Robert Seethaler
14.08.2013 | 06:00 4

Und, wie gefällt er Ihnen?

Geburt Die Mehrzahl der werdenden deutschen Väter ist dabei, wenn das Kind zur Welt kommt. Das hatte unser Autor auch vor, aber es kam dann alles doch anders als gedacht

Und, wie gefällt er Ihnen?

Fot: Mauro Fermariello / SPL / Agentur Fotos

Ein Mann sollte nicht bei der Geburt seines Kindes dabei sein. Ein Mann sollte unbedingt bei der Geburt seines Kindes dabei sein. Ein Mann hat Kraft. Ein Mann braucht Kraft. Ein Mann ist ein Mann ist ein Mann. Ich nehme ihre Hand. Sie fühlt sich warm und rau an. Es ist gut, sagt sie und versucht ein Lächeln, aber lass das jetzt. Sie stöhnt. Ihre Stirn glänzt und von ihrer linken Augenbraue löst sich ein einzelner Schweißtropfen. Sie blickt über mich hinweg, zur leise sirrenden Deckenleuchte hoch. Ihr Atem geht ruhig und gleichmäßig. Sie sieht schön aus. Diese Frau ist meine Frau. Dieses Kind wird unser Kind sein.

Wieder stöhnt sie. Diese Schmerzen sind nicht meine Schmerzen. Wollen Sie sich nicht setzen, fragt die Schwester, das kann hier noch eine ganze Weile dauern. Ich schüttle den Kopf und gehe zum Fenster. Unter einer Kastanie steht ein alter Mann und stochert mit seinem Gehstock in einem Blätterhaufen herum. Ein kleiner Junge rennt an ihm vorbei und lacht. Der Alte hört auf zu stochern und steht einfach nur da, mit gesenktem Kopf, eine Hand in der Manteltasche vergraben. Die Blätter über ihm bewegen sich im leichten Wind. Plötzlich geht alles schnell. Sie schreit auf, hell und durchdringend. Ihre Stimme klingt fremd, ich kann mich nicht erinnern, diese Stimme jemals gehört zu haben.

Oh Gott, oh Gott

Sie wirft ihren Kopf zurück und krampft ihre Finger in die Matratze. Der Arzt beugt sich tief zwischen ihre Beine. Er arbeitet mit beiden Händen. Seine Bewegungen sind ruhig, seine Schultern heben und senken sich in einem langsamen Rhythmus. Er hält inne, wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn und schüttelt den Kopf. Schnell jetzt, sagt er und die Schwester läuft aus dem Zimmer. Die Schultern des Arztes beginnen sich wieder zu bewegen. Du machst das gut, sagt die Hebamme, du machst das sehr gut, mach einfach immer weiter so. Oh Gott, stöhnt sie, oh Gott, oh Gott, oh Gott. Auf dem Fensterbrett liegt ein feiner Staubfilm. Draußen ist es heiß und in den Scheiben der vorbeifahrenden Autos blitzt das Sonnenlicht. Der alte Mann ist verschwunden, die Blätter liegen verstreut im Gras. Ich drehe mich um und berühre mit einem Finger ihr Bettlaken. Kann ich vielleicht, sage ich und weiß nicht weiter. Sie sieht mich nur an und schüttelt langsam den Kopf. Dann stöhnt sie wieder auf, es ist ein langgezogener, auf- und abschwellender Klageton. Meine Hand liegt auf dem Laken wie ein Stück Holz und ich ziehe sie zurück. Die Schwester kommt wieder. Ein weiterer Arzt ist bei ihr. Im Krankenhaus nennt man ihn „den Arm“. Er hat eine besondere Technik für schwierige Fälle. Eine Art Notfallgriff, um die Kinder ins Leben zu drücken. Er grüßt nicht. Er sagt nichts. Er lässt sich von der Schwester in die Handschuhe helfen und geht dann zum Bett.

Plötzlich ist es heiß im Zimmer. Die Hitze von draußen scheint wie ein Welle hereinzuschlagen. Die Ärzte arbeiten schweigend, Schulter an Schulter. Die Hebamme schüttelt ein Kissen auf und stopft es ihr hinter den Nacken. Sie streicht mit dem Daumen über ihre Wange und flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie berührt das Gesicht meiner Frau, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und wahrscheinlich ist es das auch. Ich stehe neben dem Bett und ich stehe viel zu weit weg. Es könnte sein, dass es jetzt etwas unangenehm wird, sagt der Arzt zu mir. Was heißt unangenehm, frage ich. Unangenehm heißt blutig, sagt er, aber sie müssen nicht unbedingt hierbleiben. Ich weiß, sage ich und suche ihren Blick. Sie sieht mich ruhig an, dann schließt sie die Augen und dreht den Kopf zur Seite.

