Angelo D’Abundo
21.03.2013 | 11:30 6

Was hat er denn?

Alltagskommentar In der neuen Version des Computerspiels Sim City gibt es neuerdings auch Wutbürger. Deren Botschaften sind allerdings nicht immer ganz verständlich – wie im echten Leben

Was hat er denn?

Foto: Odd Andersen/ AFP/ Getty Images

Die Wutbürger gehören mittlerweile zur Institution unseres Landes. Nun hat ihnen sogar ein Computerspiel ein virtuelles Denkmal gesetzt. In der Neuauflage des Simulationsspiels Sim City, das eine Stadt samt ihrer Akteure nachahmt, stürmen unzufriedene Bürger regelmäßig auf die Straßen, sollten ihre Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Doch sind ihre Forderungen nicht immer einleuchtend. Das Spiel simuliert so gesehen das wahre Leben. Auch bei den realen Wutbürgern ist nicht immer klar, wofür sie eigentlich stehen. Die Aufmerksamkeit der Medien und Politik war ihnen stets sicher. Die politische Kultur der Bundesrepublik konnten die Protestler mit ihrer Entrüstung aber nicht verändern. Dafür bräuchte es konkrete Alternativen.

Seit zweieinhalb Jahren rätseln Medien und Politik nun schon: „Was hat er, was will er denn?“ Ein wachsender Teil der Bevölkerung trägt seine Empörung über vermeintlich falsche politische Entscheidungen immerhin lautstark auf die Straße. Eine Antwort bleibt aus. Zwar stellte eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung fest, dass es das Misstrauen gegenüber der Politik und ihren Vermittlern ist, was die (zumeist männlichen und hochgebildeten) Protestierenden antreibt. Offen bleibt, ob diese Gruppe eine konkrete demokratische Vision teilt, die über ein diffuses Mehr an Basisbeteiligung hinausgeht.

Volksvertreter und Medien sind nie so richtig warm geworden mit ihren frustrierten Mitbürgern. Das ist auch dem medialen Bild geschuldet, das von den Protestlern gezeichnet wird. Deren heftige Emotionen sind so gar nicht mit einem Politikbetrieb kompatibel, in dem verkopfte Experten für Ökonomie und Recht den Ton angeben. Allerdings ist es auch den zornigen Bürgern bislang nicht gelungen, sich ihren Vertretern und dem Rest der Bevölkerung zu erklären. Die Figur des Wutbürgers bildet trotz alldem längst eine feste Größe des politischen Betriebs. Schließlich passt der hochemotionale zornige Bürger gut zu der momentanen politischen Kultur, in der Debatten theatralisch inszeniert werden, ohne dass sie den Kern der Probleme wirklich berühren würden. Die Wutbürger lassen sich bei diesem Spiel für bestimmte politische Zwecke instrumentalisieren, haben aber selbst weder eine aktive Rolle noch eine Agenda. Sollte diese Bewegung jemals über reformatorisches Potenzial verfügt haben, ist dieses inzwischen erloschen. Wer den Gang der Dinge höchstens lähmen, nicht aber produktiv beeinflussen kann, von dem wird nicht mehr als ein Avatar in einem Computerspiel bleiben.

Kommentare (6)

rechercheuse 21.03.2013 | 11:58

Sollte diese Bewegung jemals über reformatorisches Potenzial verfügt haben, ist dieses inzwischen erloschen.

 

dies ist ihre persönliche sicht - ich sehe das anders: s21, guttenplag ... ich sehe eher eine lernfähige bewegung, die ihre zeit braucht bis sie gegen die teilweise verballhornung der medien ihre stimme besser durchsetzen kann und natürlich ihr reformerisches potential klarer formuliert und dies ist "ehrenamtlich" gegen einen gutbezahlten apparat nicht einfach ... ich glaube an die geduld und an zukünftige "erkenntnisse" immer breiterer massen, um aus den wutbürgern reformer werden zu lassen

Angelo D'Abundo 21.03.2013 | 12:20

Liebe Rechercheuse,

 

Ihre Argumente finde ich sehr interessant. Sicher, es ist möglich, dass auch die Wutbürger noch zu einer Reformidee finden, lernfähig sind. Nur sehe ich dafür bisher wenig Anhaltspunkte. Nicht zuletzt, weil es sich um eine schwer greifbare, über die Republik verstreute Menge von BürgerInnen handelt. Was meinen Sie dazu?

Würden Sie sagen, dass die Menschen hinter der Guttenplag-Plattform auch den 'Wutbürgern' zuzuordnen sind? Ich hielt dieses Projekt eher für ein Beispiel von Schwarmintelligenz, Transparenz und Kontrolle. Zumal es ja um eine Person und nicht um eine politische Entscheidung ging.

rechercheuse 21.03.2013 | 12:39

ja, wie sie selbst sagen: verstreut ... ich sage mal: konkret vor ort

 

und dann auch noch gegen konkrete personen/gesetze

 

nur mal ein beispiel: die montagsdemos finden zwar noch regelmässig, aber eher bedeutungslos statt ... das feld hat sich verlagert: alle 18 minuten eine klage bei sozialgerichten mit wohl 52% erfolg und lahmlegung und kostenanstieg für gerichte=staat + gerichtskosten für jobcenter + sensibilisierung für die gruppe der richter

 

die presse - besonders die ör-sender als hauptmultiplikator - verlieren bei diesem thema oft noch den letzten rest an seriosität und der absolute widerspruch zur "verkündeten" meinung liest man in den foren ... sind das alles "wutbürger" ?

