da mehr dahinter steckt als oberflächliche Nostalgie. Andererseit ist er selber klug genug um zu wissen, dass seine wirkliche kulturelle Relevanz in den frühen 80ern augehört hat - er hat sich dahingehend auch in Interviews geäußert. Auch wenn dann später Sachen kamen, die musikalisch wieder besser waren als Tonight oder der absolute Tiefpunkt Never Let Me Down ist es tatsächlich das Spät-Spätwerk, wie der Autor obigen Textes so schön schrieb, was ihn nicht zurückgesetzt hat auf die musikalische Landkarte, eben nur noch als Superstar, der von seinem einstigen Ruhm zehrt.

 

Das wird er jetzt mit 66 auch kaum noch wieder schaffen - zumal der Song eigentlich grauenhaft ist und da Video auch eher amateurhaft - nix Ziggy Stardust oder Thin White Duke. Würde ich jetzt auch nicht von ihm erwarten oder verlangen. Aber die Frage steht schon: Warum doch wieder Berlin? Das werden sicher einige Bowielogen aber demnächst herausfinden, oder er sagt selbst nochmal was dazu.

Michael Angele 09.01.2013 | 12:36

@Muerdter

"frage ich mich, was der Artikel jetzt soll - einfach mal wieder was über Bowie schreiben, wo's gerade einen Anlass gibt?"

Kein Anlass? Hä? Vielleicht einfach kurz mal nachdenken, bevor man gefühlte fünf Sekunden nach Veröffentlichung des Artikels husch auf die Walze steigt, um die Sache dieses Konkurrenten-Popschreiberlings (keine Sorge: ist er nicht) plattzuwälzen. Danke

Popkontext 09.01.2013 | 12:48

Lieber Michael Angele - ich habe den  Text vor dem kommentieren gelesen (und fand ein paar interessante Gedankenansätze, aber keine richtige Aussage), Sie offenbar meinen Kommentar nicht, bevor Sie gleich explodiert sind.

 

Ich schrieb gerade "einen" Anlass, nicht "keinen". Das Problem was ich habe ist eher, dass sich jetzt alle was aus den Fingern saugen, aber nix halbes und nichts Ganzes dabei rauskommt, weil es gar nicht so viele Infos gibt bisher, und sich jetzt die Presse überschlägt. Ich will mich da gar nicht ausnehmen - ich habe meine Meldung, die ich gestern früh dazu schrieb auch zumindest in ein, zwei Sätzen auch nochmal korrigiert / ergänzt.

Michael Angele 09.01.2013 | 13:41

@Popkontext. Sie haben Recht. Da steht "ein Anlass". Sorry dafür.  Da war ich zu hektisch. Klüger wird die Aussage aber leider nicht. Wann sollte man denn dann schreiben? Man schreibt doch aus Anlass, oder? Im Journalismus wenigstens. Und im Prinzip bleibe ich bei meiner Kritik des Zu-Schnell-Plattwalzen (ist nicht nur ihre Unsitte). Damit werden sie einfach dem Text (und Bowies Intention, nochmal einen Berlin-Song vorgelegt zu haben) nicht gerecht, finde ich.

Popkontext 09.01.2013 | 15:14

Meine Kritik war auch, dass jetzt alle aus dieser Meldung, dass Bowie eine neue Single hat und nach zehn Jahren recht unerwartet doch wieder ein Album herausbringt, versuchen, einen längeren Text herauszuquetschen, der eben Nullinformation wie beim Guardian oder – wie hier – aus meiner Sicht nicht richtig durchdacht und Geschwurbel ist.

Ich finde diese nostalgischen Berlin-Song, wie er bei mir und auch bei anderen ankommt, im Bowie-Kontext sehr merkwürdig, wie ich schrieb, und mir ist unklar, worauf er hinaus will. Aber die These, dass er sich jetzt noch nachträglich im plötzlichen Sinneswandel als über-hipper Berliner andienen will finde ich eher unwahrscheinlich. Das hat er einerseits wohl kaum noch nötig – und zudem ist das hippe internationale Berlin in dem Sinne, dass man hier gelebt haben muss, um cool zu sein ist eher ein Phänomen der 90er (bis jetzt), auch wenn damals Bowie / Iggy Pop und Nick Cave sicher nicht die einzigen ausländischen Künstler in der Westberliner Szene waren (mal Wolfgang Müller oder Danielle De Picciotto, selbst New Yorkerin, vor dem Mauerfall gekommen, als Chronisten befragen).