Der Arm verlangt nach Wasser und einem Sauger. Schnell bitte, sagt er und krempelt sich die Ärmel hoch. Die Schwester packt mich an der Schulter und zieht mich aus dem Zimmer. Das hier war noch nie ein Ort für Männer, sagt sie, nur für Ärzte. Sie lacht und verschwindet wieder. Im Wartebereich sitzt ein Pärchen. Sie halten sich an den Händen und sehen mich kurz an. Dann senken sie ihre Köpfe und schauen stumm auf den Boden hinunter. Ich gehe auf die Toilette, lehne meine Stirn gegen die Fliesen und beginne zu weinen.

Diese Frau ist meine Frau

Das Glück und die Angst gehören zusammen. Sie sind ein Pärchen im Warteraum des Lebens. Ich reiße mich zusammen und wasche mir das Gesicht. Das Wasser ist eiskalt und prickelt auf der Haut. Ich blicke in den Spiegel und schäme mich, weil ich nicht bei ihr geblieben bin. Diese Frau ist meine Frau. Diese Scham ist meine Scham. Für einen kurzen Moment kann ich es nicht glauben, dass ich es bin, der mir da entgegenblickt und verlasse die Toilette.

Im Wartebereich ist das Pärchen verschwunden. Ich setze mich, höre die gedämpften Geräusche und die Schreie aus dem Zimmer und warte. Das hier ist ein Ort für Männer. Der Raum ist fensterlos und hell erleuchtet. Von der gegenüberliegenden Wand blättert der Lack, dahinter kommt die graue Mauer zum Vorschein. Auf einem Glastisch steht ein Blumentopf mit einer einzelnen gelben Blume und in einer Ecke blubbert leise der Wasserspender. Der alte Mann fällt mir wieder ein. Er stochert in einem Blätterhaufen nach den Jahren seines Lebens, während 50 Meter neben ihm ein Kind auf die Welt gedrückt wird.

Ich starre gegen den blätternden Lack und sehe ihr schmerzverzerrtes Gesicht. Ich will zu ihr. Ich stehe auf.

Die Luft ist stickig

Plötzlich wird es drinnen ruhig. Wenige Augenblicke später höre ich zum ersten Mal mein Kind schreien. Es ist ein Geräusch, kein menschlicher Ton. Ein Laut wie aus einer anderen Welt. Die Schwester öffnet die Tür. Erst jetzt sehe ich, wie klein und zart sie ist. Der Junge ist gesund, sagt sie, wollen sie ihn sehen?

Die Luft im Zimmer ist stickig. Die Ärzte stehen am Fenster und reden miteinander. Es geht um Schichtdienst und Kaffee. Der Arm lacht und legt seinem Kollegen die Hand auf die Schulter, er hat immer noch die Ärmel hochgekrempelt und trägt grüne Handschuhe. Das Bett sieht merkwürdig sauber und glatt aus. Ihr Kopf liegt leicht erhöht. Sie sieht mich an, lächelt aber nicht. Eine dünne Haarsträhne klebt an ihrer Wange und an ihrer Stirn zittert ein kleiner Sonnenfleck. Wo denn?, frage ich in den Raum hinein. Die Hebamme tritt an mich heran. Sie hält ein lindgrünes Kissen in den Armen, auf dem mein Sohn liegt. Können Sie ihn halten, oder kippen Sie uns auf die Fliesen?, fragt sie. Ich kann ihn halten, sage ich.

Das Kissen fühlt sich steif und kühl an. Er ist viel leichter als ich gedacht hatte. Sein Gesicht ist winzig, dunkelrot und an manchen Stellen blau angelaufen. An seiner Schläfe klebt eine gelbe Schliere. Sein Hinterkopf ist merkwürdig verformt und in die Länge gezogen. Seine Augen sind zwischen tiefen Falten versteckt. Seine Arme sind seitwärts weggestreckt. Alle paar Augenblicke erschauern sie, wie unter Krämpfen. Ich blicke zu ihr. Sie lächelt kurz, dann dreht sie den Kopf und sieht zum Fenster hinaus. Und, wie gefällt er Ihnen?, fragt die Hebamme. Schön, sage ich, er ist sehr schön.