 

ja, DIE reformerische bewegung ist zersplittert (teile und herrsche) und wie ich meine nicht so leicht - und wie konkret? zu vernetzen ... guttenplag war ein beispiel, wie akademiker dem plagiatsjäger ab einem bestimmten punkt durch einen offenen brief mit stimmgewicht folgten ... es werden neue wege erschlossen und gegangen werden, da bin ich optimistisch ... jenseits der grossen alleen

Mike K 21.03.2013 | 14:16

Wieder mal ein Artikel der entzündete Menschen diskreditiert.
Es gibt nicht DEN Wutbürger, - es gibt zahlreiche Probleme in unserer Gesellschaft und die berühren unterschieliche Menschen unterscheidlich stark. Somit setzen sich diese auch in vielen Bereichen ein, die scheinbar nicht miteinander zu tun haben.

"Offen bleibt, ob diese Gruppe eine konkrete demokratische Vision teilt, die über ein diffuses Mehr an Basisbeteiligung hinausgeht."

Was ist an dieser Forderung diffus? Die Menschen spüren die Ohnmacht gegenüber dem politischen System,. Und auch wenn sie sich nicht sicher sind, wie genau am Ende die Lösungen aussehen müssen, so erkennen doch immer mehr, dass wir mehr Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten brauchen um die Möglichkeiten überhaupt vernünftig diskutieren zu können!

Der Zusammenhang zwischen den verschiedensten neuen Plattformen und Projekten (Wikis wie Gutenplag, Aktionen wir Occkupy, Seiten wie Crowdsourcing, OpenStreetMap, Foodsharing, Couchsirfing...), die die"diffuse" Idee eint, dass wir eine Wende im Denken brauchen, und die Ellebogengesellschaft beendet werden muss ist offensichtlich!

Tollschock 21.03.2013 | 17:33

Ist schon wieder Wahl?

Wie schon zuvor beschrieben gibt es nicht den Wutbürger und eine politische Richtung wohnt dem auch nicht inne. Was aber allen gemein ist, ist die Tatsache das es sehr viele Dinge gibt die überhaupt nicht mehr reflektiert werden. Das "Wir" ist in der Politik abhanden gekommen und der Parteiproporz hat das "Wir" ersetzt. Der Bürger fühlt sich unverstanden, nicht abgeholt. Wohlwissend der technischen Möglichkeiten gäbe es ja sehr wohl Wege der direkteren Demokratie. Problem ist allerdings das es auch dann immer noch Wutbürger gibt. Denn wir haben Wahlbeteiligungen um die 50%. Das ist eigentl. schon ein Anlass das politische Wesen der BRD zu überdenken und wirklich mal gemeinsam ein Referendum zu starten das wirklich von ganz unten nach ganz oben reicht. Nur ist damit zu rechnen das die heutigen Machtpole unserer sagen wir mal 5 Parteien sich dann eventuell stark verschieben. 

Die Menschen zählen, nicht die Märkte!

Das erste was wirklich mal überdacht werden muß ist die wirtschafthörigkeit bei 90% der politischen Kräfte. Wirtschaft ist wichtig aber Wirtschaft braucht auch Menschen. Am besten auch noch intelligente. Denn ohne bildungsoffensive Maßnahmen laufen wir immer mehr Gefahr beliebig zu werden.

Apropos Beliebigkeit. Der politischen "Elite" ist es, ausser kurz vor Wahlen, doch mittlerweile völlig egal was Menschen denken. Alles andere was so kommt ist geheuchelt und wird nichtssagend. Schon die Haltung der meisten und wenn man dabei dann auch noch die Mikrobewegungen der Augen analysiert zeigt was Standard ist.

Gut von Strategen in Szene gesetzter Bullshit auf allen Kanälen. Da frag ich mich ab wann darf ich zurückfeuern? 

Warmduscher 22.03.2013 | 08:36

"Offen bleibt, ob diese Gruppe eine konkrete demokratische Vision teilt, die über ein diffuses Mehr an Basisbeteiligung hinausgeht."

 

Ich find' diese Forderung völlig gerechtfertigt.

 

Der Artikel übersieht völlig die Ursache und wun dert sich, dass er die Wirkung nicht begreift.

 

Die politische Kaste ist völlig außer Rand und Band. Wenn die Lobbyisten sie dann mal wieder zu einem Irrsinnsprojekt angestiftet haben protestieren die Bürger an einem Ort der ihnen angemessen scheint. Also zB dort wo das Projekt seine Wirkung entfaltet, am Firmensitz der Profiteure oder am Reichtag oder so auch immer.

 

Der Artikel behauptet nun, es gäbe keine klare Forderung und es handle sich nur um über die Republik verstreute Schreihälse. Und das nur, weil der spezifische Anlass die Kritik vorzutragen sich von Fall zu Fall unterscheidet.

 

Ok, ein Tropfen bringt das Fass zum überlaufen. Und der Author befasst sich mit dem Tropfen, statt zu fragen warum das Fass voll ist...