Irene Meichsner
30.12.2012 | 09:00 1

Von innen warm

Psychologie Nostalgisches Denken hilft gegen Langeweile und Angst. Es fördert unser Verständnis für andere

Mehr Toleranz, weniger Leiden unter Einsamkeit und schön warme Füße: Geht man vom Stand der Wissenschaft aus, dann ist die nostalgische Rückschau ein wahres Lebenselixier. „Die Nostalgie hatte unter Psychologen und Psychiatern einen sehr schlechten Ruf”, weiß die US-Psychologin Krystine Batcho, die sich am Le Moyne College in Syracuse im US-Staat New York intensiv mit diesem Phänomen befasste. „Man hatte das Gefühl, die Menschen blieben, wenn sie nostalgisch sind, in der Vergangenheit gefangen.“ Doch die Zeiten ändern sich, und so ist heute selbst die Vergangenheit nicht mehr das, was sie einmal war.

Batcho entdeckte viele heilsame Effekte der Nostalgie. „Es ist so, als würde man in einen Rückspiegel gucken“, sagt die Forscherin. „Habe ich immer noch dieselben Werte und Prioritäten wie früher?“ In Zeiten des konstanten Wandels bewahrt und belebt Nostalgie ein Gefühl sozialer Verbundenheit. Und das sei immer noch besser als gar nichts: „Wenn Sie zu Weihnachten nicht zu Hause sein können, haben Sie wenigstens Ihre Träume.“

Forschergruppe Nostalgie

An der britischen Universität von Southampton hat sich unter Leitung von Tim Wildschut, einem geborenen Niederländer, eine weltweit vernetzte „Forschergruppe Nostalgie“ etabliert, die den nostalgischen Lebensvollzug mit wissenschaftlichen Methoden aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet. Die Studienmethode ist im Prinzip immer die gleiche: Testpersonen werden bestimmten Situationen ausgesetzt und gebeten, in dieser Umgebung nostalgische Erinnerungen heraufzubeschwören. Oder die Forscher messen umgekehrt die Wirkung von Nostalgie auf psychologische oder physiologische Parameter. Dass einem beim nostalgischen Innehalten buchstäblich warm ums Herz werden kann, zeigt eine aktuelle Studie, in der Teilnehmer, die in nostalgischen Erinnerungen schwelgten, die Temperatur im Raum deutlich höher einstuften als eine Kontrollgruppe. In einer kühleren Umgebung reagierten Probanden eher nostalgisch als in einem wohlig warmen oder überheizten Raum.

Bei Testpersonen, die dreißig Tage lang darauf achten sollten, wann sie nostalgische Gefühle beschlichen, kam dies an kälteren Tagen signifikant häufiger vor. Möglicherweise hätten sich die Leute durch nostalgische Gedanken von innen aufgewärmt, vermuten die Wissenschaftler. „Unsere Studie zeigt“, erklärte Wildschut, „dass die Nostalgie eine Simulation von zuvor als angenehm und erfreulich empfundenen Situationen ermöglicht, einschließlich von Zuständen des körperlichen Wohlbefindens“.

Nostalgie hilft gegen Langeweile, fördert das Verständnis für andere, besänftigt Ängste, erleichtert die Anpassung in einer fremden Umgebung, sorgt für Kontinuität im Lebensfaden. Einsame Menschen seien „besonders empfänglich für die Verlockungen der Nostalgie“, stellten die britischen Forscher fest, und das gelte nicht nur in Europa, sondern zum Beispiel auch in China, wo Kollegen mehrere Studien durchführten.

Nach einer Reihe von wissenschaftlichen Studien haben die Forscher sich darauf geeinigt, Nostalgie vornehmlich als eine „existenzielle Ressource“ zu betrachten. „Nostalgie entpuppt sich als eine fundamentale menschliche Stärke“, schreiben Wildschut und Kollegen: „Sie gehört zum Stoff, aus dem das Alltagsleben besteht und spielt eine vielfältige Rolle bei der Aufrechterhaltung von psychologischer Gelassenheit. Indem sie das tut, kann sie den Menschen helfen, erfolgreich durch die Wechselfälle des Lebens zu navigieren.“ Insofern: Auch wenn einen der nostalgische Moment mit Wehmut erfüllt: Nicht traurig sein!

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