Konrad Ege
25.06.2011 | 11:00 4

Windiges aus Tarnkappien

USA Der Publizist Seymour Hersh schreibt im Magazin "New Yorker" über den ­immer wieder durch Fortsetzungen angereicherten Realkrimi: Gesucht werden Irans Atomwaffen

Die „internationale Gemeinschaft“ macht Druck auf Teheran. Die „Mullahs“ und Mahmud Ahmadinedjad sollen die Finger lassen von der Atombombe. Problematisch, warnt der Washingtoner Enthüllungsjournalist Seymour Hersh. Die USA und Verbündete hätten nämlich gar keine schlüssigen Beweise.

Auch wenn jetzt Barack und nicht George W. im Weißen Haus sitzt: Thesen von Irans Griff nach der Bombe führen ein Eigenleben. Hersh verfolgt das iranische Atomprogramm und die Kontroverse um die mutmaßlichen Absichten Teherans seit Jahren. Im Rückspiegel sieht der 74-Jährige dabei offenbar all die Politiker und Publizisten, die 2003 vor dem Angriff einer Koalition der Willigen auf den Irak Massenvernichtungswaffen!!! skandierten. Saddam Hussein besaß bekanntermaßen keine – trotz der Warnung von Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin und Außenministerin bei Präsident Bush, vor der „pilzförmigen Wolke“ und der Versicherung von Verteidigungsminister Rumsfeld: „Wir wissen, wo sie sind.“ Ängste und Propaganda triumphierten über Daten. Das war der Fall Irak.

Der Realkrimi um den Iran, um nukleare Energie und Atomwaffen, der läuft noch immer. Im Magazin New Yorker (Ausgabe vom 6. Juni) präsentiert Hersh die jüngste Episode mit spannenden Details von verwegenen Spionage-Operationen. So hätten US-Agenten in einem verdächtigen Teheraner Forschungsgebäude ein paar Ziegel entfernt und Steine mit implantierten Strahlendetektoren eingebaut. Auf Bergstraßen in Regionen, unter denen unterirdische Anlagen vermutet werden, seien „getarnte“ Gewichtssensoren verstreut worden. Fahren viele Lastwagen leer den Berg hinauf und kommen vollbeladen mit Gestein und Erdaushub zurück, könne man von Tunnelarbeiten großen Stils ausgehen. Aufklärungssatelliten behielten verdächtigte Orte sowieso pausenlos im Visier. Analysten suchen auf den Bildern nach aus dem Boden ragenden Belüftungsrohren, die auf unterirdische Anlagen hindeuten.

Genau hingesehen

Hersh hat sich mit offenen und geheimen Regierungsdokumenten beschäftigt; er sprach mit Experten und Geheimdienstlern, die ihre Namen allerdings nicht im New Yorker sehen wollten, und kommt zu dem Schluss: Diesen Quellen zufolge haben die USA „keine unwiderlegbaren Beweisstücke für ein laufendes geheimes Nuklearwaffenprogramm im Iran gefunden“. Nicht unter Bush und nicht unter Obama. Besonders der frühere Vizepräsident Cheney habe ein solches Programm aufdecken wollen, sagt Hersh in einem Rundfunkinterview mit Democracy Now: 2004 seien sogar US-Eliteeinheiten im Iran aktiv gewesen, und die USA hätten Überläufern viel Geld gegeben. Fazit: „Wir haben nichts gefunden, obwohl wir fast alles versucht haben. Wir haben sehr genau hingesehen.“

Hersh schreibt über einen Report des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA), dem zufolge die iranische Regierung 2001 und 2002 an Atomwaffen interessiert gewesen sei. Allerdings: Mit Blick auf den Irak – nicht auf Israel. Teheran habe sich Sorgen gemacht um ein mögliches nukleares Rüstungsprogramm im Irak. Schließlich führten beide Staaten in den achtziger Jahren einen bluttriefenden Krieg gegeneinander.

2003 habe Teheran laut DIA das Nuklearwaffenprogramm gestoppt. Es gab wohl kein Motiv mehr. US-Einheiten hatten Saddam Hussein in einem Erdloch gefunden, und seine „Massenvernichtungswaffen“ entpuppten sich als Halluzinationen. Seymour Hershs Informanten zufolge wird dieser Stopp von 2003 auch im National Intelligence Estimate (NIE) bestätigt, dem höchst geheimen Gemeinschaftsprodukt der 16 US-Geheimdienste, der als Bibel gilt, bis eine neue NIE verfasst ist. In Democracy Now lobt Hersh die Geheimdienste. Es gebe heute mehr Objektivität als in den Bush/Cheney-Jahren. Jetzt „haben wir eine enorme Zahl an Leuten … in den Diensten, die einen Eid geschworen haben auf die Verfassung und nicht auf den zuständigen General oder Präsidenten. Was nicht heißt, dass man im Weißen Haus darüber froh wäre.“

