Konrad Ege
22.01.2013 | 09:00 6

Um Gottes Willen!

1969 Bei der Amtsübernahme eines US-Präsidenten steht spirituelle Legitimation hoch im Kurs. Für Richard Nixon legte sich der Baptisten-Prediger Billy Graham mächtig ins Zeug

Um Gottes Willen!

Foto: Everett Collection/ CSU Archives/ dpa

Gebet und Segen gehören in den USA zu den Amtseinführungen der Präsidenten. Bei Barack Obamas zweiter Inauguration am 21. Januar spricht erstmals eine Frau das Eröffnungsgebet, die Bürgerrechtlerin Myrlie Evers-Williams, Witwe des 1963 von einem weißen Rassisten ermordeten Aktivisten Medgar Evers. Mehrheitlich beten in den USA bei Politik- und Patriotismus-Festivitäten weiße protestantische Geistliche. Rekordinhaber für die Sparte häufiges Beten ist Billy Graham, der heute 94-jährige Baptisten-Prediger, der in den USA wie kein anderer eine Art staatstragendes Christentum symbolisiert. Und nicht den Jesus, der die Pharisäer und die Liebe zum Geld attackiert hat.

„Du allein hast uns unseren Wohlstand gegeben, unsere Freiheit und unsere Macht. Der Glaube an Gott ist unser Erbe und unser Fundament!“ Diese Worte fielen in Washington bei der Amtseinführung von Richard Nixon, dem 37. US-Präsidenten, am 20. Januar 1969. Sie kamen von Nixons Freund Billy Graham, bekannt seit den vierziger Jahren wegen seiner Kreuzzüge in Sportstadien, bei denen sich jedes Mal Hunderte oder Tausende bekehren ließen. Kalt sei es gewesen, aber kein Regen, diktiert Nixons Stabschef Bob Haldeman nach der Amtseinführung für sein Tagebuch. Die Gäste hätten dicke Mäntel getragen, Ronald Reagan, Gouverneur von Kalifornien, zudem einen schicken weißen Schal.

Zurück zu Jesus Christus

Kalt oder nicht, Graham nimmt sich beim Gebet Zeit für eine „Mini-Amtseinführungsrede“, wie seinerzeit das Wochenmagazin Time witzelt. Durch Gottes Fügung werde Richard Nixon „uns in dieser bedeutsamen Stunde unserer Geschichte führen“, sagt er. Das sei gut so, denn die „Säulen der Moral und des Glaubens“ bröckelten, die USA hätten einen „Wirbelsturm der Kriminalität, der Spaltung und Rebellion“ geerntet. Man müsse zu Jesus Christus zurückkehren. Nixon tritt ans Mikrophon. Amtseid, patriotische Musik. Der Republikaner, als Vizepräsident in der Ära Eisenhower (1953 – 1961) eher außerhalb des Kreises der großen Entscheidungsträger, ist endlich angekommen. Er schlägt geradezu religiöse Töne an. Amerika stehe am Scheideweg. Die größte Ehre der Geschichte sei „der Titel Friedensbringer“. Amerika könne nun die Welt zum Frieden führen, „von dem die Menschheit seit Beginn der Zivilisation“ träume.

Das Gebet zur Amtseinführung ist seit den dreißiger Jahren Ritual. Die Politik sucht spirituelle Legitimation. Amerika sei ein von Gott auserwähltes Land, lehrt der Mythos, die leuchtende Stadt auf dem Berge, ein Vorbild für die ganze Welt. Barack Obama hatte 2009 den evangelikalen Megakirchen-Pastor Rick Warren und den Bürgerrechtsaktivisten Pastor Joseph Lowery, sein Vorgänger George W. Bush den Prediger Kirbyjon Caldwell und den anglikanischen Geistlichen Luis Leon. Billy Graham ist jedoch Erster unter Gleichen bei den Predigern. Der „Pastor der Präsidenten“ hat seit Harry Truman jeden Präsidenten persönlich gekannt und bei vier Amtseinführungen gebetet – bei Nixon 1969, bei George Bush senior 1989, bei Bill Clinton 1993 und 1997. Bei Ronald Reagan in den Jahren 1981 und 1985 und nach Nixons Wiederwahl 1973 predigte Graham bei Gottesdiensten nach der Amtseinführung. Dem jungen George W. Bush soll Graham geholfen haben, vom Alkohol wegzukommen. Das Phänomen Graham: Der Baptistenprediger mit der kraftvollen, dann wieder schmeichelnden Stimme hat wie kaum ein anderer die evangelikale Christenheit geprägt. (Evangelikale sind protestantische Christen, die an die Unfehlbarkeit der Bibel glauben und ihren Glauben verbreiten wollen durch „Evangelisieren“.) Insgesamt 200 Millionen Menschen weltweit haben Graham nach Schätzungen live predigen gehört, dazu Hunderte Millionen im Fernsehen, Rundfunk und Internet.

