Astrid Herbold
07.11.2012 | 15:04 1

Sozialer Wohnen

Architektur Vor 50 Jahren galt die Hochhaussiedlung Gropiusstadt als visionär. Heute spricht man von einem sozialen Brennpunkt – viele leben dennoch gerne dort. Vier Innenansichten

Sozialer Wohnen

Die Gropiusstadt: Als Ikone der Moderne geplant - und als sozialer Brennpunkt verschrien

Foto: Daniel Seiffert

Hans-Georg Miethke, 70, Rentner
seit 1969 in der Gropiusstadt

 

„Ihren Todesstoß hat die Gropiusstadt von Christiane F. bekommen. Die Beschreibungen der zerrütteten Familien und drogenabhängigen Jugendlichen wirken bis heute nach. Ich selbst habe das als junger Familienvater in den Siebzigern überhaupt nicht so wahrgenommen. Anfangs war es schon eine Betonwüste, es gab keine kulturellen Einrichtungen, nicht mal ein Café. Es hat uns trotzdem an nichts gefehlt. Zur Arbeit bin ich täglich in die Stadt gependelt. Dass die Staatsoper hier rausziehen würde, hätte ich nie erwartet. Auch die Nähe zur Mauer hat uns nicht gestört. Die Grenze war ja nur ein paar hundert Meter entfernt. Auf einem Patrouillenweg, einmal rund um Rudow, haben wir unseren Kinderwagen entlanggeschoben. Und nach 1989 haben wir die nahe gelegenen Brandenburger Dörfer zu Fuß erkundet.

Fotos: Daniel Seiffert

Die Bewohnerschaft hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. Ende der Sechziger war die Gropiusstadt weitgehend ausländerfreie Zone, heute leben viele türkische und russische Familien hier. Ein Miteinander gibt es kaum. Und ich bemerke von Seiten vieler deutscher Bewohner eine gewisse Ablehnung, man will mit den Anderen nichts zu tun haben. Ich habe mich in unserem Haus trotzdem immer bemüht, die neuen Mieter mit einzubeziehen, sie zu unseren Sommerfesten einzuladen. Aber es ist mir absolut nicht gelungen, da eine Brücke zu schlagen.

Für die Zukunft sehe ich noch viel Potenzial. Wir werden ganz sicher vom Flughafen profitieren, auch wenn keiner weiß, wann der eröffnet wird. In Groß-Ziethen wird als Ausgleichsfläche ein Landschaftspark angelegt. Was will man mehr? Ich sage immer: Irgendwann wird das hier noch die Kultgegend.“

 

Hussein Chawli, 16, Schüler
seit 2002 in der Gropiusstadt

 

„Von den obersten Balkonen des Ideal-Hochhauses in der Fritz-Erler-Allee hat man die schönste Aussicht über die Gropiusstadt. Wir nennen das Haus aber nur ‚das Todeshaus’. Denn früher haben sich dort oft Leute heruntergestürzt. Auf die Balkone kommt man ganz einfach, sie gehören zum Treppenhaus.

Geboren bin ich im Libanon. Als wir nach Deutschland kamen, haben wir erst mal eine Weile im Wedding gewohnt. Kurz vor meiner Einschulung sind wir hierher gezogen, in eine größere Wohnung. Damals war ich darüber ziemlich unglücklich, aber jetzt finde ich, dass die Gropiusstadt die schönste Gegend Berlins ist.

Auch für Jugendliche ist es gar nicht so langweilig, wie man denkt. Eigentlich fehlt nur ein kleines Internetcafé. Dafür haben wir Fußballplätze, einen Jugendclub und die Gropiuspassagen, da gehen wir oft hin. Direkt daneben ist außerdem ein schöner Spielplatz mit einer Wiese, da picknicken wir manchmal mit der ganzen Familie.

In meiner Klasse an der Walter-Gropius-Schule gibt es kein Mobbing zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Ich habe einen vietnamesischen Freund, einen aus Äthiopien, einen aus Nigeria. Überhaupt hat meine Schule einen guten Ruf, wenn man dort einen Abschluss macht, hat man gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Ich will aber lieber Abitur machen und studieren. Und am liebsten würde ich auch während des Studiums hier wohnen bleiben.“

Melanie Bauer, 31, Geografie-Studentin
seit 2003 in der Gropiusstadt

 

„Ich bin in Rudow aufgewachsen und zu Beginn des Studiums hierher gekommen. Zum Ausgehen sind Mitte oder Prenzlauer Berg natürlich aufregender, aber ich muss da nicht täglich mittendrin sein. Meine Freunde konnten das nicht verstehen. ´Wie kannst du bloß in die Gropiusstadt ziehen?´, fragten sie immer. Die Gegend hat eben doch einen Ruf. Großwohnsiedlungen sind mit bestimmten Vorstellungen verknüpft, zum Beispiel einer hohen Kriminalitätsrate. Aber wenn man sich die Statistik anguckt, dann stimmt das gar nicht. Gerade in der Gropiusstadt ist sie sogar ziemlich niedrig.

Die Architektur stört mich nicht. Meine Wohnung ist großzügig und perfekt geschnitten. Ich wohne im vierten Stock und habe einen wunderschönen Blick: Ich gucke auf ein Wäldchen, fast bis nach Brandenburg. Mit meinen Nachbarn habe ich allerdings wenig zu tun. Als ich eingezogen bin, war ich eine der Jüngsten im Haus. Ich glaube, dass die Leute hier schon sehr isoliert in ihren Wohnungen leben. Obwohl es viele Grünflächen gibt, sitzen draußen auf den Bänken selten Leute. Aber ich würde mich nun auch nicht zwischen die Häuser auf die grüne Wiese legen.“

Bianca Braun, 37, Erzieherin
seit 1998 in der Gropiusstadt

 

„Ich war schon als Kind oft in der Gropiusstadt zu Besuch, meine Großtante hat hier gewohnt. Später bin ich ganz bewusst hierher gezogen. Man kann die Kinder anders rennen lassen als in der Innenstadt. Dort gibt es überall so viel Verkehr, aggressive Fahrradfahrer, verdreckte Spielplätze. Hier ist es viel ruhiger und gepflegter. Man kann es gar nicht mit Nord-Neukölln vergleichen, wo ich arbeite. Viele sagen, sie würden nie in eine Hochhaussiedlung ziehen. Aber so anonym ist es gar nicht. Meine Tochter geht auf die Hugo-Heimann-Grundschule, nur 17 Kinder sind in ihrer Klasse. Ich kenne viele meiner Nachbarn. Auf der Straße grüßt man sich. Die Menschen gucken ein bisschen aufeinander, so etwas finde ich wichtig. Wenn ich abends alleine durch die Grünanlagen laufe, fühle ich mich überhaupt nicht unsicher.

Zurzeit werden die Häuser nach und nach saniert und die Fassaden neu gemacht. Das heißt natürlich auch, dass die Mieten immer teurer werden. Das macht mir Sorge. Aber solange ich es finanzieren kann, bleibe ich auf jeden Fall hier.“

Kommentare (1)

denkii 08.11.2012 | 13:41

Interessant, das zu lesen. Danke für den Beitrag.


Ich halte diese Siedlungen trotzdem für Wahnsinn, sie erscheinen mir als eine Ansammlung gewaltiger Wohnsilos ohne viel Kultur, Essen, Leben. Ein Stadtteil, der das Leben nur mit langen Wegen ermöglicht, also Auto oder Bahn. Das finde ich unattraktiv.

Wahrscheinlich bin ich aber auch schwer vorurteilsbehaftet, immerhin scheinen es ja einige Leute tatsächlich zu mögen!