In der Tat. Politische Rhetorik nimmt nicht immer Rücksicht auf geheimdienstliche Erkenntnisse. In Obamas Regierung rede man genauso wie früher unter George W. Bush mit Selbstverständlichkeit von der Existenz eines Atomwaffenprogramms im Iran, klagt Hersh im New Yorker. Iran beschaffe sich „eindeutig die für Atomwaffenkapazitäten nötigen Elemente“, erklärte im März Robert Einhorn, Sonderberater Hillary Clintons für Rüstungskontrolle. Und Präsident Obama hat Ende Mai in einer Ansprache Teherans „rechtswidriges Nuklearprogramm“ angeprangert. Die USA fühlten sich verpflichtet, „Iran zu hindern, Atomwaffen zu erlangen“. Im publizistischen Milieu, das den Neokonservativen zugeordnet wird, steht Iran mit der „muslimischen Bombe“ ganz oben auf der Feindliste. Israelische Minister haben übrigens die iranische Bombe für die Jahre 1998, 1999, 2000, 2004, 2005, 2010, 2011 und 2014 prognostiziert.

Palins 100 Kilo

Hershs Aufsatz stieß im Weißen Haus auf die vorhersehbare Kritik. Der Text sei „schräg“ und wiederhole doch nur alte Behauptungen, kommentierte ein – namenlos bleiben wollender – „hoher Geheimdienstbeamter“ auf politico.com. Die ganz großen publizistischen Wellen hat Hershs Artikel trotz seiner Brisanz ohnehin nicht geschlagen. Der Autor ist ein international renommierter Enthüllungsjournalist, aber nicht Teil des Celebrity-Journalismus. Es gibt gerade „konkurrierende“ Storys, die viel höher gehängt werden als Hershs Geschichte. Sarah Palins Mails aus ihren Gouverneurszeiten in Alaska, soeben freigegeben, umfassen 24.199 Seiten und wiegen ausgedruckt mehr als 100 Kilogramm. Man liest von ihren Leiden als Opfer der liberalen Medien. Auch hat vor Tagen der Kongressabgeordnete Anthony Weiner bei einer tränenreichen Pressekonferenz Internet-Sex via Twitter mit mehreren Frauen zugegeben. Das bringt den virtuellen Blätterwald zum Rauschen.

„Sy Hersh“ ist in den USA ein Synonym für investigativen Journalismus. Auf sein Konto gehen die Enthüllung des Massakers im südvietnamesischen Dorf My Lai (1968), Berichte über illegale CIA-Operationen in den USA und ein Beitrag gleichfalls im New Yorker über ein Massaker an irakischen Streitkräften im ersten Golfkrieg 1991. Hershs Die Befehlskette – vom 11. September bis Abu Ghraib gelangte weltweit auf die Bestsellerlisten.

Kritisiert wird der Autor wegen seiner zahlreichen anonymen Quellen. Doch teilt der New Yorker mit, man habe alle Zitate geprüft. Zudem hat sich Hersh bisher nicht oft vertan. Seine Informationskanäle bei der Army hat er sich über Jahrzehnte geschaffen und dabei eine eigenwillige Haltung gezeigt – die eines altmodischen Patrioten mit idealistischen Vorstellungen von Amerika. Er vertraut offenkundig eher den Männern und Frauen in Uniform als den Politikern. Und letztendlich sorgt er auch im New Yorker dafür, dass Ungewissheiten bleiben. Er zitiert DIA-Direktor, General Roland Burgess: „Wir haben keine Indizien gefunden, dass die Regierung des Iran nach 2003 beschlossen hätte, das Programm voranzutreiben. Fakt bleibt – wir wissen nicht, was wir nicht wissen.“

Kommentare (4)

Mariam 26.06.2011 | 00:46

So interessant Hershs Rechercheergebnisse immer (in 2006 hat er schon ähnliche Berichte gebracht) sind, letztlich braucht man diese nicht, um auf mangelnde Beweislage bzgl. Irans Atomprogramm zu kommen. Diese ist ja lange genug von der IAEA dokumentiert, alle offenen Fragen wurden 2007 geklärt - trotzdem werden weiterhin Sanktionen und noch mehr Sanktionen verhängt und im Sprachgebrauch der Medien heißt es in der Regel:"Iran wird von der Weltgemeinschaft verdächtigt.....", so dass der unkritische Konsument davon ausgeht, dass schon etwas dran sein müsse. Nichts als Propaganda um Iran das Völkerrecht auf eigene Atomanreicherung abzusprechen. Argumente helfen in dieser Angelegenheit nichts: tinyurl.com/63d8ewl

zelotti 27.06.2011 | 00:51

Was wäre denn, wenn Iran eine Atombombe hätte? Pakistan hat doch auch eine. Israel hat unbestätigterweise Atombomben. Russland hat Atombomben, UK, FR und USA sowieso. Warum also die Aufregung? Die einzigen, die bislang Atombomben militärisch eingesetzt haben sind die USA, und die können nicht mal ihr Anthrax unter Kontrolle halten. Alles Heuchelei.

iDog 27.06.2011 | 02:05

sorry, aber das sehe ich ein wenig anders. Selbst wenn die Faktenlage an sich eindeutig ist, muss es in so einem Fall weiter Leute wie Hersh geben, die diese Faktenlage auch publizieren und verteidigen. Leider gibt es die, wie sie selber andeuten, nicht ausreichend, sondern nur die Polemik der Kriegstreiber beherrscht durch ihr praktiziertes Medienmonopol die Deutungsfront auch in dieser Beschuldigungskampagne.