Aber der Place To Be waren zu Bowies besten Zeiten London und New York, wo er ja auch – neben Los Angeles - war bzw. noch ist. Westberlin war ja (wie die Schweiz) eher eine Zwischenzuflucht, die sich nun mit drei seiner besten Alben verbindet, für die er damals ja schon die marode Hippness der Stadt als Image benutzt hat – weil eben nicht jeder hier war. Das er das jetzt für sein neues Album nochmal aufwärmt finde ich wie gesagt höchst erstaunlich.

Erich Landsberger 09.01.2013 | 17:05

Das Song & Video Ihnen "merkwürdig" vorkommen und sie nicht wissen, "worauf er hinaus will" liegt daran, dass sie weder richtig hingehört noch richtig zugesehn haben.

Wenn etwas NICHT das Thema des Videos ist, dann Berlin. Woher wissen Sie, dass es Bowies "Intention" war, einen "Berlin-Song" vorzulegen?

Mit dem Verweis auf "Geschichte" liegen sie schon etwas besser. Tatsächlich geht es um Zeit, die, wie Paul & Barry Ryan schon wußten, nur vor dem Teufel (NICHT Fritz Teufel) halt macht, um Vergänglichkeit: das Nahen des Todes.

Mit Nostalgie - und erst Recht mit BERLIN-Nostalgie - hat der Song nix zu tun. Auch geht es diesmal nicht darum, dass sich Bowie selbst als Popstar inszeniert, sondern er macht das Gegenteil: Er gesteht, das er "lost in time" ist, ein alter Mann, dessen Zeit (fast) abgelaufen ist.

Deshalb sind Song (weniger "melodisch-orchestral" als melancholisch)  und Video  so stark von dem Video zu Johnny Cashs Interpretation von "Hurt" beeinflusst.

Ausnahmsweise inszeniert sich Bowie diesmal nicht als Popstar, wie auch das (dämliche) Cover des Albums deutlich macht, sondern er unterwandert die im Musikgeschäft üblichen Inszenierungs- und Marketingsstrategien, was (natürlich) nix weiter als eine andere altbewährte Strategie ist (und einige blitzgescheite Popexperten haben ja bereits das "subversive" Potenzial das hier enthalten entdeckt).

Das einzig wirklich "revolutionäre" im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Bowies neuem Werk wird von Journalisten & Bloggern & und anderen interessierten Kreisen  (natürlich) verschwiegen (oder erst gar nicht erkannt): Es gab keine gezielt gestreuten Gerüchte im Vorfeld, keine aus dem Studio geklauten Harddisks, keine verlorenen USB-Sticks. Das Album wird auch nicht unter einer CC-Lizenz veröffentlicht (obwohl Bowie schon vor mehr als 10 Jahren verkündigte, dass es in 10 Jahren kein Copyright mehr gibt), ein kostenloser Download oder ein Pay-What-You-Want-Modell ist auch nicht vorgesehen. Nein, Bowie nutzt (genau wie Prince, der andere Musiker, der in Bezug auf neue Verwertungsmodelle seiner Zeit in den 1990er Jahren weit voraus war) wieder die Dienste eines Majorlabels.

Zusammengefasst lautet Bowies Vermächtnis: Popstars kommen und gehen, die Industrie bleibt bestehen.

