Andreas Busche
17.12.2012 | 13:41

Scott lässt Hirn regnen

Musik Tröstliche Worte für eine unversöhnliche Zeit: Scott Walker zeigt sich auch auf seinem neuen Album "Bish Bosch" experimentierfreudig und überhaupt gut drauf

Dieser Tage ist ein neues Scott-Walker-Album erschienen, und die erste Reaktion lautet unweigerlich: Was hat er sich nun wieder einfallen lassen? Auf The Drift verblüffte er zuletzt mit unorthodoxen Klangerzeugern. Die Vorbereitung der Aufnahmen, bei denen sein Perkussionist Alasdair Malloy unter anderem rhythmisch auf eine Schweinehälfte einschlug, sind der bizarre Höhepunkt der Dokumentation 30 Century Man. Walker trat hier nach einer langen Phase des Schweigens ungewohnt hemdsärmelig, die Baseballkappe tief in der Stirn, in Erscheinung. Ein bodenständiges Auftreten, irgendwie unziemlich für einen der größten Enigmatiker der Pop-Geschichte.

Knapp 50 Jahre ist der Mann mit dem unverkennbaren Bariton mittlerweile im Geschäft, damit begleitet Walker die Popmusik von ihren Anfängen an. Doch seit er sich immer weniger für das Songmaterial (Jacques Brel, Burt Bacharach) und verstärkt für die klangliche Substanz von Musik interessiert, hat die Karriere des ehemaligen Teen-Boppers nach dem offiziellen Ende der Walker Brothers 1978 eine erstaunliche Wendung genommen. Inzwischen erscheinen auch seine Solo-Alben wieder in immer kürzeren Abständen: Zwischen Climate of Hunter (1984) und Tilt (1995) lagen zwölf Jahre, den Nachfolger The Drift und sein neues Album Bish Bosch trennen gerade mal sechs.

Trotzdem sind Scott-Walker-Alben, gemessen an den Verwertungszyklen der Musikindustrie, etwa so selten wie ein Besuch des Kometen Halley – und sie werden von seinen Jüngern mit ähnlicher Andacht antizipiert: Jedes Album ist ein kleines Wunder. Auf Youtube kursierte ein Promoclip zu Bish Bosch, der die Aufmerksamkeit erneut auf den Produktionsprozess lenkt. Man sieht Walkers Musiker auf archaischen Blasinstrumenten spielen und modernstes digitales Gerät bedienen. Das Video zeigt ihn selbst in seiner neuen Lieblingsrolle als Arrangeur und Klangforscher. Eine andere Entwicklung, die sich im Grunde seit Tilt andeutet, nimmt auf Bish Bosch ebenfalls konkrete Formen an: Walker setzt seinen samtweichen Bariton nunmehr bevorzugt als Resonanzkörper ein, er moduliert häufig das Timbre seiner Stimme – während sich seine Texte zunehmend einem assoziationsreichen Mytho-Kryptizismus zuwenden, der gelegentlich auch den Kalauer nicht scheut. „If brains were rain, you’d surely be a desert“, singt er auf „SDSS 1416+13B (Zercon, a Flagpole Sitter)“, dem mit knapp 22 Minuten längsten Stück: eine Miniatur-Oper, die mit viel Verve und Pathos zwischen großen Gefühlen und kleinen Niederträchtigkeiten, ehrfürchtiger Stille und symphonischer Dissonanz changiert.

Auch sonst zeigt sich Walker gut drauf. „Tar“ eröffnet mit einem rasselnden Macheten-Solo, das zehnminütige „Corps Da Blah“ ist unterlegt mit Furzgeräuschen. In der Wahl der Mittel nimmt Walker keine Unterscheidung zwischen E und U vor, jeder Ton wird anhand seines Klangwerts beurteilt. Mit populären Kriterien ist diese Musik nur schwer zu fassen. Bish Bosch liefert zumindest ein Indiz, dass sich an den Rändern des Pop, wo die Harmonien opak und kaum mehr menschlich klingen, noch immer eine Schönheit im Zerfall beobachten lässt. Plötzlich schiebt sich aus der Kälte ein freundlicher Calypso-Rhythmus („Phrasing“) in den Vordergrund, und Walker intoniert mit sängerknabenhafter Kopfstimme, dass der Schmerz niemals allein sei. Tröstliche Worte für eine unversöhnliche Zeit.