Lennart Laberenz
09.05.2013 | 01:00 2

Was heißt hier Avantgarde?

Ritual der Woche Unser Autor wollte ja eigentlich nie wieder ins Berghain gehen - und war dann doch wieder bei einem Konzert in dem legendären Club

Neulich, ein Konzert im Berghain: Man kann hier Hipstern zuschauen, Spanisch sprechen und sich mit 36 Jahren alt fühlen. Ich hatte mir geschworen, nie wieder hierherzukommen, allein der Umstand, dass es Türsteher gibt, macht solche Orte unleidlich. „Meine Freundin hat da‘n Konzert“, sagt ein guter Bekannter, der sich mit sehr eigener Musik auskennt: Juhan ist einer, dem man vertrauen kann, wenn es um Konzerte geht. Obwohl sein Prinzip Freundin ebenfalls sehr eigen ist. Also kein Türsteher, sondern Gästeliste. 

Das Konzert geht um zehn Uhr los, es kommen die Anhänger der Musik und noch nicht die Darsteller ausgedachter Coolness. Der Einlass ist unproblematisch, es ist nicht viel los. Ein Theaterintendant erzählte vor Kurzem, in München kämen zu einem Konzert von Neuer Musik etwa tausend Zuschauer, in Berlin nur zweihundertfünfzig. Der Mann vom Theater meinte Neue Musik, die mit Instrumenten gespielt wird. Der Mann vom Theater wird niemals ins Berghain gehen, und ob die Musiker auf der Bühne Instrumente in der Hand halten, ist ungewiss: Der Raum ist voller Nebel, die Sicht liegt bei einem Meter.

Christina schreit

250 Zuschauer wären etwas hochgegriffen, aber jetzt saugen tiefe Klänge durch Lautsprecher, Rhythmen ziehen sich, Sequenzen wiederholen sich – wer wird da Leute zählen. Aus Nebelschwaden ziehen Gestalten, Gestalten haben Mützen auf und manchmal sieht man ihre Gesichter. Mütze und Gesicht kommen an mir vorbei und beide gehören zu Christina – wir kennen uns noch vom Studium und seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Christina schreit, dass sie noch in Kreuzberg wohne und ganz selten hier sei. Christina kommt aus München, ihr Vater finanziert ihr eine Dissertation, den Master hat sie in Australien gemacht. „Früher war es hier besser. Aber seit das Berghain im Lonely Planet steht ...“ 

Ich nicke. Ich habe mich auch schon in solchen Gesprächen entdeckt: Die Logik ist befremdlich, es geht um Ursprung. Um die Zeit, bevor etwas bekannt war, bevor die Veranstaltung der Masse zum Schmecken vorgeworfen wurde. Der Gestus bedeutet: Ich kannte die Nummer schon, bevor du sie gekannt haben konntest. Ich war früher auf den ganz heißen Sausen, und dich habe ich da nirgends gesehen. In Zeiten, in denen Konsumentscheidungen als Kunstform kultiviert werden, ist Avantgarde eine Ausschlussvokabel. In Berlin kommt sie oft im geblümten Kleid von Erinnerungen daher. 

Ich war einmal im Berghain, das damals noch vor halb sieben Uhr in der Früh nicht zu betreten war: Man musste am Verlagsgebäude des Neuen Deutschland vorbei über einen Matschweg. Es wurde schon hell, und vor dem Verlagsgebäude ging eine alte, vom Leben nach vorn gebogene Frau, in einem Mantel aus schwarzem Kurzhaarimitat, an der Leine ein Dackel: Die Frau hinkte, unter der dicken Strumpfhose zeichnete sich um das Fußgelenk ein grauer Verband ab. Aus dem Matschweg kam in diesem Moment ein bunter Trupp: Eine etwa zwei Meter große Transe hatte sich irgendwie beide Hacken abgeschlagen und wurde von einem Heer kleiner schwuler Männer gestützt. Zum Glück war die alte Frau schon ein paar Meter weiter. Alles, was ich später im Club selbst sah, wirkte blass gegen dieses Bild.

Technischer Defekt

Ich nicke Christina zu, jetzt blitzt es heftig von der Bühne in unsere Richtung, Musiker sind nirgends zu sehen, sie müssen sich hinter den Lampen versteckt halten. Die Musik knarzt, dass es eine Freude ist, sie rumpelt, als spannten sich schwere Ketten um hölzerne Räder, die auf schwere Felsbrocken transportieren müssen. Plötzlich bricht was ab. Setzt wieder ein. Hält. Die Musik verflüchtigt sich. Das Konzert ist wohl um, kaum eine halbe Stunde alt. 

Lichter gehen an, und im Nebel erkenne ich Juhan. Wir stehen beide mit einem Bier und können sehen, wie links an der Bühne Kabel gezogen werden, eine Frauenstimme über Mikrofon entschuldigt sich, es wird wieder dunkel. Das Rumpeln, die Ketten: wohl ein technischer Defekt.

Als es wieder hell wird, sagt die hohe Frauenstimme: fucking shit. Nicht ins Mikrofon, sondern zu meinem Bekannten, denn sie ist seine Freundin und steht jetzt zwischen uns. Auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Schirmmütze mit der Aufschrift New York Times. Sie sagt recht häufig fucking shit – da sie aus Estland kommt, klingt das ganz nett. Noch mehr Menschen sagen fucking Shit, die aber ursprünglich aus England stammen.

Auf der Bühne war es düster, das Licht blitzte auf die Zuschauer, wer will mir vorhalten, wenn ich nicht verstehe, wer alles zur Band gehört. Ich gebe allen die Hand. Was mit den Kabeln, sagt einer, habe überhaupt nicht funktioniert. Dabei hatten sie sich auf das Berghain gefreut. „Der Ton ist hier sonst super“, sagt die Freundin mit der Schirmmütze. 

"Akzeptiert ihr jede Autorität?"

Nach einer Weile ist der große Raum im Berghain recht leer, nur eine spektakulär gekleidete Japanerin, die noch dazu spektakulär betrunken ist, will an einem Mann mit Bart herummachen. Ihr Kleidchen könnte von Piet Mondrian gemacht sein, aber das beeindruckt die Türsteher nicht: Die schreiten jetzt im Stil einer großangelegten Suchaktion in Kettenformation durch den Raum Wir stehen schneller auf dem kalten Berghain-Vorplatz als gedacht. „Noch was trinken, oder?“

So ein Abend mit Juhan kann einen schweren Kopf nach sich ziehen oder ins Auge gehen, aber ist jetzt wohl nicht abzuwenden. Vom Vorplatz des Berghains kann man linksherum gehen, ein Gewerbegebiet tut sich da auf, und eine Baustelle liegt stumm um den S-Bahn-Halt Warschauer Straße. Er wohne schon lange in der Stadt, sagt ein Engländer, „schon vier Jahre“. Der Bauzaun steht offen. Wir zögern ein wenig. „Scheiß Gentrifizierung“, sagt der Engländer, und: Ob wir jede Autorität einfach so akzeptieren würden?

Stumm marschieren Engländer, Esten, Groupies, Musiker, Freunde und auch ich durch den Staub.

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