Popkontext 09.01.2013 | 18:22

Sie beziehen sich auf verscheidene, sich widerprechende Aussagen von Kommentator/innen und Autor.  Aber trotzdem kurz dazu: Dass es erstaunlich ist, dass vorher nichts durchgesickert ist und offenbar nicht mal die großen Zeitungen bescheid wußten steht in ungefähr jedem zweiten Kommentar. Was ist daran erstaunlich, dass er wie Jahr und Tag auf einem Majorlabel veröffentlicht, solange das funktioniert? Dass er die anderen Entwicklungen auch bemerkt hat damit doch gar nichts zu tun, weil es für ihn ja nicht weiter relevant und er ist jemand, der Geld machen will, und zwar so viel wie möglich, daraus macht er doch seit Jahrzehnten kein Hehl; offenbar hat sich das auch nicht geändert.

Dass er sich nicht als Popstar inszeniert ist ja offensichtlich - die Puppenbilder sehen nicht nur technisch dilletantisch aus, sondern auch ausgesprochen unvorteilhaft - er erinnert mich an das Gollum.

 

Und ja, dass er auf das Thema Zeit in Bezug auf sein Leben und Werk bezieht ist auch offensichtlich, vor allem noch im Kontext mit dem Cover und der Erklärung des Grafikers dazu (oben verlinkt). Und er schaut auf seine Zeit in Berlin zurück, nicht auf irgendein Berlin - das ist ja über die gewählten Orte deutlich. Das tut man als alter Mann, dessen Zeit abgelaufen ist, richtig. Und irgendwelche Bowielogen haben rausgefunden, dass sich die Aufschrift auf dem T-Shirt auf seine erste große Liebe bezieht - also geht er noch mehr in seiner eigenen (privaten) Geschichte zurück.

Wer die Frau neben ihm ist, hat die Sun schon rausgefunden, welche Rolle sie spielt, ist sicher das, was die Produzenten / Bowie den Leuten als Rätsel aufgeben wollen, um von dem grauenhaften Song abzulenken. Ebenso die gesamte Intention des Ganzen. Als Resumée seines Schaffens erstmal nicht wirklich überzeugend, sondern merkwürdig...aber es wird offenbar gefressen und lenkt solche Leute wie mich, die mal große Fans waren und immer noch einen soft spot für ihn haben von wichtigeren Dingen ab ;)...

hunter 09.01.2013 | 20:32

Als alter Fan von Bowie hört (und liest) man einen solchen Song mit dem schmerzhaften Gefühl des peinlich Berührten, denn -einmal ganz ehrlich!- er ist wirklich GANZ SCHRECKLICH albern.

Als Deutscher hat man da noch den Nachteil, dass man die eingestreuten deutschen Worte im Text eben nicht irgendwie exotisch oder interessant finden kann und dadurch von der Trivialität des Ganzen abgelenkt wird...

Die Pop-Götter mögen mir den folgenden Satz verzeihen:

"Der Song kommt mir vor wie der eines alten, vertrottelten Meisters, den leider niemand davon abbringen konnte, soetwas in die Welt zu setzen."

(Kleiner Nachtrag:) In dem schrecklich verunglückten Nachfolger von Wenders "Der Himmel über Berlin" (ich verschweige den Titel bewusst, nachher kommt noch jemand auf die Idee, diesen ausgemachten Quatsch sehen zu wollen) sieht man Lou Reed sitzend an seiner E-Gitarre rumschrammeln und dazu nuscheln: "Berlin is nice, just like paradise" -

Ich weiß noch, dass ich das Kino mit schmerzverzerrtem Gesicht verließ.... (Wie man sich für seine Idole schämen kann...!)

wahr 10.01.2013 | 00:02

hat sich gut gehalten, der visconti. was macht eigentlich ken scott, der produzent von hunky dory, meiner liebsten bowie? ich forsche mal.

zum neuen bowie-song: hat mich berührt. gerade weil bowie sich im spiegel teigig gibt. beklemmende erinnerungen stecken da drin. man kennnt das selber auch, egal ob man 20 oder 90 ist, wenn man an einen ort zurückkehrt und sich der blick unweigerlich nach innen richtet. so steht bowie am ende in sich versunken da. auch helden für einen tag haben erinnerungen an ein ganzes leben.