 

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, ist Schriftsteller und Schauspieler. Für den preisgekrönten Film Die zweite Frau schrieb er das Drehbuch. Sein neuester Roman Der Trafikant erschien 2012. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin

Kommentare (4)

Rupert Rauch 19.08.2013 | 22:47

Ich finde die Geburt ist ein bisschen symbolisch aufgeblasen, ähnlich wie die Hochzeit.

Ich war trotzdem bei beiden Geburten dabei, die zum Glück wesentlich weniger dramatisch waren, als die im Artikel. Kein Blut, keine Spezialgriffe und keine Tränen. Beide Geburten mitten in der Nacht, ich war müde und aufgeregt. Ich hoffe meiner Frau ansatzweise geholfen zu haben, denn Krankenschwestern waren nur sporadisch da, irgendwie beunruhigend zu wissen, dass die Frauen in der Endphase der Wehen die meiste Zeit allein sind. Anderseits vermutlich seit Jahrzehnten eingespielt.

Von daher: lasst euch nicht entmutigen Männer, meist geht es wohl recht routiniert zu, einfach da sein, Händchen halten und die Langeweile vertreiben, bis es richtig los geht, mehr kann man(n) eh meist nicht tun. Wer kein Blut und Schleim sehen kann, kann sich idR so setzen, dass er es nicht sehen muss, alles kein Problem...

 

Gerd Schnepel 16.09.2013 | 05:14

In Managua, Nicaragua:

"Unsere" Ärztin: Da machen wir Kaiserschnitt, das ist sicherer. Quer? Okay, wenn Sie das so wünschen.

Klinikbesitzer: Nein, den großen Saal bekommen Sie nicht, Frau Doktor. Da mache ich heute eine Sc hönheitsoperation. Nehmen Sie mal den kleinen.

Chefarzt im Vorbeilaufen: Was ist das denn? Der Mann kommt da nicht mit rein!!!

Unsere Ärztin: Der ist selber Arzt! (War gelogen von ihr.)

Drinnen dann: meine Frau mit Wehen, leidend; Vorbereitung des Kaiserschnitts: Anästhesist und Helfen liegen auf dem Fussboden und reparieren den Apparat für diese Teilanästhesie des Unterleibes. Ein tritt der Kardiologe (Nicaraguas bedeutendster, 80 jahre alt), da meine Frau 10 Monate vorher eine Herzoperation hatte. Stolz stöpselt er sein US-made tragbares EKG-Messgerät in die nächstbeste Steckdose ... Ein leichter Knall und eine Rauchwolke: 220 Volt gegen 110 ... Also back to the estetoscopio ...

Dann geht es los, und ich sage die ganze Zeit kein Wort, um nicht mein Nichtarztsein zu verraten ... Die werdende Mutter halb weggetreten, ich sie beruhigend, die Operateure und -teusen schwatzen und schwatzen und schwatzen wie die Wasserfälle,  über Familie, Politik, Wochenende (es war Sonntag!), Chefs etc. Dann der große Moment, unsere doctora hebt unsere Tochter heraus ... und vor lauter Schwatzen und Unaufmerksamkeit entgleitet ihr das glitschige blau und gelb erscheinende Wesen wieder und fällt wieder rein in die Höhle, aus der es kam. Oops, sagt die doctora, fasst nach und lässt unsere Tochter zum zweiten Mal das Licht der Welt erblicken.

"Ah, señora, disculpe, aber ich habe den Kaiserschnitt doch senkrecht gemacht, ging schneller!"

22 Stunden später verlassen wir das Krankenhaus, meine Frau besteht drauf, "Auf eigenes Risiko!" sagt die Schwester. "Und die fehlenden Spritzen der nächsten Tage?" Sagt die andere Schwester höhnisch: "Die gibt ihr ihr Mann, der ist doch "selber Arzt"!" Ich lernte das noch am selben Tag und gab sie ihr tatsächlich. Wir verließen die Klinik, ich fuhr mit 5 km/h durch die Stadt, wegen der schmerzenden Wunde des Kaiserschnittes, zwischen uns ein Bündel mit Tochter, und wir hatten beide ein Gefühl wie "Was machen wir denn jetzt? Es ist plötzlich eine Person mehr da!"

4 Wochen später traf ich den Kardiologen auf der Straße: "Und Ihr EKG?" "Ah,", sagt er, "kein Problem, meine Sprechstundenhilfe hat es mit 'ner Sicherheitsnadel repariert, jetzt geht's wieder!"

Das war Nicaragua 1988. 5 Jahre später war es ganz ganz ganz anders: in der antroposophischen Filderklink in Bonlanden ... unser Sohn ...