Sandra Hofmeister
20.05.2009 | 16:58

Vorsprung durch Farbe

Ausstellung Mit dem Neubau für die Sammlung Brandhorst schürt München Hoffnungen auf eine weltstädtische Architektur. Zugleich zeigt das Haus die Probleme der Museumslandschaft

Architektonisch hat sich München in den letzten Jahrzehnten nicht gerade als Weltstadt erwiesen: Die Neue Pinakothek, 1981 eröffnet – eine neoromanische Trutzburg; das Kulturzentrum Gasteig – ein abweisender Koloss an der Isar; die Pinakothek der Moderne – gehüllt in staatstragendes Pathos. Die Liste der verpassten Chancen ist lang. Mit der Eröffnung des Museums Brandhorst kommt sie zu einem vorläufigen Ende.

Der bunte Keil des Museumsneubaus für die private Kunstsammlung der Stiftung Udo und Anette Brandhorst schiebt sich in die belebten Straßen der Maxvorstadt. Mit sicherer Hand haben die Berlin-Londoner Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton die Außenhülle des Gebäudes als abstraktes Bild konzipiert. 36.000 farbig glasierte Keramikstäbe sind vertikal vor die Fassade gesetzt und fügen sich je nach Betrachterstandort zu wechselnden, irisierenden Mustern. Eine fröhliche Geste für ein Haus, das der modernen Kunst von Kasimir Malewitsch bis Damien Hirst gewidmet ist. Im Norden hat der 100 Meter lange, schmale Neubau die Pinakothek der Moderne als nächsten Nachbar. Trotzdem haben die Architekten den Haupteingang in entgegengesetzter Richtung an der Theresienstraße platziert – nach Schwabing. Eine kritisierte, aber nachvollziehbare Entscheidung: Das Museum Brandhorst öffnet sich so zum urbanen Leben, zur Universität und den Galerien des Innenstadtquartiers.

So farbenfroh sich das Gebäude von außen präsentiert, so zurückhaltend bleibt es im Inneren. Der Kunstparcours beginnt nach dem Foyer an einer zentralen Schautreppe aus Eiche. Pop-Art und Videokunst sind im Untergeschoss, Baselitz im Erdgeschoss untergebracht; die Beletage im ersten Stock gilt Cy Twomblys Bildtafeln: der Lepanto-Zyklus in einem hohen, polygonalen Saal ausgestellt, dessen Maße an die Leinwandgrößen angepasst wurden.

An Höhe und Fläche unterschiedlich und mit versetzten Durchgängen fädeln sich die einzelnen Kabinette wie eine aus den Fugen geratene Enfilade aneinander. Architektonisch bemerkenswert ist das, was man nicht sieht: Das Museum ist als Niedrigenergiehaus konzipiert, die aufwendige Technik bleibt aber unsichtbar. Statt der Luft werden Wände und Böden über ein Schlauchsystem temperiert. Das Seitenlicht der Erdgeschossfenster wird über Prismen in den ersten Stock gelenkt und durch textilbespannte Lamellen an der Decke gefiltert.

Nach einer Übergangsphase möchte Museumsdirektor Armin Zweite auf den 3.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche wechselnde Hängungen etablieren, um den gesamten Bestand der Sammlung zu zeigen. Der Ankaufsetat der Stiftung liegt bei zwei Millionen Euro jährlich und ist damit um ein Vielfaches höher als der aller umliegenden staatlichen Pinakotheken zusammen. Sicherlich ein Grund, warum Bayern das Angebot, die private Sammlung unter der Bedingung eines eigenen Neubaus dauerhaft auszustellen, dankend angenommen hat.

München ist nun um ein erfrischendes öffentliches Gebäude und eine einzigartige Sammlung der Moderne reicher geworden. Die Probleme des Museumsareals, das nicht als Einheit, sondern als Konglomerat von einzelnen Einrichtungen erfahrbar ist, sind dagegen nicht gelöst.