Popkontext 10.01.2013 | 00:23

Musikalisch habe ich Bowie wie gesagt spätestens nach Let's Dance abgeschrieben und bin da auch gar nicht mehr offen. Unabhängig davon finde ich den Song extrem langweilig. Und Bowie war immer eine Kunstfigur - ich will ihn gar nicht als (vermeintlichen) Menschen sehen, und ich nehme ihm das irgendwie auch nicht ab, ich befürchte, da ist gar kein so echter "menschlicher" Kern, und wenn würde er mich nicht interessieren. Mir erscheint es eher wie Give the people what they want...ihr wollt Berlin, hier habt ihr es und noch ein paar Rätsel drumrum...

Visconti war echt noch fit - der macht Tai Chi oder sowas ähnliches beim gleichen Lehrer wie Lou Read.

wahr 10.01.2013 | 07:39

Musikalisch habe ich Bowie wie gesagt spätestens nach Let's Dance abgeschrieben

Ja, so geht es mir auch.

Und Bowie war immer eine Kunstfigur - ich will ihn gar nicht als (vermeintlichen) Menschen sehen, und ich nehme ihm das irgendwie auch nicht ab, ich befürchte, da ist gar kein so echter "menschlicher" Kern, und wenn würde er mich nicht interessieren.

Bei mir ist es genau anders rum. Mich interessiert an Bowie die Kunstfigur überhaupt nicht mehr. Ich hatte in den 00-Jahren auch das Gefühl, das Bowie sie selbst nicht mehr interessiert, er höchstens noch entspannt mit ihnen lebt. Das fand ich angenehm.

Mir erscheint es eher wie Give the people what they want...ihr wollt Berlin, hier habt ihr es und noch ein paar Rätsel drumrum...

Also ich würde ja gerne den Hunky-Dory-Bowie wieder haben. Mit Rick Wakeman am Klavier abzüglich irgendwelcher doofen Meta-Pop-Ebenen. Meinetwegen kann er darüber singen, was seine Kinder heute so machen oder über die Enten im Park. Ich will den cleveren Bowie nicht.

Popkontext 10.01.2013 | 18:08

Naja, clever war Bowie ja immer, extrem belesen und kultur- und kunstinteressiert. Das ist das, was ich an ihm interessant finde, bzw. fand, solange er noch für sich den Anspruch hatte, das auch in seiner eigenen Arbeit umzusetzen und nicht das Geldmachen im Vordergrund stand.

Er hat das ja selber offen erzählt, dass er sich, als sich der Drogennebel etwas lichtete Ende der 70er, Anfang der 80er, und er auch fast pleite war, entschlossen hat jetzt mal einfach richtig Geld zu verdienen und nicht nur künstlerisch angesehen zu sein. Leider klappt (bei ihm zumindest) beides nicht zusammen.

hinterwald 12.01.2013 | 21:39
in all den worthülsen vieler, die auch mal was dazu sagen müssen: du hast sehr schön erkannt und beschrieben, was sache ist. es gibt da dieses neue photo von ihm auf einem stuhl sitzend, hinter ihm ein bild von ihm selbst als junger mann und einem alten william s burroughs mit hut. jetzt hat er den hut auf ... und es gibt keinen, mit dem er sich abbilden lassen könnte. aber, daß bowie der größte rockstar ever ist, das hat der autor doch schön erkannt. für mich ist er es seit "the men who sold the world", dem - für mich - besten album neben "aladin sane/pin ups" doppelpack. die berlin trilogie, die hier so gerne abgefeiert wird, ist "nur" sein tribut an die musik, die "wir" deutschen nur zu gerne vergessen: neu! und can. obwohl: in die höhe, in die uns "tago mago" trägt, hat bowie es leider nie geschafft. den neuen song muss man übrigens mehr als nur einmal hören: ich war am anfang unendlich traurig, daß er nicht einfach schweigt - er ist ja auch einer der besten sänger der welt - und dann mit einer so brüchig anmutenden stimme daher kommt. beim x-ten hören habe ich dann verstanden, daß der erste eindruck täuscht und freue mich nun wie bolle auf das album. so schlimm wie "never let me down" kann's nicht werden. grüße