Grahams Botschaft hat sich nie groß verändert: Jeder Mensch sei ein Sünder, Jesus Christus für alle am Kreuz gestorben. Das Evangelium wird weitgehend reduziert auf die Einzelperson, die allein und für sich selber Seelenheil finden könne. Seit Jahrzehnten warnt Graham (s. sein Nixon-Gebet 1969), dass auf der Welt alles schlechter werde. Ein Zeichen, dass man sich dem Ende nähere und der Wiederkunft Jesu Christi. Politisch tendiert das in Richtung konservativ: Militant gegen den Kommunismus und gegen langhaarige Studenten, die Nixon zu schaffen machten. Aus diesem Gedankengut heraus entstand schon in den siebziger Jahren die mächtige „christliche Rechte“. Noch heute pilgern Politiker zu Grahams Altersruhesitz in den Bergen von North Carolina. Selbst Barack Obama trat 2008 die Reise an, die für ihn ein Gang nach Canossa gewesen sein muss. Vor der Präsidentenwahl 2012 pilgerte Obama nicht, doch der Republikaner und Mormone Mitt Romney wurde bei dem von Parkinson und altersbedingten Schwächen gezeichneten Prediger vorstellig. Auf Grahams Website verschwand daraufhin die Passage, das Mormonentum sei ein Kult. Grahams Segen gilt als eine Art Imprimatur – bei Befragungen, wen Amerikaner am meisten respektierten, liegt Graham seit Jahrzehnten unter den Top Ten. Der Geehrte lebt bescheiden, Finanz- oder Sexaffären hat es bei ihm nie gegeben.

Trotz Napalm und Agent Orange

Mit dem 1994 verstorbenen Richard Nixon verband Graham seit den fünfziger Jahren offenbar eine enge Freundschaft. Er habe Nixon für einen „moralischen Mann von spiritueller Sensibilität“ gehalten, schrieb Graham in seiner Autobiografie. Bereits 1964 will er dem Republikaner eine große Zukunft vorhergesagt haben. „Die Weltlage wird schlechter“, habe er seinem Freund Dick zugeflüstert, hielt Graham in diesem Buch fest. „Eine Zeit wird kommen, in der das amerikanische Volk sich dir zuwendet.“ Nachdem Nixon 1969 im Weißen Haus eingezogen war, ging auch Graham dort ein und aus. Doch was Stabschef Haldeman in seinem 1994 veröffentlichten Tagebuch schreibt, ist nicht immer schön für die sakrosankte Gestalt – Graham als Kritiker liberaler Prediger-Kollegen, Graham als Ja-Sager, als bei einem Meeting 1972 über das „entsetzliche Problem der totalen jüdischen Dominanz der Medien“ geklagt wird und so weiter. Nicht ganz klar, wer wen mehr benutzt hat: Nixon den Prediger. Oder der Prediger den Präsidenten, um seinen Einfluss auszubauen.

Doch Graham hielt zu Nixon, trotz Napalm und Agent Orange auf Südvietnam, trotz des Watergate-Skandals. Das sei für ihn ein Schock gewesen, besonders als die Tonbänder veröffentlicht wurden, auf denen der Präsident mit deftigen Worten über politische Gegner herziehe. Ende der siebziger Jahre bekannte Graham, „das Königreich Gottes mit der amerikanischen Lebensweise verwechselt“ zu haben. Vor ein paar Jahren nun sprach er in der New York Times über seine inzwischen gefundene Zurückhaltung. „Wenn ich über Politik rede, dann schaffe ich Zwist unter den Zuhörern“, erläuterte Graham. Er wolle deshalb nur noch „vom Evangelium sprechen“. Seine Aussagen gelten auch dem Schwinden der evangelikalen Christenheit.

Bei Nixons Amtseinführung 1969 klassifizierten sich noch zwei Drittel der Amerikaner als Protestanten. Heute sind es nur mehr gut 50 Prozent. Die am schnellsten wachsende „Glaubensgruppe“ sind Menschen, die keine feste Bindung zu einer Religionsgemeinschaft haben. Rund 16 Prozent der US-Bürger gehen auf Distanz zur organisierten Religion, besonders junge Menschen. Konservative Christen, heute der harte Kern der Republikanischen Partei, isolieren sich zusehends. Die Hälfte derer, die im November für den Republikaner Mitt Romney gestimmt haben, waren weiße Evangelikale, so das Public Religion Research Institute. Doch das reicht nicht mehr.