Eine Polemik kann man aber nur durch Fakten, Evidenz und Argumente bekämpfen, indem diese möglichst genauso häufig in Umlauf und die öffentliche Debatte gebracht werden wie diese gefährliche Polemik oder besser Kriegspropaganda.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob die Methode von Hersh die richtige ist. Ich traue diesem aber schon eine gewisse Erfahrung mit der konkreten Bedrohung durch die Macht des militärisch-industriellen Komplexes zu.

Man könnte sich fragen auf was für eine Niveau er sich herablässt, kommt aber schnell zu dem Schluss, dass es eben das Niveau des täglichen Wahnsinns ist, in der die Wirklichkeit von der Lüge geprägt und geschaffen wird. Man kann sicher davon ausgehen, dass Hersh sich genau überlegt hat, was noch geht oder überhaupt gehen könnte, denn er richtet sich doch wohl in erster Linie an US Politiker.

Ich finde es schon gut, dass er sich und seinen Ruf für das Thema verwendet und dass so dieses Thema auch hier überhaupt auftaucht. Der Freitag ist sicher eins der wenigen Medien, die es bringen. Die Corporate Media und auch die internationale Politik sind längst in ihre 'political correcte' Verschweige- und Zustimmungspflicht genommen worden und halten winselnd still vor dieser Scharade der Macht, diesem offensichtlichen und für alle gefährlichen Machtmissbrauch.

Man fragt sich unnützer Weise ob die alle zu dumm oder zu blind sind, denn das sind sie sicher im allgemeinen nicht. Wir sehen hier also wie unabhängig und wie frei die Presse der westlichen Welt, wie unabhängig die Politiker der meisten westlichen Nationen tatsächlich sind.

Kein einziges Medium, auch nicht der Freitag, kann sich aus plumpen existenziellen Erwägungen erlauben, die simple Wahrheit zum Thema Iran zu bringen, und das angesichts der realsten atomaren Bedrohung, der sich die Menschheit seit langem ausgesetzt sieht.

Dies Bedrohung geht von einer US amerikanischen Imperialpolitik aus, deren Atomsprengköpfe der letzten Generation, Mininukes, als für die Zivilbevölkerung ungefährlich deklariert wurden. Diese definitorische Verdrehung der Tatsachen machte es formell möglich, dass der US Senat den Einsatz solcher Sprengköpfe absegnen und freigeben konnte für den 'preamptiv nuclear strike' gegen angebliche atomare Bedrohung durch den 'internationalen Terrorismus', sprich GWOT, der auch angeblich atomar aufrüstet, und natürlich gegen die so genannten Schurkenstaaten, die angeblich Atombomben bauen oder benutzen wollen.

Da es aber keine faktische atomare Bedrohung gegen die USA oder deren westlichen Alliierten, auch nicht gegen Israel, gibt, muss diese Bedrohung herbeigeredet, erlogen und zur Not per CIA geschaffen werden, denn sonst wäre der ungeheure Cashflow in Richtung der immer weiter und bis in den nuklearen Sektor privatisierten, kriegführenden und waffenherstellenden Kontraktpartnern des Pentagon, die zugleich die heute rentabelste Industriebranche der globalen Investorinnenelite ist, bis auf weiteres unmöglich.

So werden die letzten paar schwächeren Staaten dieser Welt, welche sich noch nicht dem imperialen Anspruch des Westens unterworfen haben - Iran, Nordkorea, Cuba, Venezuela, Bolivien etc. - zu den potentiellen Opfern einer krimminellen Politik, mit der man zwei Fliegen auf einmal zu schlagen gedenkt. ( Ich lasse mal die US Drohung in Richtung China und Russland aussen vor)

Es sollte dieser simple Zusammenhang im Konzert mit den geopolitischen Ambitionen der USA bzw. NATO als exekutiver Dienstleister der elitären Agenda an sich in jeder 'Zeitung' jeden Tag debattiert werde bis dieser Albtraum des nuklearen Erstschlags von Tisch ist und die agitierende Elite soweit diskreditiert wurde, dass sie diesen verblödeten Wahnsinn fallen lässt, denn feige ist diese Elite ohne Zweifel auch und wird bei entsprechender massiver Transparenz und Kritik eher den Schwanz einziehen, als man vielleicht glaubt.

Danach kann man sicher auch anderen Wahnsinn von der DU Munition bis zur so genannten 'zivilen" Nutzung der Nukleartechnologie entsprechend thematisieren.

Wenn man das Thema vertiefen will, sollte man sich auchChussodovsky's neustes Buch ansehen: "Towards A World War III Scenario - Dangers of nuklear War"