Die Prediger der Inaugurationsfeier beten heutzutage anders als Graham 1969: Mit Rücksicht auf Anders- und Nichtgläubige spricht man nicht mehr von Bekehrung zu Jesus Christus. Der angebetete Gott muss inklusiver sein, doch zuständig für Amerika. Richard Nixon wäre diesen Monat 100 Jahre alt geworden.

Kommentare (6)

tlacuache 22.01.2013 | 11:45

Sonst mecker ich ja immer bei Dir Konrad,

aber das ist ein 5***** "PLUS" Artikel.

Hinweisen moechte ich noch auf die CIA - Machenschaften durch "Bekehrer", die in ganz Mittelamerika indigene Völker spalteten (+spalten?), und das seid den 1940ern...

"Wo ein Bekehrer ist, ist ein OSS"...

Insbesondere sollte man noch mal die Reagan- Administration ins Fadenkreuz nehmen, wer die Geschichte der letzten haelfte des 20. Jahrhunderts kapieren will...

;-)

Daniel Meister 22.01.2013 | 17:12

Schöner Artikel.

Auch Anne Mohnen hat Recht, wenn sie von der Religion als "Privatsache" schreibt. Nur darf man aber auch nicht vergessen, dass es um ReligionsFREIHEIT geht und nicht nur um die Freiheit Atheist zu sein. Es geht um die Freiheit seine Religion zu zeigen, etwas für das man sich ja hierzulande fast schämt - außer man ist Moslem.

Bei aller Trennung von Kirche und Staat sind die USA dennoch "a nation in God". Letzteren finden sich nicht nur auf Geldscheinen, sondern bereits in der Unabhängigkeitserklärung,

tlacuache 23.01.2013 | 12:28

Danke fuer die vollmundigen Behauptungen, "Reagan war der beste"...

Er hat sogar die Russen totgerüstet, Glückwunsch.

Irangate war nur eine Schmalspurnummer, und was der Schahansel und seine Vorgänger (Guatemala etc. etc.) sonst noch in Lateinamerika angerichtet haben, erspare ich mir aus Zeitgründen...

Man muss solche Kommentare nicht ERNST nehmen...

..."1983 entstand die US- Stiftung National Endownment for Democracy (NED) auf der Basis von Gesetzen des US-Kongresses. Der Auftrag lautete, fortan in aller Welt "Demokratie zu fördern". Es war ein Projekt, das von der US-Regierung unter Ronald Reagan und seinen engsten Beratern gefördert wurde, unter ihnen Norman A. Bailey, damals Sonderbeauftragter des US-Präsidenten für Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit.

Der NED wurde erstmals in Nicaragua genutzt, um die sandinistische Regierung zu destabilisieren. Die dafür Verantwortlichen erreichten ihr Ziel nach sechs Jahren harter Arbeit, in deren Verlauf sie alle Bereiche der Zivilgesellschaft im sandinistischen Nicaragua unterwanderten, um Auseinandersetzungen anzuheizen und das Volk zu zermürben. Nach ihrem Erfolg in Nicaragua wurde der NED zur Hauptagentur für die Finanzierung und Beratung von Bewegungen der "Zivilgesellschaft", die vorteilhaft für die US-Interessen agieren. In Venezuela finanzierte das NED alle in den Staatsstreich gegen Präsident Chávez im April 2002 verwickelten Gruppen und hat seitdem weiterhin die politische Opposition gegen Chávez finanziert.

Wo auch immer eine Regierung nicht mit der Agenda der USA übereinstimmt, ist der NED zur Stelle und finanziert die Destabilisierung. Ecuador entkommt dieser traurigen Realität nicht.

 Denn auch in den jüngsten Putschversuch in Ecuador verwickelte Gruppen haben Verbindungen mit dem NED und der USAID. Aber vor allem ein Kontakt beweist die weitgreifende Operation, die Washington gegen die Regierung von Rafael Correa begonnen hat.

Am 12. Juli 2005 schickte der Chef der Strategischen Abteilung für Entwicklung der USAID in Ecuador eine E-Mail an die anderen Vertreter der USAID in Quito, in der er seine Besorgnis über den "chavistischen" Einfluss in Ecuador ausdrückte. Die Botschaft beinhaltete eine Reihe von Texten, die zunehmende Beziehung zwischen Venezuela, Kuba und Ecuador aufzeigen sollten.

Im gleichen Jahr noch wurde die Indigene Unternehmervereinigung von Ecuador (CEIE) gegründet, eine Organisation, die sich mit der "Förderung der lokalen und regionalen Wirtschaftsentwicklung in indigenen Siedlungen" beschäftigt. In Ecuador ist allgemein bekannt, dass die Stimmen der indigenen Völker von grundlegender Bedeutung sind, um regierungsfähig zu sein. Die Kandidaten, die die Unterstützung der indigenen Netzwerke und Bewegungen erlangen, sind normalerweise auch die Sieger der Wahlen. Und in Ecuador sollten im Folgejahr 2006 Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Die CEIE entstand mit Geldern des NED und der USAID. Gegründet wurde sie von Ángel Medina, Mariano Curicama, Lourdes Tibán, Fernando Navarro und Raúl Gangotena. Interessanterweise findet sich Norman Bailey, US-Geheimdienstagent und Experte in verdeckten Operationen, unter ihren drei Ehrenmitgliedern.

Bailey war Mitglied der US-Streitkräfte, in denen er sich auf strategische Aufklärung spezialisierte. Er war Ökonom des Erdölkonzerns Mobile International Oil. Während dieser Tätigkeit studierte und analysierte er die weltweite Erdölindustrie. Er gründete das Unternehmen Overseas Equity Inc., ein internationaler Finanzberater. Später schloss er sich dem Finanzunternehmen Bailey, Tondu, Warwick & Co. an, dessen Vorsitz er übernahm. Diese Firma befasste sich mit Schuldenzahlungen der Entwicklungsländer.

1981 wurde Bailey zum Sonderbeauftragten von US-Präsident Ronald Reagan für Angelegenheiten der Nationalen Sicherheit und zum Leiter für Internationale wirtschaftliche Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses ernannt. Ab 1984 war Bailey Berater verschiedener Regierungsagenturen, Konzerne, Banken, Finanzeinrichtungen und mulinationaler Unternehmen in fünf Kontinenten.

2006 beschloss der damalige US-amerikanische Director of National Intelligence (Koordinator aller 15 US-amerikanischen Nachrichtendienste, d. Red.), John Negroponte, die Sondermission der Geheimdienste für Venezuela und Kuba zu schaffen. Norman A. Bailey wurde ernannt, um diese Mission zu leiten.

Es war das erste Mal in der US-Geschichte, dass die Geheimdienste Sondermissionen auf hohem Niveau für bestimmte Länder schufen. Allein drei solche Missionen wurden 2006 gegründet: für Iran, Nordkorea und Venezuela/Kuba.

Mit einem Budget von vielen Millionen steigerte Bailey die Destabilisierungsoperationen gegen die Regierungen in Caracas und Havanna. Gleichzeitig wurde jede andere Regierung oder Bewegung in der Region, die sich mit Venezuela oder Kuba verbündete, Ziel der verdeckten Operationen Baileys.

Obwohl Bailey 2007 die Sondermission der Geheimdienste für Venezuela und Kuba verließ, blieb er "Ehrenmitglied" der CEIE in Ecuador. Bailey war und ist auch weiterhin "Berater" der US-Regierung in Geheimdienstfragen"...

Und so weiter und so fort, ich könnt' jetzt hier noch TONNEN an Material anschleppen, aber es vergeht die Lust einem Weltverbesserer zu belehren...

Ach so, wegen Vorgängern und so:

Hologuatemala und Allende (..."Der Putsch wurde von den USA politisch und finanziell unterstützt und war ein zentrales Ereignis im Kalten Krieg, mit ähnlich symbolhafter Bedeutung wie die Revolution in Kuba"...),  war da was?

Daniel Meister 23.01.2013 | 14:40

Ja und...was wollen Sie mir damit sagen?

Habe nichts auszusetzen an Ihrem Kursivtext. Finde ich im Großen und Ganzen OK.

Die Sowjets totgerüstet...hat doch prima geklappt, oder glauben Sie, ohne Druck hätte Gorbatschow Reformen eingeleitet. Da gab’s nix mehr! Ne Raumstation, aber keinen vernünftigen Mähdrescher...

Was Lateinamerika betrifft. Geht auch in Ordnung. War eben kalter Krieg, der Westen unterstützte die einen, der Osten die anderen und wirtschaftliche Interessen gehen auch in Ordnung. Wer will schon ein kommunistisches Lateinamerika?! Schauen Sie doch, was aus Kuba wurde!

Iran-Contra sehe ich in der Tat nur als kleinen Fleck auf der strahlenden Präsidentschaft.